Maximal Unangenehm: Christian Kracht „1979″

RECHTS, ELITÄR, TOTALITÄR UND HEMMUNGSLOS IRONISCH? Ich glaube, Christian Kracht ist besser als sein Ruf. Das bedeutet nicht unbedingt, dass er nicht rechts, elitär, totalitär und hemmungslos ironisch wäre. Sondern nur, dass Kracht einer der besten Schriftsteller der Gegenwart ist.

Und was macht so ein „bester Schriftsteller der Gegenwart“? Er lotet aus, was unsere Zeit ausmacht, was sie zu der gemacht hat, die sie ist und schließlich, worauf sie hinausläuft. Was sie also aus dem machen wird, was wir so die Realität nennen. „1979“ ist genau so ein Text, der alles das in sich aufnimmt.

„1979“ von Christian Kracht: Labyrinthische Literatur

Aber wird es auch zuviel. Es ist eine labyrinthische Literatur. Der Halt kann verloren gehen. Wo soll man beginnen? Es läge nahe, am Anfang anzufangen. Doch beginnt der Text erst da? Ich glaube, es gibt hier ein Text-Vorfeld, einen Diskurs, an den angedockt wird. Der Text hat längst begonnen, als er beginnt.

Also lieber einen Schritt zurück. Und was sehen wir da? Vorangestellt ist dem Text ein Zitat, das mit Jean Baudrillard unterschrieben ist.

History reproducing itself becomes farce – Farce reproducing itself becomes history

Ein Marx-Remix also. Aber ob das Zitat so von Baudrillard stammt? Christian Kracht himself ließ eine dahingehende Anfrage bis Redaktionsschluss leider unbeantwortet. Aber: ich habe tatsächlich etwas gefunden bei Baudrillard. Nur: die Version, die ich auftreiben konnte, ist leider nicht so chiastisch und vor allem erst 2010 publiziert. Das kann also nicht wirklich die Vorlage sein.

Lockt Christian Kracht seine Leser*innen bewusst auf falsche Fährten? Zitiert er einfach bloß schlampig? Oder verbessert er die Zitate stillschweigend? Es sind Fragen, mit denen der Roman beginnt.

Oder anders: Der Roman hat noch nicht mal angefangen und schon geht es los mit dem wahnsinnigen Spiel aus Zeichen und Verweisen, das für einen echten Postmodernen wie Christian Kracht charakteristisch ist. Und das geht eben schon beim vermeintlichen Baudrillard-Zitat los. Das, was ich gefunden habe und was dem Wortlaut in 1979 am nächsten kommt, handelt von den verstreuten Realitäten der Welt.

Doch es gibt eine Möglichkeit, denn ein anderes Zitat ist dem Wortlaut nach zwar unmöglich, passt dafür aber vom Kontext her ganz gut. Hier ist es:

Beginnen wir mit Marxens berühmtem Zitat über Geschichte, die zunächst als authentisches Ereignis auftritt, dann sich aber als Farce wiederholt. So können wir Modernität als ursprüngliches Abenteuer des Europäischen Westens sehen, das sich als überwältigende Farce auf planetarer Ebene wiederholt hat. An all diesen Orten, in die die religiösen, technischen, ökonomischen und politischen Werte des Westens exportiert wurden.

So beginnt Karneval und Kannibalismus und entfaltet die Geschichte eines Kulturtransfers, bei dem das Exportierte als eine Art Karikatur zurückkommt. Interessant ist die Reaktion des Westens, die Baudrillard voraussieht. Die erscheint mit als exzellente Interpretationsmöglichkeit des Verhaltens des Erzählers in „1979“.

Baudrillard prognostiziert, der Westen trete als Kolonialmacht im Modus der moralischen Selbstverstümmelung auf. Er bringe „ein bewusstes Opfer all dessen, was einen Menschen oder eine Kultur aus Sicht des Westens wertvoll macht. Das Opfer der grundsätzlichen Würde, der Scham, der Ehre.“ Der Westen, mit dem Anderen konfrontiert, suspendiert seine gute Kinderstube – und geht daran kaputt.

Bezieht sich „1979“ darauf? Es könnte naheliegen, die Ost-West-Thematik ist schließlich zentrales Thema der Erzählung. – Das Problem: Kracht kann sich gar nicht auf diese Passage von Baudrillard beziehen, weil sie jünger ist als „1979“. – „Karneval und Kannibalismus“ erschien 2008, „1979“ bereits 2001. – Übrigens lediglich 13 Tage nach dem 11. September, was noch wichtig sein wird.

1979“ von Christian Kracht: Aktualität eines historischen Romans

So beginnt der Text, bevor er beginnt, und das mit einer falschen Spur. Das Spannende daran ist aber, dass das Fake-Zitat eine ziemlich treffende Zusammenfassung dessen ist, was Baudrillard Jahre später sagen wird: Geschichte wiederholt sich, aber als Farce, aber als Kannibalisches, aber Karnevalistisches.

