„Die Dunkelflaute“ – ein katastrophaler Begriff und was er (vielleicht) über seine Widersacher aussagt.

Dunkelflaute, die (Energiewirtschaft). Dunkelflaute herrscht, wenn die Sonne schweigt und die Winde sich verstecken. Das heißt: Bei Dunkelflaute ist mit erneuerbaren Energien abseits großer Flüsse nicht mehr allzu viel anzufangen.

Das Gegenteil der Dunkelflaute ist die Hellbrise – und was für jene gilt, gilt auch für diese. Doch was gilt überhaupt?

Es gilt, die Behauptung zu führen, dass die Dunkelflaute mehr ist als ein Zustand ohne Wind und Sonne. Die Dunkelflaute ist nämlich ein Verstoß gegen meine (kann sein: idiosynkratische) Semantoästhetik.

Was ist: Semantoästhetik?

Semantoästhetik bezeichnet die innewohnende Schönheit von Wortbedeutungen. Ein Wort bedeutet nicht nur, es kann auf schöne oder hässliche Art und Weise bedeuten.

So ist das Adjektiv verfrickelt auf der semantischen Seite zwar recht stark aufgestellt, es ist aber gleichzeitig so unsäglich hässlich auf der lautlichen Ebene, dass es einen klaren Verstoß gegen meine Semantoästhetik darstellt. Ein Wort kann also semantisch stark sein, gleichzeitig aber ein lautliches Verbrechen darstellen.

Da ein Wort aber niemals nur aus Laut+Bedeutung besteht, kommt noch ein logisches Element hinzu. Ein Wort kann logisch-grammatische Hässlichkeiten haben. Ein Beispiel für einen solchen Fall ist das Wort Dunkelflaute.

Die Dunkelflaute. Oder: Ein Kompositum weiß nicht, was es will

1. Die Schönheit der Determiniertheit

Sprachwissenschaftlich gelesen, ist die Dunkelflaute ein Kopulativkompositum. Das heißt: Dunkelflaute ist eine Zusammensetzung (ein Kompositum) aus zwei Bestandteilen, die einen gleichrangigen Anteil an der Bedeutung des Begriffs haben.

Hier sind es die Bestandteile Dunkel und Flaute.

Im Unterschied zum Kopulativkompositum: das von mir gnadenlos bevorzugte Determinativkompositum. Hier trägt ein Wort die Bedeutung des Begriff, das andere modelliert sie nur.

Schlagwort ist ein Determinativkompositum. Wie man’s auch dreht und wendet, das Schlagwort bleibt unter allen Umständen ein Wort, wird durch die Kompostion aber zu einem schlagenden.

Beim Determinativkompositum ist eines nicht ohne das andere zu haben. Es gibt das Determinans (Schlag) und das Determinatum (Wort) – also a) das Festlegende und b) das Festgelegte. Schlag legt Wort auf eine Bedeutung fest. Ich finde das schön.

2. Die Kopulation als uneingelöstes Versprechen

Beim Kopulativkompositum verhält sich das anders. Hier ist eines nicht ohne das andere zu haben. Ein Beispiel ist süßsauer, auch die Strumpfhose gehört dazu. Das hat seine Berechtigung (und es kann, wie süßsauer, sogar eine Bereicherung sein), doch irgendwie fehlt mir häufig was. Erklärt das meine tiefe Abneigung gegen das Wort Dunkelflaute?

Möglich, dass diese Abneigung schlichtweg auf (m)einen autoritären Charakter hinweist. Dafür spricht das schlechte Gewissen, das ich angesichts dieser meiner Hierarchisierung von Sprachphänomenen habe. – Vielleicht stimmt es ja und ich finde Determinativkomposita nur deswegen besser, weil sie eine klare Rangfolge implizieren?

Aber immerhin kann ich meine Abscheu rationalisieren. Das Wort Dunkelflaute verletzt mein Gespür für Semantoästhetik entschieden. Schließlich ist eine Flaute wenn kein Wind weht. Licht aber darf dann scheinen wie es will. Die Abwesenheit von Licht ist hingegen Dunkel-Heit, wobei insbesondere der (Nominalisierungpartikel) -Heit hier allerhöchste Bedeutung zukommt.

