Der unvermeidliche Ulf (Poschardt) nennt ihn einen „Visionär, der die Gegenwart gewissermaßen lesen kann“. Beim Deutschlandfunk wurde er als als dunkles Mastermind porträtiert, das den Katechon in Donald Trump identifiziert und/oder aufgebaut hat. Und dann gab es jüngst sogar noch den Axel-Springer-Preis.
Gerade vor dem Hintergrund des Letztgenannten stell ich mir die Frage: Ist Peter Thiel jetzt endgültig auf der dunklen Seite der Macht angekommen?
– Bei der Preisverleihung jedenfalls gab er sich zwischen vielen Ähs und Ähms Mühe, das nicht so aussehen zu lassen. Natürlich werde ich zu solchen High-Class-Veranstaltungen nicht eingeladen, aber im Spiegel hieß es, Peter Thiel habe sich mehr oder weniger direkt von einem Essay distanziert, den er vor 17 Jahren „mal so runtergeschrieben“ habe.
Wenn das mal kein Hinweis ist. Den Essay schauen wir uns mal an.
Peter Thiels „The Education of a Libertarian“
Der runtergeschriebene Text heißt: „The Education of a Libertarian“ . Mit dem Titel positioniert sich Thile minimal großkotzig irgendwo zwischen Yarvin und de Sade. Und dementsprechend wird auch direkt im ersten Satz die größtmögliche Line gedroppt: „I remain committed (…) to authentic human freedom as a precondition for the highest good.“
Klingt ja erstmal gut: authentische menschliche Freiheit als des Glückes Unterpfand. Super.
Direkt danach heißt es: „I stand against confiscatory taxes, totalitarian collectives, and the ideology of the inevitability of the death of every individual.“ Das wiederum klingt nicht unbedingt, als wäre der klassische Nationalsozialismus eine Option für Peter Thiel. Denn da herrschte nicht nur ein kollektiver Todeskult, sondern ab 1941 auch ein Spitzensteuersatz von 65 Prozent.
Aber viel interessanter ist, dass Thiel den Tod zu einer Frage der Ideologie macht. Oder genauer: die Unvermeidbarkeit des Todes als Ausgeburt einer Ideologie begreift. Was das genau bedeutet, kommt in dem Text nicht heraus. Allerdings spricht für sich, was Thiel mit dem Blut junger Spender anstellen wollte.
Peter Thiels negative Definition von Freiheit
Doch die Stoßrichtung des Essays „The Education of a Libertarian“ ist grundsätzlich eine andere. Denn mithilfe der Trias Steuern, Kollektiv, Ideologie versucht er vor allem, negativ zu definieren, was er unter Freiheit versteht. Denn auch das ist ja alles andere selbstverständlich.
Bei Peter Thiel ist Freiheit offenbar kein positiver Begriff, sondern ein negativer. Er beschreib eine Freiheit-von und keine eine Freiheit-zu. Die Freiheit von: Steuerlasten, dem Kollektiv, dem Glauben an den Tod. Dass aus dieser Freiheit-von eine Freiheit-zu erwachsen kann, sei dahingestellt. Entscheidend sind die strukturellen Stellschrauben, die Thiel hier anzieht.
Was fällt an dieser Trias auf?
Seine Freiheits-Inhibitoren decken drei wesentliche Bereiche menschlichen Handelns und Erlebens ab.
Die Freiheit von Steuern befasst sich mit der Wirtschaft, der Arbeit
Die Freiheit vom Kollektiv oder Totalitarismus spielt im Bereich des Sozialen
Die Freiheit von einer Ideologie hat ihr Wirkungsfeld im kulturellen System
Man könnte Thiel hier etwas weiterlesen und behaupten: Er bezieht sich auf das AGIL-Schema von Talcott Parsons.
Peter Thiel und das AGIL-Schema von Talcott Parsons
Das AGIL-Schema lässt sich als stukturfunktionalistische Schablone verstehen, die aus vier Elementen besteht. Jedes soziale System – vom Individuum bis hin zur Weltgesellschaft – lässt sich mittels des AGIL-Schemas beschreiben.
A steht dabei für Adaption. Ein System muss sich an seine Umwelten anpassen. Das tut es zum Beispiel durch Arbeit aber auch durch Konsumtion. Das A korreliert dem Gebiet der Wirtschaft. Peter Thiels „ confiscatory taxes“ gehören also zum Bereich des A.
