Ich glaube, dass so gut wie niemand Pierre Boulles „Planet der Affen“ gelesen hat. Wobei: Ganz stimmen kann das freilich nicht. Aber mir ist dieser Roman noch in keiner Buchhandlung, keinem Antiquariat, keinem Bücherschrank über den Weg gelaufen. Zu Unrecht, wie ich meine, denn es ist ein spannender – wenn auch nicht allzu kluger – Roman.
Kritik zuerst: Die Parabel ist eher schmalbrüstig
Auch wenn die Parabel etwas schmalbrüstig ist – ja, die Menschheit hat ihren Geist verloren, ist faul und dumm geworden, Evolution ist kein Ponyhof. Okay, unterschreibe ich alles, wenn es sein muss. Lockt aber jetzt auch nicht irgendwelche großen Erkenntnisse hervor.
Und doch: Das Buch hat mich für drei, vier Tage wirklich gefesselt. Gute 200 Seiten hat es und die sind von Anfang bis Ende gewürzt mit Spannung, einer gar nicht so feinen Ironie und einer gewissen Portion groteskem Humor. – In dieser Reihenfolge werde ich mich also Elementen des Romans „Planet der Affen“ widmen. Obacht: In diesem Text wird gespoilert (aber nur ein bisschen).
Spannung. „Planet der Affen“ als Abenteuerroman
Der Roman ist etwas für all diejenigen, die sich nicht so richtig zwischen Science-Fiction und Abenteuerroman entscheiden können – oder wollen. Grundsätzlich ist der Roman von 1963 relativ oldschool. Es gibt eine Rahmenhandlung, in der ein Schriftstück gefunden wird, auf dem sich dann die eigentliche Geschichte findet.
Die wird erzählt von Ulysse Mérou, einem Reporter, der zusammen mit einem Professor und irgendeinem Typen, dessen Funktion vor allem darin besteht, früh im Roman zu sterben, in einem Raumschiff sitzt, das sich auf dem Weg zur Beteigeuze befindet. Dort finden sie einen Planeten, auf dem terrestrische Bedingungen herrschen, gehen an Land und treffen auf nackte Menschen, die sich merkwürdig benehmen. Oder, um es direkt zu sagen, verwildert sind.
Der Roman von 1963 ist, man kann sich das vorstellen, nicht unbedingt das, was man politisch korrekt nennen würde. Zuerst sehen die Männer eine Frau „oder vielmehr ein junges Mädchen“ – selbstverständlich ist sie auch gleich „der Inbegriff des Weiblichen in ihrer unbefangenen Nacktheit“. Doch wer ist diese Frau, die auf einem Planeten lebt, der an die 650 Lichtjahre entfernt ist?
„Eine Wilde“, sagte ich, „die irgendeiner zurückgebliebenen Rasse angehört, wie man sie in Neuguinea oder in den afrikanischen Urwäldern findet.“
Ulysse
Ihr wisst natürlich, worauf das hinausläuft: hier haben die Affen das Sagen. Ulysse und der Professor werden gefangen. Der Professor kommt in den Zoo, Ulysse – offenbar ein prächtigeres Exemplar – wird in die Experimentier- und Zuchtstation gebracht. Ein wesentlicher Teil des Romans spielt sich genau hier ab. – Und ja, dort verpaart er sich mit dem jungen Mädchen. Immerhin: er ehelicht sie auch und bringt ihr sprechen bei… Ja, das macht es nicht wirklich besser.
Doch Ulysse hat natürlich Glück. Er muss sich nicht nur als Zuchtmännchen betätigen, es gelingt ihm auch das Vertrauen von Zira, einer Schimpansin, ihrerseits ein relativ hohes Tier im verhaltenswissenschaftlichen Komplex des Affenplaneten, zu gewinnen. Doch zuviel spoilern will ich hier auch nicht, allein die Tatsache, dass es eine Flaschenpost von Ulysse gibt, lässt natürlich eine gewisse Auflösung der Situation erwarten. Ulysse kommt frei, das darf man verraten.
