Warum sollten wie Jeff Bezos als Literaturfreunde für seinen Hochzeitszirkus dankbar sein? Und: sollten wir das wirklich?
Ich sage mal so: Wir könnten ihm als Wolfgang-Hildesheimer-Fans dafür dankbar sein, dass er „Das Ende einer Welt“ zurück in die Aktualität geholt hat. Wir könnten aber auch merken, wie sympathisch Thomas Mann auf einmal wirken kann, wenn die Realität so aussieht, wie sie aussieht.
Aber abgesehen davon. Der Dandy, die Dekandenz, die klassische Moderne ist wieder da. Seit ein paar Jahren schon ist die Welt wieder fast so herrlich wie damals, in den ach so schönen Blattgold-Zwanzigern.
Doch was da untergeht in der Lagune, ist dann doch mehr als nur die kleine, letztlich eh nur noch touristisch bedeutsame Stadt Venedig. Was da vor aller Augen untergeht ist ein Europa, das sich auf dem Weg befindet, in tutto primär touristisch relevant zu werden. – Das kann man jetzt so oder so finden. Immerhin: Gastgeber sein ist ja auch mal nett. Und so tugendhaft.
Jeff, mein Name ist Jeff
Zum anderen aber, zeigt Bezos immerhin, dass selbst ein Vermögen, das von hier bis Ohio reicht, nicht ausreicht, tief eingewurzelte Geschmacklosigkeit zu heilen. Und da ist es doch eigentlich eine Win-Win-Situation, wenn der Mensch gewordene Kitsch sich auf den Weg zum Stadt gewordenen Kitsch macht, um dann dort ein Kitsch gewordenes Fest zu feiern.
Und wir haben sogar noch ein bißchen was zu besprechen. Eigentlich reicht eine gerade Linie von Diana und Dodi Lafayette zu Jeff Bezos und Lauren Sánchez. Und wir können uns herrlich darüber echauffieren, wie kulturlos diese unglaublichen reichen Amerikaner doch sind, deren Dienstleistungen uns den Buchmarkt kaputtmachen oder revolutionieren oder was auch immer. Das gemeinsame Gejammer, es gibt vielleicht sowas wie Zusammenhalt. Endlich. Frei nach dem Motto: „Sie haben das Geld, wir das Niveau.“ Sowas ähnliches hat Thomas Mann vor dem Ersten Weltkrieg abgelassen. Wir sind also in guter Gesellschaft. Immer. Vor allem im Untergang.
Wie dankbar sollten wir Jeff und Lauren eigentlich wirklich sein?
Naja. Und die zweite Frage? Sollten wir Bezos wirklich dankbar sein? – Natürlich nicht und eigentlich sollten wir uns ganz schön darüber aufregen, dass die alte Handelsstadt Venedig sich so wenig selbst finanzieren kann, dass sie sich so sehr selbst verkaufen muss. Aber mein Gott, sich immer noch aufregen ist ganz schon 2015, findet ihr nicht? Vielleicht also einfach ran an den Strand, Cinzano oder was man da auch immer trinken mag, und dem letzten großen Konzert lauschen, während das Wasser streng Richtung Hals wandert. Jeff Bezos, Peter Thiel und Elon Musk werden bestimmt einen Platz für uns bereithalten auf ihren schwimmenden Inseln. Oder?

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