Die Broken-Windows-Theorie ist schon ein merkwürdiges Stück Wissenschaftsgeschichte. Aufgekommen ist sie, formuliert von James Q. Wilson und George L. Kelling, 1982 und hat seitdem eine beachtliche Karriere hingelegt. Der Kerngedanke ist dabei so rührend wie anmaßend: schon eine zerbrochene Scheibe in deinem Barrio kann der Anfang vom Ende sein.
Social psychologists and police officers tend to agree that if a window in a building is broken and is left unrepaired, all the rest of the windows will soon be broken.
Wilson & Kelling, 1982
Okay, auch ich tendiere zur Zustimmung in diesem Punkt. Wilson und Kelling benutzen dieses Bild der zerbrochenen Scheibe aber nicht, um lediglich auf Vandalismus aufmerksam zu machen, ihnen geht es um mehr. Und genau hier wird es eben spannend. Die BWT ist möglicherweise keine Theorie im allerengsten Sinne – und vielleicht noch nicht mal in einem ziemlich weiten. So oder so tritt sie aber an, etwas zu erklären: nur was?
Als die BWT veröffentlicht wird, ist das, was sie aussagen will, gar nicht mal so schrecklich neu. Und für Wilson und Kelling spricht, dass sie auch gar nicht so tun, als wäre das anders. Alles hat bereits 1969 angefangen und zwar mit Philipp Zimbardo (dem Stanford-Prison-Experimentator) und zwei verlassenen Autos.
Das Zimbardo-Experiment von 1969
Zimbardo platzierte zwei Autos ohne Kennzeichen und offener Motorhaube an zwei Orten in den USA: das eine in Palo Alto in Kalifornien, das andere mitten in der Bronx – woher Zimbardo stammt. Was geschah? Das Fahrzeug in der Bronx war innerhalb weniger Minuten um Batterie und Kühler erleichtert. Nach 24 Stunden war alles, was irgendwie verwertbar schien, ausgebaut und – wahrscheinlich – verwertet. „Then random destruction began – windows were smashed, parts torn off, upholstery ripped.“
In Palo Alto hat sich niemand an das Auto herangewagt. Eine Woche stand das Auto untouched, bis Zimbardo sich ein Herz (oder vielmehr einen Vorschlaghammer) nahm und anfing, auf das Auto einzuschlagen. Die respektablen Bürger von Palo Alto sahen das, rieben sich verwundert die Augen – und machten mit. Innerhalb zweier Stunden war das Auto komplett zerstört.
Nebenbemerkung: WTF’s wrong with people?
Merkwürdig ist, dass ich bei meiner Recherche nicht einen Text gefunden habe, der das irgendwie komisch findet. Dass das Auto in der Bronx zerstört wird, können selbst wir auf der anderen Seite des Atlantiks uns vorstellen. Dass aber das Auto in der Apple-Stadt Palo Alto erst eine Woche in Ruhe gelassen wird, dann aber innerhalb weniger Stunden komplett auseinandergenommen wird, ohne Sinn, ohne Verwertungsabsicht, einfach so – das ist doch ziemlich bemerkenswert, oder nicht?
In der Bronx herrscht wenigstens solange es Sinn macht, eine gewisse Rationalität desHandelns vor, in Palo Alto wird direkt auf den Rage-Mode geschaltet. Work-Hard-Play-Hard, könnte man sagen. Die Banalität des Bösen taucht mir da aber irgendwie auch auf. L’enfer c’est Jean Dupont.
Wilson und Kelling gehen jedenfalls davon aus, dass der Hund nicht darin begraben liegt, dass Zimbardo wie ein Irrer auf ein Auto einschlägt und white-collar-Dudes ihm einfach so dabei helfen, statt die Polizei zu rufen, sondern vielmehr darin, dass Vandalismus überall dort auftreten kann, wo der Eindruck entsteht: „No one cares“.
