Wer sich jenseits der Happy Places aufhält, stößt mehr oder weniger früh auf die sogenannte Oxford Study. Angeblich, so wird kolportiert, habe diese Studie den Nachweis erbracht, dass asiatisch aussehende Frauen vor allem auf europäisch aussehende Männer stehen würden.
Zitiert wird diese angebliche Studie gerne von Männern, die WMAF-Beziehungen fetischisieren. Ob Weiße oder Asiaten: Wer die Oxford Study zitiert, hat oft keine guten Absichten.
So deprimierend das ist, so erhellend ist gleichzeitig, dass das Meme Oxford Study sich tatsächlich auf eine Studie bezieht. Die stammt zwar gar nicht aus Oxford, sondern aus Pennsylvania – das macht aber nichts, denn sie ist eine spannende Studie, die ziemlich viel darüber verrät, was die kollektive Intelligenz Internet eigentlich so macht. Oder vielmehr: was sie nicht macht. Und das ist: selbst lesen.
Worum es in der „Oxford-Studie“ geht
Worum also geht es in der Studie „The New Suzie Wong: Normative Assumptions of White Male and Asian Female Relationships“ von den Autor*innen Murali Balaji und Tina Worawongs?
Grundsätzlich gehen die Autor*innen von einem Klischee aus: die unterwürfige asiatische Frau als verliebter Sidekick des weißen Mannes. – Sie drücken es feiner aus, letzten Endes geht es aber genau darum. Und das Problem ist, dass dieses Klischee so weit verbreitet und internalisiert ist, dass es Auswirkungen auf reale Beziehungen hat.
Für die Studie analysieren Balaji und Worawongs Werbespots, in denen asiatische Frauen und weiße Männer gezeigt werden. Es ist eine kritische Studie, die versucht, die Genese des WMAF-Klischees nachzuzeichnen.
Die Frage drängt sich auf: Wie konnte diese Studie zur Grundlage des Memes „Oxford Study“ werden?
Von der „gelben Gefahr“ zum „Musterimmigranten“
In US-amerikanischen Medien, so die Autor*innen, werden Asian Americans häufig zwei Klischees zugeordnet: dem der „gelben Gefahr“ und dem des „Musterimmigranten“. In Deutschland kommt die „gelbe Gefahr“ jetzt erst so langsam wieder in Mode. Rund um den Boxeraufstand erlebte sie eine frühe Blüte, danach übernahmen die Slawen in der deutschen Seele die Rolle der existenziellen Bedrohung.
Klischees sind loslösbar, sie zirkulieren. Was die eine Minderheit gestern war, das ist morgen eine andere. In den USA ist die „gelbe Gefahr“ spätestens seit Pearl Habour Gemeingut.
Neben der „gelben Gefahr“ stehen die „Musterimmigrant*innen“. Dieses Klischee ist, soweit ich das sehe, in Deutschland ziemlich weit verbreitet. Asiat*innen werden von vielen als arbeitssam, zurückhaltend, höflich angesehen.
Es wäre natürlich Unsinn zu behaupten, diese Adjektive würden nicht auf Asiat*innen zutreffen. Aber ob sie auf Asiat*innen nun häufiger und exklusiver zutreffen als auf andere Gruppen, weiß ich nicht. Eine Studie zum Thema habe ich nicht gefunden, wenn jemand aushelfen kann: die Kommentare sind offen.
Suzie Wong: Musterprojektion der asiatischen Frau
Eine andere Frage: Warum heißt die Studie The New Suzie Wong. – Der Bezug auf den Film The World of Suzie Wong ist evident. Dort verliebt sich eine asiatische Prostituierte in einen weißen Mann. Suzie Wong wird ziemlich anders dargestellt als Vivian Ward in Pretty Woman. Suzie Wong dient als Blaupause für das Klischee der asiatischen Frau als „Zähmungsobjekt“ des weißen Mannes.
Es gibt auch andere Klischees, die vornehmlich auf asiatische Frauen angewandt werden (Tiger Mom, Dragon Lady, China Doll), ziemlich verbreitet ist das Klischee der Lotusblüte. Die Lotusblüte will erobert, gezähmt, kultiviert werden. In dieser Logik kommt als großer Kultivator vor allem der weiße Mann in Frage. Er tritt als Held auf.
Wie werden wmaf-Beziehungen in der Werbung dargestellt?
