Trampelpfad & Holzweg. Was Wandern mit der Sprache zu tun hat.

Die Trampelpfadtheorie der Sprache eine Theorie zu nennen, geht eigentlich viel zu weit. Deswegen tut es auch niemand. Der Trampelpfad ist eine Metapher für den Weg des Sprachwandels.

Heute geht es um Wege, die Sprache und was sie miteinander zu tun. Dabei hat der Trampelpfad, eben weil er so schön linguistisch überhöht wurde, das erste Wort.

Das Trampelpfad-Modell des Sprachwandels (Rudi Keller)

Die Metapher des Trampelpfads in den linguistischen Diskurs eingeführt hat Rudi Keller von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Angeblich – so jedenfalls schildert er es selbst – ist ihm eines Tages aufgefallen, dass es überall auf dem Campus Trampelpfade gibt.

Das ist auch der Fall. Die HHU ist eine Campus-Uni, deren Grundriss an ein Schiff erinnern soll. Im Endeffekt führt dieser Grundriss allerdings dazu, dass es relativ viele Ecken und Kanten gibt, die Umwege darstellen. Dazwischen sind Rasenflächen – und die sind sehr häufig tatsächlich vertrampelpfadet.

Die Intelligenz der Faulheit

Keller sagt: „Bei genauerem Studium [fällt auf], dass das Netz der Trampelpfade viel intelligenter ist als das von den Architekten geplante Netz von gepflasterten Wegen.“

Freilich sei Intelligenz hier in erster Linie ein Synonym von Faulheit. „Je fauler und bequemlicher unsere Studenten sind, desto intelligenter wird das Netz der Trampelpfade.“

Trampelpfade folgen eigentlich keinem richtigen Plan. Dennoch sind sie systematisch. Und das gleiche gilt für die Sprache: sie ist fast ein Naturphänomen (also ungeplant), gleichzeitig hat sie aber auch Züge eines Artefakts (ist also systematisch). Sprache ist damit ein Phänomen der dritten Art, wie Keller in Anlehnung an Steven Spielberg sagt: sie ist weder ganz Natur noch ganz Kultur und vor allem irgendwie beides.

Der Trampelpfad und der Sprachwandel

Aber was hat der Trampelpfad mit dem Sprachwandel zu tun? Nun, Sprachwandel funktioniert wie ein Trampelpfad. Die Wiese zu kreuzen um schneller an sein Ziel zu kommen, wird nur dann einen Trampelpfad ergeben, wenn viele Leute exakt diesen Weg nehmen. Der Weg bietet sich durch irgendeine Weise an.

Genauso ist mit der Sprache: Wir benutzen Sprache, um an ein Ziel gelangen. Wenn wir heute also zum Beispiel das Dativ-E weglassen oder den Genitiv trotz aller ideologischen Überhöhung zugunsten des Dativs (ohne E, versteht sich) über Bord werfen, dann tun wir das unter Umständen aus Faulheit.

Am Anfang mag es dann noch einige Leute geben, die das als fehlerhaftes Deutsch zu stigmatisieren suchen (und das sind fast niemals Sprachwissenschaftler und auch unter den Schriftstellern ist dieser Sprachpurismus relativ selten). Irgendwann setzt es sich aber durch. Voilà: Ein Trampelpfad ist entstanden. Einfach weil viele, viele Leute nacheinander den „Fehler“ begangen haben, den Weg abzukürzen.

Vom Trampelpfad zum Holzweg

Der Trampelpfad – sowohl der metaphorische als auch der tatsächliche – zeichnet sich aber nicht nur durch seine Systematizität aus. Der Trampelpfad, jeder Trampelpfad, hat ein Ziel.

Jetzt könnte man natürlich sagen, dass das für jeden Weg gelte. Und zur Not, erklärt man eben den Weg zum Ziel. Was ziemlich abgegriffen, aber dennoch irgendwie eine ewige Wahrheit ist.

Es gibt aber Wege, die haben zwar eine Funktion, aber kein richtiges Ziel. Das heißt, sie führen eigentlich nirgendwo hin. – Wobei: eigentlich ist auch das nur halb richtig. Aber halb richtig ist ziemlich weit weg von falsch. Und das genügt mir. So oder so: Die Rede ist von Holzwegen.

Der Holzweg: mehr als eine Metapher

Der Trampelpfad war schon immer da und wurde erst von Rudi Keller zur Metapher gemacht. Der Holzweg war gefühlt schon immer eine Metapher und nie ein echter Weg. Aber das stimmt nicht. Forstarbeiter wussten das natürlich, aber wir verstädterten Germanistikstudenten mussten erst Heidegger lesen, um zu erfahren, was Holzwege sind.

