Väter und Söhne – das ist nicht nur ein einigermaßen schrecklicher Roman von Turgenjew, das ist auch eine grundlegende Disharmonie, die sich irgendwann um 1900 aufgetan hat. Zuvor war der Hausvater sakrosankt, plötzlich aber tat sich die Möglichkeit auf, ihm nicht nur zu gehorchen, sondern ihn dafür auch nach allen Regeln der Kunst zu hassen.
Sigmund Freud und die Erosion des Hausvaters
Sigmund Freud war an der Erosion des Vaters sicherlich nicht Schuld, er hat aber seinen Teil dazu beigetragen, die Beziehung zwischen Vätern und Söhnen auf ödipale und damit tönerne Füße zu stellen. Ödipus, der seinen Vater erschlug und seine Mutter ehelichte, sei „nur die Wunscherfüllung unserer Kindheit“. Wir alle, so könnte gefolgert werden, wollen nur zurück in die große Mutter.
Dass sich Freud eher an ein heteronormativ-männliches Publikum gewandt hat, macht seine symptomatische Prägnanz nicht unbedingt kleiner. Die Zeit um 1900 bleibt die Zeit des großen Vater-Sohn-Konflikts – und es ist kein Zufall, dass die Frauenbewegung hier ihren ersten großen Höhepunkt erlebt. Der szientistisch aufgeladenen Mysogynie wächst ein Empowerment entgegen: eine Dynamik, die bis heute den Diskurs prägt.
Franz Kafka als „der ewige Sohn“
Mitten in den Bruch zwischen Vater und Sohn stürzt auch Franz Kafka. In seinem Brief an den Vater beschreibt Kafka die Unvereinbarkeit zwischen seinem Wesen und dem seines Vaters. Hier die asketische, verstockte Rolle des Sohnes, dort das überbordende, vitale Auftreten des Vaters.
Dass sich diese Dynamik durch Kafkas Texte zieht, ist so bekannt wie ausgelutscht. Natürlich ist Gregor Samsas Vater ein unterdrückter Tyrann, genauso wie der senile Kriegswundenvater im Urteil. Tatsächlich hatte Kafka sogar geplant, seine Texte „Die Verwandlung“, „Das Urteil“ und „Der Heizer“ unter dem Titel „Söhne“ gebündelt zu publizieren. In den drei Texten überwiegt die Perspektive des Sohnes.
Differenzierter wird es scheinbar in der Erzählung Elf Söhne. Hier nimmt der Erzähler die Rolle des Vaters ein, der seine elf Söhne schildert. Spoiler: so richtig zufrieden ist er mit keinem. Dennoch zeigt sich hier etwas: Die elf Söhne müssen gar nicht unbedingt als elf distinkte Personen verstanden werden. Es ist möglich, dass all die Anwürfe immer nur den einen Sohn meinen, sei der nun geboren oder nicht.
Nach Ansicht Malcom Pasleys sind die elf Söhne der Geschichte auch gar keine Söhne, sondern Geschichten. Angeblich habe Kafka gegenüber Max Brod geäußert: „Die elf Söhne sind ganz einfach elf Geschichten, an de- nen ich jetzt gerade arbeite“. Vaterschaft wäre demnach Autorschaft.
Was Kafka also macht, ist weniger, die Rolle des Vaters auszufühlen, als vielmehr sie auf einen anderen Gegenstandsbereich zu übertragen – und sie dabei intakt zu lassen. Kafka erscheint nur bedingt hilfreich, das Rätsel der Beziehung Vater-Sohn befriedigend zu lösen. Er vertagt es nur. Kafka bleibt, wie eine bekannte Biografie lautet: der ewige Sohn.
Kierkegaards ewiger Abraham
Einen anderen Ewigen schildert Sören Kierkegaard in Furcht und Zittern. Interessant ist das, weil hier ewiger Sohn und ewiger Vater konvergieren. Die Rede ist natürlich von Abraham, der sich mit Isaak auf den weg zum Berg Moria macht, um dort Sohn Isaak dem großen Vater Gott zu opfern. Stammvater Abraham ist nicht nur Vater, sondern immer auch Sohn.
Was den Sohn Abraham vom Sohn Isaak unterscheidet, ist dabei das Wissen um das eigene Sohn-Sein: „Väterliche Liebe sprach aus Abrahams Angesicht, sein Blick war sanft und mild, seine Worte ernst und mahnend. Doch Isaak konnte ihn nicht verstehen, seine Seele konnte sich nicht erheben.“
Das klingt, wenn man die Geschichte kennt, überaus grausam und ich halte es für grundlegend falsch, Abrahams Handeln als vorbildlich darzustellen. Und doch steckt darin etwas, das bedenkenswert ist. Denn auch nachdem Gott den Sündenbock bereitgestellt hat, bleibt die Bereitschaft zum Infantizid an Abraham haften: „Von dem Tage an wurde Abraham alt, er konnte nicht vergessen, daß Gott solches von ihm gefordert hatte. Isaak gedieh wie vordem; aber Abrahams Auge war verdunkelt, er sah keine Freude mehr.“
Man kann das so lesen, als wäre Abraham erst durch die Bereitschaft, seinen Isaak zu opfern, erst ganz zum Vater geworden. Es kann aber auch heißen, dass Abraham von diesem Tage an kein Vater mehr, kein Sohn mehr war, sondern ein Mensch jenseits von Gut und Böse wurde. Abraham hat sich nach dem Opfer, wie Edouard Grangier schreibt: mit „dem Allgemeinen, einem neubelebten und erneuerten Allgemeinen“ vermischt und unterscheidet „sich in nichts von der Menge.” Er ist total geworden.
