Ich müsste ein Faible für Buchen haben, schließlich leitet sich mein Lieblingsgegenstand etymologisch und faktisch von ihnen ab. Meine Nachbarn hätten es gern, wenn ich ein Faible für Eichen und Linden hätte. Tatsächlich habe ich ein Faible für Birken und Kiefern. Und müsste ich zwischen diesen beiden wählen, in jeder möglichen Welt wählte ich immer, und zwar wirklich immer: die Kiefer. Ich liebe sie.
Das Problem der Kiefer: sie brennt gut
Aber die Kiefer hat ein Problem: Sie ist mitverantwortlich für die katastrophalen Waldbrände, die Europa dieses Jahr bereits ereilt haben. – Dass an diesem Satz mindestens zwei Sachen falsch sind, weiß ich. Natürlich ist die Kiefer nicht Schuld daran, dass sie in Monokulturen zu Gewerbezwecken angepflanzt wird. Und zweitens haben uns diese Brände nicht ereilt, sondern sind durch unseren Hunger nach billigem Holz und natürlich durch den Klimawandel, den wir selbst hervorrufen, verursacht worden.
Die Kiefer – das sagt bereits die Zwischenüberschrift – brennt gut. Sie hat sehr viel Harz, hinterlässt ohne Ende Nadeln und leere Zapfen am Boden, sie ist der Waldbrandbaum schlechthin. Wenn in Deutschland der Wald brennt, dann kann man sich in der Regel darauf verlassen, dass das ein Kiefernwald war. Insbesondere die Monokulturen machen das Ganze noch schlimmer, weil dadurch eben mehr Harz, mehr Nadeln – und mehr Trockenheit herrschen. – Wie? Mehr Trockenheit, warum das denn? Dazu kommen wir gleich.
Welche Kiefer ich meine, wenn ich von Kiefern spreche
Sagte ich schon, dass ich ein Faible für Kiefern habe? Nein? Gut, ich hab eins. Ein massives. Kiefern sind Zuhause: ich wurde auf Rügen geboren. Meine Familie stammt, sofern sie nicht von der Ostseeküste stammt aus dem, was mal Preußen war – mein Prototyp eines Baumes ist eine Kiefer. Heißt, wenn einer zu mir sagt: Denk an einen Baum, dann denk ich an eine Kiefer.
Und zwar nicht an irgendeine fancy Pinie oder an Allgäuer Latschenkiefer oder so was. Nein, ich rede von der wunderbar ordinären Waldkiefer. Pinus Sylvestris. Zuerst beschrieben, natürlich, vom guten alten Carl von Linné. So richtig überraschen kann das nicht, denn die vielleicht schönsten Waldkiefern wachsen in Linnés Heimatland Schweden.
Die Kiefer: die vielleicht schönste Überlebenskünstlerin der Welt
Doch die gewöhnliche Waldkiefer ist gar nicht so gewöhnlich. Sie ist sogar ziemlich faszinierend. Ich sagte ja oben, dass die Kiefer zu mehr Trockenheit führt. Und das ist auch so. Denn die Kiefer kann über ihre Nadeln Feuchtigkeit direkt aufnehmen. Nebel, Regen – das kommt bei einer Kiefer vielleicht gar nicht erst am Boden an.
Doch selbst wenn Wasser am Boden ankommt, holt sich das die Kiefer. Schließlich reichen ihre Pfahlwurzeln bis zu acht Meter in die Tiefe. Ihre Seitenwurzeln können sogar bis zu 16 Meter lang werden. „Eck benn alldoa“, sagt die Kiefer zum Wassertropfen. Und hat verdammt recht damit.
Die Kiefer wächst auf so ziemlich allem. Sie kann nicht nur extrem alt werden – angeblich gibt es eine 1000-jährige Kiefer in Lappland, das normale Höchstalter liegt bei 500 Jahren –, sie ist auch über mehr oder weniger komplett Eurasien verbreitet. Ob in Japan, Russland oder Frankreich die Kiefer ist da. Und auch Höhen machen ihr eher wenig aus. Es gibt Kiefern auf deutlich über 2.000 Metern. Es gibt Kiefern direkt am Meer. Sehr fotogen auf Hiddensee, Usedom und Rügen.

Die Kiefer und die Konkurrenzschwäche
Sie ist überall. Aber: sie wächst nicht nur auf beschissenen Böden, sie macht Böden auch beschissen. Allerdings ist auch das wieder ein Problem der Monokultur. In Mischbeständen kommt dieses Problem weniger zum Tragen. Dafür gibt es in Mischbeständen ein anderes Problem. Die Kiefer ist ausgesprochen konkurrenzschwach. Das mag man sympathisch finden, das ist aber ein Problem – und zwar vor allem für die Kiefer selbst.
Die Kiefer braucht viel Licht, bekommt sie das nicht, geht sie ein. Und das ist auch der Grund, warum die Kiefer auf so schlechten Böden gedeiht – und vielleicht ist es auch der Grund, warum sie die Böden schlechter macht, als sie mal waren – quasi aus Selbstschutz, eine Taktik der verbrannten Erde.