Kein experimenteller Roman – aber er funktioniert
Wie gesagt: der Roman ist oldschool. Literarische oder formale Experimente gibt es hier nicht zu bestaunen, dafür eine Geschichte, die von klaren Antagonisten, klaren Unterstützerfiguren und einem ziemlich deutlich zur Identifikation einladen sollenden Protagonisten. Soweit ist das alles ziemlich konventionell – und das ist ziemlich okay so. Wie gesagt: Lesevergnügen wird hier auf jeden Fall geboten.
Der einzige formale Trick, der hier vollzogen wird, besteht darin, dass der Roman irgendwann vom Präteritum ins Präsens fällt – und zwar genau dann, wenn die Ereignisse beginnen, sich zu überschlagen und die Rettung (oder Katastrophe) kurz bevorsteht. Das erzeugt Spannung, man merkt: jetzt verschiebt sich etwas. Und das gelingt gut.
Ironie in „Planet der Affen“ von Pierre Boulle
Insgesamt hat der Roman viel von einem klassischen Abenteuerroman: Ein ungebrochner Held mit relativ außergewöhnlichen Fähigkeiten gerät in Gefangenschaft, doch es gelingt ihm, die Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Dann kommen allerdings neue Hindernisse, die Katastrophe steht kurz bevor. Ein, zwei Wendepunkte finden sich auch und und und. – Das lässt sich die Frage stellen: Ist das überhaupt noch Science-Fiction?
Ja, letztlich schon, nur dass es hier nicht um Roboter und Antriebsarten geht, sondern um die Evolutionstheorie. Natürlich ist es in diesem Roman alles umgekehrt und wir stehen an einer Stelle der Kulturentwicklung, die als Rekapitulation des Übergangs von religiöser zu materialistischer Welterklärung bezeichnet werden kann. Die Affen – allen voran die Schimpansen – haben jüngst die Evolutionstheorie entwickelt. Nur scheint es so, dass die Evolution auf dem Planet der Affen, gegeben die herrschenden Machtverhältnisse, nicht so wie auf der Erde verlaufen ist.
Para-Evolution: wo statt Menschen Affen wurden
Auf dem Planet der Affen haben sich nicht erst die Gorillas, dann die Orang-Utans, dann Schimpansen und schließlich Menschen entwickelt, vielmehr gilt den Affen der Mensch als frühere Entwicklungsstufe. Freilich ist das die Lesart, die die Orang-Utans vertreten. Die Gorillas haben eigentlich gar keine Genealogie der Affenherrschaft und sagen zu allem ja, was ihre Macht unterstützt. Die Schimpansen wiederum sind klug, kritisch – und vertreten teilweise eine eigene Lesart der Evolutionstheorie.
Unter den äffischen Honorationen – und hier, wie überhaupt, klingt natürlich auch Kafkas „Bericht für eine Akademie“ an, nur irgendwie invertiert – herrscht ein scharfer Dissens: Unter den Schimpansen gibt es nämlich einige, die behaupten, früher seien die Menschen hier die Träger des geschichtlichen Fortschritts gewesen. Aus irgendeinem Grund aber seien sie degeneriert, hätten Kultur und Sprache verloren und zu Tieren geworden. Der Funke der Zivilisation aber stamme von ihnen, nicht vom Affen.
In dieser Lesart sind die Affen so etwas wie Satellitenarten. Vielleicht kennt ihr das von einigen Fröschen: Satelliten-Männchen. Die warten brav bei der Befruchtung, bis sie an der Reihe sind, vielleicht, dass sie ja auch noch ein bisschen Erbgut loswerden. So ungefähr werden die Affen in dieser Evolutionstheorie vorgestellt. Sie waren nicht diejenigen, die Kultur, Wissenschaft und Kunst erfunden haben, sie haben es aber, in dem Moment, in dem der große Zampano Mensch entartete, weidlich auszunutzen verstanden.