Und es sind sogar diese beiden Pole: Karneval und Kannibalismus, die das Buch strukturieren. Der erste Teil kann unter dem Zeichen des Karnevals gelesen werden, der zweite unter dem des Kannibalismus. Der erste Teil zerfräst eine alte Weltordnung, subsummiert im Fest. Der zweite ist die Geschichte einer Autophagie. Aber das geht nicht ohne Spoiler: Also mal einen Schritt zurück und schön langsam. Die Frage ist erstmal: worum geht es in dem Text überhaupt?

Der Text ist auf gleich mehrere Arten aktuell, obwohl er bald ein Vierteljahrhundert alt ist und nochmal ein Vierteljahrhundert früher spielt. Der Erzähler befindet sich im revolutionären Teheran – 1979 eben. Die Stimmung in der Stadt oszilliert zwischen Anspannung, ständig kurz vor dem Ausbruch stehender Gewalt und reinster Dekandenz.

Kein Porno, kein Splatter – dafür massives „Gelynche“

Über den Bergen von Teheran ist der Erzähler auf einer Party in einer riesigen Villa. Dass es hier zu orgiastischen Auschweifungen kommt, gehört natürlich dazu. Natürlich Aber der Roman ist weder Porno noch „Splatter“, wie Gerrit Bartels auf dem Klappentext zitiert wird. Das ganze wirkt so, als wären wir mitten in einen David-Lynch-Film gefallen. Uncanny ist es, bedrohlich, auch so ziemlich weird. Vor allem aber erscheint alles als Zeichen, als Verweis auf etwas, als Interpretationsangebot.

Was Adorno mal über Kafka geschrieben hat, es passt auch hier: „Jeder Satz spricht, deute mich – und keiner will es dulden.“ Natürlich sind die verrottenen Beine des Partners Hinweise auf die verrotteten Fundamente des Westens. – Oder? Natürlich ist der ganze Text eine Chiffre für den Aufstieg Asiens, den Clash of Cultures. – Oder? Natürlich ist der Text absolut rechts. – Oder?

An der Südflanke des Berges war klar und deutlich ein gigantisches, von der Natur aus Eis und Fels geschaffenes Hakenkreuz zu sehen. Es war mindestens einen Kilometer hoch und ebenso breit. Ich wendete die Augen ab, ich konnte die große Swastika nicht ansehen.

Es gibt einiges, was in der gezeigten Welt nicht stimmt. Das Problem ist, dass die Verweise alle ambig bleiben. Sie sind in einer Poesie des Traumhaften aufgehoben. Kafka, Lynch – das ist das Bezugsfeld. Und doch: politisches Unbehagen kommt auch auf. Der Text hat etwas von einem guilty pleasure. Irgendwie wird ein Bild gezeichnet, in der ein verunsichertes Europa ängstlich auf das schaut, das aus „dem Osten“ kommt – das war in Faserland übrigens schon angelegt: „Die ungewaschenen Massen.“ Ja, es ist kein Licht, was dort aufscheint. Und wenn ein Licht, dann höchstens der Blitz, dem der Erzähler entgegenzieht:

Eines frühen Morgens waren wir also zu Fuß unterwegs, als vor uns ein Blitz am Horizont die Ebene taghell erleuchtete. Es war kein Gewitterblitz, sondern ein vielleicht vier Sekunden lang anhaltendes, gleißend weißes Strahlen, das uns erschien, als schaue man nachts in die Sonne. Der Blitz jagte über die Ebene auf uns zu, ich drehte mich weg, um meine Augen zu schützen, und ich sah hinter unsm daß die Gefangenen, die aufpassenden Soldaten und ich lange pechschwarze Schatten waren, mehrere hundert Meter lang, und ich mußte plötzlich an Mavrocordato denken.

Ein langes Zitat, aber eines, das die dunkle Schönheit dieses Prosagedichts eindrucksvoll beweist. Mavrocordato oszilliert zwischen Mephisto, Tyler Durden und Mystery Man. Und verweist – vielleicht – auf das Adelsgeschlecht Mavrocordatos, deren Anhänger sowas wie die personifizierten Bindeglieder zwischen Ost und West darstellen können: türkische Griechen oder griechische Türken, europäische Asiaten, asiatische Europäer. „1979“ unterwandert Dichotomien.

1979“ – WTF Christian Kracht?

„1979“ ist dem Untertitel nach ein Roman, klar, vor allem aber ist es ein Mythos. Das Jahr 1979 wird als historischer Kipppunkt ausgemacht. Von hier an wird der Westen oder was man für ihn hält, zu einer anderen Erfahrung. Das Verhältnis verschiebt sich: die Technik, Wirtschaft und Kultur weltweit sind nun auf einem Stand. Oder anders: Sie sind im Stande, auf einem Stand zu sein. Das sieht Baudrillard so, das legt „1979“ nahe.

