Wladimir Wladimirowitsch Putin hatte eher einfallslose Eltern, andernfalls hieße er nicht wie sein Vater. Allerdings hat der Mann ein interessantes Geschichtsbild, vielleicht sogar ein kreatives, einige sagen: ein böses. – Zum Tag des Siegs im Großen Vaterländischen Krieg kommt hier eine Ad-hoc-Rezension zu Wladmir Putins „On the Historical Unity of Russians and Ukrainians“.
Putin: „Über die historische Einheit von Russen und Ukrainern“
So ganz unbekannt ist der Essay nicht. Rund um den 24. Februar 2022 wurde Putins Behauptung, die Ukraine sei eigentlich ein Teil von Russland, bereits mehrfach öffentlich diskutiert. Der Essay wurde von Petro Poroshenko mit Hitlers Sudetenland-Rede von 1938 verglichen.
Putins Text findet sich auf der Seite des Kremls und liegt in englischer Übersetzung vor. Der Titel ist dabei programmatisch. Putin sagt: Russen und Ukrainer sind ein Volk – „a single whole“.
Dass Putins Text ein gutes halbes Jahr vor dem Einmarsch in die Ukraine veröffentlich wurde, zeigt, welche Funktion er haben soll: er ist ein Dokument des Kulturkampfs und der Versuch, Biopolitik zu betreiben.
In Moskau wird die Militärparade eingedampft – wegen der Ukraine (!!!!!1!!111)
Man muss sich das mal vor Augen halten: das große Russland spart an seiner Militärparade, weil es Angst vor kleinrussischen Angriffen hat. Denn Kleinrussland, das ist, was die Ukraine aus russischer Sicht schon immer war.
Die ethnische Zusammengehörigkeit von Russen und Ukrainern führt Putin, wie sich das für anständige Blut-und-Boden-Boys gehört, auf den gemeinsamen Raum zurück. Russland und die Ukraine hätten auf demselben historischen und spirituellen Platz stattgefunden, alles Trennende sei erst später hinzugedichtet worden.
Ein Blick in die Historie
Die politische Spaltung zwischen Ukrainern und Russen habe durch die Mongoleneroberungen eingesetzt. Aber die Völker selbst hätten sich nicht trennen lassen, Sprache und Spiritualität hätten sie weiter fest vereint. Selbst die Aufteilung der heutigen Ukraine zwischen dem russischen Reich und Polen-Litauen habe daran nichts ändern können.
Ja, im Gegenteil: Auf der russischen Seite habe soviel Wohlstand geherrscht, dass die Ukrainer aus dem polnisch-litauischen Teil in Massen übergelaufen wären. Russland, so stellt es Putin dar, war schon im 17. Jahrhundert ein gelobtes Land. So wie heute eben. Und alle Ukrainer wollten schon damals nichts anderes sein als Bürger Russland. So wie heute eben…
Die ukrainische Sprache: nur ein russischer Dialekt?
Und doch kann Putin nicht leugnen, dass wesentliche und weite Teile der Ukraine eben nicht zu Russland gehört haben. Er gibt das zu. Und er gibt sogar zu, dass diese Fragmentierung ihre Konsequenzen gehabt hätte.
Und hier wird es interessant: Putin sagt, dass das Leben unter verschiedenen Herrschern „regional language peculiarities, resulting in the emergence of dialects“ hervorgebracht hätte. Die ukrainische Sprache wird hier zu einer regionalen Besonderheit, einem Dialekt. Es gibt, so stellt es Putin dar, gar keine ukrainische Sprache, sondern nur einen ukrainischen Dialekt des Russischen.
Und überhaupt: Gibt es nicht eine großartige gemeinsame Literatur? So habe Taras Schewtchenko seine Gedichte auf Ukrainisch, seine Prosa auf Russisch verfasst. Gogol wiederum habe auf russisch geschrieben, seine Texte atmeten aber den Geist ukrainischer Folklore. Alles sei vermischt, nichts zu trennen, so das Argument. Ukraine und Russland: „a single whole“. Das heißt: Russland und die Ukraine heißen eigentlich: Russland. Keine Pointe.
„Es waren andere Zeiten“
Dass im Zarenreich das Ukrainische unterdrückt wurde, leugnet Putin nicht. Er verweist aber, wie alle guten Infokrieger, darauf, dass „ it is important to be mindful of the historical context“. Tatsächlich seien nämlich (*Trommelwirbel*) die Polen schuld, da sie die „Ukrainische Sache“ für ihre aggressive Polonisierung auszunutzen trachteten. Nicht der Zar ist der Unterdrücker, sondern die Polen. Who else?
Vor diesem Hintergrund Putin sind die Konsequenzen des Hitler-Stalin-Paktes von 1939 nur gerecht: Die Sowjetunion „regained the lands earlier seized by Poland“. Was russisch war, kam heim ins Reich.
Diese historiophile Form der Täter-Opfer-Umkehr ist uns Deutschen natürlich bestens bekannt, nicht nur aus Thüringen. Es ist die Geste von einem, der in sich nur hehre Motive empfindet und niemandem etwas Böses will. Nur Leider: „Die Verhältnisse, sie sind nicht so“ – die Welt ist schlecht und missbraucht die arme Ukraine.
Die Ukraine werde benutzt, sagt Putin
Denn nicht nur die Polen hätten die Ukrainer ausgenutzt und aufgestachelt, auch wir Deutschen müssen uns an die verlogene Nase fassen. Wir sind die „ill-wishers“ Russlands. Wir wollen natürlich immer nur das Schlechteste für Russland, it’s in our Jeans, spätestens seit Alexander Newski besteht unser Hauptaugenmerk darin, Lebensraum im Osten zu akquieren. Wir sind „those forces that have always sought to undermine our unity“.