Die Evolutionstheorie wird also nicht einfach umgekehrt, sondern bleibt selbst in der Schwebe. Letzten Endes ist eine Auslegungssache: ist die Evolution über den Menschen hinweggekommen? Oder war der Mensch auf dem Planet der Affen niemals der Herr der Schöpfung? – Es spricht einiges für die erste Lesart, aber das überlasse ich gerne euch.
„Planet der Affen“ – zwischen Humor und Groteske
Im Großen und Ganzen ist „Planet der Affen“ ein schönes Beispiel grotesken Humors. Heißt? Ich würde sagen, grotesker Humor ist Humor, der sich nicht unbedingt in lauthalsem Lachen äußert. Wenn Til Eulenspiegel in einen Eierbecher scheißt und das ganze dann isst, dann ist das vielleicht grotesker Humor. Vielleicht ist es auch einfach nur eklig und ein Beweis dafür, dass wir Deutschen schon vor 600 Jahren keinen Humor hatten.
Grotesker Humor ist nicht unbedingt zweifelsfrei zu erkennen. Zu jeder Groteske findet sich einer, der das einfach Grausamkeit nennt. Das ist okay und im Zweifelsfall auszudiskutieren. Ich tendiere dazu, den Roman für grotesker als grausam zu halten. Wobei: ein bisschen grausam mag er halt schon sein.
Grotesk ist es ja schon, wenn Affen auf Menschenjagd gehen, die überlebenden Menschen schließlich eingefangen, in Käfigen gehalten und als Haustiere ausgeführt werden. Auch, dass es einen Zoo gibt, in dem die Menschen um Essen betteln, dürfte unter Groteske verbucht werden.
Auch Zira, die Schimpansin, die sich des Erzählers annimmt, ist durchaus Artenbewusst. Ja, natürlich verliebt sie sich ein bisschen in den Menschen, aber als er sie schließlich küsst, kann sie nicht mitgehen: „Es tut mir leid, aber ich kann nicht, ich kann nicht. Alles hat seine Grenzen! Schließlich bist du ja doch nur ein Mensch!“ Das ist lustig, weil – ach, wisst ihr schon selbst.
Und auch die Auflösung der Rahmenhandlung darf als humorvoll verstanden werden. Die Rahmenhandlung zeigt zwei Leisure-Class-Affen, die auf ihrem Raumschiff durch den Orbit lümmeln. Dabei finden sie – natürlich? – eine Flaschenpost und in dieser findet sich dann die Geschichte.
Am Ende kehrt die Binnen- zur Rahmenhandlung zurück. Dabei wird enthüllt, was schon längst Gewissheit war, die Personen der Rahmenhandlung sind natürlich Affen, die sich darüber amüsieren, dass sich jemand eine Geschichte ausgedacht hat, in der denkende Menschen vorkommen: „Vernünftige Menschen? Denkende Menschen? Vom Geist beflügelte Menschen? Nein, da hat der Erzähler gewaltig übertrieben.“
Konventionell, alt, sowieso verfilmt – warum man „Planet der Affen“ trotzdem lesen kann
Also: „Planet der Affen“. Ein „nicht allzu kluger Roman“ wie oben gesagt? Naja. Was heißt schon klug? Es ist kein nouvelle roman, kein Musil oder Joyce, okay. Es ist aber auch keine Science-Fiction à la Lem. Es ist aber ein spannender Roman, dessen Kulturpessimismus stellenweise ein bisschen billig wirkt, der aber dennoch einfach wirkt.
Ob „Planet der Affen“ selbst rassistisch ist, lässt sich nicht so ganz einfach sagen, schließlich ist obiges Zitat auch im Text ein Zitat. Ein mindestens latenter Rassismus scheint mir aber ziemlich plausibel, auch wenn sich der ganze Speziezismus vor den potenziellen Rassimus schiebt.
