Bräunungsstreifen. Von gesunder Bräune, brauner Gesinnung und Tanmaxxing

Europa ist anders. In einer Umfrage, die zwischen Europäern und Nicht-Europäern unterschied, gaben 82 Prozent der Europäer an, Sonnenbräune sei attraktiv. Außerhalb Europas stimmten dieser Aussage 67 Prozent zu.

73 Prozent der Europäer stimmten ferner der Aussage zu, Sonnenbräune sorge für gesundes Aussehen. Nicht-Europäer: 59 Prozent. Fast schon rührend in seiner Ignoranz: 24 Prozent der Europäer hielten es für sicher, ohne Sonnenschutz in die Sonne zu gehen, wenn sie bereits gebräunt waren.

Europa ist anders. Vor allem gegenüber seinen eigenen Vorlieben. Denn dass ein gebräunter Teint positiv bewertet wird, bedeutet nicht, dass ein brauner Teint positiv bewertet wird. Gebräunt ist nicht braun. Das heißt: manchmal eben schon. Aber anders.

Sonnenbräune und Faschismus. Da wollen wir hin mit diesem Text. Dazu müssen wir allerdings einen kleinen Umweg machen, über den Monte Verità, die Waldorfschule und den Körperkult der klassischen Moderne.

Die Sonnensucher vom Monte Verità

Der Monte Verità heißt eigentlich Monte Monescia und ist ein kleiner Hügel im Tessin. Um 1900 trafen sich dort einige Lebensreformer und gründeten eine vegane Kooperative, die sie Monte Verità nannten. Der Name wurde in Folge auf den unschuldigen Hügel übertragen, sodass heute die ganze Erhebung Wahrheitsberg genannt wird.

Heute sieht man den Monte Verità vor allem als wichtige Station auf dem Weg zum modernen Ausdruckstanz – und wer bei Ausdruckstanz immer auch an bisschen an Eurythmie denkt, der liegt nicht ganz falsch. Auch wenn kein direkter Weg von Rudolf Steiner zu Pina Bausch führt, so ganz fremd sind sich die Ansätze nicht.

Rudolf von Laban: Sang an die Sonne

Am Monte Verità war aber ein anderer ungarischer Rudolf aktiv. Und von diesem führt sehr wohl ein direkter Weg nach Wuppertal: Rudolf von Laban. Der hat 1917 auf dem Monte Verità seinen legendären Sang an die Sonne aufgeführt – ein Gesamtkunstwerk, bei dem der untergehenden wie der aufgehenden Sonne eine wichtige Rolle zugeteilt wurde. Die Sonne wurde zum Mitspieler. Chorisch, expressionistisches Pathos inklusive.

Freilich spielt sich der Großteil des Sonnensangs in der Nacht ab, im Prinzip handelt es sich hier also um eine ironische Brechnung der antiken Tragödie, die innerhalb eines Umlaufs stattzufinden hatte. So oder so: die Sonne steht am Anfang und am Ende der Labanschen Tanztheaters, ist der erste Impuls und/oder die endgültige Hoffnung. Es ist, als ob um 1900 die Sonne hinter den dunklen Wolken der Fabrikschornsteine eine neue Verehrung erfährt – und dabei auch zu einer Folie wird.

Steiner: Sonne als Gasball ist „pure Phantasterei“

Denn auch abseits des Wahrheitsbergs, in den Niederungen des anderen ungarischen Rudolfs, erfährt die Sonne um 1900 eine massive Aufwertung. Nach Steiner ist die Sonne, die früher einmal Teil auch der Erde war, Sitz erhabener geistiger Wesen, die von ihr aus alles lenken, was sonnenbeschienen ist.

Interesant ist, dass Steiner die heutige Lesart der Sonne als Gasball als „pure Phantasterei“ bezeichnet. Was irgendwie lustig ist. Aber auch ein wenig anmaßend.

Nach Steiner ist die Sonne identisch mit dem Christus-Wesen. Und es laufen Energieströme von der Sonne zum Menschen.  Der Gedanke ist letzten Endes gar nicht so fremd. 83 Prozent der Europäer glauben, die Sonne schicke ihnen Energie. Und im übertragenen Sinne der Solarenergie ist das auch. Bei Photosynthese und Lichtnahrung sind wir indes noch nicht angekommen. Noch nicht.

Die Beziehung zwischen Mensch und Sonne im Dekor der Waldorfschulen

Die besondere Beziehung, die der Mensch zur Sonne unterhält, zeigt sich heute noch im Dekor der Waldorfschulen. Jeden Morgen beginnen die Schüler der Stufen 1 bis 4 mit den Worten: „Der Sonne liebes Licht, / Es hellet mir den Tag“ und weiter: „Im Sonnen-Lichtes-Glanz / Verehre ich, o Gott / Die Menschenkraft, die Du / In meine Seele mir / so gütig hast gepflanzt“.

Das kann man klebrig nennen – und das ist es auch. Aber es ist eben auch zeittypisch. Datiert ist dieser „Morgenspruch für die vier unteren Klassen“ mit September 1919 – Rudolf Labans Sonnensang ist nur zwei Jahre älter. Beides fällt in die Hochzeit der klassischen Moderne.