Das Fanal der Broken-Windows-Theory:„No one cares“
Den beiden Wissenschaftlern ist dieses „No one cares“ ein echtes Fanal, das Zeichen dafür, dass Communities zusammengebrochen sind, dass das Ende nahe ist. Naja. Sie drücken es vorsichtiger aus, ungefähr so, wie die Polizei heute über Angsträume und subjektives Sicherheitsempfinden spricht (und tatsächlich weisen beide Konzepte straight auf die BWT, die bei der deutschen Polizei sehr beliebt ist).
Wilson und Kelling sagen, dass die eine zerbrochene Scheibe, die nicht repariert wird, der Grund dafür sein kann, dass die Menschen, die im Viertel leben, sich mehr und mehr zurückziehen. Und dann?
Das Ende einer Öffentlichkeit – der Advent des Verbrechens
Wenn sich die Leute, die ein Viertel bilden, zurückziehen, dann ist das schlecht für den Zusammenhalt. Der Tod der Öffentlichkeit ist die Geburtstunde des Verbrechens. Die beiden gehen von Eskalationsspiralen aus, die ihren Ausgang in unordentlichem Verhalten haben. – Es ist dabei gar nicht mal so schrecklich originell, zu sagen, dass die Elendsviertel die Keimzeilen des Verbrechens sind. Und so schrecklich richtig, ist es eigenlich auch nicht. Das ist ein Grund, für den Widerspruch, den die BWT so abbekommen hat.
Warum der Text in weiten Teilen der Forschung zurückgewiesen wird, ist aber auch in seiner Art und Weise begründet, Dinge darzustellen. Statistiken? – Nee. Ein theoretischer Apparat? Nope. Der Text ist essayistisch, besteht aus argumentativen Teilen einerseits und narrativen Teilen andererseits. – Und diese narrativen Teile haben mich fast aufs Kreuz gelegt.
„Don’t get involved“
Über die Bewohner eines Viertels auf der schiefen Bahn heißt es: „They will use the streets less often, and when on the streets will stay apart from their fellow, moving with averted eyes, silent lips, and hurried steps. ‚Don’t get involved.’“ Die Angst geht um, in allen Lüften hängt es wie Geschrei. Ach, es ist einfach herrlich düster. Oder persuasiv sinister?
Jedenfalls heißt es über diese so ungemein dicht beschriebene Neighbourhood, sie sei „vulnerable to criminal invasion.“ Es ist zwar nicht gesagt, dass Billy the Kid und Doc Holliday kommen, aber „it is more likely than in places where people are confident that drugs will change hands, prostitutes will solicit, and cars will be stripped.“ Und es wird noch poetischer: „That the drunks will be robbed by boys who do it as a lark and the prostitutes‘ customers will be robbed by men who do it purposefully and perhaps violently.“ Bilder, die einer gewissen Komik nicht so ganz entbehren.
Denn natürlich ist es lustig oder grotesk, wenn zwei Harvard-Pfeifenraucher sich ihren düsteren Phantasien hingeben. Namentlich, wenn diese Unkenrufe wenigstens zum Teil unschuldig erscheinen. Es ist beinahe naiv. Ich meine: Drogenhandel und Prostituierte sind für Berliner Jugendliche immerhin Teil der alltäglichen Szenerie. Und mittlerweile weiß man ja: das Ende der Welt kommt weder auf Stöckelschuhen noch in Form weißer Päckchen (wobei, über letzteres kann man vielleicht doch streiten).
Und geradezu süß wirkt es, mit welcher Insistenz auf „rowdy teenager“ verwiesen wird. Der Begriff „teenager“ fällt im Text neunmal. Das Schreckgespenst „Prostitute“ nur viermal, „Addict“ magere zweimal. Teenager scheinen eine Obsession der Professoren darzustellen – die ja im Unibetrieb durchaus auch mit (Late)-Teens zutun haben dürften. Und überhaupt: Die Angst vor Teenagern, ist das nicht die, die die Grundschulkinder haben? Die Angst vor „den Großen“? Süß also, wie die zwei sich die Welt vorstellen. Oder?
