Arbeit abroad: Japanische Begriffe aus der Werkwalt. 2. Teil von Ikigai zu Karōshi.

Und ohne viel Rumlabern geht’s auch direkt weiter. Hier folgt der zweite Teil: Von Ikigai bis Karōshi. Don’t try this at home.

  1. Ikigai
  2. Monozukuri
  3. Jōhatsu
  4. Ganbaru
  5. Karōshi
  6. Begriffe aus der japanischen Arbeits-Philosophie

Ikigai

Ikigai ist die Kehrseite von Shūshin koyō. Der Gedanke dahinter: wer lebenslange Arbeitskontrakte hat, was hat der dann, wenn der Kontrakt ausläuft? Per definitionem kein Leben mehr. Und genau das ist tatsächluch ein Problem.

Grundsätzlich ist Ikigai nicht nur auf den Kontext der Arbeit beschränkt. Ikigai bezeichnet das, wofür es sich zu Leben lohnt. Es gibt Diskussionen darüber, ob Ikigai eher im Kollektiv oder eher im Individuellen zu finden sei. Ikigai ist tatäschlich ein riesiges Thema in Japan. Hier aber geht es um das Ikigai der Alten, der gewesenen Senpeis, der lebenslang Vertragten.

Denn Ikigai ist für Angehörige der Shōwa-Generation und insbesondere für die, die das Land nach dem Krieg, wie man so sagt, wiederaufgebaut haben, vor allem mit Arbeit verknüpft. Für die gewesenen Senpais bricht wie in Flasars Herr Kato spielt Familie eine Welt zusammen, wenn die Arbeit erledigt ist.

Aber die Verhältnisse sind nicht mehr so. In Japan ist der lebenslange Kontrakt ein Auslaufmodell – und die Rente ebenfalls. Fast jeder zweite Rentner arbeitet in Japan weiter. Viele müssen es um über die Runden zu kommen. Andere wollen der Familie nicht zur Last fallen. Einige sehen ewige Arbeit als Ikigai-effektiv an.

Arbeit ist nicht nur in Hannah Arendts Vita Activa ein Eigenwert. In Japan aber wird Arbeit der Alten zunehmend zur Notwendigkeit, weil die Bevölkerung so radikal überaltert ist. In einem Land, in dem es Verkehrseinweiser, Aufseher, Putzleute ohne Ende zu geben scheint, haben Rentner*innen ihr Paradies, könnte man meinen.

Sie werden gebraucht und können bis zum Eingang in die Ewigkeit weiter arbeiten. Herrlich.

Monozukuri

Monozukuri bedeutet soviel wie Erzeugung oder Produktion. Mono steht für das Ding, zukuri meint den Akt des Herstellens. Plain-and-simple: Monozukuri heißt Ding(e) machen.

Aber es wäre natürlich kein japanisches Konzept, wenn nicht noch das eine oder andere dahinterstecken würde. Mitbedeutet wird hier nämlich die Hingabe, die einer an sein Werk verwendet, die Perfektion, auch der Tüftlergeist insgesamt. Monozukuri hat seine Überschneidungen mit Ganbaru.

Ohne Zweifel ist Monozukuri ein besonders wichtiger Begriff der japanischen Sprache, weil es das Selbstverständlich der Industrination im Pazifik nicht nur trifft, sondern auch strafft.

Monozukuri hat Einflüsse aus dem Zen-Buddhismus aufgenommen. So die etwa achtsame Hingabe an das Werk, aber auch die strenge Disziplin auf dem Weg zu dessen Vollendung. Neben Zen hat auch der Shintoismus seine Signatur im Begriff hinterlassen. So heißt es, Handwerker würden das Leben in ihrem Material sehen oder gar ihr eigenes Leben in ihre Produkte legen.

Man könnte meinen: Monozukuri berge in sich das Versprechen nicht-entfremdeter Arbeit. Aber vielleicht ist das eine andere Frage.

Auf jeden Fall ist Monozukuri in den letzten Jahren zu immer mehr zu einem Schlagwort geworden, das im Marketing von Toyota und Mitsubishi priminent vorkommt. Eigentlich wirft auch das die Frage nach entfremdeter Arbeit auf: Perfektion im Toyotismus? Take your time – just in time?

Doch Monozukuri überlebt natürlich jede Marketing-Zumutung seitens japansicher Großkonzerne. Überhaupt sind diese Großkonzerne oftmals erst im Laufe des 20. Jahrhunderts zu den korporatistischen Monstern geworden, die sie heute sind. Es gab eine Zeit, da gab es noch Autos jenseits der großen Namen.