Kafka versteht „den Sprung“ nicht
Kafka wiederum konnte nach eigenem Zeugnis mit dem Kiergegaard’schen Abraham nur wenig anfangen. Er schreibt an Robert Klopstock, er verstehe Abrahams „Sprung“ nicht. Der Sprung ist, wo das Denken aufhört und eine Entscheidung getroffen wird. Hier ist es die Entscheidung zum Glauben, schließlich stammt die Aufforderung Isaak zu opfern, ja vom heiligen Vater selbst.
Dass der Vater sterben müsse, damit der Sohn lebt, ist vielleicht die Lesart, die Kafka näherliegen würde. Doch das ist genauso falsch wie die Ansicht, dass der Sohn sterben müsse, damit der Vater lebt.
Dass die Dynamik von Vater und Sohn als Antagonismus gelesen wird, ist verständlich und aus dem gegebenen Kontext einer patriarchalen Kultur sogar verständlich. Auch und gerade der Sohn muss geopfert werden, damit das Patriarchat überleben kann. Die Herrschaft der Väter ist auch eine Herrschaft über das Sohnsein in ihnen selbst.
Kierkegaards Abraham ist schrecklich, aber er ist eben auch schrecklich gegen sich selbst. Er will Isaak nicht opfern, doch er glaubt es zu müssen. Bei Kierkegaard gibt es dafür einen Blumenstrauß an Bewunderung. Kafka hingegen ist reservierter. Kafka denkt sich einen eigenen Abraham. Aber einen anderen Abraham.
„Einer der durchaus richtig opfern will und überhaupt die richtige Witterung für die ganze Sache hat, aber nicht glauben kann, dass er gemeint ist, er, der widerliche alte Mann und sein Sohn, der scbmutzige Junge. Ihm fehlt nicht der wahre Glaube, diesen Glauben hat er, er würde in der richtigen Verfassung opfern, wenn er nur glauben konnte, dass er gemeint ist. Er fürchtet, er würde zwar als Abraham mit dem Sohn ausreiten, aber auf dem Weg sich in Don Quixote verwandeln“.
Väter und Söhne sind keine Gegensätze
Was aber sowohl Kafka als auch Kierkegaard wenig in den Blick nehmen: Abraham ist selbst Sohn und Vater und zugleich. Und das trifft nicht nur auf Abraham, sondern auch Isaak zu und auf Abrahams Vater gleichermaßen.
Wo die klassische Moderne die Dichotomie von Vater und Sohn absolutiert hat, irrt sie. Denn Väter und Söhne sind keine Gegensätze, sondern Teil ein und derselben Synthese. Vater wird, wer Kinder bekommt, doch unsere Kinder sind keine abhängigen Anhängsel, sie sind selbst prägende Gestalten. Sie sind auch die Väter ihrer Väter – allein schon dadurch, dass sie (die Kinder) ihre Väter überhaupt zu Vätern machen.
Das Familienoberhaupt als Verführung
Die rechte Seite beklagt gerne, dass das klassiches Ernährer-Familienoberhaupt-Gedöns in eine Art Verhandlungselternschaft degeniert sei. Eltern seien die besten Freunde ihrer Kinder, es gebe keine Reibung mehr, es brauche immer noch des Donnerworts des übermächtigen Vaters.
Aber das ist falsch, denn selbst der übermächtige Vater, mag er noch so einen stolzen Bart und Bizeps haben, bleibt ein Sohn und Abkömmling – nur dass er in der rechten Lesart ein Abkömmling einer zerstörerischen Genealogie ist. Auch der Hausherr ist ein unterdrückter – und sei es nur, dass er sich selbst unterdückt.
Ein lebensfreundlicheres Verständnis von Vaterschaft könnte hingegen das eigene Sohnsein als das vielgestaltige Ding reflektieren, das es ist und dahin gelangen, Vaterschaft nicht als antipodische Stasis, sondern als kooperative Dynamik zu verstehen. Oder kürzer: Ein guter Vater setzt natürlich Grenzen, doch er setzt sie im Bewusstsein seiner eigenen Begrenztheit.
In diesem Sinne: Trinkt nicht zu wenig am Vatertag. Und lasst euch nicht von den Manosphere-Wanzen beißen.

Hinterlasse einen Kommentar