Irgendwann im 19. Jahrhundert, als der ganze Nationalstaatsbumms losging, Fichte die ersten Teutonismen losließ und selbst Heine noch irgendwie unbekümmert vom „kerngesunden Land“ träumte – obwohl er es ja durchaus besser wusste – irgendwann dann kam man auf die Idee, Deutschland ein Land der Dichter und Denker zu nennen. Das tat man vor allem, weil es ein Deutschland im engeren Sinne gar nicht gab und man sich wenigstens in den geistigen Gefilden Weltmacht nennen wollte. Später wurde daraus immerhin ein wunderbares Feigenblatt.
Aber hey, wir sind nicht dafür da, Deutschland nachzuweisen, wie kernkrank oder -gesund es tatsächlich ist, das übernimmt es schon selbst. Und zwar ziemlich deutlich. – – Aber wir können ja mal ganz unverbindlich nachfragen, wie es um den deutschen Buchmarkt eigentlich steht. Oder anders gefragt: zieht das Label „Land der Dichter und Denker“ eigentlich noch?
Der deutsche Buchhandel – ein kerngesundes Business?
Dass es um den deutschen Buchhandel nicht gar so gut steht, ist das, wovon die meisten ausgehen, die nichts mit ihm zu tun haben. Tatsächlich aber erscheinen die Zahlen gar nicht so schlecht. Zunächst einmal lässt sich nämlich sagen, dass der Umsatz von 2007 bis 2024 von 9,6 auf 9,9 Milliarden Euro gestiegen ist.
Tatsächlich ist das aber gar keine gute Nachricht. Und zwar aus zwei Gründen. Zunächst einmal ist die Zuwachsrate durchaus marginal. Der Umsatz im Einzelhandel insgesamt ist in Deutschland im gleichen Zeitraum von 427,6 auf 663,8 Milliarden Euro gestiegen. Das bedeutet einen Zuwachs von 55 Prozent. Der Buchhandel hat hingegen magere drei Prozent zugelegt.
Besonders doof daran ist Grund Zwei: Seit 2007 hat unsere Währung ungefähr 30 Prozent ihrer Kaufkraft eingebüßt. Wenn ein Wirtschaftszweig um lediglich drei Prozent zulegt, das Geld aber 30 Prozent seines Wertes verliert, dann ist das Wachstum kein Wachstum, sondern ein veritabler Verlust. Fazit: Dem deutschen Buchmarkt geht es nicht gut.
Eine verdammt schlechte Nachricht für alle Literaturliebhaber*innen
So richtig desaströs für uns Literaturliebhaber ist, dass Bücher zunehmend zum Luxusprodukt werden. Der Absatz sinkt, es werden weniger Bücher verkauft. Zwischen September 2024 und 2025 steht ein Rückgang von 0,6 Prozent. Das allein ist vielleicht gar nicht so schlimm. Schlimm aber ist, dass der Umsatz um 2,7 Prozent gestiegen ist, der Preis sogar um 3,2 Prozent. Das heißt: immer weniger Käufer müssen immer höhere Preise zahlen.
Und tatsächlich werden es auch immer weniger Buchkäufer: 2007 gab es noch 33,6 Millionen Buchkäufer im Land, 2023 waren es nur noch 25 Millionen. Prognose für 2024: 24 Millionen. Und trotzdem profitieren die großen Verlage. Bertelsmann, Bastei Lübbe, Rowohlt, DTV und KiWi – sie alle legen zu. Suhrkamp, Fischer und Carlsen müssen zwar ein paar Federn lassen, aber das sieht auch noch recht solide aus. Hmm.
– Wobei: die Zahlen sind selbst bei den vermeintlich großen Playern wirklich niedrig. Bertelsmann, das größte Medienunternehmen der Welt, erwirtschaftet in Deutschland gerade einmal 326 Millionen Euro. Zum Vergleich: Coca Cola kommt auf mehr als das Zehnfache, Milka macht zwei Milliarden Euro in Deutschland und auch mit Bier lässt sich mehr Geld als mit Büchern verdienen. – Was heißt das für uns? Naja, in Zukunft heißt es für viele entweder Lesen oder Saufen. Und das kann keine gute Nachricht sein.
Und was ist mit den Dichtern und Denkern?
Wer jetzt noch Bock hat, dem liefere ich noch ein paar Zahlen und Einschätzungen zum Thema Dichten und Denken. Das heißt: wie steht es eigentlich darum? Oder anders: was wird eigentlich noch verkauft? Geht der Adorno noch über die Theke? Zieht der Rilke? Oder sind wir mittlerweile vollends im Zeitalter der Krimis und Ratgeber angekommen? Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels war so freundlich, mich hier mit Zahlen auszustatten.
