Pete Hegseth, Donald Trump & Co. – Die Überwinder der Postmoderne

Die Postmoderne wird am Golf beerdigt. Das ist zwar traurig, aber auch ziemlich gut, da die Mauern der Ironie erodieren und auf die Leere verweisen, die hinter ihnen lauert. Alleingelassen müssen wir jetzt den weniger lässigen, weniger bunten, aber dafür aufrichtigen, inhaltssatten Weg gehen. – Und das ohne die USA, die sich zunehmend als das postmoderne Regime per se erweisen.

Die vulgäre Postmoderne als kognitives Teflon

Ich bin, als 36jähriger, weißer Mann natürlich ein großer Fan der Postmoderne. Sie tätschelt mich, sagt mir ständig, dass alles doch gar nicht so schlimm sei, ich keine Verantwortung trüge, Drogen cool wären und überhaupt – es sei alles andere als Zeitverschwendung, ironisch Fußball zu gucken.

Ich gebe zu, das ist ein ziemlich oberflächliches Verständnis von Postmoderne. Dass die Postmoderne mehr ist und tiefer, dass sie mit Baudrillard, Derrida und Borges zusammenhängt, weiß ich in besseren Momenten zwar auch, in der Regel findet Postmoderne in meinem Bewusstsein aber irgendwo zwischen dem Dick und Tarantino statt. Die Postmoderne ist kognitives Teflon: nichts dringt zu mir, perlt nur ab, alles wird auf seine Fähigkeit als Witz abgeklopft. – Und diese Vulgärpostmoderne hat Fiedlers berühmte Lücke einseitig in Richtung Schund und Schande übertreten.

Auf dieser Seite der Postmoderne lässt es sich – ich deutete das an – als weißer Mann aus einem einem reichen europäischen Land ziemlich bequem leben. Vor allem ideologisch – und wenn Bier zur Hand ist. Diese Art der Postmoderne fokussiert sich auf das, was einige Humor nennen, andere als Zynismus erkennen: der Wunsch, den multiplen Krisen dieser Welt noch etwas Lustiges abzugewinnen. Das wird dann als Galgenhumor verbrämt, aber das ist natürlich Unsinn, denn der Galgen droht ja nicht mir. Wenigstens bislang.

Der Witz als das, was die Dinge auf Abstand hält

Es ist ein alter Reflex, dieser Humor, sich die Dinge – die heute auch ziemlich grausam sind – vom Hals zu halten. Nietzsche hat mal gesagt: „Nicht durch Zorn, sondern durch Lachen tödtet man.“ Doch durch Lachen tötet man eben auch in sich, zumindest dann, wenn man lacht, um zu ignorieren.

Lachen ist politisch. Im Fall der vulgären Postmoderne ist es apolitisch – und genau dadurch politisch. Hier offenbart sich ein Blick auf die Welt, der Morde anhand der Sprüche auf Gewehrkugeln bewertet. Eine 4chanisierung des Urteils tut sich auf – tiefster Zynismus, der über den Darwin-Awards vergisst, dass da Söhne, Töchter, Väter und Mütter betroffen sind.

Doch es gibt jemanden oder eher: ein System, das den Spaß an der Sache, diesen infinite jest, restlos vertreibt. Es ist nicht mehr witzig, was passiert. Es war auch immer nur aus einer verkommenen Position heraus witzig, aber selbst die funktioniert nicht mehr.

Doch welches System ist es, dass den Spaß aus der Welt schafft? Ziemlich offensichtlich: Die derzeitige US-Regierung.

Wie die US-Regierung mich zum Postironiker macht

Es ist ziemlich simpel und in wenigen Worten erklärt: Die US-Regierung macht es unmöglich, weiterhin als postmoderne Schrödinger-Katze über den Dingen zu schweben, nicht halb, nicht ganz zu sein. Sie zwingt dazu, sich zu bekennen.

Anekdotisch kann man das an einer dieser tausend Dinge festmachen, die Tag für Tag den Äther verschmutzen: Pete Hegseth, Kriegsminister mit Alkoholproblem, eine Figur, die in Stanley Kubricks Doctor Strangelove extrem gut aufgehoben wäre, stellt sich auf eine Bühne und adaptiert ein Gebet aus Pulp Fiction. Postmoderne. At it’s very best.