Warum ist die -Heit so wichtig?

Die -Heit zeigt vor allem, was an der Dunkelflaute so ungemein falsch ist. Dunkel als Adjektiv legt nahe, ja schreit sogar danach, dass es sich um das Determinans handelt, so wie in Gegenlicht. Das bleibt immer ein Licht, auch wenn es gegenscheint. Was das zeigt? – Die Dunkelflaute zitiert die inhärente Poetik der deutschen Sprache – und verletzt sie zutiefst.

Der Vorgang: Ein Adjektiv macht auf Nomen, zerschellt aber an der eigenen Hybris. Übrig bleibt eine Flaute, die nach Windkraft klingt, aber die Sonnenenergie kapert.

Ja, das mag schon idiosynkratisch sein. Vor allem aber ist es Sprachliebe (ein Determinativkompositum: Liebe, die sich auf Sprache richtet).

Vorschläge zur Güte: Was machen wir aus der Dunkelflaute?

Könnte man die Dunkelflaute statt dessen Nachtflaute nennen? – Das wäre zumindest kongruent: Zwei Nomen bilden ein Kompositum. Auf der anderen Seite: Auch die Nachtflaute wäre natürlich ein Verstoß gegen die Semantik, denn die Sonne kann auch tagsüber verdeckt sein.

Und was würde die Nachtbrise aus der Hellbrise machen? Die Tagbrise? Auch das wäre ziemlich schief.

Unlichtflaute wäre ein Kandidat, aber der Begriff Unlicht ist leider allzu sehr von einer Band besetzt, die in dem Begriff nun wirklich nichts verloren hat (und IMAO eigentlich überhaupt nirgendwo irgendwas).

Mein Vorschlag: Machen wir die Dunkelflaute zur Schattenflaute und die Hellbrise zur Lichtbrise. Hier wäre die Semantik stimmig, vor allem aber würden die Wortarten keine Rangfolge implizieren, die so gar nicht gegeben ist.

Schatten ist, wo die Sonne nicht hinfällt, obwohl sie scheint: genau das passiert bei Dunkelflaute, die Sonne ist verdeckt, auf die Solarplatten fällt Schatten, Windräder bleiben so stumm, als würde der Ritter von der traurigen Gestalt sie anreiten.

Bei Lichtbrise hingegen fällt Licht auf Rezeptoren, Wind briest in Flügel. Ich finde, man könnte das so machen.

Was ist der Gebrauch des Wortes Dunkelflaute?

Ich gebe zu, dass ich hier ziemlich oberlehrerhaft an die Sache herangehe. Es kann schon sein, dass sich hier mein autoritärer Charakter in seiner ganzen Kleingeistigkeit zeigt. Denn eigentlich ließe sich doch sagen, dass hier eine allzu grammatische Denkart ein Unrecht wittert, wo letztlich nur Präzision herrscht.

„Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache“, schreibt Ludwig Wittgenstein in seinen Philosophischen Untersuchungen. Diese Denkart fragt nicht nach dem Woher?, sondern nach dem Wozu? und vor allem dem Wann?

Gehen wir dem nach. Wozu und wann wird das Wort Dunkelflaute schließlich gebraucht? Es bezeichnet einen Zustand von Dunkelheit, in dem kein Wind weht bzw. einen Zustand von Windstille, in dem kein Licht scheint. Logisch betrachtet sind die beiden Sätze austauschbar. Kein Wind, Licht verdeckt – darum geht es bei der Dunkelflaute.

Man könnte sagen, die Dunkelflaute ist der Inbegriff eines Kopulativkompositums, weil sie nur dann und genau dann aus- und zugesprochen wird, wenn beides herrscht: Lichtschweigen und Windlähmung.

Kopulativ – das meint hier natürlich nichts Unanständiges, sondern lediglich die Bei- statt Unterordnung zweier Elemente. Und ganz nebenbei beweist das auch, dass einvernehmlicher Sex niemals etwas Unanständiges ist. Aber das ist vielleicht ein anderes Thema.

Bin ich (bloß) ein Sprachnazi?

