Es gibt viele Stellen in „Harry Potter“, die des Nachdenkens wohl wert wären. Und wahrscheinlich wurde das meiste und vieles bereits bedacht und reflektiert. Dennoch möchte ich hier eine Sache herausgreifen – auch, weil ich glaube, dass sie ziemlich aktuell ist. Aber vielleicht ist sie auch einfach nur zeitlos. Was auch immer. Here we go.
Kontrastive Ekphrasis
Es gibt diese Szene in „Harry Potter and the Order of Phoenix“, in der Harry zum ersten Mal das Ministerium für Zauberei betritt. Mr. Weasley begleitet ihn. Harrys Blick fällt dabei auf ein Denkmal:
Halfway down the hall was a fountain. A group of golden statues, larger than life-size, stood in the middle of a circular pool. Tallest of the all was a noble-looking wizard with his wand pointing straight up in the air. Grouped around him were a beautiful witch, a centaur, a goblin, and a house-elf. The last three were all looking adoringly up at the witch and wizard. Glittering jets of water were flying from the ends of the two wands, the point of the centaur’s arrow, the tip of the goblin’s hat, and each of the house-elf’s ears.
Drei Jahr später ist das Ministerium gefallen (oder doch zu dem geworden, was es schon immer war?). Und auf einmal steht dort ein anderes Denkmal:
Now a gigantic statue of black stone dominated the scene. It was rather frightening, this vast sculpture of a witch and a wizard sitting on ornately carved thrones, looking down at the Ministry workers toppling out of fireplaces below them. Engraved in foot-high letters at the base of the statue were the words MAGIC IS MIGHT. (…)
Harry looked more closely and realized that what he had thought were decoratively carved thrones were actually mounds of carved humans: hundreds and hundreds of naked bodies, men, women, and children, all with rather stupid, ugly faces, twisted and pressed together to support the weight of the handsomely robed wizards.
“Muggles,” whispered Hermione. “In their rightful place.”
Wie diese beiden Plastiken, das, was sie zum Ausdruck bringen sollen, endlich ausdrücken, ist vielleicht nicht unbedingt subtil. Aber es ist doch interessant. Warum? Weil sich hier, in Stein gegossen, lesen lässt, wie die jeweilige Staatlichkeit verstanden werden will. Goldene Einigkeit des Ministeriums unter Fudge, Kastenwesen unter Thicknesse/Voldemort.
Die Magierwelt eine Diktatur? Oder: Zwischen Disruption und Kontinuität der Ministerien.
Wobei durchaus zu diskutieren wäre, ob die beiden Staaten sich wirklich so krass unterscheiden. Hinsichtlich des beschäftigten Personals scheint es eine gewisse Kontinuität zu geben. Gut, der eine oder andere (zum Beispiel der neue Prime Minister) mag unter dem Imperius-Fluch stehen. Doch es gibt auch so eine erschreckende Kontinuität.
Und überhaupt: Was war das magische England denn vor Voldemorts Machtergreifung ein Staat? Gab es Wahlen in diesem Kosmos? – Eher nicht, sonst hätte niemand Dumbledore den Job des Ministers anbieten können und Fudge wäre wohl auch nicht so ohne weiteres gegen Scrimgeour ausgetauscht worden. Gab es eine freie Presse? – Jeder weiß, dass das nicht der Fall war.
Es gibt, wenigstens in den sieben Teilen, auf die ich mich hier ausschließlich beziehe, keine Anzeichen dafür, dass es sich bei der englischen Zaubererwelt um eine demokratische Welt gehandelt hätte. Eher im Gegenteil: die Presse wird von der Legislative kontrolliert. Die Legislative ist identisch mit der Judikative.
Es gibt Korruption, einen unsäglichen Umgang mit Tieren, Zwangsarbeit und offenen Speziesismus… Es ist ein schreckliches Land. Aber das scheint niemanden zu stören. Selbst Hermione interessiert sich „nur“ für die Zwangsarbeit der Hauselfen. Für das politische System, das von Anfang an autoritäre Züge trägt, interessiert sie sich nicht.
