Barnsoldaterna fran Ballerby. Wenn Kinder Kinder töten.

Außerhalb der kleinen, kleinen Stadt lag ein verwahrloster Garten. In dem Garten stand ein altes Haus, und in dem Haus wohnte ein Mädchen mit ihrem Pferd und einem kleinen Affen. Das Mädchen wohnte dort ganz alleine. Es hatte viel zu große Schuhe, war überhaupt nur unzureichend gekleidet und als die Erwachsenen sie ins Kinderheim schicken wollten, reagierte sie mit Gewalt.

Überhaupt war Pippi ein ziemlich gewalttätiges Kind. Zwar war sie gerecht und freundlich, doch ärgerte man sie, schlug sie zu. Heute schießen die Kinder in Schweden – und der Staat scheint gar nicht mehr zu versuchen, sie einzugliedern. Aus Bullerby wurde Ballerby.

Die Barnsoldaterna von Schweden: Zwischen Ganggewalt und Neonazis

Vor einigen Wochen erschien hier auf Textwandel.org ein Artikel über schwedische Kindersoldaten. Eigentlich handelt es sich dabei um Akzelerationisten, oftmals ultrarechter Couleur, die in Online-Communities radikalisiert werden bzw. sich dort radikalisieren.

Die jungen Akzelerationisten gehen los und greifen mehr oder weniger wahllos Menschen an. Manchmal filmen sie sich dabei. Ihr Ziel: der Umsturz der bestehenden Ordnung durch Disruption – Akzelerationismus.

Doch der Begriff der Barnsoldaterna, Kindersoldaten, ist im schwedischen Diskurs mittlerweile für eine andere Gruppe reserviert: Kinder und Jugendliche, deren Ziel nicht darin besteht, irgendeine Ordnung umzustoßen, die aber dennoch morden – und das tun sie „erfolgreicher“ als ihre neurechten Altersgenossen.

Schwedische Zustände von Umeå bis Köln

Das Problem ist mittlerweile weit über die Grenzen Schwedens hinaus bekannt. In Dänemark und Norwegen spricht man von svenske forhold– schwedischen Zuständen. Das Schlagwort existiert zwar bereits seit den 90ern, aber eigentlich ist damit genau dieses Problem gemeint: eine Spirale der Gewaltkriminalität, die sich augenscheinlich nicht eindämmen lässt.

Die heutigen schwedischen Zustände aber sind mit jenen in den 90ern gar nicht mehr zu vergleichen, auch wenn sie aus ihnen hervorgegangen sein mögen. Und auch die Ausdehnungen ändern sich: In Zeiten zunehmender Globalisierung reichen die schwedischen Zustände mittlerweile bis nach Köln.

Im Juni 2026 wurde dort nämlich ein 17-jähriger Schwede zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Er sei in die Stadt gereist, um dort ein Mitglied der Hells Angels zu erschießen. Dazu kam es nicht. Das heißt aber nicht, dass das ausersehene Opfer nicht doch noch von mehreren Schüssen getroffen wurde. Allerdings soll das bereits ein anderer Barnsoldat übernommen haben.

Köln ist kein Einzelfall, sondern Station eines Trends

Im Oktober 2024 wurde ein 55-jähriger in Malmö erschossen. Der Mann lag, so berichtet es zumindest der Schwedische Expressen, mit seinen beiden kleinen Kindern und deren Mutter im Bett und schlief. Allem Anschein nach war er nicht das eigentliche Ziel, sondern ein 25-jähriger Mann, der im gleichen Haus wohnte. Der Täter war zum Tatzeitpunkt 16.

Im April 2025 erschoss ein damals 20-jähriger drei Menschen in einem Barber-Shop in Uppsala. Die Opfer waren 15, 16 und 20 Jahre alt. Der Täter war der Polizei bekannt und weil er zum Tatzeitpunkt bereits volljährig war, kennen auch wir seinen Namen. Spoiler: er heißt Fredric und ist so weiß wie man nur sein kann. – Warum das wichtig ist, steht weiter unten.

Im März 2026 erschoss eine 15-Jährige zunächst einen 18-Jährigen in Huddinge nahe Stockholm, bestieg dann einen Zug in Richtung Malmö, wo sie zusammen mit einem 17-Jährigen einen zweiten Jungen, 15 Jahre, erschoss. Hintergrund soll eine gestohlene Kokain-Lieferung gewesen sein, an der der Bruder des Malmöer Jungen beteiligt gewesen sein soll.

