Der Bücherschrankfund: „I, Robot“. Hoffnungslos outdated – oder?

I, Robot war mir bisher eher aufgrund des Films ein Begriff, den ich vor einigen Jahren in einer südniedersächsischen Schleckerfiliale käuflich erwarb. Geblieben ist davon nicht viel – weder von Schlecker noch vom Film. Ich erinnere mich an einen Audi, an Will Smith, an Roboter aus den Tiefen des Uncanny Valleys.

Umso neugieriger war ich, als ich im rheinländischen Bücherschrank meines Vertrauens auf eine wunderbar geschmacklose Ausgabe von I, Robot von Isaac Asimov stieß. Beste Erfahrungen mit diesem Urgestein der Science Fiction blieben mir bisher erspart. Doch sowas kann sich ja ändern – und ich begann zu lesen.

Ein Roman, als wäre Hemingway der Gipfel literarischer Innovation

Zunächst einmal: Es ist ein wunderbar altmodischer Roman. Ein Roman aus einer Welt, in der Hemingway der heißeste Scheiß am Himmel literarischer Innovationen zu sein scheint. Auch wenn I, Robot von 1950 ist, ist er schon antiquiert geboren. Alles wird von einer Rahmenhandlung zusammengehalten, die leichte Wilhelm-Hauff-Vibes versprüht. Man kann hier von Kitsch sprechen. Und so begann ich hochmotiviert zu lesen, den Geruch von Kamillentee in der Nase.

Nicht, weil, ich sowas wirklich trinken würde, sondern weil I, Robot den Eindruck einer postnarkotischen Krankenhauslektüre macht. Wie gesagt: hemmungslos altmodisch, so langweilig und wunderbar wie Omas Kuchen, der seit der Kindheit entschieden an Aroma verloren hat. Und doch: ich konnte irgendwie nicht aufhören zu lesen.

Was in „I, Robot“ erzählt wird

Die Rahmenhandlung ist relativ banal. Im Jahr 2057 trifft ein Journalist eine Koryphäe auf dem Gebiet der Roboter-Psychologie: Susan Calvin. Zwar erfahren wir das eine oder andere aus der Rahmenhandlung, in erster Linie dient sie aber dazu, mehrere Kurzgeschichten, die zum Teil schon Jahre vor dem Roman publiziert worden waren, miteinander zu verbinden.

Dass die Stories sich dabei einigermaßen fremd bleiben, ist irgendwie reizvoll. Das erinnert ein bißchen an Nachts unter der steinernen Brücke – oder, wenn’s denn unbedingt sein muss, an den schrecklichen Daniel Kehlmann mit seinem schrecklichen Ruhm. Doch ist auch egal: In I, Robot besteht ein assoziativer Zusammenhang, das ist deutlich.

Die Robotergesetze als Handlungsmotor

Im Großen und Ganzen werden die Stories nämlich von den sogenanten Robotergesetzen zusammengehalten. Fans von Sid Meier’s Civilization kennen die. Wenn man die Robotik erforscht hat, sind die drei Gesetze der Robotik das feiernde Zitat:

  1. A robot may not injure a human being, or, through inaction, allow a human being to come to harm.
  2. A robot must obey the orders given it by human beings except where such orders would conflict with the First Law. 
  3. A robot must protect its own existence as long as such protection does not conflict with the First or Second Laws

Die Gesetze sind nicht gleichrangig. So ist das erste Gesetz das wichtigste, das die anderen bedingt. Im Prinzip sind die Stories Variatonen über die drei elementaren Gesetze der Robotik, wobei es ein gewisses eskalatives Moment gibt. Während die ersten Stories darauf bestehen, dass das erste Gesetz unbrechbar ist, löst sich diese Gewissheit nach und nach auf.

So richtig in Stein gemeißelt, sind diese Gesetze also nicht. Oder doch? Naja, das mag man so oder so lesen. Am Ende haben wir eine Roboter-Psychologin, die Robotern mehr vertraut als Menschen und augenscheinlich nur mit ihnen so richtig klarkommt. Die Stories sind nett, haben in der Regel einen sauberen Wendepunkt und unterhalten gut. Was will man mehr? – Das E-Book lässt sich per Google-Suche finden. Ich halte mich also mit Spoilern zurück. Wer ein Faible für Science-Fiction hat, ist hier gut bedient.