Fest steht, dass die Belletristik den Löwenanteil am Buchmarkt ausmacht. Fast 37 Prozent des Umsatzes fielen 2024 auf die schöngeistige Literatur, 4,3 Prozent mehr als noch 2023. Direkt danach kommen Jugend- und Kinderbücher, die mit 18,1 Prozent zu Buche schlagen. Auch hier gab es ein kleines Plus von 0,6 Prozent. Bei Kinder- und Jugendbüchern sind auch Sachbücher erfasst, deswegen ist das eine Kategorie, die ein bißchen diffus ist. Grundsätzlich kann man aber sagen, dass mindestens 45 Prozent des Umsatzes von schöngeistiger Literatur herrührt, also dem Metier der Dichter entspricht.
Wer liest schon Lyrik?
Doch was genau wir da eigentlich gelesen? Die Überschrift suggeriert es, die Zahlen geben ihr Recht: Lyrik ist es nicht. Obwohl es ein Plus von 4,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr gibt, machen lyrische Bücher, die zusammen mit dramatischen Texten erfasst werden, nur 1,2 Prozent des Umsatzes aus. Graphic Novels, Humor und Satire machen etwa das Neunfache davon, Science Fiction und Fantasy immerhin das Sechsfache.
Richtiges Geld wird im Buchhandel aber mit anderen Genres verdient. Natürlich machen Thriller, Krimis und Co. hier einen großen Anteil aus: 21,5 Prozent. Übertroffen werden sie nur von der Riesenkategorie Erzählende Literatur, die im Einzelfall nur schwer von Krimis etc. zu unterscheiden sein dürfte.
Dennoch: Erzähltexte machen 55 Prozent des Umsatzes innerhalb der Belletristik aus und bleiben damit der Verkaufsschlager im Buchhandel. Dichter werden und reich sein – das funktioniert also nach wie vor am besten mit einem Roman. Und idealiter einem Verlag, der einem gehört. Gut wäre auch eine große Buchhandelskette, dessen Eigentümer man ist. Oder man ist von Anfang an reich, das geht auch. Ansonsten sieht es auch für Romanciers tendenziell schlecht aus.
Und die Denker?
Ja, und am Ende befassen wir uns noch mit den Denkern – und da fällt das Urteil schon wieder etwas weniger gut aus. Der Fachbuchmarkt ist auf dem absteigenden Ast, nur Sachbücher, also das, was populär aufbereitet ist, kann zulegen. Das ist nicht schlecht, das ist aber auch nicht gut. Die Geisteswissenschaften (3,4 Prozent) sinken den Naturwissenschaften (2,3 Prozent) entgegen und die sehen sich bald schon im dunklen Tal der Sozialwissenschaften (1,8 Prozent).
Ohne universitäre Alimente sieht das schon ein wenig übel aus, vor allem, weil Fachbücher ohnehin schon Preise haben, die jenseits jeglichen Maßes sind. Wer da keinen Uni-Zugang hat, der kommt auch nicht gut in den Besitz soliden Wissens. Insgesamt gilt: Die Dichter haben’s nicht leicht, aber immerhin haben’s die Denker nicht leichter.
Eigentlich ist das dann doch eine ziemlich schlechte Nachricht, finde ich. Aber naja, immerhin ist Bier billiger als Bücher. In diesem Sinne: ich gehe mal zur Tanke. Thalia hat ja schon zu.
Zur Krise des Buchmarktes: Als alter Mann frge ich mich oft, wozu ich bestimmte Bücher (Romane) überhaupt lesen soll. Manche sind so „modern“, dass man überhaupt nichts versteht – gut, sie sollen so schreiben, aber warum solches lesen? Ich erinnere mich an einen Roman, wo in dem eine Leiche die ganze Zeit quer durch Europa transportiert wurde; ich bin höchstens bis zur Hälfte vorgedrungen, dann habe ich den Schmöker zugeklappt. Ich habe im Bücherschrank noch viele ungelesene Klassiker, von denen ich mir mehr verspreche; und dann gibt es ja noch die Schatztruhe von archive.org!
Norbert Tholen
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Danke für den Kommentar. Dann kennen wir jetzt den Grund für die Krise: Dich 😂😅 Ist natürlich quatsch. – Aber vielleicht ist sogar doch was dran. Wo du dich als alten Mann bezeichnest, muss ich daran denken: die kaufkräftige Gruppe der über 50-Jährigen wird im Buchhandel nur noch so halb berücksichtigt.
Der Börsenverein gibt leider keine absoluten Zahlen nach Altersgruppe, es ist aber deutlich, dass die Alterskohorten jenseits der 30 allesamt weniger Bücher kaufen. Es sind die Menschen zwischen 16 und 29, die als Käufergruppe zulegen. Und das ist eben nicht seit gestern so, sodass es durchaus sein kann, dass der Markt sich vor allem auf diese Gruppen fokussiert.
Falls das so sein sollte, stellt sich die Frage, ob das nachhaltig ist. Ein interessantes Thema. Aber davon abgesehen: Es gibt auf jeden Fall so unglaublich viele Klassiker, dass man mehr als ein Leben lesend verbringen kann. Hast du bestimmte Favoriten? Vielleicht mach ich mal wieder was Klassisches.
LG, Johannes
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