„Und ich weiß jetzt: wie die Kinder werde…“ – PISA und der Verlust der Kulturtechnik Lesen.

Alle Jahre kommt er wieder, der PISA-Schock. Unsere Kinder werden immer dümmer, unser Selbstbild immer wackeliger, kein Wunder also, dass jetzt die Nazis regieren können.

Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Dennoch ist klar, dass die Kulturtechnik Lesen unter ziemlich starkem Beschuss steht. Bösartig daran: Lesen, so scheint es, wird, was es schon immer war: ein Klassending.

Die PISA-Ergebnisse 2026: ein Niedergang zeichnet sich ab

Zunächst einmal die guten Nachrichten: Wir sind besser als Holland und Schweden! – Aber das sind keine guten Nachrichten. Natürlich nicht.

In jeder PISA-Studie werden Kompetenzen im Lesen, in den Naturwissenschaften und der Mathematik überprüft. In Deutschland haben 2025 etwa 6.700 Schülerinnen und Schüler an 250 Schulen teilgenommen. Die besten Werte erreichen die Deutschen im Themenfeld Naturwissenschaften: 486. Durchnitt sind hier 482. Am schlechtesten schnitten sie dabei in Mathematik ab. Hier erreichten sie 464 Punkte, der OECD-Durschnitt liegt nur einen Punkt darunter.

Einen Punkt mehr erreichen die 15-Jährigen beim Lesen: 465. Der OECD-Durschnitt liegt bei 461. Deutschland ist also knapp überdurchschnittlich, wenn man so will. Statistisch betrachtet, handelt es sich aber um ein durchschnittliches Ergebnis.

Das ist besonders ärgerlich, weil die Werte beim Lesen auch mal deutlich besser waren. Zwischen 2012 und 2015 lag Deutschland deutlich über 500. Seit der Erhebung von 2018 zeigt sich allerdings ein gnadenloser Niedergang.

Der Niedergang ist indes nicht nur in Deutschland zu konstatieren, sondern überhaupt in den OECD-Staaten. Lesen ist eine Kulturtechnik, die offenbar bedroht ist. Apokalyptisch will ich nicht werden – aber es gibt Grund zur Sorge.

Die Wissensgesellschaft am Abgrund

Wir leben in einer Wissensgesellschaft. Das ist zumindest die Geschichte, die seit vielen Jahren verbreitet wird. Damit sind Implikationen verbunden: nur wer Abi hat, bekommt einen guten Job. Ein Uni-Studium ist Mindestvoraussetzung. Handwerk hat einen tönernen Fußboden.

Das stimmt so alles natürlich nicht. Als Erzählung war es aber jahrelang ziemlich effektiv. Jetzt stehen wir allerdings vor einer Situation, in der sich die Erzählung als hohl herausgestellt hat. Das Handwerk ist die Domäne, die nicht von der KI gekapert werden kann. Uni-Abschlüsse sind weniger Wert als je – und das Abi ist ohnehin Opfer einer umgreifenden Inflation.

Das wäre aber vielleicht gar nicht so schlimm, wenn es wenigstens der Fall wäre, dass höhere Bildungsabschlüsse auch mit Bildung einhergingen – aber das scheint nicht der Fall zu sein. Lesen können die 15-Jährigen auch dann nicht mehr, wenn sie 18 und an der Uni sind. Das heißt: können tun sie es vielleicht schon, oftmals scheint es aber so zu sein, dass sie es gar nicht mehr wollen.

Im Literaturwissenschaft-Seminar ergibt sich zusehens folgendes Bild: drei, vier motivierte Studierende haben die Texte wenigstens teilweise gelesen und ein bisschen verstanden – der Rest ist anwesend. Das ist nicht repräsentativ, aber es ist der Fall. Und es ist der Fall in Germanistik, also dem Studiengang, den eher Leute wählen, die gern lesen. Aber wenn es bei denen schon so aussieht, wie ist es dann anderswo?

Lesekompetenz ist Lebensfähigkeit

Jetzt könnte man natürlich sagen: Die Wissensgesellschaft scheitert an ihrer Äußerlichkeit. Abschlüsse ersetzen keine Bildung, man muss wissen wollen, um wissen zu können, jahrelang haben wir auf Zahlen geschaut, wo wir die intrinsische Motivation hätten fokussieren müssen.