Die eigentliche Vision in „I, Robot“

Eines jedoch muss ich hier anbringen. Es wird mehr so nebenbei geschildert, wirkt ein wenig an die Handlung geklatscht. Und eigentlich spielt es auch eine erschreckend nebensächliche Rolle im Roman. Die Frage ist nämlich, worum es in diesem antiquierten Stück Robot-Märchen eigentlich geht? Was ist der ideologische Urgrund, auf dem diese Zukunftsvision aufruht?

Es ist 2057; im 20. Jahrhundert hat sich die Menschheit mit mindestens 3 Weltkriegen herumgeplagt – es können auch mehr sein, das wird nicht aufgelöst. Von Asimov publiziert und abgerundet wurde der Text 1950, der zentrale Entwurf der diegetischen Welt ist also heute 75 Jahre alt. Der Kalte Krieg war schon in vollem Gange, den Sowjetamerikaner Asimov aber focht das zu dem Zeitpunkt womöglich nur so halb an. Die Welt, in der dieser seine Roboter setzt, ist durch die Aufhebung der Polarität gekennzeichnet. Aus USA und UdSSR sind Partner geworden, die Welt, durch Atombomben gezeichnet, hat sich augenscheinlich zusammengerauft. Und genau darüber möchte ich hier ein, zwei Wörtchen verlieren.

Nach dem letzten Weltkrieg haben die Roboter die Macht übernommen. Aber das gilt Asimov 1950 noch als gute Sache, glaube ich. Hier west kein Terminator-Shit an. Die Roboter halten sich ja trotz allem an die Gesetze der Robotik – und im übrigen sind Big-Tech-Konzerne in I-Robot die Guten, Regierungen hingegen verdächtig. Heute, naja, gilt noch nicht mal mehr das Umgekehrte, das war vielleicht vor zehn jahren noch so, heute ist tohuwabohu, trotz, mit oder dank chatGPT.

Jedenfalls wird die Welt von künstlichen Gehirnen, sogenannten Positronengehirnen gesteuert, von denen nicht einmal mehr so richtig gesagt werden kann, wie sie funktionieren (*hüstel* LLM? *hüstel-Ende*). Spätestens 2044 haben die Computer angefangen, den Laden zu schmeißen, wie es dazu kam – das erfahren wir nicht.

Immerhin: Aus Sicht des Welt-Koordinators, einer Art (pseudo?)-menschlichem Interface der Positronengehirne, stellt sich die Weltgeschichte wie folgt dar: Die Menschheit sieht sich Problemen ausgeliefert, es kommt zum Krieg, die Probleme verschwinden indem neue auftauchen, der Krieg geht wieder los, Probleme verschwinden, neue tauchen auf etc. Dieser Zirkel der Gewalt kam mit den Atombomben aber an einen Punkt, wo es 1 (Sein) oder 0 (Nicht-sein) hieß. Die Roboter setzten hier einen Cut, sie sind der Deus ex machina, beziehunsweise einfach Machinae.

Die vier Weltregionen

Jetzt ist die Welt wie folgt geordnet. Es gibt vier Weltregionen. Die Eastern Region umfasst den südöstlichen Teil von Asien und Indien. Hauptstadt ist Schanghai, 1,7 Milliarden Menschen leben hier. Asien ist vor allem chinesisch dominiert. Die aufkommende nächste Region ist die Tropische. Hier leben zwar nur 500 Millionen Menschen, dafür ist alles da, was man braucht: Wärme, Rohstoffe und viel, viel Platz. Die Hauptstadt ist Capital City, eine neue Stadt in Nigeria. Zur Tropischen Region gehören Afrika, der Nahe Osten und Persien und der größte Teil von Lateinamerika.

Traurig hingegen: die Europäische Region. 300 Millionen Einwohner, Genf als Hauptstadt, der Zenith weit überschritten. Bemerkenswert: Die Europäische Region ist die einzige, die von einer Frau geleitet wird. Was 1950 aber eher ein Manko ist. „Europe is a sleepy place. And such of our men as do not manage to immigrate to the Tropics are tired and sleepy along with it. You see for yourself that it is myself, a poor woman, to whom falls the task of being Vice-Coordinator. Well, fortunately, it is not a difficult job, and not much is expected of me. “ Das sagt Madame Szegeczowska, die Vize-Koordinatorin in Europa.

