Heidegger-Wochen auf Textwandel.org! Nachdem der letzte Artikel eine noch zu verfolgende Frage aufgeworfen hat, geht es hier um eine andere Frage. Wenn man so will, ist das ein Exkurs. Die Frage: Was hat Heideggers emphatische Rektoratsrede von 1933 mit dem Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt zu tun?
Heideggers Rektoratsrede und ihr Kontext
Die Rektoratsrede „Die Selbstbehauptung der deutschen Universität“ wird von Heidegger – wenig überraschend – anlässlich der Übernahme des Rektorats der Universität Freiburg am 27. Mai 1933 gehalten. Am 1. Mai 1933 ist Heidegger in die NSDAP eingetreten.
Heidegger hat das Rektorat allerdings bereits am 21. April 1933 angeboten bekommen. Und des Opportunismus ist Heidegger doch ein wenig unverdächtig. Hitler und den Nationalsozialismus fand er bereits vor 1933 gut. So schenkte er seinem Bruder Fritz bereits 1931 eine Ausgabe von „Mein Kampf“ mit Leseempfehlung zu Weihnachten.
– Wir befinden uns also im Mai ’33: Reichstagsbrandverordnung und Ermächtigungsgesetz sind bereits durch. Die Diktatur ist ziemlich konsolidiert. Heidegger wird Rektor einer deutschen Universität.
Was ist die „deutsche Universität“, Professor?
Zunächst einmal stellt sich die Frage, was Heidegger als „deutsche Universität“ verstanden wissen will. Die Antwort: „Die hohe Schule, die aus Wissenschaft und durch Wissenschaft die Führer und Hüter des Schicksals des deutschen Volkes in die Erziehung und Zucht nimmt“ (5-6).
Das hört sich zunächst einmal nach einer Kaderschmiede an. Die Universität bildet Menschen für höhere Führungspositionen aus. Allerdings soll das hier „aus und durch Wissenschaft“ geschehen. Was heißt das?
Was ist Wissenschaft?
Sagen wir mal so: eine knackige Definition bleibt Heidegger uns schuldig. Aber es lässt sich schon etwas herausdestillieren. Wissenschaft ist zunächst einmal nicht identisch mit dem, was seit Bacon und Descartes so betrieben wird.
Wissenschaft ist für Heidegger ein geschichtlich-geistiger Auftrag eines bestimmten Volkes. Den Anfang setzt Heidegger bei den Vorsokratikern. Dort „steht der abendländische Mensch aus einem Volkstum kraft seiner Sprache erstmals auf gegen das Seiende im Ganzen und befragt und begreift es als das Seiende, das es ist“ (8).
Wissenschaft ist Philosophie, wie Heidegger sie versteht: das Aufstehen gegen das Seiende. Wissenschaft ist damit auch polemisch, ein Aufbegehren und Aufstand. Außerdem behauptet er, dass Wissenschaft an die Sprache und an ein Volk, das in dieser Sprache lebt, gebunden ist. – Das erklärt nicht zuletzt, warum Heidegger die deutsche Sprache so handhabt, wie er sie handhabt.
Wissenschaft wäre so nicht primär das Lösen von gegebenen, technischen Problemen, sondern vielmehr eine Art des Zugriffs auf die Welt. Allerdings wird der von der Welt zurückgewiesen. Wissen ist „schöpferische Unkraft“ (9) aus. Wissenschaft muss trotzig versagen. Es gibt eine Grenze des des Wissbaren.
Ist Wissenschaft völkisch?
Wissenschaft: „das fragende Standhalten inmitten des sich ständig verbergenden Seienden im Ganzen“ (10). Sie ist eine Handlung, aber keine, die ein ewig unverändliches zum Produkt hätte. Im Gegenteil: Sie muss immer wieder zum Anfang zurückkehren. Man könnte das so verstehen: Niemand wird je über Heraklit hinausdenken. Das ist aber nicht schlimm. Es kommt vielmehr darauf an, sich bis an Heraklit heranzudenken.
Heidegger ist Existenzialist. Der Mensch ist eine Welt. Stirbt ein Mensch, dann geht eine Welt unter. Und so ist das mit der Wissenschaft. Dass sich Kenntnisse anhäufen, dass es so etwas wie einen wissenschaftlichen Fortschritt gibt, ficht Heidegger nicht an. Denn das, was Fortschritt genannt wird, ist für nur ihn nur Technik und damit Teil des Gestells.