Was der Protagonist, selbst Repräsentant des Westens (Innenarchitekt, homosexuell, transzendental obdachlos) durchwandert, ist die Krise in ihrer Peripetie, der Umschlag in der Dialektik der Aufklärung. Das immanent moderne und religiöse Regime der Mullah im Kampf mit dem dekadent-modernen Schah-Regime. Und jenseits der Grenze: der moderne chinesische Kommunismus.

Es ist eine Bewegung aus dem Zentrum der Welt – dort, wo Sprache und Ackerbau herkommen – immer weiter und tiefer in den Osten: Der Sonne gegenläufig. Der Zukunft entgegen. Und was hier fällt, ist die Aufteilung der Erde in den drei-Welten-Schematismus – der heute ja auch nur noch in herabsetzender Absicht reproduziert wird und in der Realität längst keine Halt mehr findet. „1979“ hat vor einem Vierteljahrhundert prognostiziert, was jetzt passiert.

1979“ und der 11. September 2001

Aber warum ist es eigentlich so besonders, dass der Text 13 Tage nach dem 11. September 2001 erschienen ist? Nun, der 11. September ist der Tag, an dem das Ende der Geschichte selbst – zu Ende gegangen ist. Der Westen hat eben nicht über den Ostblock gewonnen – und die Twin-Towers haben das der ganzen Welt in die Netzhaut getrieben.

Wir leben in keiner binär-polarisierten Welt mehr, versuchen dieses Gefühl aber zu perpetuieren. Es ist ja einfach: wir hier, die da. Im Moment erscheint uns der Populismus da noch hilfreich, aber der Grund des Populismus ist schon 1979 in Teherean gescheitert, wie der Roman eindringlich zeigt. Und die Pointe: Wenn J. D. Vance die USA endgültig in eine katholische Monarchie verwandelt hat, ist der Iran womöglich zur parlamentarischen Demokratie geworden. Wer weiß.

Der Punkt ist aber ein anderer. Der 11. September war nicht nur der symbolische Tod der 90er Jahre und ihrer debilen Glückseligkeit, in die wir uns heute so grunzödipal zurücksehnen. Das, was der Roman fiktiv behandelt, wurde im 11. September, als wäre er bloß eine Marketing-Veranstaltung zum Buch, in aller Drastik, faktual, vorgeführt. Übrigens nicht mal unbedingt meinte These.

Denn: Das ist Baudrillard’sche Manier. Das heißt: Nach Baudrillard ist der 11. September mehr als ein Terroranschlag, der 11. September ist das Ende einer Welt. Und ich glaube, dass dieser Gedanke bei den meisten – und da rede ich eigentlich radikal von mir – jetzt erst so richtig ankommt.

Maximal unangenehm. Und sonst?

1979“ ist ein Roman, der ganz oben auf meiner Liste steht. Auf welcher Liste genau? Eigentlich egal, eigentlich auf jeder. „1979“ ist verwirrend, verstörend, komplex – vor allem aber drüber, einfach drüber, so richtig drüber. In jeder Hinsicht. Und „1979“ ist dunkel. Maximal unangenehm. Und dabei wunderschön.

2 Kommentare zu „Maximal Unangenehm: Christian Kracht „1979″

  1. Man höre Stranglers ,,Shah-Shah-a-go-go“ dazu. Auch’79. – Damals entstand das erste islamische Regime im Iran. Und ein dekadenter Westeuropäer schaut zu und ahnt auch nicht, dass hier die Wiege eines Problems liegt, das letztlich die alte europäische Gewissheit, immer zu gewinnen, ins Wanken bringen wird.
    Der Westen war 79 nicht vorbereitet. Er war es 89 nicht. Er war es 2014 nicht. Die einen zündeln mit und machen Reibach – und die andern lassen brav geschehen, weil sie die Zusammenhänge nicht raffen.

    Während das Jahrzehnt in den letzten Zügen lag, wurde in Westdeutschland endlich der kakophone weltabgewandte Krautrock zu Grabe getragen: Die NDW stand in den Startlöchern. Ihre bösen apokalyptischen Texte prägten auch Kracht und Stuckrad-Barre. Neue böse Klarheit. Finger in diverse Wunden! – – – Die NDW verendete als alberne Partymugge. Kracht schrieb seinen Erstling „Faserland“, die Reise durch ein ideenloses Land, als ebensolcher Reisender. Im heutigen Möchtegern-Bullerbü ist das natürlich böse und „rechts“. Kracht ist wirklich immer lohnend. Bei Stuckrad-Barre ist das so eine Sache. Mal mehr, mal weniger.

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