„You’re a smart motherfucker, Brett“

Unter normalen Umständen – und mit Normalität meine ich die toxische Vulgärpostmoderne, die Rick and Morty mit Postal 2 und Nietzsche verbindet – wäre das sogar lustig. Ein geschniegelter Affe tritt religiöse Gefühle mit armanibeschuhten Füßen, indem er ein Gebet spricht, das es so niemals gegeben hat: Ezekiel 25:17, in Pulp Fiction von Jules Winfried gesprochen, kurz bevor er Brett erschießt.

Das heißt: Ganz so ist es natürlich nicht. Das Gebet in Pulp Fiction ist ein kontaminiertes Zitat, schließlich hat Tarantino die eigentliche Bibelstelle mit einem Dialog aus Bodyguard Kiba, einem japanischen Martial Arts Film von 1973, vermischt.

Pete Hegseth zitiert nicht direkt aus Pulp Fiction

Und Hegseth hat auch nicht direkt aus Pulp Fiction zitiert. Vielmehr zitiert er die Combat Search and Rescue Einheit (CSAR), die ihrerseits Tarantinos Version adaptiert hat. CSAR ist die Einheit, die den abgeschossenen Piloten aus dem Iran geholt hat. In dem CSAR-Prayer heißt es etwa statt righteous man nun downed aviator.

Dass Soldaten aus der Popkultur zitieren, ist spätestens seit Vietnam ein Topos. Und irgendwie ist das sogar verständlich, denn wenn eine Menschengruppe zynistisch sein muss, um nicht zu zerbrechen, so sind das wohl Soldaten. Hegseth ist aber kein Soldat (mehr), sondern Minister. Sein Platz ist ein Büro, kein Kommandostand, er sollte nicht zynisch, sondern überlegt handeln. Aber ja.

Die Reaktionen auf Pete Hegseths „CSAR Prayer“

Die Reaktionen sind auf Hegseths Gebet unterschiedlich. „When our leaders mix up God and a movie, in trying to suggest that God is behind them, that suggests the muddle we’re all in,“ schrieb etwa Nicholas Kristof von der New York auf X.

Andere verweisen darauf, dass Hegseth die kontaminierte Version der kontaminierten Version mit einem Lächeln vorlesen würde: Er sei weder todernst, noch sei es sein Zitat, er zeige, was Soldaten machen, um die Moral hochzuhalten.

Deutlicher wird ein X-User, der sich ziemlich X-ädaquat benimmt: „CSAR 25:17, not Ezekiel 25:17 you stupid morons. It must be hard going through life as stupid as all of you.“

Und auch ein Sprecher des Pentagons hat reagiert: „Both the CSAR Prayer and the dialogue in Pulp Fiction were reflections of the verse Ezekiel 25:17, as Secretary Hegseth clearly said in his remarks at the prayer service. Anyone saying the Secretary misquoted Ezekiel 25:17 is peddling fake news and ignorant of reality.“

Es geht um Fake News, die keine bloßen Fake News mehr sind

Da lässt sich erstmal wenig dran machen. Hegseth hat es tatsächlich als CSAR-Zitat genannt. Aber darum geht es eigentlich gar nicht. Aber worum geht’s dann? Was ist das Problem mit dem CSAR-Prayer?

Das Gebet zeigt eine Art Zynismus, die kein Einzelfall mehr ist. Es geht nicht mehr darum, ob Hegseth so dumm ist, den Zusammenhang auszublenden, es geht auch nicht darum, ob Elon Musk Zuckungen hat oder doch zum Hitlergruß ansetzt, es geht auch überhaupt nicht darum, ob Donald Trump jetzt als Arzt oder Jesus abgebildet wird. Es ist die ambige Lesart selbst, die von der Truppe rund ums Weiße Haus befördert wird.

Es geht um Fake News, die nicht mehr einfach so als Fake News zu erkennen sind, weil sie weder fake noch echt sind. Keine bloßen Lügen mehr, keine blanke Idiotie – vielmehr beides und dabei noch ein Drittes. Es ist die reine Ambiguität, Schrödingers blöde Katze, in deren Windschatten die USA dann machen können, was sie wollen.

