Der Roman ist zwar schon ein paar Tage alt, aber wie das halt so ist mit altem Wein in neuen Schläuchen: schmeckt halt trotzdem. Selbst wenn das Wortspiel leicht schief ist. – Ziemlich straight hingegen erscheint Inge Lohmeyer – ihres Zeichens Hauptfigur des Romans, um den es hier geht: Der Hals der Giraffe von Judith Schalansky. Wobei: das mit der Hauptfigur wird noch zu diskutierten sein.
Eine Welt, die es hinter sich hat und ihre Protagonistin
Der Hals der Giraffe spielt in einer Gegend, die es größtenteils hinter sich hat. Vorpommern, irgendwo dort, wo selbst Greifswald versandet. Ein Ende der Welt sozusagen und noch nicht einmal ein Ort, wo gelangweilte Berliner Urlaub machen. Ein schöner Ort, aber auch einer, an dem die Schulen schließen müssen.
Davon ist Inge Lohmeyer unmittelbar betroffen, denn Inge ist Lehrerin am Charles-Darwin-Gymnasium und das Darwin wird, zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung abgewickelt. Zu wenige Schüler, keine Perspektive, was kann, das zieht weg. Die Frist der Schule beträgt vier Jahre, dann ist Schluss. Inge soll jetzt nochmal „die Klassenlehrerin spielen“.
Und das macht sie wirklich nicht gerne, wie die eben zitierte Formulierung verrät: Es liegt ihr nicht, dieses Soziale. Inge Lohmeyer, das kann wohl gesagt werden, ist ziemlich unzufrieden. Frustriert ist sie, entfremdet, ein wenig hasserfüllt. Fachlich aber passt alles: Zwischen ihren Fächern Bio und Sport herrscht eine notwendige Verbindung. Der Körper als Vitalmaschine, das liegt ihr. Und das, was im Menschen so zwischen den Ohren passiert, ist für Inge eine Art und Weise, mit Problemen umzugehen.
Der Name Nietzsche taucht nicht auf im Roman – was auch nicht so richtig zu einer DDR-Sozialisierten Lehrerin passen würde. Doch auch wenn der Name nicht fällt, virtuell ist er da: „Wahrheit“, das ist auch Inge nur ein bewegliches Heer von Metaphern. Moral, das machen die Sieger. Wahrheit, nur etwas, das nützt. Die Menschheit zerfällt für Inge in Opfer und Täter. Und Täter, so klingt es, sind besser als Opfer.
Zwischen den Lebewesen herrscht Konkurrenz. Und manchmal auch so etwas wie Zusammenarbeit. Aber das ist eher die Ausnahme. Die wichtigsten Formen des Zusammenlebens sind Konkurrenz und Räuber-Beute-Beziehung.
Das ist nichts, was Inge Lohmeyer so vor sich denkt, das ist, was sie ihren Schülerinnen und Schülern beibringt. Konkurrenz und Räuber-Beute-Beziehung als „Zusammenleben“ zu bezeichnen, ist natürlich nicht falsch, fachlich – doch es ist, gemessen am alltäglichen Sprachgebrauch, schief.
Denn: Ich lebe nicht zusammen mit dem, der mich fressen will, ich achte darauf, dass ich allenfalls neben ihm her lebe. Inge Lohamer aber spult den Text des evolutionären Materialismus ab. Und zwar durchgängig. Sie ist tief drin im Biologismus, so tief, dass er schon zwischen Para- und Antihumanismus oszilliert.
Die Klasse als Herde
Inge ist keine schlechte Lehrerin, was das Fachgebiet angeht. Jedoch: Eine geborene Klassenlehrerin ist sie nicht – auch wenn es da Ausnahmefälle geben mag. Dann aber, wenn es drauf ankommt, ist sie es auf keinen Fall. Und das hängt auch damit zusammen, dass sie ihre Schülerinnen und Schüler ebenfalls mit der Brille sieht, mit der sie auf das Desaster schaut, das ihr Leben ist.
Das waren junge Erwachsene, bereits zeugungsfähig, aber noch unreif, wie zu früh geerntetes Obst. […] Noch waren alle einander zum Verwechseln ähnlich, ein Schwarm auf dem Weg zum Klassenziel. Aber innerhalb kürzester Zeit schon würden sie perfide eigenständig werden, die Fährte aufnehmen und Komplizen finden. Und sie selbst würde anfangen, die lahmen Gäule zu ignorieren und heimlich auf einen der Vollblüter setzen.
Wir Leser*innen kommen auch in den Genuss, Inges persönlichen Klassensitzplan zu lesen, wo sie die zwölf Schülerinnen und Schüler, die sie noch hat, auf die nämliche Weise charakterisiert. Saskia etwa betreibt „zwanghafte Fellpflege“, Paul wiederum ist „frohwiselig und gut bemuskelt“, ein „ausdrucksvolles Wesen“, Ellen ein „dumpfes Duldungstier“ und „Opfer auf Lebenszeit“.
Doch Inge kann auch anders, sie kann nett sein, ist im Umgang zurückhaltend. Reizvoll an diesem Roman ist, dass wir hinter ihre Fassade schauen können – und wenigstens mir gingen einige Lichter auf, was meine eigene Schulkarriere angeht. Das macht den Roman spannend.
Inge: „Gibt es eigentlich weibliche Pädophile?“
Der Hals der Giraffe wird konsequent aus Inges Perspektive erzählt. Aber: Inge ist eine sehr unzuverlässige Erzählerin. Was sie nicht mitbekommt – und vor allem: was sie nicht mitbekommen will – das erfahren wir bloß hintenrum. Entweder von anderen Figuren oder weil wir so unsere Schlüsse ziehen. – Und genau das macht meiner Meinung nach eine Stärke des Romans aus.
