Eine kleine Literatur? Barbi Markovićs „Mini Horror“.

Mini und Miki wollen nett sein, aber nichts ist einfach. Die Welt ist schrecklich, alles muss sterben. Die beiden müssen ziemlich viel erleiden, aber genau dafür lieben wir sie.

Ein Buch, das so anfängt, muss auch liefern. – Und Spoiler: Barbi Markovićs Mini Horror liefert. Und wie! Ungefähr so geht es weiter: viel guter Wille, einige Tode, sehr viel Schrecklichkeit. – Aber all das so ungemein komisch: „hach!“ Mini Horror ist eine Groteske nach Strich und Faden. – Und nicht umsonst preisgekrönt. Ein großartiges Buch. Selbst dann, wenn man wirklich picky sein möchte.

Man kann sagen: Mini Horror ist eine Art Roman, der aus 28 Kurzgeschichten besteht. Ob die Geschichten linear erzählt werden oder nicht? – Und wenn nicht: was das überhaupt aussagt? Das sind ein Fragen, die geradezu danach schreien, in den Kommentaren geklärt zu werden. Feel free!

Barbi Markovics „Mini Horror“: Kafkaeske Ansichten des Alltags

Wer sich mit Mini Horror auseinandersetzt, wird früher oder später auf Bezeichnungen wie cartoonhaftes Erzählen stoßen. Aber Mini Horror kann nicht nur „PAM“, „WAAAS?“ und „hach! :-)“. Der Text hat auch ein dezente Note des Altmodischen.

Als Germanist*in könnte man Mini Horror sicher in der Traditionslinie Walser d. Ä., Kafka und Walser d. J. verorten. Wo Mini Horror nah an Kafka und Walser d. Ä. ist, entfernt er sich von Walser d. J. – und von dem Elefanten-im-Raum Bernhard. Bernhard ist virtuell präsent, denke ich. Klar wird fabuliert, die Sprache bleibt stringent, auf den Akzent formuliert. Eine gewisse Nähe zu Bernhard ist da. Die Lust an der Wiederholung, die Sturheit, die tief in der deutschen Sprache steckt, vielleicht ihr Ingenium ist.

Inhaltlich und formal ist Mini Horror aber näher an Martin Walsers Lügengeschichten als an Bernhards Die Mütze. Im Übrigen ist der Text frei von sprachphilosophischen Bombast. Mini Horror ist ein eher performativer Text. Er möchte vorgelesen werden. – Natürlich spielt Marković mit der Sprache.

Liest man die Kommentare unter der Rezension von Clemens Setz, dann scheint es aber übelmeinende Puristen zu geben, die Markovic eine gewisse Verflachung nachsagen. Oder eher: einen Mangel an Erhabenheit. Es scheint, auch hier ist Bernhard wieder präsent. Womöglich haben die Puristen Marković nie das kesse Ausgehen verzeihen können. Womöglich entgeht den Preußischen Puristen auch einfach die Komik Bernhards. Vielleicht sind weniger Puristen als Epigonen. – Es ist auch egal: mich hat Mini Horror hingerissen. Mehrfach.

„Mini Horror“ als Stories vom Unzumutbaren

Grundlegendes Thema der 28 Texte ist so etwas wie die reale Unmöglichkeit des Lebens. Es geht aber so schnell vorwärts, dass übergreifende Fragestellungen erst im Nachhinein aufkommen. Man propft dem Text da auch etwas auf. Er ist ziemlich offen, will vielleicht gar nicht gedeutet werden.

Es herrscht ein heiterer Ton vor, kann man sagen. Aber Komisch ist das. Die Handlung setzt mit einem erzählten Fehlstart los. Mini verweigert die Handlung. Ihr geht es einfach schlecht, alltäglich schlecht. Sie stärkt sich im Selbstmitleid. Betreibt Bingewatching für die Psychohygiene. Erst im zweiten Anlauf kommt die Handlung überhaupt in Gang.

Unmerklich aber ist man tief in einer Horror-Story. Allerdings, der Name hat das ja auch irgendwie erwarten lassen. Die Horror-Stories erinnern dabei teilweise an Simpsons Hallooween-Folgen. Mindestens dadurch, dass die beiden tapferen Protagonisten sich einem Trauma hartnäckig verweigern. Dabei hätten sie allen Grund, ihnen begegnet klar Unzumutbares.

