Günter Grass und Maxim Biller erscheinen wie zwei Pole eines Diskurses. Auf der einen Seite der Dichter, „gealtert und mit letzter Tinte“, was so ungemein schlüpfrig klingt, dass Herta Müller mit ihrem Vorwurf, es stecke „kein einziger literarischer Satz“ in dem Text, doch auch nur so halb recht haben kann.
Auf der anderen Seite der Autor von „Esra“, einer, der gerne mal provoziert und sich dann, im Gegensatz zum Danziger Bildhauer, nicht beleidigt zurückzieht. Zwei Seiten einer Medaille, die auf den Namen… Ja, auf welchen eigentlich, hört?
Irgendetwas hat es jedenfalls mit Presse- oder Meinungsfreiheit zu tun und mit zwei etablierten Medien, die sich einen Shitstorm eingefangen haben. Nur, dass über zehn Jahre dazwischen liegen.
Je öfter man es liest, desto trauriger wird es
Aber zugegeben: Ja, Herta Müller hat schon einen Punkt. Hören wir mal rein:
Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
weil ich der Heuchelei des Westens
überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
den Verursacher der erkennbaren Gefahr
zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
gleichfalls darauf bestehen,
daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle
des israelischen atomaren Potentials
und der iranischen Atomanlagen
durch eine internationale Instanz
von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.
Und jetzt mal so, wie unsere Lieblings-Friedenauerin es vorschlägt, gesetzt: „Und zugegeben: ich schweige nicht mehr, weil ich der Heuchelei des Westens überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen, es mögen sich viele vom Schweigen befreien, den Verursacher der erkennbaren Gefahr zum Verzicht auf Gewalt auffordern und gleichfalls darauf bestehen, daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle des israelischen atomaren Potentials und der iranischen Atomanlagen durch eine internationale Instanz von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.“
Ich bekenne, imitierend den getragenen Wortlaut des Satzes, dass ich ein Freund nicht, ein Feind kaum, des grässlichen grassischen Dichtens bin. Es gibt da so durchaus die eine oder andere glückliche Fügung in der Poesie Grass‘, aber irgendwie versperrt es sich. Wenigstens mir.
Wobei:
MEINE ALTE OLIVETTI
ist Zeuge, wie fleißig ich lüge
und von Fassung zu Fassung
der Wahrheit
um einen Tippfehler näher bin.
Das hat Charme, irgendwie, und klingt auch nicht so gräßlich subliterarisch. Aber ich bin vom Thema abgekommen. Maxim Biller hat also wieder einmal zugeschlagen und er hat getroffen. Die Frage ist nur, wen eigentlich?
Dass Biller bei Deutschen die Wut darüber erkennt, dass das Opfer von einst sich nicht so benimmt, wie erwartet, das macht schon was. Und irgendwie finde ich das einen starken Gedanken. Ja, wir Deutschen haben anscheinend ein ziemlich schiefes Bild vom Land, das unbedingt sein darf. Das kann schon sein.
Aber dass in Deutschland jetzt der Israelhass so richtig schön salonfähig wäre? Na, ich weiß nicht. Der Bundescancler behauptet ja immer noch, Israel tue im Iran „unsere Drecksarbeit“. So etabliert kann Israelhass gar nicht sein, wenn der Angriff einer Atommacht auf ein anderes Land, das ebenfalls Atommacht werden will, unsere Drecksarbeit sein soll. Vielleicht ist es seine Drecksarbeit, meine ist es, soweit ich Naivling das sehe, nicht.
Und auch sonst: Maxim Biller könnte sich angegriffen fühlen. Und falls er das ist, dann reagiert er so, wie ein Maxim Biller wenigstens in meiner Vorstellung reagiert: mit einem Gegenangriff. Aber dabei schießt er über’s Ziel hinaus, habe ich den Eindruck. Ob das nun eine netanyahusche Reaktion ist, weiß ich nicht. Und wenn ich’s wüsste, dann würde ich’s auf keinen Fall öffentlich wissen, ich bin ja nicht wahnsinnig. Das heißt:
Jetzt, wo bereits mehrere „Sprengköpfe dorthin“ gelenkt worden sind, „wo die Existenz einer einzigen Atombombe unbewiesen ist, doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will, sage ich“ – lieber nichts. Ich habe schließlich noch ein bißchen Tinte über die Jahre zu schleppen.
Hinweis: Dieser Beitrag enthält Zitate aus dem Werk „Was gesagt werden muss“ von Günter Grass (2012) und setzt sich kritisch mit öffentlichen Äußerungen und Positionen literarischer Persönlichkeiten auseinander. Die verwendeten Zitate dienen der Auseinandersetzung im Sinne des § 51 UrhG. Bei Beschwerden jeglicher Art, nutzen Sie gerne die Kommentarfunktion. Ein Mitarbeiter wird sich dann schnellstmöglich mit Ihnen in Verbindung setzen.

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