Schweden hat die zweihöchste Jugendarbeitslosigkeit in der EU

Und das geht so weiter. 2024 sollen rund 1.700 Minderjährige aktive Mitglieder krimineller Organisationen gewesen sein. Nicht alle schießen, aber doch einige: Im EU-Durchschnitt sterben pro einer Million Einwohner 1,6 durch Schusswaffen. In Schweden liegt der Wert bei vier. Und das, obwohl das Land strengere Waffengesetze als zum Beispiel Deutschland hat.

Früher galt Schweden als sozialpolitischen Musterstaat. Ein Sozialparadies namens Folkhemmet – das Volkheim. Doch die Wahrheit sieht ein wenig anders aus. Zwar müssen in Schweden nur die wenigsten Kinder hungern, es ist nach wie vor eines der reichsten Länder der EU. Und doch liegt die relative Kinderarmut bei 7,3 Prozent

Die Arbeitslosigkeit ist höher als in Sachsen-Anhalt. Schweden hat EU-weit mit 8,8 Prozent die dritthöchste Arbeitslosigkeit. Besonders alarmierend ist aber die Jugendarbeitslosigkeit, die in Schweden bei liegt 24,4 Prozent.

Das wird nur vom angeblich glücklichsten Land der Welt Finnland mit 26,5 Prozent getoppt. Der EU-Durchschnitt liegt bei 15,2 Prozent. Am niedrigsten ist die Jugendarbeitslosigkeit mit 7 Prozent übrigens in Deutschland.

Rekrutiert wird über Telegram, Signal und Co. – Crime as a service ist das Geschäftsmodell

In einem jüngst erschienenen Spiegelartikel wird der in Lund lehrende Kriminologie David Sausdal zitiert. Er sagt, die jungen Täter*innen wollten eigentlich nur das, was alle wollten: Geld und Anerkennung. „Viele von uns träumen von denselben Dingen. Was uns unterscheidet, ist, wie wir glauben, diese Träume erreichen zu können.“ Den Täter*innen fehle es an guten Vorbildern. Auf Social Media sähen sie Leute, die mit Luxusautos und -Uhren posen würden. Das wollten die Jungs und Mädchen auch.

Recruiter machten sich das zunutze und böten Bezahlung: für den Waffentransport, das Ausspähen von Opfern, den Mord. Die Summen, die dabei gezahlt werden, belaufen sich auf ein paar Tausend Euro. Für viele 15-Jährige ist das eine stolze Summe. Dabei läuft die Rekrutierung letztlich genauso wie bei den Akzelerationisten. Es gibt anonyme Chats bei Telegram, Signal und Co., gezahlt wird bar oder in Crypto. Wird ein Täter verhaftet, stehen schon neue bereit. „Crime as a service“, nennt sich das.

Viele Täter, Opfer und Hintermänner stammen aus den mehr oder weniger abgehängten Vororten Malmös und Stockholms. Viele haben Eltern, die beide nicht in Schweden geboren wurden. Das hat es der schwedischen Gesellschaft, die sich lange hat einreden können, sie sei farbenblind und so etwas wie Rassimus gebe in Schweden nicht, leicht gemacht, weiter nicht hinzuschauen.

Keiner muss migriert sein, um schlecht integriert zu sein

Schweden ist ein Einwanderungsland – das heißt aber nicht, dass Integration hier gut funktioniert hat. Um Sprachkurse musste man sich lange Zeit selbst bemühen – und einfach war es nicht, an sie zu kommen. Auch Arbeit ist oft Mangelware, die hohe Arbeitslosigkeit spricht für sich.

Und das Geld, das ja eigentlich ausreichend zur Verfügung steht und insgesamt sogar ziemlich gleichmäßig verteilt ist, kommt bei vielen eben doch nicht an. Fast 18 Prozent aller Schweden sind von Armut bedroht. Probleme gibt es genug – und dass Schweden eine lange Tradition des Rassimus hat, ist nicht erst seit den 20,5 Prozent für die Schwedendemokraten bei der letzten Reichstagswahl bekannt.

Für das Problem Ganggewalt, das es in Schweden auch nicht erst seit gestern gibt, wurde die Aufmerksamkeit aber erst so richtig groß, als die Eltern von Oscar und Maja nicht mehr ignorieren konnten, dass auch ihre Kinder zunehmend in Gefahr geraten – und zwar nicht als zufällige Bystander, sondern als Täter, Mittäter – oder Opfer.

Eine mangelnde Integration, auch in den Arbeitsmarkt, macht Kriminalität wahrscheinlicher. Aber ein Mangel an Integration betrifft nicht nur Menschen, deren Eltern nicht im Land geboren sind. Es geht auch um Desintegration. Denn um schlecht integriert zu sein, braucht es keinen Migrationshintergrund. Auch Fredric kann schlecht integriert sein. Und immer häufiger ist er das.

