Kursiv gesetzte Absätze können übersprungen lesen. Dabei handelt es sich um a) einen Exkurs und b) längere Zitate, die vorherige Argumentationen stützen sollen.
Das schöne Wort merkwürdig ist doppeldeutig. Einerseits kann merkwürdig verstanden werden als: des Merkens würdig. Andererseits drückt es Widerwille aus. Merkwürdig ist dann das, was komisch ist, nicht passt, schnell vergessen werden sollte.
Im 17. Jahrhundert war, was merkwürdig war, bedeutsam, des Merkens würdig. Seit dem 19. Jahrhundert setzt sich die zweite Lesart des Abweichenden, tendenziell Störenden durch.
Carlo Masalas Buch „Wenn Russland den Krieg gewinnt“ ist ein merkwürdiges Buch. Ob merkwürdig hier eher in der ersten oder zweiten Lesart zu verstehen sei, ist die Frage, die sich durch den Artikel zieht.
Carlo Masala, der Neorealist und sein Buch „Wenn Russland den Krieg gewinnt“
Masala ist womöglich Deutschlands bekanntester Politikwissenschaftler. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 ist er Gast in Talkshows, schreibt Beiträge für Zeitungen und tritt in Podcasts auf. Gefragt ist er auch, weil er Neorealist ist. Neorealisten gehen davon aus, dass der Krieg eine Art normale Kommunikationsform zwischen Staaten ist.
Eine zentrale These einiger Neorealisten ist, dass Kriege durch militärische Abschreckung verhindert werden können. Dahinter steckt folgendes Kalkül: Nur dann, wenn es für einen Staat – nennen wir ihn einfach Russland – zu kostspielig ist, einen anderen Staat – nennen wir ihn einfach Estland – anzugreifen, wird Russland davon abgehalten, Estland anzugreifen.
Genau darum geht es in Masalas „Wenn Russland den Krieg gewinnt“, das im März 2025 erschienen ist. Masala bezeichnet sein Buch als Szenario und damit als eine Projektion in die Zukunft, durchaus fiktiv, aber auf Fakten beruhend.
Worum geht es in „Wenn Russland den Krieg gewinnt“ von Carlo Masala?
Wie der Name bereits andeutet, hat Russland den Krieg gewonnen. Orbán wurde nicht abgewählt, die AfD ist stärker geworden, in Frankreich regiert der Front National. Diese Gemengelage sorgt dafür, dass die Unterstützung der Ukraine nicht mehr mehrheitsfähig ist. Niemand hat ein Problem damit, die Ukraine in die Kapitulation zu treiben.
Ein paar Monate herrscht Ruhe, dann greift Russland Estland an, um die Stadt Narwa zu besetzen. Im Weißen Haus sitzt Donald Trump, der es nicht einsieht, für sowas den Bündnisfall auszurufen, auch Frankreich und die Südeuropäischen Länder mauern, Russland kann machen, was es will. Am Ende telefonieren der russische Präsident und Xi Jinping. Die beiden kommen überein, dass die Welt nun nach ihrer Pfeife tanze.
Ein Szenario, das nicht unwahrscheinlich ist
Dass das Szenario nicht unwahrscheinlich ist, macht das Buch merkwürdig im ersten Sinne. Es ist bemerkenswert, wirkt jetzt sogar noch ein bisschen aktueller, macht greifbar, was da dräut im nächsten Osten. Doch Textwandel.org ist natürlich ein Literaturblog und setzt sich mit dem Text auch literarisch auseinander. – Bleibt er dann so bemerkenswert oder gleitet er ab ins heutige merkwürdige?
„Wenn Russland des Krieg gewinnt“ ein Thriller?
Carlo Masala ist kein Belletrist, das fällt früh auf. Eigentlich müsste das ganze mit grüner Schrift beginnen. „Narwa, Estland, am 27. März 2028“ – die Buchstaben werden nacheinander gesetzt, als tippte sie jemand. Dazu Pieptöne. Assoziation: „Jagd auf Roter Oktober“, Agentenfilmsetting, bedrohliche Stimmung.
Die erste Szene ahmt die Form eines Thrillers nach. Leider eines schlechten Thrillers. So lautet die Überschrift „Im Baltikum, einige Jahre in der Zukunft.“ Doch schon der erste Satz zeigt ja, wie unnötig die Überschrift ist, schließlich werden Ort und Datum hier eindeutig genannt.
