Saufen, Selbstmord, Schwedendemokraten: Statistische Streifzüge durch ein widersprüchliches Land

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In Schweden wird weniger Alkohol getrunken als in Deutschland. Das heißt nicht, dass in Schweden wenig getrunken wird – sondern eher, dass in Deutschland extrem viel getrunken wird.

Aber Schweden und Deutschland haben auch viel gemeinsam. In Schweden sind seit 1990 vier Mal so viele Menschen durch rechte Gewalt umgekommen wie durch islamistische Gewalt. Das ist in Deutschland auch so. Nach konservativen Schätzungen. Und noch etwas haben die beiden gemeinsam: in beiden Landesparlamenten sitzen rechtsnationale Parteien: in Deutschland ist es die AfD mit 20,8 Prozent, in Schweden sind es die Sverige Demokraterna (SD) mit 20,5 Prozent.

Saufen und Nazis – zwei Seiten derselben Medaille?

Saufen und Nazis. Das passt irgendwie zusammen. Meine kleine These: Dort, wo mehr getrunken wird, entfallen auch mehr Stimmen auf rechtsnationale Parteien.

So ganz unplausibel ist das nicht. Gucken wir nach Deutschland: Die Statistik über Alkoholmissbrauch wird von Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt angeführt. Bei der letzten Bundestagswahl erreichte die AfD in Meckpomm 35, in Sachsen-Anhalt 37,1 und in Sachsen sogar 37,3 Prozent. Vielleicht sind die Schwedendemokraten ja auch so eine Korsakoff-Partei wie die AfD.

Wir brauchen dazu Statistiken. Und da das hier nicht der lokale Grundkurs Soziologie ist, wird hier nichts über Kausalitäten ausgesagt. Aber die AfD „stellt ja auch nur Fragen“ – und dann machen wir das eben auch.

Die erste Statistik liefert der schwedische Alkoholmonopolist System Bolaget gleich selbst. Kann man sich hinter diesem Link runterladen: Alkoholverkauf beim System. Ich habe nach der Region (Län) gefiltert. Das entspricht nicht wirklich den Bundesländern, kommt ihnen aber am nächsten.

Die zweite Statistik sind die Wahlergebnisse der letzten Reichstagswahl. Ebenfalls nach Län geordnet. Als Erweiterung nehme ich außerdem die Sterblichkeit mit auf, den Anteil der Bevölkerung mit Risikokonsum und die im Disclaimer angekündigte Suizid-Statistik.

Wo man in Schweden gerne rechtsnational wählt

Die Überschrift ist etwas irreführend. Denn dass die Schwedendemokraten jetzt wirklich gerne gewählt werden, kann man bezweifeln. Dennoch ist die Antwort ziemlich einfach. In der Region Blekinge, dort gab es zuletzt 29 Prozent für die Schwedendemokraten. Blekinge liegt im Süden, zwischen Kalmar und Skåne. Dass die Schwedendemokraten dort gut abschneiden, kann zum Teil mit der zunehmenden Kriminalität erklärt werden. Blekinge ist klein und nicht bedingt urban geprägt. Die größte Stadt ist Karlskrona mit ca. 35.000 Einwohnern.

Der Süden Schwedens ist die Region, wo gefühlt ständig irgendwelche Banden irgendwelche Zwölfjährigen zu Killern ausbilden. Das ist natürlich nicht wirklich der Fall, bildet aber die erlebte Realität einiger Menschen ab. Kein Wunder also, dass auch in Skåne mit seiner berüchtigten Neonoir-„Metropole“ Malmö und in Kalmar die Schwedendemokraten mit jeweils 25 Prozent aufwarten können. Der Süden Schwedens ist nicht unten, sondern rechts. Wenigstens zu einem nicht unbedeutenden Teil.

Ganz so einfach ist es aber auch nicht. Denn vor Skåne kommt zunächst das Bayern Schwedens: Dalarna. In Dalarna verfängt das Versprechen der Schwedendemokraten, „Schweden wieder zu Schweden zu machen“, offenbar gut. Hier haben 25,7 Prozent der rechtsnationalen Partei ihre Stimme gegeben.

Dalarna liegt nicht im Süden, aber auch nicht im Norden. Der Norden Schwedens – den man eigentlich so ein bisschen als das Ostdeutschlands Schweden verstehen könnte – ist irgendwie nicht wirklich SD-affin.

Mit Ausnahme von Västernorrland (20,7 Prozent) liegen alle nordschwedischen Provinzen unter dem Landesdurchschnitt. Norrbotten (20,3) und Jämtland (20,1) nur knapp. Västerbotten aber überrascht mit 14,5 Prozent. Das unterbietet sogar die Provinzen Stockholm (15) und Uppsala (15,7). – Und das ist eigentlich ziemlich grandios für eine Provinz, in der im Winter pro Tag etwa eine Stunde die Sonne scheint.