Ein Aufsehen erregender Fall: Der Mord an Einár

Dass sich die Aufmerksamkeit mittlerweile verschoben hat, liegt an einigen Aufsehen erregenden Fällen. Einer davon ist die „Hinrichtung“ des Rappers Einár. Einár hatte den wohl schwedischsten Namen, den man haben kann: Nils Kurt Erik Einar Grönberg. Er war der Sohn von Lena Nilsson, einer schwedischen Schauspielerin.

Aufgewachsen ist Einár in Skarpnäck, einem Stadtteil, der nicht zu jenen von der Schwedischen Polizei definierten Brennpunkten (utsatt område) gehört, wo die Täter und Opfer dem allgemeinen Eindruck nach vor allem aufwachsen. Dennoch kam Einár schon früh mit dem Gesetz in Konflikt.

Einárs Aufstieg lockt Neider an

Einár war als Rapper ziemlich erfolgreich. Bei den Grammis 2020 wurde er nicht nur als Newcomer des Jahres sondern auch als Künstler des Jahres ausgezeichnet.

Aber dieser rasante Aufstieg lockte Neider an. Mitte April 2020, zwei Monate nach den Grammis, wurde Einár von der Gang Vårbynätverket (dt. Vårby-Netzwerk) entführt. Ein erster Entführungsversuch scheiterte, ein zweiter war erfolgreich und wurde bei Social Media ausgeschlachtet. Es gab Videos von der Tat, Einár wurde bedroht, beklaut und misshandelt.

Interessant ist, dass zwei weitere Rapper im Zusammenhang zu Haftzeiten verurteilt wurden. Yasin für den ersten Versuch zu zehn Monaten. Haval, als Mitverantwortlicher für den erfolgreichen Versuch, zu zweieinhalb Jahren Haft. Den Street-Credibility-Gain hingegen gab’s umsonst. Beide sind nach wie vor relativ erfolgreich. Für Einár war das Martyrium damit aber nicht vorbei.

Der Rapper lebte fortan unter Polizeischutz. Allerdings nicht mehr lange. Am späten Abend des 21. Oktobers 2021 wurde Einár mitten in Stockholm-Södermalm ermordet. Zum Tatzeitpunkt war er 19 Jahre alt. Dass ein bekannter Rapper in Schweden ermordet wird und es dabei irgendwie auch eine Rolle zu spielen scheint, dass er Rapper ist, wäre einen eigenen Artikel wert (und vielleicht kommt der irgendwann auf Textwandel.org). Aber es geht nicht nur um die subkulturellen Feinheiten oder dass ein Berühmter erschosse wurden.

Der Fall Einár hat auch deswegen soviel Aufsehen erregt, weil sich plötzlich die Erkenntnis durchsetzte, dass es sich bei der Gangkriminalität eben nicht nur um ein Problem der Vororte handelt. Södermalm ist weiter weg von Hässelby, als irgendeine Kilometerangabe ausdrücken könnte. Södermalm ist, wo die Werbefotos entstehen.

Die Barnsoldaterna töten mittlerweile in den guten Gegenden, den pittoresken urbanen Spots und dort, wo Faluröd und Tacokväll noch gelebte Wirklichkeit sind. Dort, wo Tommy Körberg gegrölt wird und EPA-Traktoren herumfahren. Dort, wo eigentlich Bullerby liegen sollte.

Was ist los in Schweden?

Was da eigentlich los ist, weiß niemand so richtig. Die Kultur habe sich geändert, sagen viele, das Versprechen des Folkhemmets greife nicht mehr, also dieser sozialpolitische Sonderweg in Schweden. Andere sagen, es sei die Migration. Andere schieben es auf die USA, Social Media und irgendwo wird sich auch ein Schwede finden, der glaubt, dass Moskau dahintersteckt.

Doch was auch immer die Gründe sind: Zurück bleiben Geschwister, Eltern, Freunde – und Kinder, die zu Mördern wurden. Und das alles findet in einer Gesellschaft statt, die nicht weiß, wie sie reagieren soll. Mehr Härte? Mehr Sozialarbeit? Ein bisschen mehr von beidem? Mehr Abschottung? Mehr Offenheit?

Und in dieser Situationen stehen Wahlen an in Schweden. Die Schwedendemokraten sagen, sie wollten Schweden wieder zu Schweden machen – und darunter verstehen sie eine homogene Gesellschaft, politisch inkorrekt, einwandererarm, mit starker Autorität. Die konservative Regierung scheint sich bereits darauf vorzubereiten: sie will die Strafmündigkeit herabsenken. – Aber dann rekrutieren die Gangs eben 12-Jährige.