Warum die Broken-Windows-Theory nicht „süß“ ist
Tja, aber so ist das eben nicht. Erstens ist die Angst vor Kindern, die zu Straftätern werden, auch bei uns wieder in Mode gekommen. Aber lassen wir das durchgehen. Dennoch: Der Text, wenn man ihn liest, wirkt altmodisch, ein wenig verquer, romantisch vielleicht, so richtig überzeugend jedenfalls ist er allein schon deshalb nicht, weil nicht ein Quellenverweis zu entdecken ist.
Aber: Was ist das mit diesem Text? – Er wirkt zwar unschuldig, also sachlich, dabei spleenig, gerade weil er immer wieder auf Kleinigkeiten eingeht. Diese poetischen Ausfälle aber überdecken, dass die BWT wirklich Hardliner-Stuff ist. „Wehret den Anfängen“ wird hier auf eine echte Rohrstock-Weise betrieben. Denn der Text tut so, als würde er sich um die Anliegen der „einfachen Bürger“ kümmern, die sich vor lauter lauten Jugendlichen nicht mehr auf die Straße trauen. Tatsächlich aber mischt der Text dunkelste Ideologie mit angeblicher Volksweisheit:
The citizen who fears the ill-smelling drunk, the rowdy teenager, or the importuning beggar is not merely expressing his distaste for unseemly behavior; he is also giving voice to a bit of folk wisdom that happens to be a correct generalization – namely, that serious street crime flourishes in areas in which disorderly behavior goes unchecked. The unchecked panhandler is, in effect, the first broken window.
Wilson & Kelling, 1982
Wie repariert man ein Fenster, das ein Bettler ist?
Der Dieb nämlich denkt sich, eine Gemeinschaft, die nicht in der Lage ist „ a bothersome panhandler“ davon abzuhalten, Passanten zu nerven, wird auch nicht die Polizei rufen. Genau das, so die BWT, sollte man aber tun, schließlich ist der Bettler das Fenster. Er ist zu reparieren. Aber wie?
Na, einfach indem er festgenommen und deportiert wird. Sicher: „Arresting a single drunk or a single vagrant who has harmed no identifiable person seems unjust, and in a sense it is.“ Aber nur in gewisser Weise, denn „failing to do anything about a score of drunks or a hundred vagrants may destroy an entire community.“
Die Einteilung der Welt in Bürger und Pack
Ein besoffener Bettler ist nur der Anfang, bald kommen sie alle. Das ist selbstverständlich komplett lächerlich, vor allem aber ist hier durch eine Art Hintertür die Teilung der Welt in Bürger und Pack vorgenommen worden. Und das wird hier mit einer verlogenen Süßlichkeit und Weinerlichkeit präsentiert, dass darüber fast vergessen werden kann, wie sinister das zugrundeliegende Menschenbild eigentlich ist.
Aber zur Wahrheit gehört eben auch, dass über den moralischen Furor, der mich packt, fast vergessen werden kann, dass die BWT augenscheinlich gar nicht so schrecklich falsch ist, wie sozialraumorientierte Fachhochschullehrstühle (und ich) das gerne haben wollen. Wenigstens in Holland ließen sich Evidenzen dafür finden, dass etwas an ihr dran ist, wie Keizer et al. 2008 herausgefunden haben.
Die Broken-Windows-Theory als Blaupause von Zero-Tolerance
Dass die BWT die Blaupause für alle Zero-Tolerance-Ansätze seit dem New Yorker Modell war, muss hier vielleicht gar nicht mehr erwähnt werden. Aber falls doch: Die BWT ist die Blaupause für alle Zero-Tolerance-Ansätze seit dem New Yorker Modell. Das macht sie nicht falsch, das macht sie allerdings unangenehm.
Aber sollte man den Text trotzdem lesen? – Auf jeden Fall. Der Text lässt sich gut lesen, bietet spannende Einblicke und hat ja durchaus den einen oder anderen Punkt. Den Link zum Text findet ihr hier. Kotztüten wiederum hier.
Vielen Dank für die ausführliche Beschreibung. Interessant!
Markus F.
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Sehr gerne. ☺️
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