Notiz an mich & jeden, der sich berufen fühlt: Ein Jahr vor Erscheinen des Romans ging der Algerienkrieg zu Ende. Das könnte in „Planet der Affen“ eingeflossen sein. Darauf komme ich, weil es eine Szene gibt, die den kolonialen Horrortrip anspricht: der Sklave entreißt dem Kolonialherrn die Knute und richtet sie nun gegen ihn. Hier sind es die Gorillas. Aber ich kenne mich dazu zu wenig mit französischer Literatur aus. Vielleicht weiß ja jemand von euch besser Bescheid. Die Kommentare stehen, wie immer, jederzeit offen.
Ich auch nicht. Also den Roman, den habe ich noch nirgends gesehen. Ebensowenig Dune. Aber vielleicht schau ich auch falsch und schließe leichtfertig vom Film auf das Buch, woraufhin mir die Lust am Lesen vergeht. Weshalb eigentlich mein Credo lautet: Erst lesen, dann gucken. Oder hören.
Aber man kann nicht alles gleich lesen und sowieso nicht alles lesen.
Zuviel, viel zu viel ist da gedruckt, zu vieles aufgeschrieben.
Die Idee ist gut. Dass die Affen, die wir gerade ausrotten, in einem Urwaldstockwerk – Witz (Treppenwitz geht hier ja nicht) der Weltgeschichte die Kultur und die Macht übernehmen. Freilich hält sich der Autor mit Äußerlichkeiten auf und unterschlägt die Bonobos und die Berggorillas gleich ganz. Wieso sollten mehrere ganz unterschiedliche Arten gemeinsam diesen Schritt gehen?
Immerhin hat der Mensch ja erfolgreich dafür gesorgt, dass er alleine dasteht, dass andere Hominiden auf diesem Planeten keinen Platz zum Überleben fanden. Wie wahrscheinlich ist es da, dass die weit unterschiedlicheren Gorillas, Orang – Utans und Schimpansen eine gemeinsame Enkulturation erlebten und mehr oder wenig friedlich und erfolgreich zusammenarbeiten?
Man kann hier vermuten, dass der Autor halt mal was von Evolution und auch von Soziologie und Verhaltensforschung gehört hat, aber nur sehr oberflächliche und veraltete Annahmen. Er ist Amerikaner, richtig?
Das ändert aber nichts daran, dass die Grundidee gut war. Drehen wir die Sache halt mal um, schauen wir sie mal von der anderen Seite her an ist oft ein guter Ansatz, um etwas verständlich zu machen.
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Er ist Franzose. Der Roman ist schon ein paar Tage alt, da wurde noch nicht großartig zwischen Bonobos und Schimpansen unterschieden. Aber darum geht es auch nicht so richtig. Farm der Tiere wäre aus einem Verhaltenswissenschaftlichem Standpunkt natürlich auch ungenau. Das gleiche lässt sich von Glory sagen. Boulle, denke ich, geht es dabei mehr um die Parabel, nicht um zoologische Genauigkeit. 😅
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Das ist richtig. Auch die Feststellung, dass es um die Parabel geht. Nur hat der Autor hier selbst die Evolution ins Spiel gebracht, nicht etwa eine Fabel geschrieben. Und an diesem Punkt muß er sich Kritik gefallen lassen, was noch längst nicht heißt, dass deshalb der ganze Roman verrissen werden soll. Wie etwa von einem zornigen Schimpansen, dem das aufgrund der relativ längeren Daumen leichter fallen dürfte als Gorillas und Orang – Utans.
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Bist du dir sicher, dass es keine Fabel ist? Ich glaube, dass das eigentlich eine gute Frage ist, der man nachgehen könnte. 😊
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So gelesen… was sagen die großen Fabeldichter dazu? Widerspricht die Länge der Geschichte dieser Annahme? Und dann… in aller Regel enden Fabeln mit einer einfachen, klaren Moral.
Aber ja, es wäre einmal unter diesem Aspekt zu betrachten.
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