Flood the zone with bullshit

Der Gedanke dahinter ist, eine klare Bewertung zu verunmöglichen. Flood the zone with shit, nennt Steve Bannon das. Doch der Shit ist nicht einfach nur Shit, sondern Bullshit, wie der Philosoph Harry G. Frankfurt ihn definiert hat. Bullshit, so Frankfurt, sind Aussagen, bei denen es gar nicht darauf ankommt, ob sie wahr oder falsch, ob sie so oder so gemeint sind. Bullshit unterminiert jede Logik, jede inhaltliche Auseinandersetzung und damit auch die Möglichkeit, adäquat zu reagieren.

Es gibt nur eine Möglichkeit, auf Bullshit zu reagieren: gar nicht. Das Gespräch abbrechen, aus dem Zimmer gehen, die Nummer blockieren. Es ist keine Partnerschaft, wenn gar nicht mehr erkannt werden kann, was eigentlich gemeint ist. Lügen in einer Freundschaft, das ist schon ein Unding und ein perfekter Grund, die Sache zu beenden. Bullshitten unterwandert die Freundschaft auf eine noch fundamentalere Art.

Der Bullshitter ist nicht falsch, er ist gar nichts, indifferent, nicht im geringsten mit uns verbunden. Er ist nichts mehr für uns und das bedeutet, das wir selbst nichts mehr sind. Einfache Dialektik: Im gewesenen Freund, im Feind, können wir uns wenigstens noch selbst erfahren. Der Bullshitter nimmt uns überhaupt nicht mehr wahr. Wir sind verdinglicht, substanzlos, Mittel zum Zweck.

Was bedeutet das für die Europäische Freundschaft mit den USA?

Tja, und was heißt das auf der Makro-Ebene? Die Europäische Freundschaft mit der bullshittenden Prä-Autokratie zwischen Mexiko und Kanada ist keine Freundschaft mehr. Sie ist nichts mehr, am Ende. Es gibt nach wie vor Menschen in Europa, die sich einbilden, das wäre anders. Aber aus US-amerikanischer Sicht sind wir Verfügungsmasse, idealiter eine Kolonie, in der Regel ein nerviger Streber, der eine angebliche Meinungsfreiheit beschneidet.

Wenn ein Bullshitter nur durch Ignoranz bekämpft werden kann, dann ist das ziemlich genau, was Europa jetzt machen sollte. Es gibt keine Kooperation mit einem vulgärpostmodernen Regime, das keine Wahrheit mehr kennt, sondern nur taktische Positionen.

Das Regime spült uns mit allem möglichen Müll voll. Wir können gar nicht mehr reagieren, kommen nicht mehr hinterher. Das ist nicht einmal mehr Desinformation, das ist Postinformation, das ewige Spiel der Zeichen zum Vorteil derjenigen, die die Kanäle besitzen.

Wackelt da etwas in Washington?

Und doch scheint dieses Regime sich mit seinem Krieg am Golf ein wenig verhoben zu haben. Nicht nur dort, generell, es wirkt angreifbar. Das könnte unsere Chance sein. Machtverhältnisse erodieren gerade, Selbstverständlichkeiten stürzen ins Meer zwischen den Emiraten und Iran.

Wir können nun entweder dem alten Mindset der vulgären Postmoderne weiter folgen und hoffen, dass das alles schon nicht so schlimm wird. Wir können den Bullshit lustig finden. Wir können hoffen, dass wir irgendwann wieder Geschäfte mit den USA machen können. Von ihnen beschützt werden – was heißt, in irgendwelche Kriege reingezogen werden.

Oder wir erkennen, dass wir den Laden auch ohne sie am Laufen halten können. Und zwar konsequent. Darauf muss es ankommen. Keine Postmoderne, auch keine Postpostmoderne, denn die Postmoderne wird von Trump, Hegseth und Musk überwunden, das heißt: zu Grabe getragen. Uns bleibt die klare Erkenntnis: mit diesem Regime ist kein Deal zu machen. Es gibt keine Wahrheit im Lande Trump.

– Aber das sollte das Problem der USA sein, nicht unseres.


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