Die Staatlichkeit bleibt in manniger Hinsicht gleich. Nur dass es statt Schattenkanzler Dumbledore, Schattenführer Voldemort gibt. Eine gewisse leserseitige Präferenz für Dumbledore ist nachvollziehbar. Unmittelbar demokratischer ist der alte Schulleiter aber nicht. Möglich, dass er seinen Flirt mit Grindelwalds Austrofaschismus nie so ganz überwunden hat.
Zwei Denkmäler, zwei Ausrichtungen?
Doch zurück zum eigentlichen Thema: den beiden Skulpturen. Wir haben hier zwei Denkmäler, die für das Ziel staatlicher Politik zu stehen scheinen. Aber ist das wirklich so?
In der Welt des Fudge: Hier sind Hauselfen, Goblins, Zentauren, Hexen und Zauberer glücklich vereint. So zumindest scheint es. Man kennt seinen Platz in dieser Plastik: voller Inbrunst schauen die niederen Kreaturen auf den Menschen mit dem Zauberstab. Ob die Frau den ejakulierenden Phallus ebenfalls bewundernd begutachtet, wird nicht erwähnt, dafür aber in der Schwebe gelassen. Immerhin: auch die Zauberin ist im Besitz eines Phallus. Aus Sicht einer J. K. Rowling womöglich tatsächlich eine Art Feminismus.
Ich glaube, dass in dieser Skulptur insofern das Ziel staatlicher Politik zu sehen ist, als dass der Staat diese Welt: Einigkeit in der Unterwürfigkeit – das Prinzip Hauself, tatsächlich will. Allerdings: das ist nicht, was passiert. Was passiert ist vielmehr, dass Hauselfen versklavt, Goblins an den Rand gedrängt, Riesen und Zentauren und ähnliche Wesen als Outcasts, Freaks und Monster behandelt werden. Ganz zu schweigen davon, dass die Muggle-Problematik, die ja schon vor der Machtergreifung gährt, hier gar keine Erwähnung findet.
In der Voldemort-Ära hingegen sind die gezeigten Verhältnisse faktischer: Zauberer, die sich unbekümmert auf Muggles ausruhen, sie unterdrücken, auf ihrem Nacken ihrer druidischen Selbstbestimmung entgegenstarren. Fakt ist: es gibt den totalitären Anspruch der Voldemort’schen Diktatur, rein- oder wenigstens halbblütige Zauberer sollten die Oberhand haben. Fakt ist auch: das ist, was passiert. Muggle werden gequält, Squibs und Muggleborn müssen gehen, es finden hier keine ethnischen, doch es finden magischen Säuberungen statt.
Ist das offen diktatorische Denkmal ehrlicher als das alte?
Man könnte natürlich schon sagen, dass das zweite Denkmal ehrlicher ist als das erste. Dieses ist ein gutes Beispiel für die Heuchelei, die unter Cornelius Fudge gang und gäbe war. – Aber wäre daraus zu schließen, dass Voldemort vorzuziehen ist?
Nun, Donald Trump ist seit Beginn seiner zweiten Amtszeit auch ziemlich offen darüber, was er so vorhat: Grönland, Kanada, Venezuela (Ältere werden sich erinnern), die angeblich nicht mehr nötigen Wahlen in der Zukunft… Er spricht aus, was er will. Doch heißt das, dass er deswegen irgendjemandem, also wirklich irgend-jemandem vorzuziehen wäre? – Ich denke nicht. Außer vielleicht dem noch gruseligeren J.D. Vance. Wobei: nein.
Doch weg von den Washingtoner Clowns zu den englischen Magiern. Wenn das alte Ministerium heuchlerisch und machtgeil war, so ist das neue machtgeil und böse. Müsste ich mich entscheiden, ich lebte letztlich doch lieber in einem heuchlerischen als in einem bösen Regime.
Das heißt: als BRD- und EU-Bürger könnte man ja schon eine leichte Ahnung davon haben, wie es sich anfühlt, in einem heuchlerischen Regime zu leben. Seien wir ehrlich. Die wirklich Guten waren wir schließlich noch nie (und dass es „die Anderen“ auch nicht waren, ändert daran überhaupt nichts).