Als nächstes folgt das I, das für Integration steht. Hier kommt das eigentlich Soziale zum Tragen, zum Beispiel die Organisation einer Gesellschaft. Thiels „totalitarian collectives“ sind also ein Phänomen des I, der Integration.
Zuletzt beschreibt Thiel ein Element aus dem Fachbereich L – wie Latency (Selbsterhalt). Im AGIL-Schema ist das der kulturelle, künstlerische, ideologische Bereich. Die „ideology of the inevitability of the death of every individual“ ist nach Parsons eine Möglichkeit, das soziale System aufrecht zu erhalten. Der Glaube an den Tod wäre somit das, was die Gesellschaft zusammenhält.
Wo bleibt Thiels Goal Attainment?
Aber bisher ist das doch lediglich ein AIL-Schema? Wo liegt denn das G? – Und genau kommt das Politische ins Spiel. Politik ist G, Goal Attainment. Nach Parsons ist die Politik dazu da, übergreifende Ziele zu erfassen, auf dass Adaption und Integration ihrer Arbeit nachgehen können.
Interessant ist nun, dass Peter Thiel in seiner Trias genau dieses G, das Politische, ausspart. Und das tut er nicht stillschweigend, sondern das ist die Kernaussage seines Textes. Das Politische wird von Thiel ausgespart, weil es seiner Ansicht nach mittlerweile so defizitär ist, dass es den Namen des Goal Attainments gar nicht mehr verdient.
Thiel: Schuld an der Finanzkrise 2008 war die Politik
Da der Text 2009 erschien, war das voll im Lehman-Brothers-Zeitgeist. Die damalige Finanzkrise führt Thiel auf die Politik zurück (und nicht auf die Banken). Auslöser sei zwar eine insgesamt zu hohe Verschuldung gewesen, an dieser trüge allerdings die Politik Schuld, da diese Versicherungen gegen „all sorts of moral hazards“ ermöglicht habe.
Die Lösung wäre der freie Markt gewesen, aber auf Thiel und seine libertären Brüder und Schwester wollte ja niemand hören. Dabei, so Thiel weiter, sei das nicht einmal das erste Mal gewesen, dass eine interventionistische Politik Krisen verschärft hätte.
Thiel meint, das letzte Mal, dass dem nicht so gewesen sei, sei in der Great Depression gewesen. Hier habe sich die Regierung zurückgehalten. Der Schock war hart – aber kurz. Und danach ging es um so steiler nach oben. Dahinter sieht Thiel die kreative Zerstörung nach Schumpeter. Oder nach Nietzsche: Was fällt – versetz ihm einen Tritt. Wer in den 20ern Pleite ging, der habe es halt verdient. So ließe sich das lesen. Natural Selection. Das würde auch Eric Harris unterschreiben, glaube ich.
Bei allem, was man so gegen Thiel haben könnte, sonderlich verklausuliert ist er nicht: „Since 1920, the vast increase in welfare beneficaries and the extension of the franchise to women (…) have rendered the notion of capitalist democracy into an oxymoron.“ Anders ausgedrückt: aus kapitalistischer Sicht ist Demokratie und vor allem, dass Frauen wählen dürfen, Mist.
Wenn Competition for Losers ist, dann sind Politics etwas für Idioten, die nicht vorankommen wollen. Prinzipiell sagt Thiel, das Goal Attainment zu einer Spielart der Latency verkommen sei. Und deswegen funktioniert das System auch nicht mehr. Das AGIL-Schema hat sein Djudju, heißt: sein G verloren.
Die drei Auswege des Peter Thiel
Jetzt müsse es darum gehen, „to find an escape from politics in all its forms – from the totalitarian and fundamentalist catastrophes to the unthinking demos that guides so-called social democracy“.
Aber ist Politik nicht bereits überall? Wie kann man ihr entkommen in dieser Welt? – Gar nicht, sagt Thiel, wenigstens in unseren Staaten. Und doch bleiben Auswege. Thiel sieht derer drei.
1. Cyberspace
Das Internet wird von Thiel als eine menschengemachte neue Welt verstanden. Signifikant dabei: sein Investment in PayPal. Grundgedanke sei dabei die „creation of a new world currency, free from all government control and dilution“ gewesen. Der Cyberspace sei als Raum entworfen worden, der streng jenseits des Nationalstaats funktioniere. Hier könnten sich Communities abseits politischer Regulierung formieren.