Nein, Wissenschaft ist für Heidegger etwas anderes. Etwas ziemlich dunkles. Letztlich etwas volkbezogenes, wenn nicht völkisches. Denn die Wissenschaft (als Ausharren gegenüber der Verlassenheit einer Welt deren Gott nach Nietzsche gestorben ist) ist Ausdruck des Willens eines Volkes inmitten der Gefahr standzuhalten. Und genau dieses Standhalten, so Heidegger, schafft einem Volk eine geistige Welt und „verbürgt dem Volke die Größe“ (13).
Die geistige Welt und ihre „erd- und bluthaften Kräfte“
Warum? Nun, eine solche geistige Welt zeige „die Macht der tiefsten Bewahrung (der) erd- und bluthaften Kräfte“ (ebd.) eines Volkes. Das hat mit dem, was ich als Wissenschaft bezeichnen würde, nicht unbedingt etwas (bis überhaupt gar nichts) zu tun. Aber das ist natürlich nicht der Punkt.
Der besteht nämlich darin, dass Heidegger meint, die deutsche Universität müsse genau das leisten – und sie könne das sogar. Die deutsche Universität wird von Heidegger als ein Ort entworfen, an dem dieses Aushaltenkönnen angesichts der Leere des Seins gelehrt werden solle. Und das kann natürlich nicht durch deklaratives Wissen geschehen, sondern durch Beispiellernen.
Die Professoren sollten voranschreiten, während die Studenten gerne folgen. Fakultäten und Fachschäften marschieren gemeinsam. Ja, sie werden zur „Kampfgemeinschaft der Lehrer und Schüler“ (21) und die Universität gerät damit „zur Stätte der geistigen Gesetzgebung“ (ebd.). – Und genau hier schließt sich dann der Kreis, denn dies ist die Selbstbehauptung der deutschen Universität.
Die deutsche Universität behauptet sich nicht nur insofern, als dass sie sich performativ als seiende erklärt, sie behauptet sich auch polemisch, als Kampfgemeinschaft, die immer wieder das Gesetz, dem alle folgen, aus sich selbst heraus erschafft, sprich: behauptet. Die Universität wird zur Gesetzesmaschine, zum Kulturmotor – und irgendwie auch zur Kirche.
Und was hat die AfD Sachsen-Anhalt damit zu tun?
Und jetzt komme ich zur AfD. Die AfD in Sachsen-Anhalt ist – um es mit einer gewissen Beschönigung auszudrücken – sehr ambitioniert. Das sogenannte Regierungsprogramm beschäftigt sich nicht nur mit Fragen der Schulbildung und der Kultur, sondern auch mit der Wissenschaft. Wenigstens ist das – im Gegensatz zu Einwanderungspolitik – tatsächlich Landespolitik. Also: wie sehr laufen Heidegger und die AfD hier parallel?
Die AfD beklagt, die „deutsche Wissenschaft“ befände sich in einer tiefen Krise: „Unsere Naturwissenschaften bringen keine Erfindungen von Weltgeltung mehr hervor, unsere Geisteswissenschaften haben ihre führende Rolle von einst verloren.“
Den zweiten Teil könnte Heidegger unterstreichen, der erste ließe ihn eher kalt, da Naturwissenschaften ja, wie oben bereits gesagt, nur der Logik des Gestells folgen und damit keine richtige Wissenschaft sind. Wo die beiden sich allerdings treffen, ist die Idee einer Schwelle, an der sie stehen – nur, dass beide an verschiedenen Stellen stehen.
Schwellenwerte: die deutsche Universität von dies- und jenseits
Heidegger wähnt sich jenseits der Schwelle – er ist bereits eingetreten, die Nazis haben die Macht. Für ihn, so glaubt er, wendet sich jetzt alles zum Rechten. Die AfD wittert zwar ebenfalls Morgenluft, allerdings steht sie noch diesseits der Schwelle. Für sie ist noch alles desaströs. Ihre Selbstbehauptung lautet unterdes: mit uns wird alles gut.
Denn sie wird nichts weniger tun als „die deutsche Wissenschaft durch grundlegende Reformen wieder zu sich selbst (zu) befreien“. Etwas zu sich selbst befreien – das soll etwa durch das Verbot (sic!) von Genderwissenschaften und dem postkolonialistischen Paradigma geschehen. Befreiung wird hier als Zwang gedacht, Befreiung ist Ausschluss-von.
Interessant ist, dass die AfD meint, sie werde „die Politik aus der Wissenschaft verbannen“ – allerdings tut sie das mit politischen Mitteln. Sie führt Politik ein, um sie loszuwerden. Das könnte man dialektisch nennen. Oder bigott.
Die Freiheit der Unterwerfung. Oder: Willkommen in Deutschland
Und doch: da ist eine gewisse Parallele zum Denken Heideggers erkennbar. Auch bei Heidegger scheint die Freiheit eigentlich in der Unterordnung zu bestehen. Das ist ein echt deutscher Gedanke, der auch bei Kant oder Hegel nicht weiter überrascht. Und dieses traditionell deutsche Denken soll bei Heidegger und bei der AfD in die echt deutsche Hochschule einfließen.