„Holzwege“ ist ein von Martin Heidegger herausgegebenes Buch von 1960, das man Anfänger-Fanboys und -girls wirklich nur empfehlen kann. Dadrin sind die Evergreens „Der Ursprung des Kunstwerkes“, „Das Zeitalter des Weltbildes“ und mein persönliches Trostbüchlein „Wozu Dichter?“. Alles schön und gut.

Heideggers Holzweg

Vor allem aber gibt es in den Holzwegen ein Motto:

„Holz lautet ein alter Name für Wald. Im Holz sind Wege, die meist verwachsen jäh im Unbegangenen aufhören. Sie heißen Holzwege. Jeder verläuft gesondert, aber im selben Wald. Oft scheint es, als gleiche einer dem anderen. Doch es scheint nur so. Holzmacher und Waldhüter kennen die Wege. Sie wissen, was es heißt, auf einem Holzweg zu sein.“

Man erkennt am letzten Satz, dass Heidegger doch fast so etwas wie Humor hat. Aber darum geht es nicht. Der Holzweg ist der Weg, den man benutzt, um Holz zu schlagen. Rückwärts verlässt man ihn wieder. Er ist damit ein Weg, der zwar schon irgendwo hinführt, aber er führt halt auch ins Nirgendwo.

Der Holzweg ist der Weg, der dich nicht an ein Ziel bringt. Auf dem Holzweg zu sein, bedeutet, nirgendwo anzukommen. Auf die Sprache bezogen ist der Holzweg der Weg in die Schreibblockade oder in die Stille. Der Holzweg führt höchstens zu der einen Frage: Wo zur Hölle bin ich?!

Und da das Fragen bei Heidegger immerhin die „Frömmigkeit des Denkens“ ist, ist das Fragen schon ziemlich viel und eigentlich ist die Frage die Antwort und nicht die Antwort selbst. „Das Fragen baut an einem Weg.“ So heißt es im gleichen Text („Die Frage nach der Technik“). Das Fragen ist nicht der Weg, sondern der Weg führt zum Fragen. – Ich finde das deep. Aber ich könnte da auch auf einem massiven Holzweg sein.

Der Waldweg als Synthese aus Trampelpfad und Holzweg

Und so möchte ich zum letzten meiner Wege kommen. Eigentlich zu dem Weg, der mich überhaupt diese Überlegungen hat anstellen lassen. Der Waldweg. Und da ich gerade in einem Land mich befinde, das noch einen richtigen Wald hat, habe ich mich heute auf einer sonntäglichen Promenade im Wald wiedergefunden.

Und zwar ein wenig verloren: Zwischen zwei Markierungen, unsicher, ob das da unter mir noch Trampelpfad, Holzweg oder auch einfach natürliche Ablaufrinne für Regenwasser war.

Waldwege hier in Schweden sind anders als diese Wege, die wir in Deutschland in unsere Kunstwälder fräsen. Phänomenologisch könnten sie bestenfalls als Trampelpfade bezeichnet werden. Und wenn sich die Flora im Sommer nicht mehr halten kann, dann sind diese Pfade auch ziemlich schnell ziemlich überwuchert.

Das freut den guten alten Holzbock, den kurzbehosten Wanderer eher weniger. Aber auch das ist ein anderes Thema. Es geht vielmehr darum: der Weg ist grundsätzlich ein Trampfelpfad, aber er muss immer wieder zu einem ideellen Weg werden. Denn da ist oftmals eben nichts, was noch irgendwie zertrampelt werden könnte. Wenn es an die Felsen geht, dann hilft es nicht einmal mehr, die Abwesenheit von Moos zum Indikator aufzupumpen. Denn genau das ist diese Frage: Ist das noch Ablaufrinne oder schon Weg?

Was dabei aber entsteht ist ein Wandern, das man aus so freundlichen Gegenden wie dem Harz oder dem Sauerland einfach nicht kennt: der Weg, phänomenologisch ein Trampelpfad, wird – strukturell – zum Holzweg. Zum Weg ohne Ziel. In der großen Unsicherheit zwischen zwei Markierungen bleibt die als nordischer Wanderer gar nichts anderes übrig als einfach zu vertrauen.

Die Demut des Städters im schwedischen Wald

Was ich zum Ausdruck bringen will ist folgendes: In diesen Momenten, in denen du einfach vertraust, wird die Grenze zwischen dem Pfad, dem du folgst und dem Pfad, den du steckst, ungemein porös.

Vielleicht folgst du in diesen Momenten immer nur dir selbst. Vielleicht aber auch dem Ruf einer Sprache, an der du gerade tüchtig mitschreibst. Auch auf die Gefahr hin, dass du dich verschreibst, dass du nicht an ein Ziel kommst, sondern im Selbstgespräch versackst.