Und was hat Lebensreform mit Bräune zu tun?

Es ist nun diese klassische Moderne, in der gebräunte (weiße) Haut das erste Mal so richtig populär wird – und zwar genau in jenem Steiner-Laban-Umfeld, das man unter dem Label Lebensreform zusammenfassen kann. Die Lebensreformer sind ein uneinheitlicher Wust sehr unterschiedlicher Menschen. Darunter tummeln sich Naturisten, Veganer, Neuchristen, Deutschnationale, Esoteriker, Anthroposophen und spirituell enttäuschte Kommunisten.

Insbesondere die deutschnationalen Naturisten um Hans Surén verfochten dabei einen Körperkult, der nicht nur den drahtigen Körper des Soldaten zum Ideal erhob, sondern auch ein „Sonnenrecht“ proklamierten: das Recht (oder die Pflicht) des Menschen zur anständigen Bräune.

Es fehlt auch nicht die metaphysische Überhöhung der Sonne, wie sie am Monte Verità und in Dornach betrieben wurde. Allerdings wird der Mythos militarisiert. Aus einer Foucault’schen Perspektive könnte man sagen, die Leibeserziehung findet hier zu sich selbst.

„Sport mit seinem Kampf, Leibesübungen mit dem Stahlbad der Gymnastik“ – das ist bei Surén nicht nur Hobby, sondern Dienst am Vaterland und eherne Pflicht: „Das Wohl und Wehe eines Volkes hängt von der körperlichen und sittlichen Beschaffenheit jedes einzelnen ab.“ Dabei wechseln die Zeiten, die Gesellschaften autoritär oder liberal, „doch fest und unwandelbar wird durch alle Zeiten stehen – der beseelte Körper in Natur und Sonne in all seiner Pracht als Ideal – der Gymnast – der Sonnenmensch.“

Hans Surén Mensch und Sonne (1925)

So schreibt der alte Soldat Surén in seinem Klassiker Mensch und Sonne von 1925. High-Performer von heute würden unterschreiben. Und dabei ist noch nicht einmal der große Konnex hergestellt, der die Lebensreformer von einst mit den High-Performern von heut zusammenschießt. Der Konnex? – Die Bräune.

Maren Möhring ist eine Forscherin, die sich unter anderem den korporalen Kontinuitäten zwischen Weimar und Heute verschrieben hat. In ihrem Artikel „Der bronzene Leib. Die FKK-Ästhetik in der Weimarer Republik“  zeichnet sie eine Entwicklung nach, die auch in der Kunstgeschichte ziemlich topisch geworden ist. Denn tatsächlich kommt es um 1900 auch in der Bildhauererei zu einem signifikanten Wechsel. War von Barock bis zum Fin de siècle eher Marmor der Goldstandard, so kommt es nun zum Wechsel: Fortan ist die Bronze das Maß aller Dinge.

Die Bronze löst den Marmor ab

Interessant ist, dass auch die Körperästhetik dieses Paradigmenwechsel folgt. Tatsächlich ist es nicht so, dass es zuvor schon eine nennenswerte Ästhetik des eigenen Körpers gegeben hätte. Die entwickelt sich nämlich tatsächlich erst um 1900 Jahrhundert und zwar genau bei jenen Lebensreformern, die zwischen Dornach und Berlin den neuen Menschen predigen, die Arbeit an sich selbst über den Körper, der nun vor allem Leib genannt wird.

Und mit dieser neuen Auto-Körperästhetik taucht dann auch der Wunsch nach der perfekten Bräune auf, der sich nahtlos bis ins Heute nachzeichnen lässt. Dabei wechseln die Begrifflichkeiten allerdings nicht die Sache selbst. So war der rassistische Unterton in den 1920ern eigentlich gar kein Unternton mehr, sondern Teil des Ganzen. Es gab nie einen Zweifel, dass die Haut eine gebräunte weiße und niemals eine Braune war.

Der Bezug auf die Idealhaut findet dann auch – beim etablierten Rassismus nur folgerichtig – eher in der Bronzestatue seine Rechtfertigung als in dunkleren Hauttönungen realer Menschen. Surén schreibt, sein Ideal seien „braunglänzende Prachtgestalten, die Haut gepflegt, geölt und gesäubert von wildem Haarwuchs.“ Und weiter: „Wollen wir Vorbild geben mit trainiertem nacktem Körper, so muß er wie eine Statue wirken und von allem gereinigt sein, was an eine Entblößung und Entkleidung erinnern könnte“.

Hans Surén und der bronzene Maschinenkörper

Warte mal! Nackt soll er sein, aber nicht an Entblößung und Entkleidung erinnern? Wie ist das zu lösen?

Hilfreich springt hier ein: Der Körper als Statue, der Körper auch als Maschinenkörper. Und genau das ist eigentlich paradox, da die Lebensreformer sich ja gerade in Absetzung von der Technik begriffen und definierten. Ihnen sollte der Mensch kein Gestell sein, keine bloße Körper-Maschine. De La Mettrie war erklärtes Feindbild.