Genau das ist es auch, so Putin, was nach Holodomor geschehen ist. Die Sowjetunion hat mit der Hungerkatastrophe ja gar nichts zu tun. Es sei allen so ergangen. Tatsächlich sei der Genozid an den Ukrainern ein faschistischer Mythos: „The common tragedy of collectivization and famine of the early 1930s was portrayed as the genocide of the Ukrainian people.“
Diese Geschichtsklitterung, die Putin dem Westen vorwirft, sei eine Koproduktion ukrainischer Nazis und des Westens. Dabei habe Russland doch alles versucht. Allein: seine Gesprächsangebote wurden stehts zurückgewiesen. Der Westen habe die Ukraine zum invertierten Grenzland umgebaut. Nicht mehr die westliche Grenzregion Russlands, sondern die östliche Grenzregion Europas. Ein Anti-Russland, kein Kleinrussland mehr.
Identitätspolitik als „Massenvernichtungswaffe“
Seit dem Maidan 2014 sei die Ukraine mit Europäischer Unterstützung zum Faschismus konvertiert. Man nehme etwa das Gesetz über die indigenen Völker von 2021, das Russen definitiv nicht als idigenes Volk der Ukraine gelten lässt.
Grundsätzlich seien Fragen der Ethnie jedem selbst überlassen, so Putin. Aber hier gelte das natürlich nicht, da es sich um eine zwangvolle Identitätspolitik handele. Und natürlich folgt das ewig gleiche Argument: Russische Bürger werden unterdrückt, ermordet und in Konzentrationslager gesperrt.
Es sei keine Übertreibung, übertreibt Putin, wenn man sagt: „that the path of forced assimilation, the formation of an ethnically pure Ukrainian state, aggressive towards Russia, is comparable in its consequences to the use of weapons of mass destruction against us.“ Holodomor war kein Genozid, das Gesetz über die indigenen Völker schon.
Wärst Du doch im Zarenreich geblieben
Natürlich ist Putin ein großer Freund von Nationalstaaten. Wenn ein Volk sich als eines empfindet, gebe es nur eine Antwort: „respect!“ Jeder sei willkommen, einen Nationalstaat zu gründen. Und überhaupt: Russia „did a lot for Ukraine to establish itself as an independent country“.
Alles habe sie von Russland bekommen, die Treulose. Aber sie wollte nicht hören. Dass die Ukraine so arm sei, liege an ihr. In Russland hätte sie alles haben können. Selbst die EU könne sich vom Russo-ukrainischen Erfolgsprojekt eine Scheibe abschneiden: „The profound cooperation we had 30 years ago is an example for the European Union to look up to.“
Ja Putin wird sogar unfreiwillig komisch, wenn er der Ukraine bescheinigt, großes Potenzial gehabt zu haben: Hätte die Ukraine ihr sowjetisches Erbe nicht verschleudert, „Ukrainian economy would be one of the leading ones and the standard of living would be among the best in Europe.“
Ein halbes Jahr später marschiert Russland ein
Die Ukraine werde vom Westen geplündert. Russland, so insiniuiert Putin, sei eine Art Schutzmacht, ein Sankt Georg, der dem bösen Drachenvieh aus dem Westen den Schlund stopft wie Jaques Tilly. Das, was unter EU-Direktion in der Ukraine passiert, sei ja gar keine unabhängige Ukraine, sondern ein Vasallenstaat. Das gelte es, zu verhindern. Und Putins beste Idee ist: aus der Ukraine einen Vasallenstaat zu machen.
Täter-Opfer-Umkehr und ein kräftiges „Selber, selber“ – das ist, was von Putins Text vor allem hängenbleibt. Er ist interessant, aber weniger wegen seinem faktischen Gehalt als vielmehr durch seine Funktion (und seinen weinerlichen Ton, den wir von der AfD kennen). Putins „On the Historical Unity of Russians and Ukrainians“ ist ein performativer Text, ein Text, der die ideologische Grundlage für den Einmarsch in die Ukraine bildet.
Putin behauptet, „Russia is open to dialogue with Ukraine“. Aber dazu müsse die Ukraine erst mal im Stand sein, seine eigenen nationalen Interessen zu verteidgen. Im Moment diene sie nur als Werkzeug finsterer Westmächte.
„We respect the Ukrainian language and traditions. We respect Ukrainians‘ desire to see their country free, safe and prosperous. I am confident that true sovereignty of Ukraine is possible only in partnership with Russia.“
Die Ukraine ist Russland, Russland ist die Ukraine. In den Farben getrennt, in der Sache vereint – das ist die Logik, die Putin hier verfolgt. Und natürlich ist das grenzenlos verlogen.
Und was folgt?
Und nun? Das große Russland schrumpft seine Militärparade – und das, obwohl sie nur gute Absichten haben. So tragisch. Interessant an Putins Text ist, dass er zeigt, wie sehr sein Plan jetzt schon nach hinten losgeht.
Niemand hat mehr für die Trennung von Ukrainern und Russen getan als Wladimir Wladimirowitsch. Nach diesem Krieg ist es womöglich endgültig aus und vorbei mit brüderlichen Gefühlen. Und daran haben die „Neo-Nazis“ in der Rada einen kleineren Anteil als Putin.
In diesem Sinne wünsche ich aus vollstem Herzen: Alle Gute zum Tag des Sieges. Wie es aussieht, war es der letzte große Sieg, den Russland hat einfahren können.

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