Und so geht es weiter. Unmotivierte Spannungsmarker zerstören das Aufkommen von Spannung. Es gibt eine Szene, in der der CEO von Rheinmetall Opfer eines Anschlags wird. Der Anschlag wird auf beste Groschenroman-Weise geschildert:
„Die Sonne scheint ihm ins Gesicht, so dass er für einen kurzen Moment die Augen zukneifen muss und nicht sieht, wie sich ein längliches Objekt mit rasanter Geschwindigkeit der Maschine nähert. / Das Objekt, eine Stinger-Rakete, triftt die aufsteigende Maschine am Triebwerk, und binnen Sekunden wird die Gulfstream manövrierunfähig. Wie durch eine unsichtbare Hand wird ihr Ansteigen gebremst, und nach einem Moment, in dem es für den Betrachter so aussehen muss, als ob sie in der Luft steht, fällt sie wie ein Stein zu Boden“.
Ein kalauernder Ton schleicht sich ein
Zu allem Überfluss wird Rheinmetall auch noch als Ruhreisen schlecht verschleiert. Klar, das Buch will keine Werbung machen, aber tut es eben doch, indem es sich so einer plumpen Analogbildung bedient. In meinem Kopf kam es zu einem müden „Höhö“ – und das muss doch eigentlich nicht sein.
Hier wird ein kalauernder Ton gesetzt. Man wartet nur darauf, dass der Kanzler als Wilhelm Mai auftaucht – was er glücklicherweise nicht tut. Dennoch ist am Kanzler negatives zu vermerken – nämlich, dass er so überaus positiv gezeichnet wird.
Vielversprechender Ansatz: Die Whisky Wars
Gerettet wird der Text auch nicht durch das, was Ulrich Gutmair in der TAZ schwarzen Humor genannt hat. Ob Masala Humor hat, kann ich nicht beurteilen. Sein „Wenn Russland den Krieg gewinnt“ hat eher keinen. Tragisch ist, dass er es versucht.
Da wäre etwa die Episode mit den Whisky Wars. Eigentlich vielversprechendes Terrain. Die Whisky Wars waren ein territorialer Konflikt zwischen Dänemark und Kanada. Gestritten wurde um die Hans-Insel, die zwischen Kanada und Grönland liegt. Beiden Länder hielten es für nötig, sie für sich zu reklamieren.
Immer wieder landeten Soldaten der einen oder anderen Seite an, hissten ihre Landesflagge und ließen eine Flasche Whisky (Kanada) oder eine Flasche dänischen Schnaps da. Das ging ein paar Jahre hin und her, dann rauften sich die Länder zusammen und teilten sich die Insel.
Masala lässt nun die Russen anlanden, ihre von den Niederländern geklaute Fahne hissen und eine Flasche Vodka niederlegen. Das reicht Masala aber nicht, natürlich legen die Russen auch eine Dose Kaviar nieder. Vielleicht noch eine Matrjoschka? Eine Ikone? Ein Glas saure Gurken? – Weniger ist mehr, möchte man dem Autor zurufen, der sich nicht mit einer smarten Anspielung genügt, sondern gleich den Klischeemotor anwirft.
Vollends kaputt macht er sich die Szene aber dadurch, dass er die Anspielung erklärt: „Durch das Deponieren des Wodkas und der Kaviar-Dose knüpft man, durchaus humoristisch, an den kanadisch-dänischen Streit um diese Insel an“. Einen Witz zu erklären, ist das Todesurteil des Witzes.
Klischee tut weh
Der Text bleibt klischeelastig. Das ist vielleicht witzig gemeint, hintersinnig und smart – das ist es aber nicht, denn Klischees bleiben auch dann dumpf, wenn sie eine Googlesuche entfernt sind. Da wären etwa die russischen Namen.
Etwa „Obmantschikow“ was sich auf Obmantschik, den Betrüger bezieht. „Palatschow“ bezieht sich auf den Palatsch, den Henker – und „Rabotnik“ ist der Arbeiter, den Masala hier auch ein wenig klassistisch umreißt. Man könnte das satirisch nennen, oder eben: klischeelastig. Feiner Humor würden die sagen, die sich auf die Schulter klopfen möchten, für andere ist es eher eine grobe Spielerei.
