LIQUID CENTER: „Wir kommen“. Oder: Wie viele Erzähler braucht ein Roman?

wie oft habe ich mit klebrigen fingern getippt

Orthodox und konservativ: diese beiden Zuschreibungen passen eher nicht auf den Roman „Wir kommen“. Aber passt die Bezeichnung Roman? Sollte das nicht mehr nur: Text heißen?

Verantwortet wird das jedenfalls vom LIQUID CENTER, nach Selbstbeschreibung ein „feministisches Literaturkollektiv“. Und was ist das überhaupt für ein merkwürdiges Stück Literatur? Nach dessen Lektüre glaubt man(n), ein wenig schlauer zu sein. Vorsichtiger ausgedrückt, fühlt man sich zumindest ein wenig weniger debil.

Für diesen Roman, der ungefähr so romanesk ist wie der Nouveau Roman der 1950er, haben die drei Protagonist*innen des LIQUID CENTER Verena Günter, Elisabeth Hager & Julia Wolf 18 Autor*innen rekrutiert, die sich einem gnadenlosen Stille-Post-Regiment unterworfen haben. Aus dem ist dann ein gnadenloser Stille-Post-Roman entstanden, der sich in erster Linie mit weiblicher Sexualität auseinandersetzt. – Wobei weiblich hier nicht als terfig verstanden werden sollte. Die in „Wir kommen“ verhandelte Weiblichkeit ist inklusiv.

„Wir kommen“: Was passiert, wenn sich 18 Autor*innen über Sex, Begehren, Weiblichsein unterhalten?

Die Namen der Teilnehmer*innen lesen sich derweil nicht schlecht: I. V. Nuss, Olga Grjasnowa, Kim de l’Horizon oder Caca Savić. Zwei bleiben sogar noch anonym, was die Spannung erhöht, den Traumraum erst so richtig öffnet. Ein hochkarätiges Line-Up, das sich da unter der verbindenden Klammer Sexualität versammelt: 18 Autor*innen verschiedenen Alters, die zwar zum überwiegenden Teil bekannt sind, die aber nicht unter ihren Beiträgen unterzeichnen.

Was sie aber tun: Sie diskutieren miteinander, oder auch aneinander vorbei. bekennen sich zu, kasteien und feiern sich für: ihr Begehren/Nichtbegehren, sprechen über Sex, Geschlecht, Gott und die Welt. Und das geht in der Anonymität doch oftmals ziemlich zwanglos, hat man den Eindruck.

Ich mag es, wenn nach dem Cunnilingus mein Blut aus ihren Mundwinkeln tropft, ihr Gesicht rot und klebrig. Ich mag es, wenn sich im Schritt meiner hellen Hose ein dunkler Fleck abzeichnet. Wenn ich aufstehe und ein schmieriges Rot auf dem Polster zurückbleibt, sichtbar für alle.

Vieles passiert hier extrem offen und wirkt doch gleichzeitig extrem diskret. Man muss sich das so vorstellen: Ein polyphoner Roman im wahren Sinne. Ein Roman, der so polyphon ist, sich so gar nicht mehr auf ein Signifikat zurückführen lässt, dass schon der Versuch einer eindeutigen Zuschreibung nur noch als zeitraubendes Hobby erscheint.

Sicher, Fans werden die eine oder andere Formulierung mit einiger Wahrscheinlichkeit zuschreiben können. Auch Biografisches mögen Eingeweihte erkennen. Mir gelingt das nicht. Und genau das macht einen immensen Reiz des Romans aus, denn die lüsterne Frage, wer wohl hinter der jeweils erklingenden Stimme stecken mag, wer da spricht, diese Frage erübrigt sich. Wen kümmert’s, wer spricht? – Vor allem aber lernt man den Mechanismus der Identität kennen, die Technik hinter der Gewalt des Eigennamens:

Meine Identität wird von anderen konstruiert, da kann ich mir noch so viele Gedanken machen und in Büchern zu Female Pleasure auftauchen, wie ich will. Und durch dieses blatante Heruntermachen meiner selbst erhoffe ich genauso ein ontologisches Erbarmen vor der Wahrnehmung der Leser*in: Wer schreibt hier? Was schreibt hier, was ist hier am Werk?

Oder anders: Was ist das Gegenteil eines Erzählers? – Eine Erzählerin? Kein Erzähler? Viele Erzähler? – Überhaupt Erzähler*innen? Diese Fragen werden mal mehr mal minder subtil in Leser*innenköpfen platziert, wo sie zur Entfaltung kommen können. Oder auch nicht. Das Buch schreibt hier nichts vor. Das ist eine Stärke des Buchs.

Ist das noch Polyphonie oder schon… Ja, was eigentlich?

Der Roman „Wir kommen“ ist schon durch seine Struktur eine Einladung zur Literaturtheorie: Was macht es mit einem Text, der nicht einen, sondern viele Autor*innen hat? Ist hier von Polyphonie im Sinne Bachtins überhaupt noch zu sprechen? Liegt hier Postpolyphones Erzählen vor? Oder handelt es sich doch um parallele Monophonie?

Bücher, die 1+N Autor*innen haben, sind jetzt nicht zwingend neu. Und dass das bei z. B. Boris und Arkadi Strugatzki auch gut funktioniert hat, ist eigentlich gar nicht überraschend. Aber: Die beiden Strugatzkis treten nicht als Opponenten auf. Sie streiten nicht miteinander, neben nicht Bezug, performieren keine Intertextualität in dieser Form. In „Wir kommen“ findet keine Synthese statt, wie es etwa in „Picknick am Wegesrand“ der Fall ist. Die Stimmen bleiben separiert.