Was noch in den Denkmälern steckt: Sex, Macht und Gender
Und doch: es ist nicht Brüssel, was in dieser Romanreihe verhandelt wird. Im Gegenteil. Harry Potter spielt in einer Art Nigel Farage-UK und ist eine Chiffre für die derzeitige Katastrophe auf der anderen Seite des Atlantiks.
Doch zunächst einmal zurück zu den beiden Denkmälern. Im ersten Denkmal geht die Frau unter, kaum, dass sie erwähnt wird. Das wichtigste an ihr scheint ihre Schönheit zu sein. Und natürlich, dass sie dem „noble-looking wizard“ zugeordnet ist. Auch der Zauberstab wird ihr post hoc und fast schon implizit verliehen.
In der offenen Diktatur hingegen, dem zweiten Denkmal, findet sich kein Gefälle mehr zwischen Mann und Frau. – Was heißt das? Sollte das etwa heißen, Gleichberechtigung ist Diktaturenkram? Ist der Autorin hier nur ein kleiner Fauxpas unterlaufen?
Dass der Harry Potter-Kosmos zutiefst heteronormativ ist, dürfte eigentlich gar nicht so schrecklich überraschen (und selbst Dumbledores posthume Homosexualität würde daran erst mal nichts ändern). Und J. K. Rowling ist auch nicht plötzlich zur Transphobikerin geworden.
He was on the sixth stair when it happened. There was a loud, wailing, klaxonlike sound and the steps melted together to make a long, smooth stone slide. There was a brief moment when Ron tried to keep running, arms working madly like windmills, then he toppled over backward and shot down the newly created slide, coming to rest on his back at Harry’s feet.
“Er — I don’t think we’re allowed in the girls’
dormitories,” said Harry, pulling Ron to his feet and
trying not to laugh.
Sogar die Magie ruht auf der Prämisse, dass es nur Mann und Frau gibt. Wäre es anders, gäbe es einen Zwischenraum, die Sache mit der Rampe/Treppe würde gar nicht funktionieren. Denn die Treppen schmeißen nicht jeden runter, sondern nur Männer, Frauen werden durchgelassen. So aber ist klar und von der Treppe approved: du bist Mann oder du bist Frau oder du bist falsch und kommst hier gar nicht vor.
Die flache Welt der Horrorclowns aus Washington
Und so kommen wir wieder zurück zu den Washingtoner Clowns. Auch die wollen eine Welt, in der es nur A oder B, nur Freund und Feind, nur Mann und Frau gibt. Sie wollen eine Welt, die so strikt, überkandidelt und tendenziell böse ist, wie die Welt in der Harry, Ron und Hermione ihr Leben fristen müssen. Eine Welt aus Einsen und Nullen, aus Helden und Schurken.
Und genau das haben sie mit den faschistoiden Elementen in Voldemorts Diktatur gemeinsam. Was die dazu brauchen, ist eine Form der Magie, die die tatsächliche Mannigfaltigkeit der Welt ignoriert und einen gnadenlosen Antagonismus zeigt, den noch weiter aufzusperren, sie sich mit aller nötigen Brutalität vornehmen. Trumps Leute benutzten ebenfalls Magie: es ist die Lüge, die sie gebrauchen. Aus Fakten machen sie Scheiße, mit der sie uns überfluten.
Sicher ist der Vergleich von Voldemort und Trump einer, mit dem man es nicht übertreiben sollte. Schließlich ist Voldemort eine unschuldige, fiktive Figur, darüber hinaus talentiert. Der mehr oder weniger talentfreie Mann im weißen Haus aber hat nur einen unmenschlichen Apparat hinter und um sich, der ihn nicht fühlen lässt, wie sehr er als Strohmann agiert. Trump ist ein Komplementär-Voldemort. Und genau das macht ihn auch so gefährlich.
– Doch vielleicht haben Voldemort und Trump, die beiden Kulturkämpfer und Bilderstürmer, doch noch mehr gemeinsam, als man zunächst vermuten darf oder hoffen kann. Vielleicht nämlich ist nicht nur Voldemorts große Schwäche die Liebe. Vielleicht wird es die Liebe sein, die dieses unmenschliche Regime zwischen Miami und Seattle zu Fall bringen wird.
Hoffen wir’s. Aufrichtig. Denn das unterscheidet uns.