Die Autor*innen zeigen: In der Werbung kommen Asiat*innen häufig als „Musterimmigrant*innen“ vor. So werden sie vornehmlich in beruflichen Settings gezeigt. Beworben werden vor allem technische Produkte, Wirtschafts- oder Wissenschaftszeitschriften. Asiat*innen werden selten in sozialen Settings gezeigt.
Kommen sie jedoch in sozialen Settings vor, dann meistens als asiatische Parterinnen weißer Männer. Kultivierte Lotusblüten. Balaji und Worapongs analysieren fünf Werbespots, die eine WMAF-Konstellation zeigen. Beworben wurden Mastercard, zwei Mal Volkswagen, Nissan und Old Spice.
In allen Spots treten asiatische Frauen als Sidekicks auf. Auch die Männer sind in der Regel nicht gerade tiefe Charaktere, doch was sie eint, ist die Handlungsmacht. Sie entscheiden, sie fahren das Fahrzeug oder stürmen wütend davon. Den Frauen bleibt vor allem, auf ihre Partner zu reagieren. Die Spots zeigen sie als Abhängige.
Warum die Studie das Meme befeuern konnte
Doch wie wurde diese Studie zur Verankerung des Memes der Oxford Study? Hat die Incel-Gemeinde die Mühe gescheut, die paar Seiten wirklich zu lesen? Unmöglich ist es nicht.
Kerngedanke der Studie ist: Die Klischees verselbstständigen sich. Wenigstens zum Teil. Die Frage ist weniger, ob ein Klischee reale Grundlagen hat. Vielmehr arbeitet das Klischee kräftig an dem mit, was als Realität erlebt wird.
Inwiefern Werbespots kulturelle Tendenzen eben nicht nur wiedergeben, sondern formen, erklärt die Studie natürlich nicht. Und doch: Wenn Menschen sich dem Klischee entsprechend verhalten – und viele tun das, bei vielen Klischees –, dann sagt das nichts über die empirische Verankerung des Klisches aus. Paradoxerweise stiftet das konkrete Verhalten aber die empirische Basis für das Klischee. Das Klischee wird reproduziert und damit zu einer geteilten Auffassung.
„OS“ als Phänomen der Kommentarspalten
WMAF, The Oxford Study – diese Memes sind Ausformulierungen dieser Auffassung. Laut Knowyourmeme.com ist das Aufkommen des Memes „The Oxford Study“ oder kürzer „OS“ zuerst ein Phänomen der Kommentarspalten gewesen.
Die Zuschreibung wurde dabei von Anfang an (Januar 2024) in diffamierender Weise benutzt. Im Laufe der Zeit hat sich das zwar teilweise verändert, es gibt auch Leute, die das Meme für sich annehmen und ihre eigene Beziehung mit dem Etikett versehen.
Doch auch das ändert nichts daran, dass echte Frauen, die als asiatisch interpretiert werden, unter der Wirkmächtigkeit dieses Klischees leiden. Letzten Endes wird so die Authentizität ihrer Beziehung in Frage gestellt.
Reale Auswirkungen einer Nicht-Lektüre
Und genau hier zeigt sich die Ignoranz gegenüber der Studie als doppelbödig. Einerseits ist es eine Bestätigung der tatsächlichen Studie, wenn jemand „OS“ in die Kommentare schreibt. Die Studie wird insofern bestätigt, als dass jemand genau jene Mechanismen, die die Studie in kritischer Absicht untersucht, reproduziert. Das Meme geht dann nicht über die Studie hinaus, sondern bestätigt sie.
Gleichzeitig aber kann die Zuschreibung „OS“ auch eine Diffamierung sein, die den Gehalt der Studie ernstnimmt. Er wird aufgenommen und in eine Zumutung verwandelt. Wer einer Person in einer WMAF-Beziehung das Label „OS“ aufdrückt, der sagt: „Du bist nur ein Klischee, du folgst nur einem Klischee, du bist OS“. Das Klischee schiebt sich vor die Person. Es fungiert als terminologische Entmenschlichung.
– Ob wissentlich oder nicht: reale Beziehungen mit einem Label zu versehen, ist immer auch eine Abwertung dieser Beziehungen. Sicher ist, dass die Zuschreibung aus sehr unterschiedlichen Motiven ausgesprochen wird. Sicher ist aber auch, dass sie immer und in jedem Fall vermieden werden sollte. Es ist eigentlich gar nicht so schwer, Menschen nicht auf ihr Aussehen zu reduzieren. Das Problem bleibt aber, dass es leicht (und billig) ist, es doch zu tun.

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