„Nur noch ein Gott kann uns retten.“ – Heideggers letzter Gruß.

„Nur noch ein Gott kann uns retten“ – das ist die Überschrift eines länglichen Interviews, das Rudolf Augstein und Georg Wolff mit einem einigermaßen bekannten Husserl-Schüler am 23. September 1966 geführt haben.

„Nur noch ein Gott kann uns retten“ (und nicht: „Nur ein Gott kann uns noch retten“, wie Hans-Thomas Tillschneider seinen merkwürdigen Artikel über die angeblich allein seligmachende Orthodoxie eröffnet) – das ist auch eine Aussage aus diesem Interview. Und irgendwie ist sie, wie das bei Hütten-Martin durchaus mal der Fall ist, ein bißchen viel heiße Luft. Aber der Reihe nach.

Wofür dieses Interview?

Dieses Interview ist eigentlich zweigeteilt: Der eine Teil ist unglaublich traurig. Der andere… Naja auch, aber auf diese gute Heidegger-Art, auf diese die-Welt-ist-scheiße-Gott-tot-das-Nachdenken-im-Arsch-Weise, die halt schon irgendwie geil ist: Philosophie, wie man sie im Angesicht der Katastrophe noch weiterführen kann. Heidegger halt. Ich bin ein Fan (allerdings kein Fachmann).

Jedenfalls ist der erste Teil auch der, der auf dem Cover der Spiegelausgabe vom 31. Mai 1976 genannt wird: „Der Philosoph und das Dritte Reich“ – und darum geht es auch im ersten Teil des Interviews.

Aufmerksame Leser*innen denken sich jetzt natürlich: „Moment, zwischen Interview (23. September 1966) und Publikation (31. Mai 1976) liegen ja fast zehn Jahre.“ – Stimmt: Heidegger gab das Interview, das sich über ein Dutzend Seiten erstreckt, nur unter der Prämisse, dass es posthum publiziert würde. Ich bin zwar nicht vom Format eines Rudolf Augstein, aber soviel weiß ich Kleinstjournalist doch: man muss schon ein Heidegger sein, um sowas fordern zu können. – Doch was steckt eigentlich dahinter?

Chef-Nazi oder Opportunist?

Ich persönlich würde sagen, dass dahinter ein ziemlich Heidegger’sches Gefühl steckt: die Angst. Angst wohl auch vor Widerspruch. Denn wenn man Hannah Arendt und anderen Wegbegleitern Glauben schenkt, dann war Sankt Martin tatsächlich kein großer Freund des Widerspruchs. Man könnte gar meinen, er habe ihn ein bisschen gefürchtet – und sich deshalb in eine Diktion gerettet, gegen die eigentlich kaum zu argumentieren ist, da sie doch vor allem Dichtung ist. Harry G. Frankfurt würde sie wahrscheinlich Bullshit nennen.

Heidegger jedenfalls hat es sich da ein bisschen einfach gemacht und das nicht nur durch die ausbedungene Publikationssperre, sondern auch, indem er sämtliche Fragen zu seinem Engagement im Nationalsozialismus abbügelt.

„Die Herrlichkeit und Größe des Aufbruchs“

Natürlich wird die Rektoratsrede von 1933 angesprochen („wir wollen, daß unser Volk seinen geschichtlichen Auftrag erfüllt“) und die beiden Journalisten halten Heidegger seine Formulierung „Herrlichkeit und Größe des Aufbruchs“ vor. Und der lenkt sogar ein. Also ein bisschen.

Er sagt, er stehe da noch zu. Aber – und das Aber ist ein großes – es gab ja viel Schlimmere: „Ich könnte hier, nur um ein Beispiel zu nennen, einen Aufsatz von Eduard Spranger zitieren, der weit über meine Rektoratsrede hinausgeht“.

Und genau so geht es halt weiter. „Verleumdung“, ruft er aus – und ist sich auch nicht zu blöd, Helene Weiß, eine jüdische Studentin, als Beispiel dafür zu missbrauchen, dass er ja nie etwas gegen Juden gehabt hätte. Ein bißchen wie der Ruhrpott-Nazi, der seinen „Gemüse-Ali“ als Ausrede benutzt. Klar, Heidegger drückt das alles schon vornehmer aus – aber es ist ermüdend. Und traurig. Und irgendwie ziemlich erbärmlich.

Die Diskussion um die schwarzen Hefte mache ich hier mal nicht auf und verlinke einen Text, der sich damit – sagen wir mal: engagiert – auseinandersetzt.

Heidegger: „Nur noch ein Gott kann uns retten“

Der zweite Teil des Interviews ist besser. Aber natürlich hat Heidegger durch die plumpe Selbstverteidigung auch Schaden genommen. Es empfiehlt sich daher, auf Seite 206 eine kleine Pause einzulegen, denn jetzt kommt der gut-traurige Heidegger: der mit dem Ge-Stell, der nur noch von einem Gott oder nur von noch einem Gott gerettet werden will und kann.

Die ewige Technik – das öde Gestell

Das Problem nach Heidegger ist die „planetarische Technik“ – also eine Technik, die weltumspannend ist und den Menschen als das kleine Dasein, das er ist, längst überflügelt hat. Das beginnt nicht erst bei der Atombombe, das ist schon bei der Dampfmaschine so. Der Mensch und die Welt, so Heidegger, werden zur Ressource. Der Mensch ist der Appendix der Maschine – manch einer mag das nachempfinden, wenn er mit Claude spricht.