Das mag auch sein. Aber vielleicht ist die Wissensgesellschaft auch nur ein Monstrum aus der Soziologenhölle, die so gar nicht Bestand hatte. Vielleicht war Lesen ja immer nur das Hobby derjenigen, die es sich leisten können, ein Luxus? – Dazu kommen wir gleich nochmal. Zunächst aber muss ich die Zwischenüberschrift mit Leben füllen. Denn warum sollte Lesekompetenz im Zeitalter der Digitalisierung immer noch Lebensfähigkeit implizieren? Ich kann mir ChatGPT ja alles vorlesen lassen.

Und genau hier zeigen sich zwei Begriffe von Lebensfähigkeit, die ich mir nun genauer anschauer möchte.

Lesekompetenz als Lebensfähigkeit im engen Sinne

Man sollte Lesen können. Der Satz ist so einfach wie wahr. Und ja, das Man ist ein schlechter Ratgeber, aber das ändert nichts an Folgendem: wer nicht lesen kann, ist unserer Welt nicht lebensfähig. Überlebensfähig hingegen schon, doch das ist ein elementarer Unterschied.

Braucht man eine Minimaldefinition, dann ist Leben ein autopoietisches (selbsterhaltendes/-erzeugendes) System. Dieses System befindet sich in ständigem Austausch mit einer Umwelt. Ausgetauscht werden Energie, Materie und Informationen.

Grundsätzlich muss man selbst ein Verkehrsschild lesen können. Das Lesen eines Schilds ist Aufnahme von Information. Wer das nicht kann, wird im Zweifelsfall überfahren. Jetzt kann man natürlich sagen, dass das noch alle hinbekommen würden, die es bis zum Alter von 15 geschafft haben. Und ich glaube, darauf können wir uns auch einigen. – Allerdings sind Verkehrsschilder mit das Trivialste, das man in unserer Welt lesen können muss.

Wir müssen aber deutlich mehr lesen können. Bedienungsanleitungen etwa – das macht zwar keiner, es ist aber essentiell, da wir in unserem Alltag mit Geräten umgehen, die tödlich sein können. Nachrichten, Anträge, Urteile – all das sind Texte, mit denen wir irgendwie umgehen können müssen. Wenn man jemanden findet, der das für einen liest – kein Problem, das kann funktionieren und verschafft Menschen wie mir einen Job.

Aber das findet ja gar nicht statt. Erklärt wird uns heute immer mehr von Programmen, von Interpretatoren, die uns die Häppchen Information vorfiltern. Die im Zweifelsfalle „entscheiden“ können, was für uns relevant ist. Und diese Interpretatoren verfolgen die Interessen derjenigen, von denen sie in die Welt geworfen werden.

Lebenskompetenz Lesen überhaupt: zwischen Relevanz und Redundanz

Ich muss zugeben, dass ich es viele Jahre für nicht sonderlich problematisch angesehen habe, dass Netflix, Amazon und DER SPIEGEL Content filtern und mir aufgrund meiner bisherigen Entscheidungen Vorschläge gemacht haben. Und im Prinzip haben Bibliothekarinnen und Buchhändler des Vertrauens immer auch diese Rolle gespielt. Theoretisch spricht also gar nicht unbedingt etwas gegen das algorithmische Empfehlungswesen. Tatsächlich wird im Marketing denn auch von Ergebnissen gesprochen, die relevanter sind. 

Wenn meine Echokammer kickt, ist das aber keine Relevanz, sondern Redundanz. Und auch hier will ich sagen, dass ich gegen Redundanz erstmal gar nicht so schrecklich viel habe. Redundanz ist Ergebnissicherung. Wenn mir ständig jemand sagt, dass er mich liebt, dann nehme ich das auch eher wohlwollend zur Kenntnis. Aber: Redudanz führt eben nicht zur Notwendigkeit, sich an Probleme anzupassen. Redundanz ist Gift für die Problemlösungskompetenz. Redundanz ist Desinformation. Aber sie ist eben auch so wunderbar bequem.