Gleichwohl sieht Thiel das Problem, dass der Cyberspace per definitionem bloß virtuell ist. Die neuen Welten des Internets blieben als Fluchtpunkt eher „imaginary than real.“ Als echte Alternative sei das Internet defizitär.
2. Outer Space
Die Weiten der Galaxis. Für Thiel stellen sie eine „endlose frontier“ dar und damit auch eine „endlöse Möglichkeit den politics zu entfliehen“. Doch auch hier besteht ein massives Problem: Raketentechnik. Seit der V2 habe sich dort nämlich gar nicht mehr so schrecklich viel getan, „so that outer space still remains almost impossibly far away“.
Klar, für Thiel stand schon lange, bevor es cool war, fest, dass wir – das heißt: sie – ihr Investment in den Space Race locker verdoppeln müssten. Allerdings (und das klingt fast, als wäre die Endlichkeit eben doch ein Thema) „müssen wir uns über die Zeiträume im Klaren sein.“ Heißt: „Das Zeitalter klassischer Science-Fiction wird vor der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts nicht stattfinden.“
3. Seastading
Bleibt eigentlich nur eines: Landbau im Ozean. Das Seastading, also schwimmende Inseln im Meer zwischen Gelehrtenrepublik und Jules Verne, sind vielleicht noch nicht ganz so präsent wie das Internet, gleichwohl ist die technische Machbarkeit weniger anspruchsvoll als beim Space Race. Seatstading, so sah es Thiel wenigstens 2009, stünde unmittelbar bevor. Machbar sei das – oder wenigstens beinahe. Das Risiko sei überschaubar: „and for this reason I eagerly support this initiative.“
Mit „dieser Intivitaive“ meint er übrigens das Seastading Institute, dessen Gründer einmal die Vision äußerte: „Wenn einem eine Regierung nicht passt, dann muss nur zu einer anderen hinsegeln. Ohne das Haus zu verlassen.“ Dass hinter dieser ewigen Kreuzfahrt Nick Land und Curtis Yarvin stehen, muss wahrscheinlich nicht eigens erwähnt werden.
Bitte keine Utopien
Für Thiel steht fest, dass alle drei Optionen nicht dazu verleiten sollten in technizistischen Utopismus zu verfallen. Nichts davon wird von alleine entstehen. Wir müssen uns diese schöne neue Welt erarbeiten und zwar müssen wir dies gegen die Politik tun. So Thiel.
Das mag für Mr. Palantir, der gerne das Geld etwa des bayerischen Steuerzahlers einstreicht, erstmal überraschend klingen. Doch das ficht Peter nicht an: „Wir befinden uns in einem tödlichen Rennen zwischen Politik und Technologie.“ Die Zukunft wird entweder viel schlimmer oder viel besser. Aber klar ist, dass es in diesem Rennen eine richtige und eine falsche Seite gibt.
Welche Seite ist die richtige?
Die falsche Seite – das ist Politik, vor allem, so dürfen wir Thiel mittlerweile verstehen, die sozialdemokratische Politik. Die gute Seite – das ist die Technologie. Und das nicht nur, weil sie keine Steuern verlangt (wobei sie erhebliche Mengen an Steuergeldern frisst), sondern vor allem, weil die Autonomie des kapitalistischen Individuums hier noch einen Wert hat.
Oder anders ausgedrückt: „Unlike the world of politics, in the world of technology the choices of individuals may still be paramount.“ Ja: „The fate of our world may depend on the effort of a single person“. Und diese Person ist ein Held nach Thiel’schem Geschmack. Denn die Entscheidungen dieser einzelnen Person sind es, die zu einer „Maschinerie der Freiheit“ führen können, „that makes the world safe for capitalism.“
Warum schützen wir den armen Kapitalismus nicht?
– Und das klingt erstmal fast schon lustig. Als bräuchte das zarte Pflänzchen Kapitalismus einen Hüter, der ihn vor der bösen, sozialdemokratischen Welt beschützt. Und das bliebe auch komisch, wenn unsere sozialdemokratischen Regierungen von jemandem, der so etwas denkt, keine Schlüsselfertigen Software-Lösungen kaufen würden.
Peter Thiel propagiert hier eine Welt, in der der Kapitalismus ungehindert florieren kann. Dass er, als einer der wenigen Gewinner des Kapitalismus, dafür ist, muss nicht überraschen.