Europa als Asimov-Region ist indes fragmentiert: Russland, UK und Skandinavien gehören nicht dazu, dafür die gesamten Mittelmeeranrainer, Argentinien, Uruguay und Chile. Europa ist, wie es heute ebenfalls gern gesehen wird, auf dem absteigenden Ast. Aber immerhin: „It is a pleasant atmosphere“. Okay. Ein riesiges Freiluftmuseum also.

So richtig geschmissen – von den Tropen aber herausgefordert – wird der Weltladen aber von der Nördlichen Region. Die hat ihre Hauptstadt in Ottawa und gibt 800 Millionen Menschen ein Zuhause. Zu ihr gehören die USA und alles, was nicht mehr zu Europa gehört, außerdem Australien und Neuseeland.

Prästabilierte Harmonie oder toter Funktionalismus?

Insgesamt leben auf der Erde, deren Hauptstadt natürlich New York ist, 3,3 Milliarden Menschen, alle in Frieden. Doch es wächst die Unzufriedenheit. Die sogenannten Fundamentalisten – Luddisten oder Maschinenstürmer – wollen keine Bevormundung durch die Roboter mehr, sie wollen ein anderes Leben, eines mit Fehlern und Gefahr. Sie wollen, wie der Captain in Wall.E sagt: „Leben nicht nur Überleben.“

Doch auch das haben die Roboter bereits geregelt, verregelt, unmöglich gedacht: Es gibt sie zwar, die Opposition, doch sie ist längst im Plan der Maschinen berücksichtigt. Aus der karitativen Diktatur ist kein Entkommen. Die Welt ist zu einer Brave New World geworden. Und weil das alles aus der Sicht Susan Calvin, der Robotophilen geschildert wird, wirkt es fast utopisch, in dieser Welt zu leben, die von Robotern gesteuert und gratifiziert wird. Das klingt irgendwie plausible: Dieser Roman von 1950 hat den großen Krieg gerade hinter sich, steht unter dem Schock von Hiroshima und Nagasaki – und sieht sein Heil womöglich in der Überwindung des Menschen durch die Maschine. Posthumanismus als Utopie?

Ist „I, Robot“ wirklich eine Utopie?

Ist der Roman also hemmungslos outdated? Ich überlasse das natürlich euch, hier eine entscheidung zu treffen. Meine Einschätzung tendiert zu einem klaren Jein. Er ist in so vielerlei weise outdated, dass es ein Lust ist, ihn zu lesen. Er wirkt beinahe unschuldig – auch wenn er natürlich sexistisch und rassistisch ist. Und doch offenbart sich hier ein Bild vom Menschen, das immernoch ziemlich aktuell ist: Der Mensch als zu untersützendes Mängelwesen, das den Computer als Prothese braucht, 

„Wir sind die Roboter“, werden kraftwerk einige Jahre später sprechsingen. Der Roman schlägt diese Richtung durchaus ein. Und auch unsere Welt scheint sich in diese Richtung zu bewegen. „I, Robot“, das könnte ziemlich bald ziemlich wahr werden. Und deswegen: Cheers zu dieser Dystopie, die sich wie eine Utopie liest und angesichts der abgefuckten Meldungen da draußen, ein kleines stück heile Welt repdroduziert – und damit genau den Kern trifft. Denn ob das ganze wirklich als Utopie gemeint ist, bleibt ziemlich zweifelhaft. Was den Roman wiederum ziemlich smart macht.

Isaac Asimovs I, Robot ist ein Klasiker der Science-Fiction, der auf vielerlei Weise an vieles nicht so richtig ranragen kann. Ein literarischer Genuss? Naja, dafür fehlt es vielleicht ein bißchen an Poetizität und formalem Ingenium. Und doch: I, Robot ist durch und durch lesenswert. Und das ganz ohne, dass man den Film gesehen hat, denn der ist bemerkenswert vergessenswert.

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