Und doch ist Vertrauen immer noch angebracht. Du wirst zwar immer wieder den Glauben daran verlieren, dass es wirklich ein Pfad ist, auf dem du dich bewegst, dem du folgst – aber auf einer höheren Ebene ist es mit dem Waldweg und dem Holzweg wie mit dem Brief, der seinen Adressaten immer erreicht: jeder Weg führt an ein Ziel.

Es gibt keine Garantie, dass dieses Ziel das war, das du dir im Vorhinein ausgemalt hast. Aber du hast die Freiheit, es zu deinem zu machen.


Kommentare

5 Antworten zu „Trampelpfad & Holzweg. Was Wandern mit der Sprache zu tun hat.“

  1. Lieber Johannes,

    vielen Dank für diesen anregenden Beitrag. Die Metaphern von Trampelpfad und Holzweg zeigen eindrucksvoll, wie Sprache, Denken und Erfahrung sich gegenseitig prägen. Zugleich erinnert die Geschichte, die Philosophie und auch die Wissenschaft daran, dass nicht jeder häufig begangene Weg automatisch der Wahrheit oder dem Guten näherkommt. Kritisches Fragen, Quellenprüfung und ethische Verantwortung bleiben unverzichtbar. Auch aus religiöser Sicht ist der Weg des Menschen von Freiheit, Irrtum, Umkehr und Hoffnung geprägt. Deshalb würde ich ergänzen: Nicht jeder Weg führt zum Ziel – oft führt die innere Unruhe des reflektierenden Menschen durch ein undurchsichtiges Labyrinth. Entscheidend ist, mit Demut, Wahrhaftigkeit und Respekt weiterzusuchen.

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    1. Lieber Hand,

      Danke für diesen weiteren, wundervollen Kommentar. Es ist eine Freude zu sehen, wie schöpferisch du mit meinen Textlein umgehst. Tatsächlich ist der Sprung (oder Sturz) vom Weg zum Labyrinth etwas, worüber ich mir beim Schreiben auch noch Gedanken gemacht habe. Der nächste Text wird es wohl nicht leisten können, aber ich habe bereits etwas zum Minotaurus in der Pipeline.

      Davon abgesehen möchte ich deinen letzten Satz ausdrücklich unterschreiben. Es ist die entscheidende Trias. Oft vergesse ich das.

      Liebe Grüße

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  2. Avatar von
    Anonymous

    Auf Saumpfaden säume ich gern
    und wandle in tiefem Sinnen,
    verwandle Saum in Traum
    und wende mich ganz nach innen…

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    1. Dein poetischer Text führt in eine tiefe Betrachtung des menschlichen Daseins: Der „Saum“ zwischen Außenwelt und Innenleben wird zum Übergang zwischen Wirklichkeit, Erinnerung und Hoffnung. Aus philosophischer Sicht erinnert dies an die Suche nach Sinn, wie sie etwa in der Existenzphilosophie beschrieben wird: Der Mensch ist nicht nur Beobachter der Welt, sondern trägt Verantwortung für seine Entscheidungen in ihr.

      Auch wissenschaftlich betrachtet bleibt der Mensch ein verletzliches Wesen in einem komplexen System aus Natur, Gesellschaft und Geschichte. Unsere Erkenntnisse über Kosmos, Evolution und Bewusstsein zeigen Demut gegenüber der Größe des Ganzen. Die Mathematik beschreibt Strukturen und Wahrscheinlichkeiten, aber sie ersetzt nicht die ethische Frage, wie wir mit Wissen und Macht umgehen.

      Gerade in einer Zeit globaler Spannungen, Kriege und politischer Unsicherheiten erinnert Dein Gedicht daran, dass Menschlichkeit, Mitgefühl und Wahrhaftigkeit keine Schwächen sind, sondern Grundlagen jeder friedlichen Ordnung. Viele religiöse Traditionen teilen diesen Gedanken: Der Mensch ist nicht absoluter Schöpfer aller Dinge, sondern Teil einer größeren Schöpfung und damit zum verantwortungsvollen Handeln aufgerufen.

      Die Feder, die Geschichte aufschreibt, sollte deshalb nicht Herrschaft und Selbstüberhöhung verewigen, sondern Wahrheit, Würde und die Hoffnung auf Versöhnung bewahren. Vielen Dank für diese Einladung zur inneren Einkehr.

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  3. […] Ausreißer Värmland im Südwesten (8 Liter). Auf Platz 3 folgt Norrbotten (7,8), dann Västernorrland (6,1), Västerbotten (5,9), Dalarna (5,8). Auch hier ist das also nicht unbedingt ein Treffer für […]

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