Worum es aber geht: Rein semantisch-funktional betrachtet, geht die Dunkelflaute ja durchaus an, doch es bleibt ihr ein massiver Schönheitsfehler: Sie sieht eben nicht aus wie ein Kopulativ-, sondern wir ein Determinativkompositum – und genau das macht sie unmöglich. Gerade in einer sprachlichen Umwelt, die Xeno- und Germanozismen durch einen riesigen Bindestrich zu trennen verlangt, ist die sprachliche Gleichsetzung von Unterschiedlichstem geradezu grotesk.

Aber vielleicht bin ich auch einfach nur, was man so einen Sprachnazi nennt. Und der bleibt, bei aller Liebe, als das Determinativkompositum, das er ist, in jeder möglichen Welt: nur ein Nazi.

Ich befürchte, meiner Abneigung gegen das Wort Dunkelflaute könnte etwas Böses zugrunde liegen: Eine Furcht vor der und eine Abneigung gegen die: Legierung. Kupfer oder Eisen, Gold oder Eisen – eine Vorliebe fürs Entweder-oder bei gleichzeitiger Absage ans Sowohl-als-auch. Hier zeigte sich dann eine tiefe Provinzialität, eine deutsche Bosheit, die schel auf das Synthetische blickt.

Deutsch als Analyse statt Synthese

– Aber Halt! Sind nicht gerade die Komposita der schönste Schatz der deutschen Sprache? Wörter wie: Donnerwetter, Morgentau und Liebeskummer?

(Wie viele der auf Textwandel.org aufgeworfenen Fragen ist auch diese natürlich rhetorisch.)

Ja, es sind die Komposita, die das Deutsche zum Deutschen machen. Deutsch, das heißt auch: gemischt-Sein. Oftmals zum eigenen Vorteil, das heißt: zum Vorteil des Eigenen. Stets bleibt dabei aber eine klare Funktion erhalten. Denn Deutsch, das ist weniger Diffusion als vielmehr Klärung. Oder anders: Analyse durch Synthese.

Was ist das Problem an der Dunkelflaute?

Dunkelflaute – das ist gut im Bezeichnen, weil es den Sonderfall abbildet, wenn weder Sonne noch Wind sind. Schlecht ist es im Technischen – eben weil hier Adjektiv und Nomen schlecht aneinandergeklebt werden. Anders gesagt: Der Begriff Dunkelflaute macht, was er soll, aber er macht es schluderig. Er pfuscht.

Doch was mag ich wirklich nicht am Begriff der Dunkelflaute?

Dass er klingt wie eines jener deutschen Donnerworte, die ich oben meinte, dabei aber funktioniert wie etwas, das sich irgendein Pressesprecher der Energiewirtschaft in einem Moment fadenscheiniger Inspiration ausgedacht hat.

Dunkelflaute ist ein, so ehrlich kann ich mittlerweile sein, schlampiges Wort, kaum ein Begriff, ein Sprachauswurf ohne jede echte, das heißt: tiefgreifende, Bedeutung. Dunkelflaute ist so flach und falsch wie das Adjektiv sitt. Man merkt, dass er geschaffen wurde, das heißt: dass er nicht gewachsen ist. Und genau das ist, was ich ihm vorwerfe: seine spürbare Künstlichkeit.

Hass gegen ein Wort bleibt immer noch Hass

Auf der anderen Seite hadere ich tatsächlich mit meiner Abneigung, denn sie ist die gleiche Abneigung, die irgendwelche AfD-Rülpse gegen das Gendern verspüren. Die gleiche Abscheu, die gleiche Entgstirnigkeit. Der einzige Unterschied ist, dass die Nazis auf Menschen übertragen, was bei mir innersprachlich bleibt. Doch der Unterschied ist quantitativ, befürchte ich.

Doch auch wenn ich ein schlechtes Gewissen habe (und das zu Recht), werde ich nicht aufhören, das Wort Dunkelflaute als das falsche Verspechen zu verachten, das es ist.

Es tut so, als würde es in einer Liga mit Morgenröte, Todesahnung und Sehnsucht spielen, dabei spielt es – und Fans von Pulp Fiction dürfen sich hier abgeholt fühlen – nicht einmal dasselbe Spiel.

Morgenröte – das ist Sprache. Dunkelflaute – das bleibt Sprech.


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