„Mini Horror“ von Barbi Marković: groteske Grausamkeit

Ob die schreckliche Cousine Jennifer, Minis toxische Familie oder die erschreckende Vorgeschichte, die Miki mit Katzen hat – all das wird nie wirklich grausam, weil es immer im Modus des Grotesken gezeigt wird. Die Stories sind klar als fiktional markiert, erheben keinen Anspruch auf Einfühlung. Dafür ist die Stimme der Erzählinstanz viel zu präsent. Wenngleich die Erzählinstanz selbst kaum in den Blick gerät: Als Austrizismus könnte man es eine personale Erzählsituation nennen.

Mini hat den Traum von einem nie da gewesenen, unfassbaren Fertiggericht-mix, der ihre Sinne umhauen wird, noch nicht verworfen. Ein glitzernder, im Mund explodierender Pizzaburger würde sie auf jeden Fall neugierig machen.

Die kleinen Hoffnungen der Konsumkultur, sie halten Mini und Miki aufrecht, wie sie die meisten aufrechthalten dürften. Erträglich wird der Kapitalismus nur durch den Kapitalismus. Auch das zeigen Mini und Miki – beide auf ihre je eigene Weise.

„Mini Horror“ als kleine Literatur?

Der Text bezieht durchaus einen Teil seiner Sujets aus der serboaustrizistischen Erfahrung. Anders gesagt: Es spielt schon eine Rolle, dass Mini aus Serbien stammt. Es gibt zwar kein Belgrader Lokalkolorit – abgesehen von den Taxifahrern. Und doch finden sich – zum Teil nicht übersetzte – BKS-Sprengsel. Es klingt schon fast klischeehaft, hier von einer kleinen Literatur nach Deleuze und Guattari zu sprechen. – Und von hier an wird’s unter Umständen ein bißchen nerdy. Wessen Zeit und/oder Muße knapp bemessen ist, kann gerne bis zum Fazit springen.

Ein preisgekrönter Text als subversiver Text?

Die kleinen Literaturen sind dadurch geprägt, dass sie dem gleichsam offiziellen Kultur- und Literaturbetrieb etwas Subversives entgegensetzen. Nun ist Barbi Markovic sicher Teil des Literaturbetriebs. Mini Horror ist ja auch preisgekrönt und damit anerkannt.

Barbi Markovic lebt und arbeitet in Wien. Damit steht sie nicht am Rand, sondern ziemlich im Zentrum wenigstens der austrodeutschen Literatur. Und doch unterscheiden sie zwei Merkmale von vielen Kolleg*innen. Barbi Markovic schreibt nicht in ihrer Muttersprache. Barbi Markovic hat niemals literarisches Schreiben studiert.

Das gilt selbstverständlich für sehr viele Autor*innen. Dennoch glaube ich, dass es zumindest bei Barbi Markovic eine Rolle spielt. Sie lotet mit ihrem merkwürdigen Text auch aus, was jenseits der Coming-of-Age-Romane und Autofiktionen noch zu machen ist. Und das mit einer so altmodischen Form wie dem Märchen – gesetzt, man will Mini Horror eine Märchensammlung nennen.

In diesem Sinne ist Mini Horror Repräsentant einer kleinen Literatur. Es ist eine Literatur, die durch ihren niedrigen Gegenstand (das ordinäre Leben) und ihre formale Ordnung (es gibt keine Ordnung, weil: Märchen), im Widerspruch zu dem Mainstream zeitgenössischer Literatur steht. Ich denke, Markovics Mini Horror ist der subversive Teil heutiger Erzählkunst. – Aber vielleicht lasse ich mich da auch nur vom begeisterten Urteil Clemens Setz‘ beeinflussen?

Ein Dialekt erobert die Hochsprache

Jedenfalls verstehen Deleuze und Guattari unter kleinen Literaturen, Minderheitenliteraturenm in der Repräsentanten einer Minderheit sich der Sprache der Mehrheit bedienen. Doch dieser Transfer hat seine Auswirkungen auf die Sprache. Bei Markovic etwa daran erkenntlich, dass sie den Dialekt der österreichischen Bauernfrauen wie folgt wiedergibt:

So ane Traditionen, des iš was Šienes.

Der Bauerndialekt wird nicht in die Hochsprache übertragen, sondern in BKS-Diktion notiert. BKS schiebt sich vor die sogenannte große Sprache, markiert in ihr eine Differenz. Man kann das auch mutig nennen (ein Witz, der sich bei der Lektüre erklärt).

Kennzeichen einer kleinen Literatur ist aber auch die Absage an die großen Meister, die großen Erzählerfiguren. Mini und Miki sind vielleicht eher Typen als tiefe Charaktere. Sie stehen, auch wenn sie sehr spezifische Erfahrungen machen, für etwas Allgemeines, so wenigstens hat es den Anschein. Sie sind Stellvertreter*innen – vor allem für uns. Die Zumutungen, unter denen Mini und Miki leiden, sind meist doch auch die unseren. Die Grenze wird porös: wer bin ich, wer bist Du?