Der Tod des Autors und die Geburt der Polyphonie – nochmal durchgespielt

Das lädt zum Rätselraten ein, wie gesagt, macht aber noch etwas anderes: es unterminiert. Vielleicht projeziere ich hier (& ziemlich sicher tue ich das), aber trotzdem: Unterwandert wird hier vieles: der male gaze, eine mythostrukturelle Handlung, vor allem aber diese bedenkliche Entität Erzähler, die vielleicht gar nicht so schrecklich generisch maskulinisch ist, wie man glauben oder hoffen mag. „Wir kommen“ aber zeigt, dass es auch ohne Erzähler funktioniert, dass ein Roman keine distinkte, phallisch-symbolische Stimme braucht. Das Spielerische daran: „Wir kommen“ zeigt das nicht thesenhaft, sondern im Vollzug.

An einer Stelle schreibt eine der Autor*innen, sie feiere es, dass „sich auf dieses buch so viele leute einen runterholen bzw. sich einen abraspeln werden“. Das kann auch sein, aber ich denke, dass der Roman noch weitere Register bespielt. Klar, er ist schon stellenweise explizit, aber irgendwie ist er auch viel zu spannend, als dass der Lesefluss sich so richtig erschüttern ließe, viel zu spannend, als dass er pornografisch zur Interaktion. Vor allem aber bleibt er bei doch ein kognitives Erlebnis. Denn was hier neben den ermächtigenden und hoffnungsvollen Sequenzen immer wieder aufscheint, ist auch ein Gesang davon, wie fragil Identität ist. Weibliche, klar, aber auch die jeweils Lesende, meine, eine männliche.

Ist „Wir kommen“ ein Frauenroman?

„Wir kommen“ ist ein Roman, der unter erotischer Literatur läuft. Eine ziemlich enge Gattungszuweisung. Ist es ein Frauenroman? Na, auch das erscheint mir ein bißchen eng für ein Buch, dass voll auf die Fundamente menschlicher Identität losgeht. Klar: das ist alles aus einer inklusiv weiblichen Perspektive geschrieben und doch fühle ich mich als lesender Cis-Mann nicht ausgeschlossen. Ich habe bei der Lektüre nicht das Gefühl, nicht auch angesprochen zu sein. Was hier verhandelt wird, das geht mich an. – Und nicht einmal, weil ich hier Geheimnisse erfahre, die ich andernorts nicht zu hören bekäme. Das mag schon irgendwie auch der Fall sein, aber das gilt schließlich für Literatur überhaupt.

Ich denke, dekonstruktiver Roman passt besser als erotischer Roman, passt besser als Frauenroman. Auch wenn dekonstruktiver Roman schon ziemlich mach Cultural Studies-Seminar klingen mag. Aber was ist daran eigentlich schlimm? Vielleicht gehört der Roman einfach eher ins Seminar als ins Haifischbecken Buchhandel, wo es eine klare Kategorisierung braucht, wo es einen Namen braucht, den man kaufen kann, eine Story, Persona und die Möglichkeit, Conspicous Consumtion zu betreiben.

Wenn alle mehr Wasser trinken würden, bräuchten sie auch kein Gleitgel.

Was also ist der dekonstruktive Kollektivroman „Wir kommen“? Bekenntnisliteratur, Sexualsoziologie, experimentelle Narration? Ich weiß es nicht und doch fühle ich mich nach der Lektüre auf eine irgendwie debile Weise klüger.

Ganz neu ist das ganze Setting natürlich oder bestimmt oder womöglich nicht, aber was heißt das schon… „Wir kommen“ ist eine gute und zuweilen slightly bis massiv verstörende Erfahrung – die zum Nach-Denken anregt. Nicht zuletzt über die je ganz eigene Sexualität und Identität, die gar so eigen und gar so ganz dann vielleicht doch nicht sind.

Ein Kommentar zu “LIQUID CENTER: „Wir kommen“. Oder: Wie viele Erzähler braucht ein Roman?

  1. stille Post ist ein lustiges Spiel. Nicht nur Kinder haben ihre Freude daran. Aber man sollte den Ausgangssatz aufgeschrieben haben.
    Ob aus stiller Post ein Roman wird? Ob der Anfangsgedanke evoltiert? Oder revoltiert? Oder subsimiert? Oder abschmiert?
    Oder wäre es auch ohne eine Kinderspiel gegangen? Einfach nur ein vorgegebenes Thema, jeder schreibt seine Gedanken dazu auf und gut? So etwas soll es durchaus schon einmal (außerhalb des Deutschunterrichts) gegeben haben.
    Wobei die Gedanken ja nicht unbedingt einer gelebten Realität entsprechen, nicht einmal nahekommen müssen. Wer möchte schon gern Flecken in der hellen Hose? Wie wäscht man die jetzt wieder raus? Und erst auf dem Sofapolster!
    Blut ist nun mal dicker als Wasser oder auch Druckertinte. Und irgendwann treffen die Gedankenspiele auf die Realität. Als Tommy, nachdem er seine Freundin Lilo befriedigt hatte, nach Hause ging sahen ihn alle Leute konsterniert an. Irgendwann sagte auch einer: „Junge, das mag ja ganz lustig sein, aber wir haben gar nicht Halloween! Oder hat dir deine Mama nicht beigebracht, wie man Spagthetti mit Tomatensoße ißt?“
    Da gerade ein Schaufenster in der Nähe war sah Tommy sich gleich noch selbst mit seinem rotverschmierten Mund. Und ihm wurde erst bewußt, was das für ein eigentümlicher Geruch und Geschmack gewesen war.
    Er ist jetzt mit Frieda zusammen. Die ist freilich ein wenig frigid, aber ihm ist es recht so.

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