Wo man in Schweden vielleicht nicht tot übern Zaun hängen will, aber trotzdem häufiger stirbt

Und damit kommen wir auch schon zum ersten Abgleich. Dass Nazis einem regelrechten Todeskult anhängen, hat schon Saul Friedländer in seinem Buch „Kitsch und Tod“ festgestellt. Aber ist das auch in Schweden so? Zieht der Schnitter die Schwedendemokraten an?

Die höchste Todesquote (Sterbefälle je Einwohner) hat Norrbotten mit 1,3 Prozent. Darauf folgt Västernorrland (1,1). Wir erinnern uns, letzteres war nur knapp über dem SD-Durchschnitt, Norrbotten, die nördlichste und flächenmäßig größte Provinz, unter dem SD-Durchschnitt. Das passt also nicht zusammen.

Und doch: direkt auf Platz 3 folgt Kalmar mit 1,1 Prozent. Kalmar weicht erst ab der dritten Nachkommastelle ab. Und auch die SD-Hochburg Blekinge ist mit Platz 5 prominent vertreten, Dalarna ist auf Platz 6. Gewisse Übereinstimmungen gibt es also schon. Aber wirkliche Korrelationen lassen sich hier nicht erkennen.

So ist Skåne hinsichtlich der Todesquote auf dem vorvorletzten Platz – was sich natürlich auch mit einem relativ niedrigen Durchschnittsalter, einer höheren Urbanisierung und einer besseren medizinischen Versorgung erklären lässt. Dazu passt, dass die urbanen Zentren Västra Götaland, Uppsala und Stockholm die Schlusslichter der Todesquote bilden.

Hier kann man sagen: Die Todesquote sagt eventuell nicht allzu viel aus.

Wo man sich in Schweden häufig mal einen rein stellt

Wir haben’s schon gehört: in Schweden wird tüchtig, aber weniger als in Deutschland gesoffen. Aber wo säuft man in Schweden eigentlich besonders ehrgeizig?

Ja, natürlich im Norden. Da ist es dunkel und kalt. Dementsprechend ist das nicht verwunderlich. Interessant ist allerdings, dass das Geld mit dem Alkohol im Süden verdient wird. Wobei teilweise in Mittelschweden produziert wird, damit das ganze Land beliefert werden kann. Gesoffen aber wird vor allem im Norden.

Laut System Bolaget-Statistik wurden in Jämtland 2024 pro Einwohner 8,8 Liter reinen Alkohols verkauft. Platz 2 entfällt auf den statistischen Ausreißer Värmland im Südwesten (8 Liter). Auf Platz 3 folgt Norrbotten (7,8), dann Västernorrland (6,1), Västerbotten (5,9), Dalarna (5,8). Auch hier ist das also nicht unbedingt ein Treffer für meine These.

Klar, in Dalarna trinkt man viel und wählt auch gern stramm rechts. Und auch Kalmar folgt schnell, wo Nationalismus und Suff gut zusammenpassen. Direkt danach kommt Gävleborgs Län, wo die SD 24,1 Prozent haben und 5,5 Liter pro Einwohner über die Theke gehen. Auch das ein kleiner Hinweis, dass Suff und Rechtsradikalismus gute Freunde sind.

Aber ja, so richtig zwingend lässt sich auch hier kein Zusammenhang feststellen. Es könnte aber sein, dass die System-Statistik auch gar nicht so schrecklich aussagekräftig ist. Sie erfasst schließlich nur, was auf offiziellem Wege gekauft wird. Gehen wir also mal zur nächsten Statistik.

Wo man in Schweden Probleme mit dem Alkohol hat

Diese Statistik stammt vom schwedischen Gesundheitsministerium und erfasst, wie hoch der Anteil derjenigen Personen an der Bevölkerung ist, die ein problematisches oder wenigstens riskantes Trinkverhalten an den Tag legen.

Das schwedische Gesundheitsministerium sieht es dabei als riskant an, wenn jemand mehr als 120 Gramm reinen Alkohol pro Woche zu sich nimmt oder bei mindestens einer Gelegenheit im Monat mehr als vier Bier trinkt. Das kann man relativ streng nennen. Auf der anderen Seite entsprechen 120 Gramm Alkohol mehr als zehn Gläsern Bier pro Woche. Das klingt schon nach riskantem Konsum.