Kleine Literaturen unternehmen dreierlei: Sie deterritorialisieren Sprache, sie verkoppeln Individuelles mit Politischem und sie bilden eine kollektive Aussageverkettung. Mini Horror tut all das. Die verwendete Sprache ist keine räumlich begrenzte Sprache mehr. Das Deutsche ist über das Serbokroatische wieder zum Deutschen zurückgekommen, es ist ein verwandeltes Deutsch. Ein erweitertes, deterritorialisiertes.

Unmittelbar politisch ist der Text mindestens darin, dass Privates und Politisches in ihrer rezirproken Verschraubung gezeigt werden. Allgemein kollektiv wird die Aussage durch ihre Offenheit bei gleichzeitiger Rückgebundenheit an das Alltägliche. Das klingt technisch und will eigentlich nur sagen:

Fazit

Ob Mini Horror eine kleine Literatur im kanonischen Sinne ist, darf weiterhin diskutiert werden. Ich würde allerdings sagen, dass die drei Kriterien, die Deleuze und Guattari aufstellen, von Mini Horror erfüllt werden. Und damit geht einher, dass der Text uns irgendwie alle angeht.

Der Text ist eine Sammlung von Alltagsminiaturen, die wir so oder so ähnlich auch haben erleiden müssen. Nicht ganz so groteskt und mit sicherlich weniger Blut. Das ändert aber nur bedingt etwas an der Erfahrung. Und auch wenn nicht alle von uns wissen, wie es ist, als Serbin im Deutschen zu schreiben. So können wir doch erfahren wie es ist, wenn der Alltag uns als gräßlich Fremder überrascht, in die Maschine drückt und irgendwie zerkaut wieder ausspuckt.

Mini Horror – erschienen bei Rowohlt ist im Taschenbuch zu haben. 192 Seiten kosten 14 Euro. Ich würde sagen: Preis-Leistung stimmt.

6 Kommentare zu „Eine kleine Literatur? Barbi Markovićs „Mini Horror“.

  1. Wien war immer internationaler als etwa Berlin. Und das auch noch auf eine häufig recht gemütvolle Weise. Dass es auch heftig werden konnte wissen wir.
    Warum dann aber preußische Puristen – was sollen das sein? Die Herrschaften, die es für Hochsprache halten, wenn mir und mich verwechselt werden? – hier kritisieren möchten ist zwar bekannt und selbstverständlich, was würden sie nicht kritisieren und zumindest besserwissen. Geht aber offenbar an der Autorin und ebenso am Text vorbei. Muß Literatur bestimmte, an ihren Aushängeschildern orientierte, Ansprüche erfüllen oder reicht es auch, wenn etwas gut geschrieben ist? Wenn es interessant und spannend ist und vielleicht auch noch etwas aussagt? Wobei die hier gemachten Vergleiche sicherlich ehrende sind, aber muß man, ich mache ein Beispiel, Die wunderlichen Schelme von Tortilla Flat an der Straße der Ölsardinen messen, nur weil sie vom selben Autor sind und mehr oder weniger dasselbe Thema behandeln? Oder muß man jeden Faust – Entwurf immer am dann unverdienst statisch wirkenden Goethes messen? Und so weiter. Natürlich darf man vergleichen, doch fragwürdig der Vergleich, sich auch nach der Herkunft der einen oder anderen Idee, auch eines Stils, fragen. Nur muß es nicht unbedingt in eine Wertung münden und wenn, so sollte diese wirklich gut begründet oder aber ehrlicherweise als einfach subjektiv gekennzeichnet sein. Denn in Wien war immer schon Vieles möglich!

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    1. Sagt man zumindest Wien. 😅 Wie sie zu grauen preußischen Puristen geworden sind, weiß ich leider nicht. Aber dass es sie gibt, steht ziemlich ausser Frage, würde ich behaupten. Und ganz verkehrt ist es ja nicht, auch Kritik aufzunehmen. Ob eine Wertung jetzt aber unbedingt als subjektiv gekennzeichnet werden muss, weiß ich nicht genau. Erscheint mir ein wenig redudant, eigentlich. Was sollte eine objektive Wertung schließlich sein?

      Aber klar, kann man machen. Und was man auch immer machen kann: Intertextualität. Warum sollte man beim Erlkönig vergessen, dass Goethe auch am Faust rumgeschrieben hat?

      Anyway. Es führen viele Wege nach Rom. Mindestens vier. ☺️

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