Vielleicht stimmt es, dass sich an der Kultur etwas geändert hat. Aber dann sollte an dieser geänderten Kultur vielleicht etwas geändert werden. Viele beklagen, Schweden sei ein materialistisches Land geworden. Alles drehe sich nur noch um Reichtum, um Autos, Häuser, Macht. Aber vielleicht greift das ein wenig kurz.

Was wollen die Kindersoldaten von Schweden?

Fachleute jedenfalls sagen, es ginge den Barnsoldaterna vor allem um Bestätigung, Anschluss und Erfolg. Und vielleicht sind Geld und Macht nur die kapitalistischen Einheiten, in denen sich Bestätigung, Anschluss und Erfolg messen lassen. Vielleicht fehlt es an echtem Erfolg, echter Bestätigung, echtem Anschluss. Und vielleicht sind die Barnsoldaterna nicht nur ein Problem Schwedens. Was heute hier passiert, passiert morgen vielleicht in Hengelo oder Hildesheim.

Und dann sollten wir uns, auch jenseits von Schweden, selbst fragen, warum die an sich gar nicht so schlechten Antriebe Bestätigung, Anschluss und Erfolg in so schreckliche Taten münden können. Bestätigung, Anschluss und Erfolg – das müssen, vielleicht, vor allem wir anbieten und es nicht den Gangs überlassen. Es darf nicht sein, dass deren Angebot besser ist als unseres. Es darf nicht sein, dass es attraktiver ist, einen Mord zu begehen als Teil dieser Gesellschaft zu sein. Aber dazu sollten wir womöglich aufhören, von Gesellschaft zu sprechen, wenn wir gemeint sind.

Die Gangs bieten instant Erfolg – wir bieten überfüllte Schulen, Mobbing, prekäre Ausbildungen und eine unsichere Zukunft. Und das ist ein Problem. Denn eines haben Akzelerationisten und die Gangkiller gemein: sie sind die Zukunft. Unsere Zukunft. Wir können uns einreden, dass sie die Kinder der anderen wären, aber das sind sie nicht.

Vor allem aber sie sind die, in deren Hände wir den Laden irgendwann übergeben wollen. Wir sollten dafür sorgen, dass der Laden jetzt läuft. Akzelerationisten und Barnsoldaterna gehen zwar in verschiedene Richtungen, sie sind allerdings beide Antworten auf die Fragen, was jemand noch glaubt, mit seinem Leben anfangen zu können.

Es gibt nichts daran zu entschuldigen, wenn jemand einen anderen Menschen angreift, verletzt oder tötet. Aber es gibt etwas zu erklären.

Es gibt keine Zukunft – darauf lassen sich nur schwer Utopien errichten

Greta Thunberg, Einár und vermutlich viele Barnsoldaterna teilen, bei allen Unterschieden, eine Erkenntnis: Es gibt keine Zukunft. – Sicher ist der Satz in dieser Schärfe ein wenig übertrieben, aber das schreibe ich auch als Mittdreißiger. Mit Sechzehn hätte ich ihn genau so unterschrieben. Glücklicherweise habe ich in den degenierten Nullerjahren gelebt, als der Hedonismus zwar schon bösartig war, aber noch ignoriert werden konnte. Das ist heute nicht mehr so.

Aber was ist zu tun? Ich meine konkret! Und ja, natürlich weiß ich es nicht. Ich glaube aber, dass Zuhören ein Anfang sein könnte. Ein Vorbild zu sein wäre gut. Weniger Angst zu haben. Ein wenig Vertrauen in die Jüngeren setzen. Was nicht hilft, ist eine Idealisierung von Jugend, die nur die Kehrseite von Dämonisierung ist. Vielleicht hilft es, Sozialer Arbeit mehr Gehör zu schenken, Werte zu leben und nicht nur zu propagieren – und ein kleines Stück der Verantwortung auch bei sich selbst zu suchen.

Sein Kreuz bei den Rechten zu machen, ist hingegen keine Lösung. Im Gegenteil. Auge um Auge hat bisher immer nur für Blinde gesorgt. Und blind waren wir lange genug.


Kommentare

3 Antworten zu „Barnsoldaterna fran Ballerby. Wenn Kinder Kinder töten.“

  1. Avatar von
    Anonymous

    Schwarz ist die Zukunft.

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    1. Ich glaube eher an die Verlängerung von Grau. Aber es ist schon so, sonderlich licht wirkt sie nicht.

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  2. Avatar von
    Anonymous

    „There are fewer and fewer jobs among us, more of us being born, more kids growing up with nothing to look forward to. One way or another, we’ll all be poor some day.“ Octavia Butler, Parable of the sower.

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