Die Kiefer muss dort wachsen, wo andere nicht wachsen können. Denn andere stechen sie aus. Die Kiefer ist ein Pionier- oder Katastrophenbaum. Da sind wir wieder beim Waldbrand. Wenn irgendwo ein Waldbrand war, dann ist es nicht nur wahrscheinlich, dass dort mal ein Kiefernwald stand, dann ist es auch wahrscheinlich, dass dort einer entsteht.
Der Katastrophenbaum Kiefer
Kiefern wachsen nämlich extrem gut auf Ascheböden. Sie wachsen auch gut auf Fels. Sie wachsen auch gut auf Sand. Wo immer eine ökologische Katastrophe war, fühlt sich die Kiefer wohler als alle anderen. Um das sympathisch zu finden, muss man schon ein wenig nachdenken. Wobei: immerhin bedeutet es, dass die Kiefer das Leben zurückbringt. Sie ist quasi der Zweig, den die Taube zu Noah trägt. Die Kiefer ist der Indikator der Lebensfähigkeit. Nach der Apokalypse wird sie uns ankündigen, dass wir die Waffen langsam wieder niederlegen können (oder so).
Das ist sogar tatsächlich schon einmal passiert. Im ausgehenden Mittelalter gab es in Europa relativ viele Wüstungen. Also Landstriche, die durch verschiedene Katastrophen radikal heruntergewirtschaftet waren. Um der Problematik Herr zu werden, begann man mit dem Anpflanzen von Kiefern. Fichten, Eichen und so weiter wären auf diesen Böden überhaupt nicht zum Zug gekommen. Die Kiefern aber florierten.
Wie steht es denn nun um die Kiefer?
Und da sind wir genau bei der Frage dieses Artikels: Ist die Kiefer ein konkurrenzschwaches Auslaufmodell? Eine forstwirtschaftliche Publikation aus dem Jahr 2007 – dem Jahr, in dem die Waldkiefer zum Baum des Jahres ernannt wurde – geht davon aus, dass sie zwar langfristig an forstwirtschaftlicher Bedeutung verlieren werde – zu schlecht für den Boden, zu gering der Ertrag – ein Auslaufmodell sei sie aber nicht. – Und das ist eben nur die forstwirtschaftliche Perspektive.

Zwar hat die Kiefer laut Waldzustandsbericht 2025 durchaus mit Stress zu kämpfen. Aber: sie ist immer noch der häufigste Baum in Deutschland. Fast 22 Prozent aller Bäume sind Kiefern. In Brandenburg macht sie sogar ca. 70 Prozent aller Bäume aus. Landschaftliche Schönheit und Kiefernanteil stehen – so würde ich das mal diplomatisch ausdrücken – in einer eindeutigen Korrelation.
Die Kiefer ist aber nicht nur der häufigste Baum, sie ist auch – gemessen an der sogenannten Kronenverlichtung – der gesündeste Baum Deutschlands. Allerdings zeichnet sich gerade eine rapide Verschlechterung ab. Die Nachricht ist also nur halb gut. Wenn überhaupt.
Nein – die Kiefer ist kein Auslaufmodell
Klar ist jedenfalls, dass die Kiefer in keiner Weise ein Auslaufmodell ist. Sie kommt mit Trockenheit, Kälte und Hitze eigentlich ziemlich gut klar. Wo etwas den Bach runtergeht, strebt sie nach oben – und unverschämt gut sieht sie dabei auch noch aus.
Allerdings ist der so hohe Kiefernbestand – und da schließt sich der Kreis dann wieder – auch ein Problem. Dass Brandenburg voller Kiefern ist, liegt nicht nur an den Sandböden, sondern auch an Friedrich, dem Zweiten, genannt: der Große. Der ließ riesige Kiefernwälder anpflanzen. Anspruchslos, ästhetisch und ziemlich gut verwertbar als Bau- und Feuerholz, war und ist die Kiefer ein echter Brotbaum der preußisch-deutschen Forstindustrie. Und genau das ist eigentlich gegen ihre Natur.
Die Kiefer: nicht nur Über-, sondern Lebenskünstlerin
Denn die Kiefer, soviel haben wir gelernt, ist ein Pionier, ist so eine Art Bohème. Sie siedelt, wo keiner siedeln kann. Sie überlebt, wo kein anderer überlebt und wenn man sie einfach lässt, dann bereitet sie das Terrain für die, die nach ihr folgen. Und von denen wird sie dann – Stichwort: Konkurrenzschwäche – verdrängt.
Die Kiefer ist so ein bisschen das Lebenskünstlervölkchen, das den großen Gentrifizierungswellen vorausgeht. – Und weil ich merke, wie problematisch dieser Vergleich eigentlich ist, setze ich nochmal an.

Die Kiefer – der antibürgerliche Baum
Die Kiefer ist eigentlich kein Massenbaum. Das vergesellschaftete bürgerliche Dasein ist dieser sanften und vielseitigen Schönheit einfach versperrt. Sie gedeiht in der Einsamkeit, in der Fremde. Wird diese zum Heim des Volks, muss sie weiterziehen, immer dem Horizont nach, immer fernab der Kultur. Dabei ist sie häufig gar nicht so konventionell hübsch wie jene lauten, pompösen Alleenbäume, die schnurgerade und ekelhaft selbstgerecht sich in den Himmel eregieren.
Die Kiefer mag dabei nicht frei von Zynismus sein, schließlich wächst sie am unbekümmertsten dort, wo jüngst noch die Apokalypse herrschte. Und doch, sie ist der Inbegriff einer schönen Seele. Schroff, tapsig vielleicht und gottlos einsam. Wäre Nietzsche ein Baum, er wäre eine Kiefer. – Und ich hoffe, dass irgendjemand das Gleiche einmal über mich sagt.

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