Telling statt Showing
Eines der größten Mankos von „Wenn Russland den Krieg gewinnt“ ist, dass alle Figuren so sprechen wie deutsche Politikwissenschaftler. Die Figuren handeln auch nicht mit ihren Worten, wie es in Gesprächen üblich ist. Sie erklären sich, ihre Positionen, ihre Rollen. Alle sprechen Metatext – aber nicht den guten Metatext wie bei Brecht, sondern den, der nicht zeigen kann, was er will – und deswegen erklären muss.
Warum sollte der russische Geheimdienstchef so zu seinen Peers sprechen: „Ein weiterer Aspekt, den es zu berücksichtigten gilt, ist die Stimmung in unserer Bevölkerung. Nicht dass ich eine ernsthafte Opposition gegen eine erneute militärische Kampagne befürchte, dafür haben wir die Überwachung der Opposition in den letzten Jahren zu lückenlos ausgebaut“. – Das richtet sich offensichtlich nur an Lesende und hat in der Diegese nichts verloren. Und ja, alle sprechen so steif, erklärend und lebensfern. Sogar Donald Trump.
Literarisches Fazit von „Wenn Russland den Krieg gewinnt“
Und wenn das alles nicht ausreicht, dann versetzt sich der Text den Todesstoß durch seine schrecklichen Phrasen: „Man könnte eine Stecknadel fallen hören“, das „lichtdurchflutete Gebäude“, „ein leicht ironischer Zug umspiel ihre Mundwinkel“ – und die stammen alle nur aus einem Kapitel.
Aber: Das sind die literarischen Schwächen des Textes. Weil er sich aber nicht als Political Science-Fiction, sondern als Szenario bezeichnet, könnte man natürlich einwenden, dass der literarische Maßstab überhaupt nicht anlegbar sei. Dennoch hätte eine Berücksichtigung des literarischen Maßstabs dem Text insgesamt gut getan.
Die Inhaltsebene
Der Punkt, den „Wenn Russland den Krieg gewinnt“ machen will, ist klar. Die Nato ist erledigt, wenn sie nicht zusammensteht und Russland wird nicht aufhören, wenn man es lässt. Auf der inhaltlichen Seite ist das Buch stark. Hier wird vieles durchdacht und es macht schon irgendwie Lust, zu lesen. Was natürlich auch daran liegt, dass Carlo Masala seine Sache gut versteht.
Russlands jüngste Drohungen gegen Estland heben Masalas Text auf ein neues Aktualitätsniveau. Er zeigt: das Spiel ist schon längst eröffnet, die Tendenz geht zur multipolaren Welt. Die Frage ist, ob Europa zum Pol wird – oder zum Aufmarschgebiet.
Das eigentliche Problem des Textes: seine Medialität
Das Problem ist also gar nicht der Text als solcher, sondern die Medialität. So, wie er vorliegt, ist er zu unentschlossen und leider auch zu schlecht geschrieben. Darunter leidet die Aussage. Masala ist dabei nicht einmal jemand, der eine schlechte wissenschaftliche Prosa schriebe – im Gegenteil. Hätte er den Text in seiner wissenschaftlichen Diktion verfasst, schön Fußnoten reingekloppt und Kontext wirklich erklärt, wäre ja alles okay.
So aber wird „Wenn Russland des Krieg gewinnt“ zu einem verunglückten Thesenroman. Der Text macht sich schwächer als er auf der Inhaltsebene ist und provoziert einen als-ob-die-Russen-wirklich-so-handeln-würden-Effekt. Durch den mangelnden Realismus gerät das Warnszenario in Gefahr, zur Lachnummer zu werden, zur steifen, unbeholfenen Fantasie eines Kopfarbeiters.
Und das ist schade. Nicht nur – und sogar weniger – weil Carlo Masala ein ausgewiesener Fachmann ist, sondern auch, weil die Gefahr im Osten durchaus besteht. Masala will eindringlich warnen. Hier aber gleitet er ab ins zeitgenössisch Merkwürdige. Er hätte sich einen Ghostwriter nehmen sollen.
PS: Würde er Textwandel.org kennen, wüsste er natürlich an wen er sich hätte wenden können. Textwandel@t-online.de steht für alle Eure Schreibprojekte zur Verfügung. Einfach melden.

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