Aber auch das fängt schon früher an: Wir Google-Besucher sind nicht Herren über die Suchmaschine, sondern das Signal, das die Suchmaschine braucht, um zu arbeiten. Man kann uns als Nahrung der Suchkrake verstehen. Wir bilden uns nach wie vor ein, autonom zu sein, Gebieter der Technik – tatsächlich existieren wir, damit die Technik Material hat. Wir sind die Astronauten in Hals Gewalt.

Kubrick, Matrix oder Heidegger? „Unheimlich ist, dass es funktioniert“

Das ist Matrix, sagen die einen. Das ist aber vor allem Heidegger, meinen die anderen. Heidegger ist niemals weit weg von Science Fiction. Sein Weltbild erinnert an Stanisław Lems „Eden“. Eine Maschinenwelt, die sich fortsetzt, unmenschlich, nachmenschlich.

Ob Heidegger der Rekurs auf Freud klar oder auch nur wichtig ist, weiß ich nicht. Jedenfalls sagt er: „Es funktioniert alles“ (die Maschinen, die Technik, das Ge-Stell).

Und: „Das ist gerade das Unheimliche, daß es funktioniert und daß das Funktionieren immer weiter treibt zu einem weiteren Funktionieren und daß die Technik den Menschen immer mehr von der Erde losreißt und entwurzelt.“

Und ja, unter den Vorzeichen der KI ist das schon irgendwie unüberwunden – und vielleicht auch unüberwindbar. „Das ist keine Erde mehr, auf der der Mensch heute lebt.“ Und das kann man für rechte Technophobie halten, das kann man aber auch ernst nehmen und sich einmal umschauen.

Die Wüste wächst – und wird zum Post

Es ist nicht viel um uns, das nicht schon überformt wäre. Es ist eigentlich nichts, was nicht irgendwie überformt wäre, weil wir in uns die Brille der Technik schon längst angelegt haben. Geh in die Atacama-Wüste und du wirst possible Posts sehen.

Und wenn du meinst, das ist gar nicht so, ich hab das alles im Griff, eigentlich bin ich sogar ziemlich frei vom technischen Einfluss… Dann denk nochmal nach. – Und wenn du immer noch überzeugt bist, frei zu sein vom Gestell, dann ist dir eigentlich auch nicht mehr zu helfen. Aber auch das ist normal.

Der Gott, der uns… Oder: „Die Philosophie ist am Ende“

Heidegger jedenfalls sieht keine Rettung mehr. Denn: „Bloß menschliches Sinnen und Trachten“ werde „keine unmittelbare Veränderung des jetzigen Weltzustandes bewirken können.“ Und genau hier kommt er, der Gott, der uns noch retten kann.

Aber vielleicht macht er das gar nicht. Vielleicht tritt er bloß als Abwesenheit auf, im Untergang. Vielleicht auch nicht. Der Punkt ist, dass hier so wunderbar großkotzig gilt: „Die Philosophie ist am Ende.“ Und warum? Na, weil der letzte Gedanke von Heidegger bereits gedacht worden ist.

Sagt zumindest Heidegger.

Die Kybernetik. Oder: wie man ein Interview vor die Wand fährt

Aber wenn die Philosophie am Ende ist – was kommt denn dann? Und hier macht Heidegger eine interessante Aussage, die die beiden Oberklassejournalisten – unglaublich eigentlich – einfach so stehen lassen.

Spiegel: Und wer nimmt den Platz der Philosophie jetzt ein?

Heidegger: Die Kybernetik.

Spiegel: Oder der Fromme, der sich offenhält?

Wow. Oder auch: wie verkackt man ein Interview mit Anlauf?

Ich meine: Hier wird es doch tatsächlich spannend. Vorher predigt Heidegger halt, letzten Endes spricht er von einer Art Kierkegaard’schem Sprung: halte dich offen für die Ankunft oder Abwesenheit des Gottes. Okay. Aber dieser Kybernetik-Passus. Was ist das?

Tja – und jetzt mach ich mal den Augstein.

Denn genau das ist die große Frage, mit der ich diesen Text vorerst auslaufen lassen möchte. Wir werden darauf zurückkommen. Die Kybernetik – Eden – AI. Was hat der Meisterdenker von Freiburg gemeint? Und was hat er uns hinterlassen mit diesem Meinen?


Kommentare

2 Antworten zu „„Nur noch ein Gott kann uns retten.“ – Heideggers letzter Gruß.“

  1. Vielen Dank für diesen differenzierten Beitrag. Heideggers philosophische Fragen nach Technik, Wahrheit und dem Menschen bleiben anregend, zugleich darf seine Nähe zum Nationalsozialismus weder relativiert noch ausgeblendet werden. Für mich entscheidet sich die Bedeutung eines „Meisters“ letztlich nicht an der Autorität seiner Worte, sondern daran, ob Wort und Tat der Wahrheit standhalten und sich in Verantwortung, Menschenwürde und Wirklichkeit bewähren. Gerade deshalb lohnt die kritische Auseinandersetzung bis heute.

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  2. […] auf Textwandel.org! Nachdem der letzte Artikel eine noch zu verfolgende Frage aufgeworfen hat, geht es hier um eine andere Frage. Wenn man so will, ist das ein Exkurs. Die Frage: Was hat […]

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