Aber hilft die Statistik meiner These? Nein. Im Gegenteil. Riskanter Konsum ist ein Phänomen vor allen Dingen der urbanen Regionen und des Nordens. Ganz vorne ist die Provinz Stockholm mit 18 Prozent der Bevölkerung. Darauf folgen Uppsala (16,7) und Norrbotten (16) bzw. – kleiner Ausreißer – das Södermanland (16).

Und doch: Skåne und Blekinge, die beiden SD-Hochburgen sind mit ihren 15,5 bzw. 14,9 Prozent gar nicht so schrecklich weit weg vom Norden und seinem Trinkverhalten. In Jämtland sind es 15,7 Prozent mit einem Risikokonsum, in Västerbotten 15,5.

Und doch: Kalmar und Dalarna, in denen nun wirklich stark rechts gewählt wurde, scheinen ein geringes Problem mit dem Saufen zu haben. Was eigentlich merkwürdig ist, weil dort ziemlich viel Schnaps und Co. im System Bolaget verkauft wird. Das kann natürlich damit zu tun haben, dass der Risikokonsum auf einer Umfrage beruht, also selbstberichtet wurde. Die System Bolaget-Statistik beruht hingegen auf Fakten. Aber gut. Glauben wir Dalarna und Kalmar einfach mal.

Die Suizidrate in Schweden

Bisher haben wir keine wirklich starken Hinweise darauf finden können, dass Saufen oder Sterben die Wahrscheinlichkeit erhöht, die Schwedendemokraten zu wählen. Es gab leichte Hinweise. Dalarna, Kalmar, Skåne zum Teil – aber so richtig zwingend erschien das alles nicht.

Wie sieht es aber bei der vielleicht unbequemsten Statistik (neben der Kindersterblichkeit) aus, die ein Staat überhaupt erheben kann?

In ganz Schweden haben sich in den Jahren 2020 bis 2024 im Mittel 17,5 Menschen pro 100.000 Einwohnern das Leben genommen. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Rate bei 12,2. Und FYI: die Selbstmordstatistik wird in Deutschland von Sachsen und Sachsen-Anhalt angeführt. Dann folgt allerdings nicht Mecklenburg-Vorpommern, sondern Schleswig-Holstein (AfD: 16,3 Prozent). Dann Brandenburg (32,5). Und dann Mecklenburg-Vorpommern.

Zurück zu Schweden. Tatsächlich ist es so, dass die fünf Provinzen, in denen die Schwedendemokraten am meisten gewählt wurden, allesamt überdurchschnittliche Selbstmordraten aufweisen.

Am anderen Ende der Statistik ist der Zusammenhang weniger deutlich. Unter dem SD-Durchschnitt lagen Norrbotten, Jämtland, Uppsala, Gotland, Stockholm und Västerbotten.

Norrbotten, das finsterste, weil nördlichste Län Schwedens hat eine sehr hohe Suizidrate mit 19,9 pro 100.000 Einwohnern. In Jämtland ist es sogar noch heftiger, hier liegt die Suizidrate bei 24,7. Das ist die höchste in Schweden, definitiv eine der höchsten in Europa und wahrscheinlich sogar weltweit ziemlich weit oben. Zum Vergleich: 2021 lag die Suizidrate in Lesotho bei 28,66. Das war der höchste Wert der Welt. Jämtland würde in dieser Statistik an sechster Stelle zwischen Uruguay und Südafrika stehen.

Doch so traurig das Leben für viele in Jämtland und Norrbotten zu sein scheint, man wählt die Schwedendemokraten dennoch nicht – oder zumindest weniger als in anderen Provinzen.

Uppsala hat eine leicht überdurchschnittliche Suizidrate. Stockholm und die Sonnenscheininsel Gotland haben mit 15,6 eine Rate, die unter dem Landesdurchschnitt liegt. Und Västerbotten?

Tja. Wieder überrascht Västerbotten: Die Provinz mit dem langen Winter und dem Alkoholproblem ist nicht nur die Anti-Nazi-Provinz schlechthin, sie hat auch die niedrigste Selbstmordrate des ganzen Landes. Die ist mit 15,3 immer noch erschreckend hoch. Aber immerhin mehr als 2 Personen pro 100.000 niedriger als der schwedische Durchschnitt.

Und das alles verrät uns jetzt: was?

Wir haben uns zumindest eine ideelle Landkarte Schwedens erarbeitet. Trends sind dabei: im Süden wählt man erschreckend weit recht, im Norden trinkt man mehr und die Selbstmordraten sind ebenfalls höher. Interessant sind Fälle wie Kalmar und Dalarna: Hier sind die Selbstmordraten hoch, die SD-Quote ebenfalls.

Dennoch: ein Zusammenhang zwischen Saufen und Schwedendemokraten ließ sich nicht wirklich feststellen. – Dass in den Provinzen, in denen die Schwedendemokraten besonders stark waren, aber auch die Selbstmordraten hoch sind, ist schon auffällig.