Das Wohlfühlnetz der Redundanz

Das Bequeme der Redudanz meint nicht, dass sie nicht anstrengend sein kann. Wenn mir jemand ständig einhämmert, die Großen Alten seien an allem schuld und ich das glaube und nun auf Schritt und Tritt Zeugnisse dieser Großen Alten sehe, dann kann das ziemlich anstrengend sein, auch wenn mein Selbstwert wachsen mag, weil ich mich als den einzigen Sehenden unter den Blinden erlebe. Ändert nichts daran. Auch Rassismus ist anstrengend. Für das Gehirn jedoch ist er bequem: hier ist der leichte, vor allem emotional getragene Schluss, das, was sich dem Hörensagen und unmittelbarer Anschauung halt so darbietet. Wunderbar.

Das Problem ist, dass eine abnehmende Lesekompetenz uns genau auf diese unmittelbaren, konkreten, prälogischen Anschauungen zurückwirft. Abstrahieren, Genealogisieren und Reflektieren – das sind Kompetenzen der literarischen Kulturen. Und das verlernen wir, wenn wir das Lesen verlernen.

Ich bin kein großer Freund von apokalyptischen Abgesängen. Das heißt, irgendwie schon. Aber nicht nur. Hier aber kommen einiges zusammen. Denn unsere Kultur hört nicht einfach auf, eine literarische Kultur zu sein. Das Problem ist vielmehr, dass die Kulturkompetenz und damit die Lebenskompetenz zunehmend ungleich verteilt ist.

Bildung bleibt eine Klassenfrage

Das führt uns zurück zu PISA. Nirgendwo in den OECD-Ländern hat der Bildungshintergrund der Eltern einen so großen Einfluss auf den eigenen Bildungserfolg. Diese Entwicklung ist alt – und sie wird stärker. Das heißt aber, die Fähigkeit zum abstrakten Denken, zum Verstehen von Verträgen, Gesetzen und AGB ist immer weniger Menschen vorbehalten. Bildung ist Kapital und dieses Kapital tut, was Kapital eben so tut: es akkumuliert sich.

Competition is for losers, sagt Peter Thiel und setzt damit genau den richtigen Ton. Die große Menge – und das sind wir, auch du, auch ich – wird zusehends in stärkere Abhängigkeiten geraten. Der neueste Scheiß ist die KI, die dafür sorgt, dass wir immer weniger evaluieren und reflektieren. Wir werden in dieser schönen neuen Welt zum Appendix der Maschine, wir werden der informationstheoretische Treibstoff, der die Maschinen, die wenige beherrschen, füttern und füttern.

PISA ist eine Momentaufnahme, die uns unsere eigene Infantilisierung vor Augen führen könnte – tatsächlich treibt sie sie aber voran. Weit davon entfernt eine Technik zur Befreiung der Menschen zu sein, wird die Maschinerie uns weiter einspannen und verwerten. Wir fallen in die Logik des Gestells, werden zum Rohstoff, zur Verfügungsmasse.

Wollen wir das, was sich da ankündigt?

Das ist apokalyptisch. Vor allem aber ist es noch nicht soweit. Die PISA-Ergebnisse zeigen uns aber, in welche Richtung wir uns bewegen. Und das sollte uns vor allem dazu führen, innezuhalten und das zu tun, woran die Algorithmen großer Konzerne (denn auch eine KI ist nichts als ein Set von Algorithmen) uns hindern wollen: Wir sollten nachdenken, ob wir das, was sich da ankündigt wirklich wollen. Ob wir nicht in der Gutenberg-Galaxis ziemlich gut gefahren sind. Ob Lesen und Schreiben nicht Kulturtechniken sind, die der Bewahrung wert sind.

Ich liebe Kinder. Das bedeutet nicht, dass ich eins werden will. Wenn wir unsere autonomen Agenten allerdings den Platz des Ratgebers in jeder Lebenslage zuweisen, dann werden wir Kinder. Rilke mochte das noch als erstrebenswert ansehen.

Und ich weiß jetzt: wie die Kinder werde.

Aber Rilke saß auch noch tief in der Gutenberg-Galaxis. Vor allem aber war Rilke ein Ästhet, der sich im Niedergang noch zu sonnen vermochte. Uns hingegen erwartet vor allem ein kapitaler Sonnenbrand.


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