Im Übrigen ist das japanische Automobil selbst ein Beispiel für Monozukuri. Tatsächlich war das erste Automobil hier aber kein Auto, sondern ein Bus. Dieser Bus wurde 1904 von einem Herrn Torao Yamaha gebaut, der nichts mit dem Musikinstrumente-Motorrad-Yamaha zu tun hat. 

Und doch hat unser Yamaha, also der mit dem Bus, womöglich das erste japanische Motorrad gebaut. 1908 kam Yamaha auf die Idee, einen 500ccm Motor an sein Fahrrad zu schrauben. Bereits 1903 gab es eine, die ebenfalls ein motorisiertes Fahrrad von Yamaha zeigt.

Egal welcher Yamaha, Torao oder Torakusu (Musikinstrumente-Motorräder), beide sind Beispiele für Monozukuri und deswegen wichtige Figuren in der japanischen Erinnerungskultur. Vor allem aber sind sie Ingenieure, was man mit Grund als: „Begeisterer“ missverstehen kann. Manch ein Konzept erscheint weniger fremd, wenn man es lässt. Monozukuri gibt es überall.

Jōhatsu

Drei Wege gibt es aus der Japanischen Arbeitswelt: Karōshi, Suizid und Jōhatsu. Die Salarymen des verlorenen Jahrzehnts wissen, wovon ich rede.

Jōhatsu heißt wörtlich übersetzt soviel wie Verdampfung. Gemeint ist das spurlose Verschwinden à la Stiller. Es ist in Japan tatsächlich ein Ding: um die 100.000 Japaner verschwinden pro Jahr.

Allerdings tauchen viele wieder auf, einige lebendig, andere nicht. Nicht wieder auftauchen tun so etwa 20.000 und die lassen häufig nicht nur Spielschulden oder eine in den Sand gesetzte Firma zurück, sondern auch Kinder, Partner, Verwandte.

Im Land der Verdampften gibt es sogar Agenturen, die sich darauf spezialisiert haben, Menschen beim Verschwinden zu helfen: Yonige-ya, die sogenannten Nightmovers. Angeblich reichen schon 300 Euro, damit man auf Nimmerwiedersehen verdampfen kann.

Doch warum funktioniert das?

Zunächst gibt es kein Vermisstenregister in Japan. Und doch müsste die Polizei ja eigentlich Bescheid wissen, wenn Leute irgendwo wohnen, die da nur so halb hingehören. Kann schon sein, dass sie es weiß.

Doch selbst wenn sie es weiß, macht das keinen Unterschied: denn es ist nicht illegal, zu verschwinden, es ist aber sehr wohl illegal, Informationen herauszugeben. Der Japanische Datenschutz ist stark, so stark, dass nicht einmal meine Mutter erfahren dürfte, ob ich noch lebe oder nicht.

Doch mein Ehepartner dürfte immerhin erfragen, was ist, wo ich bin. Und genau hier kommt die Yakuza ins Spiel. Wer wirklich verschwinden will, der halte sich an diese sympathischen Herren mit den schönen Tattoos und in kürzester Zeit lebt man, frei und unbeschwert, in San‘ya oder Kamagasaki. Den letzten Japanischen Slums. Ersterer in Tokyo, letzterer in Ōsaka.

Hier ist das Leben noch einfach, so könnte man sagen. Muss man aber nicht. Denn: In der Obhut der Yakuza, mit gleichgesinnt Verdampften, ist der Neuanfang vielleicht eher ein Niedergang. Aber wer weiß das schon so genau?

Ganbaru

Du. Musst. Dein. Bestes. Geben. Immer! – Dieser apodiktische Imperativ schallt unausgesprochen durch Tokyo. Es ist keine Stadt zum Faulsein. Selbst der Müßiggang wird hier zur Muße. Zwangsläufig. Es gibt keinen Stillstand. Das heißt: doch, aber erst wenn das Licht ausgeht und die letzte U-Bahn verschwunden ist. Kurz senkt Freiheit sich über Shibuya. Aber natürlich ist es eine nur traurige, weil bloß männliche Freiheit. Es ist eher eine Verzweiflung.

Ganbaru ist der Begriff, Ganbaro! der Imperativ. Es meint soviel wie: sich auch in harten Zeiten zusammenreißen und anpacken. Nach Erdbeben, Tsunamis und Vulkanausbrücken wird immer wieder Ganbaro!, beschworen. Wir machen das, wir packen an, wir lassen uns nicht unterkriegen. Das ist die positive Lesart.