Ohne viel zu viel interpretieren zu wollen, stellt sich bei mir ein Verdacht ein. Was haben Saufen, rechtsnationalistisch wählen und Selbstmord eigentlich strukturell gemein? Ich würde sagen, man könnte alle drei als zerstörerische Praktiken verstehen. Letzten Endes also als destruktive Verhaltensweisen. Was dabei zerstört wird, mag sich unterscheiden, aber die Destruktion ist meiner Auffassung nach das tertium comparationis.

Die Provinzen in Schweden, in denen die Schwedendemokraten stark sind, zeigen teilweise auch hohe Selbstmordraten und hohe Absatzraten für Alkohol. Das korreliert nicht unbedingt immer mit dem langen Winter, aber manchmal schon.

Klar geworden ist, dass der Alkoholkonsum oder die Selbstmordrate nicht als Prädiktoren für das Abschneiden der Schwedendemokraten dienen können. Und ich bin auch kein Statistiker, deswegen werde ich jetzt auch nicht behaupten, sie wären Mediatoren.

Schlussendlich bleibt vielleicht nur eine Erkenntnis: Man kann unter wirklich harten Bedingungen in einem ewig langen Winter leben, mit weiten Wegen, wenig Kontakt und extremer Kälte – und muss trotzdem nicht in destruktives Verhalten abrutschen. Västerbotten, diese Provinz gewordene statistische Anomalie, macht es vor.

Es wäre nicht schlecht, wenn Sachsen-Anhalt sich am 6. September ein Beispiel an Västerbotten nehmen würde.


Kommentare

Eine Antwort zu „Saufen, Selbstmord, Schwedendemokraten: Statistische Streifzüge durch ein widersprüchliches Land“

  1. Vielen Dank für Ihren anregenden Beitrag. Die Zusammenführung von Daten zu Alkoholkonsum, Suizid, Demografie und Wahlverhalten eröffnet interessante Fragestellungen. Zugleich erinnert sie an einen Grundsatz empirischer Wissenschaft: Eine statistische Korrelation ist noch kein Beleg für einen ursächlichen Zusammenhang. Politische Einstellungen, psychische Gesundheit und gesellschaftliche Entwicklungen entstehen regelmäßig aus einem komplexen Zusammenspiel wirtschaftlicher, kultureller, sozialer und historischer Faktoren.

    Aus wissenschaftlicher Sicht wäre eine vertiefende Analyse mit multivariaten Verfahren hilfreich, um Einflüsse wie Einkommen, Bildungsniveau, Urbanisierung, Altersstruktur, Migration, Gesundheitsversorgung oder regionale Wirtschaftsbedingungen voneinander zu trennen. Gerade die von Ihnen genannten Ausnahmen zeigen, dass einfache Erklärungsmodelle der gesellschaftlichen Wirklichkeit häufig nicht gerecht werden.

    Ethisch verdient besondere Beachtung, dass Suizid niemals auf eine politische Haltung oder regionale Identität reduziert werden darf. Hinter jeder Statistik stehen einzelne Menschen, Familien und Lebensgeschichten. Der verantwortungsvolle Umgang mit solchen Daten verlangt daher Empathie ebenso wie methodische Genauigkeit.

    Historisch zeigt sich zudem, dass gesellschaftliche Polarisierung selten aus einem einzelnen Faktor entsteht. Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit, Vertrauensverlust in Institutionen, soziale Isolation und kulturelle Konflikte können politische Präferenzen beeinflussen, ohne diese vollständig zu erklären. Demokratische Gesellschaften sind deshalb gefordert, Ursachen differenziert zu analysieren, anstatt vorschnelle Schlussfolgerungen zu ziehen.

    Auch mathematisch gilt: Die Aussagekraft statistischer Modelle hängt von der Qualität der Daten, der Größe der Stichprobe und der Robustheit der Methodik ab. Gerade dort, wo Ausreißer oder Gegenbeispiele auftreten, gewinnen wissenschaftliche Bescheidenheit und transparente Interpretation an Bedeutung.

    In einer Zeit zunehmender gesellschaftlicher Spannungen erscheint es besonders wichtig, politische Debatten auf überprüfbare Fakten, rechtsstaatliche Prinzipien und den Respekt vor der Würde jedes Menschen zu gründen. Wissenschaft sollte dabei Brücken bauen – nicht durch Vereinfachung, sondern durch sorgfältige Analyse, kritisches Denken und die Bereitschaft, komplexe Wirklichkeiten differenziert zu verstehen. „Mit Unterstützung von KI erstellt und redaktionell überprüft.“

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