So will die AfD Magister- und Diplom-Studiengänge wieder einführen. Die sind zwar nicht unbedingt urdeutsch, sondern haben ihre Wurzeln in der pränationalen Universität der frühen Neuzeit bzw. dem Mittelalter, aber das macht ja nichts. Denn eigentlich geht’s ja gar nicht darum.
Es geht darum, der zunehmenden Internationalisierung der Universitäten auch in Deutschland einen Riegel vorzuschieben. Es sollen deutsche Studienordungen her, Bologna soll rückabgewickelt werden. Und das, so die AfD, ermöglicht endlich „wieder Spitzenleistungen“ an der deutschen Universität.
Ich glaube: Das wird so nicht passieren. Also, selbst wenn die AfD all das umsetzt, was sie sich vornimmt, wird es nicht dazu führen, dass der Computer nochmal in Deutschland erfunden wird oder dass ein deutscher Physiker die Relativitätstheorie nochmal formuliert. Und vor allem wird ein isolationistisches Uni-System in Halle, das letztlich durch die von der AfD ins Spiel gebrachten Stipendien, eben genau jener Kaderformung dient, die Heidegger in der Kampfgemeinschaft verwirklicht sehen wollte, nicht dazu führen, dass Deutschland wieder eine „führende Rolle“ in der Wissenschaft einnimmt.
Der Brain Drain am Horizont des Seins
Und genau hier ist die stärkste Gemeinsamkeit von Heideggers Rektoratsrede und dem Entwurf der AfD: beide machen viele, viele Worte. Bei Umsetzung dieser Worte droht aber vor allem eines: Brain Drain.
Die AfD behauptet, die 68er seien Schuld am Niedergang der deutschen Forschung. Aber das ist nicht wahr. Vielmehr sind es die Leute, an die Heidegger in seiner Rektoratsrede Anschluss sucht, die die deutsche Universität in die relative Bedeutungslosigkeit geführt haben. Vulgo: die Nazis.
Die Nazis haben den großen Brain Drain hervorgerufen. Die 68er – die in Sachsen-Anhalt ja auch eigentlich gar nicht so schrecklich aktiv waren – haben das vielleicht nicht wieder gut gemacht, aber sie zu beschuldigen, geht an der Sache vorbei.
Wer hat die deutsche Wissenschaft eigentlich ruiniert?
Ein Schritt zurück: Vielleicht ist die ehemalige Weltgeltung der deutschen Forschung gar nicht mal so eine nationalistische Halluzination wie man glauben könnte. Aber diese Geltung, wenn es sie denn gab, ist nicht erst 1968 verloren gegangen, sondern wurde schon früh nach 1933 in die Mangel genommen. Pikant: die Rektoratsrede ist Teil dieser Entwicklung, die spätestens 1945, als sich die US-Amerikaner und die Sowjets an der Crème de la Crème der übriggebliebnen deutschen Forschung bedienen konnten, um eine massive Schraubendrehung weiter war.
Schuld an der deutschen Bildungskrise ist auch nicht der Postkolonialismus, wie die AfD behauptet. Und auch die Genderwissenschaften haben das nicht zu verursachen. Doch womöglich geht es darum nicht. Vielleicht geht es der AfD ja letztlich doch nur um eine Universität, die als Kirche, als Gesetzgeber und Kulturmaschine auftritt. Vielleicht will die AfD eigentlich nur die Abschaffung der Universität mit dem Ziel, eine Institution der Selbstbehauptung ins Leben zu rufen.
2026 ist, wenn die AfD bestimmt, was eine Wissenschaft ist
Heidegger und die AfD sind Schwellenphänomene: sie wähnen sich an Kipppunkten. Hinzu kommt: beide sehen die Universität als Kampfplatz, auf dem es um eine ideologische Vormachtstellung geht. Und beide machen einen Feind aus in einer Wissenschaft, der sie den Charakter als Wissenschaft absprechen.
Heidegger beschreibt Naturwissenschaften als Technik, beklagt einen „neuen Wissenschaftsbegriff“ (7) der eine Entartung sei. Und die AfD? Die macht genau das gleiche, indem sie Postkolonialismus und Genderwissenschaft als Nicht-Wissenschaften beschreibt.
Was beide eint, ist die Politisierung von Wissenschaft. Was beide bewirken, ist die Provinzialisierung von Wissenschaft. Man könnte das ironisch finden und vielleicht sogar witzig. Aber leider ist es viel zu ernst.

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