Ganbaru war nicht immer positiv gemeint. Ursprünglich hieß es soviel wie stur sein, verstockt oder obstinat. Und das ist so spannend wie bezeichnend: Der Bedeutungswandel fand gegen Ende der Edo-Zeit an, also pünktlich zur Meiji-Restauration, die den Beginn der japanischen Moderne markiert. Ganbaru war nun positiv besetzt: aushalten, überdauern. Die Moderne macht die Arbeit zur Leistung.

Das ist interessant, weil es auch in Deutschland erst durch Luther und seine Epigonen zum Wechsel von Arbeit als Leid zu Arbeit als Tugend kommt.

Ganbaru ist das, was Prediger des Ikigai durch Arbeit sich schon immer gewünscht haben: eine Begriff gewordene Ideologie. Ein Begriff, der ziemlich streng von schlechten Zeiten-guten Männern raunt.

Ganbaru ist die Zumutung, die man sich selbst antun muss, um ein guter Mann zu werden. Und damit ist Ganbaru immer auch ein kleiner Tod, den sich einer zufügt. Le roi est mort usw. Ein Ansatz, der den Glauben an den Phoenix noch nicht aufgegeben hat. Warum auch nicht? Etwas schlimmeres als Karōshi wird uns eh nicht ereilen.

Karōshi

Einen eigenen Begriff für den Tod durch Überarbeitung haben nicht viele Sprachen. Möglicherweise ist das Japanische damit sogar schrecklich allein auf der Welt.

Wieder die Tokyoter Bahn: öffentliches Schlafen ist normal. Keiner schnarcht, Rucksäcke sind vor dem Bauch. Es handelt sich nicht um Betrunkene, denn die kommen erst nach dem Nomikai. Es sind nüchterner Menschen mit glänzenden Schuhen, Schlips, Kragen, in akkurater Aufmachung. Es sind die Angestellten, die Büroarbeiter*innen, die Ganbaru-Jünger.

Was hat das mit Karōshi zu tun? – Karōshi ist nicht mit Vernichtung durch Arbeit gleichzusetzen. Hinter Karōshi steht kein Lagerkommandant. Karōshi ist die letale Folge normaler Arbeit. In der Todesurkunde stehen Dinge wie: Herzinfakt, chronische Übermüdung oder Mangelernährung.

Karōshi ist, was Beschäftigte sich selbst antun. Es freiwillig zu nennen, wäre zynisch. Karōshi ist ein kulturelles Problem. Und vor allem: kein exklusiv japanisches.

Karōshi kommt – nur unter anderem Namen – in Ländern wie Russland, der Mongolei oder Myanmar deutlich häufiger vor als in Japan. Außerdem zeigt der Umstand, dass es einen Begriff gibt, ein Bewusstsein existiert.

Und doch ist Karōshi ein Symptom. Es gibt eine japanische Arbeitswelt hinter den Signifikanten, die weniger starr und schrecklich sein mag, als sie auf den ersten Blick scheint, doch zwischen Ikigai und Karōshi passt mitunter kein Blatt.

Begriffe aus der japanischen Arbeits-Philosophie

Es stimmt schon: Die hier behandelten Begriffe sind Klischees, wie alle Begriffe. Ein Begriff tut der Welt Gewalt, weil er ihre Vielseitigkeit ignoriert, ja sogar ignorieren muss, damit sie in schöne kleine Schubladen passt. Deswegen ist die Aussagekraft dieser Begriffe über die japanische Arbeitswelt auch begrenzt.

Deutlich aber lässt sich an ihnen ablesen, wie die japanische Werkwelt gerne gesehen werden möchte: von Westerners wie mir oder von Japaner*innen selbst. Japan und Arbeit sind nicht zwei Seiten der selben Medaille, aber beides ist stark aufeinander bezogen.

Japan und Deutschland sind sich in vielerelei Hinsicht ähnlich. Beide sehen in Arbeit einen Wert an sich. Beide halten die Manufaktur als Alleinstellungsmerkmal hoch. Beide sind radikal exportorientiert. Beide sind große Industrienationen, die sich ein wenig schwer damit zu tun scheinen, vollständig ins Informationszeitalter vorzudringen – ja, auch Japan, trotz Robo-Spielzeug und digitaler Lebenspartner*innen.

Die in diesem Doppelartikel behandelten Begriffe bilden nicht die Realität der Arbeit in Japan ab, aber den Diskurs darüber.

Man kann es auch so sehen: Hinter der Arbeit als kulturellem Phänomen steckt wiederum eine Menge Begriffsarbeit. Einen Begriff zu bearbeiten, ist nicht das gleiche wie eine Mauer zu bauen, doch es bleibt vergleichbar. Unsere Begriffe sind nicht nur Etiketten, sie sind auch Schutzmauern. Was unter den Begriff fällt, ist immer auch eingemauert.


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