Peter Thiel und Carl Schmitt
Interessant ist es dennoch, weil Thiel hier das Politische gegen die Politik ausspielt. Und dabei selbstverständlich Politik macht. Thiel nähert sich der Schmittschen Lesart des Politischen an. Nach Schmitt ist Politik in erster und letzter Instanz immer nur die Unterscheidung zwsichen Freund und Feind. Es geht beim Politischen um die Durchsetzung von Zielen gegen Widerstand.
Wenn Thiel von Politics spricht, dann meint er zwar auch die konkreten Inhalte. Der Policy zu entfliehen, das ist der Gedanke des Seasteadings. Der Technologie zum Sieg zu verhelfen, das ist der Anspruch, die Polity der Politics von den Füßen auf den Kopf zu stellen – oder umgekehrt.
Für Peter Thiel ist die Welt eine andere als für den Massenmenschen, wie er sich in dir und mir zeigt. Für ihn ist sie ein Ärgernis, die Politik ist ein Hemmschuh und Feind.
Das ist eine Lesart der Welt – und in diesem Sinne hat Porsche-Ulf natürlich Recht. Peter ist kein Analphabet. Was Peter und Ulf aber übersehen, ist dass es eben nur eine Lesart der Welt ist – und es ist eine elitäre Lesart. Weder die beste noch die smarteste, dafür eine sehr einsame.
Warum Peter Thiels Lesart der Welt ein Problem ist
Gleichzeitig ist es aber eine Lesart, die uns alle angeht. Denn Thiel ist – im Gegensatz zu Ulf Poschardt, eben nicht irgendjemand, sondern ein sehr, sehr einflussreicher Mann. Wenn ein Mensch wie Thiel einer so dogmatischen und naiven Lesart nachhängt, dann ist das ein Problem nicht für Peter, sondern für uns alle.
Dabei könnte es so naheliegen, im wahrsten Sinne des Wortes nahe. Schauen wir uns die Thielsche Trias noch einmal an:
Steuern
Totalitarismus
Tod
Dass Steuern und Totalitarismus irgendwie scheiße sind – darauf kann ich mich einlassen. Das heißt aber nicht, dass Wirtschaft streng kapitalistisch orientiert sein muss. Im Gegenteil. Gerade jemand wie Peter Thiel wäre ohne staatliche Gelder – ohne Steuern – nicht da, wo er jetzt steht.
Und jenseits des Totalitarismus steht der soziale Zusammenhalt. Und damit meine ich nicht einmal eine kommunistische Utopie, sondern das blanke Faktum, dass kein Mensch alleine ist auf dieser Welt, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen allen Menschen, den es zu berücksichtigen gilt.
Peter Thiels Denkfehler
Was aber wirklich unhintergehbar ist und wo Peter Thiel einen massiven Denkfehler macht, das ist die Unwiderrufbarkeit des Todes. Egal, wie wir den Gedanken auch synthetisieren, an jedem Ende wartet eben dieses: das Ende. Und genau dieses Ende gibt Thiel mindestens indirekt zu, wenn er von seinen drei Fluchtmöglichkeiten spricht: denn wovor wird denn da wirklich geflohen? Vor dem Finanzamt? Wohl kaum: Geflohen wird vor der ewigen Wahrheit, die darin besteht, dass wir alle, Thiel, Musk, ich, du irgendwann einmal sterben werden.
Wenn wir den Tod nicht als eine Frage der Ideologie abtun, dann bestimmt er unser Leben auf eine positive Weise. Er zeigt uns, dass alles endlich ist – dass der Weltraum kein Fluchtpunkt, sondern eine Ausflucht ist, dass die Musik hier spielt, dass wir jetzt, heute und hier etwas ändern müssen.
Thiel hat natürlich seinen Punkt: das Politische, wie er es versteht, hilft uns nicht dabei. Aber Politik kann auch etwas anderes sein als die Suche nach einem Gegenpol, den es zu überwinden gilt. Politik kann die Selbstverwaltung und Selbstverwirklichung des Menschen sein. Das Hüten des Seins. Das Bauen einer Zukunft. Ein echtes Goal Attainment.
Was man bei Thiel lernt, ist nicht die Überwindung der Ideologie des Todes, es ist die blanke Angst vor der eigenen Nichtigkeit, die Angst davor, dass dieses Leben irgendwann zu Ende sein könnte. Ich glaube, Thiel hat Angst. Und ich glaube, dass er dafür auch allen Grund hat.

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