Und doch zeigt sich hier eine Tendenz hin zum gestählten – oder eben: bronzierten – Maschinenkörper. Das Herz wird bei Surén zum Wasserpumpwerk, die Sekretion der Haut zum Selbstölungsautomatismus. Gleichzeitig ist der Körper insbesondere im Leibveständnis der Turner und Gymnasten immer auch ein kämpferischer, er fungiert als Panzer, als deutlicher Ausschluss des Aussen bei gleichzeitigem Abschluss des Inneren.

Die Sonnenbräune wird in diesem Zusammenhang als gesund verstanden, aber diese Gesundheit ist auf eine paradoxe Art lebensabgewandt. Sie unterstreicht den artifiziellen Charakter des Körperkunstwerks. Propagiert wird ein „Zurück zur Natur“. Ins Werk gesetzt wird der Körper als Gestell.

Eine totale Ästhetik fernab vom bloßen Hedonismus

Immerhin: es ist eine totale Ästhetik, die hier zur Sprache findet. Futuristisch und faschistoid und gleichzeitig unseren heutigen Imperativen und Konzepten näher als der bloße Jet-Set-Holiday-Tan mit seinem folgenlosen Hedonismus. Bräunung war Arbeit und ist Arbeit. Sie war damals Arbeit am Körper für das hehre Ideal des Volkskörpers. Und heute ist Arbeit am Körper mit Bravour zurück. Und doch ist sie viel einsamer und sinnentleerter als sie damals war.

Aus dem Volkskörper wird der Einzelkörper. Aus (egal wie überspannter) echter Gemeinschaft eine virtuelle, im Abonnenment bezogene Gesellschaft. Ging es damals um die Zukunft, geht es heute um… Ja, um was eigentlich?

Heute geht es um Tanmaxxing und Lookmaxxing. Dass Lookmaxxing häufig nur eine Neoarisierung der Autoästhetik ist – geschenkt. Doch auch Tanmaxxing geht in diese Richtung. Denn immernoch geht es um weiße Haut, die gebräunt sein will. Vielleicht nicht immer, vielleicht nicht überall, doch viel zu oft, um nur Zufall zu sein.

Eine umfassende Nazifizierung des Geschmacks in den USA, in Sachsen-Anhalt – und bald schon bei dir?

Und noch etwas kommt hinzu: Wir haben eine Nazifizierung des Geschmacks vor uns. „Schöne“ Architektur in den USA und Sachsen-Anhalt, die dann doch nur in neoklassizistische Opulenz ausartet, wie sie Albert Speer sie sich nicht „schöner“ hätte denken können. Eine Ideologie des Waldgangs, die Ernst Jünger verbissene Tränen der Rühurung in die stahlblauen Augen hätte treiben müssen. Natürlich ein Faschismus, der nicht mehr nur im Design stattfindet. Braun werden – das ist für viele längst nicht mehr nur äußerlich das Ideal.

Und damit stehen wir heute in einer echten Gefahr. Der radikale Individualismus, der eigentlich schon ein Isolationismus ist, gepaart mit der verbissenen Arbeit an sich selbst, ist ein Tanz inmitten der Entropie. Die Arbeit am Körperpanzer kann immer zur Suche nach Halt werden. Vielleicht muss sie es sogar, weil das Material zusehends zerfällt. Jeder Teint erblasst, jedes Muskel erschlafft, jedes System tendiert zum Chaos. Der Körperpanzer braucht den Anker und weil der sich nicht schmieden, sondern immer nur erkämpfen lässt, wird das Ganze womöglich gefährlich. Das ist dann nicht mehr nur folgenlos schön. Das ist ein gebrochenes Versprechen.

Das Versprechen des Faschismus

Denn was ist, wenn das folgenlos Schöne sich betrogen sieht? Wenn die Sehnsucht nach Sinn sich meldet, das Heimweh nach Inhalt? Man sucht. Und wo ist Heimweh bitte billiger zu haben als im im Bündischen, Korpsischen, Hordischen?

Wahrscheinlich hatte Faschismus schon immer seine Stärke darin, Sinn zu behaupten, wo er fraglich wurde. Faschismus zimmert Gemeinsamkeit und zertrümmert Isolation. Das ist sein Versprechen und das ist vielleicht noch nicht einmal komplett gelogen.

Doch das kommt zu einem Preis. Die Gemeinschaft bleibt projektbezogen. Schlachtgebunden. Faschismus totalisiert. Das heißt: Der Einzelne wird überrollt. Auch du. Denk daran, wenn du das nächste mal ins Fitnessstudio gehst. Lausch in dich rein. Hörst du den Ruf?

Er richtet sich an dich. Es geht nicht um dich. Tat es nie.


Kommentare

3 Antworten zu „Bräunungsstreifen. Von gesunder Bräune, brauner Gesinnung und Tanmaxxing“

  1. PS: Das Bild ist mithilfe von KI erstellt.

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  2. …und ich dacht es wär ein Selfie. 😀

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    1. Eine gewisse Ähnlichkeit ist natürlich vorhanden. Besonders der stiere Blick könnte mein Montagsblick sein 😎

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