Unzuverlässige Erzähler gibt es viele. Einige sind verlogen wie Oskar Matzerath, andere kognitiv eingeschränkt wie Abl Fleischmann. Und wieder andere sind unzuverlässig nach Art Josef Blochs. So einer wie Josef Bloch aus Die Angst des Tormanns beim Elfmeter ist so sehr von sich selbst abgeschnitten – entfremdet – dass das innere Erleben zur Farce wird. So eine ist Inge: gar nicht in der Lage dazu, in sich hineinzuhören.
Und weil das so ist, erfahren wir eben nicht alles. Was zum Beispiel ist diese Beziehung zu Erika? Ist das Pädophilie? – Inge hat sich im Verdacht. Lolita-Überblendungen, sind der Fall. Aber vielleicht ist es schon dieses Gerührtsein, das Inge an sich verwerflich findet? Ist das Gefühl ihr ein Verrat an der eigenen pädagogischen Überzeugung? Ein Verrat, der von ihr autopunitiv als Pädophilie markiert wird? Liebt Inge Erika pseudo- oder paramütterlich? Und wie kommt die biologische versierte Frau eigentlich auf die Frage, ob es weibliche Pädophilie überhaupt geben kann? Was meldet sich da aus den Tiefen Inges? – Das bleibt wohl eine Sache der Lesart.
Ist „Der Hals der Giraffe“ von Judith Schalanksy ein Bildungsroman?
Und sonst so? – Klar, das ist ein Roman, der sich auch an Feinschmecker wenden will. Die einzelnen Kapitel sind mit biologischen Fachbegriffen überschrieben, selbst jede Doppelseite hat noch einen kleinen paratextuellen Verweis. Das ist smart, allerdings weiß ich nicht, ob das im Einzelnen wirklich immer funktioniert. Was aber funktioniert: Der Roman spielt kess mit der behaupteten Gattungszuweisung.
Im Untertitel nennt sich Der Hals der Giraffe einen Bildungsroman. Die Frage ist, ob er das wirklich ist. Oder anders angesetzt: Was ist überhaupt ein Bildungsroman?
Klassisch kommt im Bildungsroman ein jugendlicher Protagonist vor, dessen Entwicklungsgang von der Kindheit bis zur Ergreifung des Berufs – oder bis zur Erweckung als Künstler – geschildert wird. Häufig geschieht dies durch einen Erzähler, der über den Dingen schwebt, durch einen nullfokalisierten Erzähler. Nun gut: Inge ist weder jung, noch ist der Erzähler nullfokalisiert. So richtig klassisch ist Der Hals der Giraffe als Bildungsroman nicht.
Bildungsroman – das kann aber auch, jenseits der Gattungsdiskussion, einen Roman meinen, der sich mit diesem merkwürdigen Konzept der Aufklärung auseinandersetzt, das Bildung genannt wird. Und manch einer – und gerade manch einer, der unter den Bedingungen des real existierenden Sozialismus großgeworden ist – versteht unter Bildung die Überformung der Welt durch eine positivistische Ideologie. – BTW: no offense an all die Ossis da draußen, ich bin auch einer.
Bildung würde hier heißen: die Welt mit der biologistischen Brille sehen. Der Hals der Giraffe führte diese Form der Bildung exemplarisch vor. Und das tut er mit allem Respekt. Denn was Inge sagt, das ist nicht dumm, das ist auch nicht hohl, das ist manchmal halt ein bißchen unmenschlich. Aber hey: wir leben ja irgendwie im Zeitalter des Posthumanismus.
Das Rätsel um die Hauptfigur von „Der Hals der Giraffe“
Und doch. Ich bin da noch etwas schuldig geblieben: die Diskussion über die Hauptfigur. Ich will nix spoilern, deswegen halte ich mich etwas zurück, aber vielleicht liest diesen Text ja jemand, der den Roman kennt oder ihn jetzt kennenlernt und dazu etwas in die Kommentare schreiben will.
Ich glaube, dass Inge nicht die Hauptfigur des Roman ist. Ich glaube, die Hauptfigur ist eine jugendliche Person, deren Entwicklungsgang über schwere Verwicklungen und Konflikte schließlich und kanonisch zu Vermittlung mit der Welt führt. Der Bildungsroman ist immer auch die Geschichte einer Synthese: Protagonisten finden ihren Platz im Gesellschaftstheater. Und das findet hier statt, abseits von Inge, nicht bei ihr.
Inge ist die Reflektorfigur, womöglich auch die Erzählerfigur, die über sich selbst in der dritten Person Singular spricht, das ist aber auch egal. Inge ist, und das ist das wesentliche, nicht die Figur, um die es geht, denn Inge ist nur Begleitung, Sie ist nur der Blickwinkel. In diesem Sinne ist Der Hals der Giraffe selbst kanonisch ein Bildungsroman. – Wer die Hauptfigur ist: erlest es euch selbst.
Für wen „Der Hals der Giraffe“ etwas ist
Der Hals der Giraffe ist definitiv ein Roman für alle Bio-Fans und vor allem für alle, die ihre Bio-Lehrer so richtig gehasst haben. Aber der Roman ist auch mehr: Er ist eine Auseinandersetzung mit der Gattung Bildungsroman, vielleicht auch mit dem Evolutionären der Literatur. Der Hals der Giraffe ist ausserdem ein recht kurzer, tieftrauriger und gleichzeitig auch, wenigstens hin und wieder, lustiger Roman.
Denn Inges böser Blick auf ihre Schülerinnentiere ist schon auch funny. Dass ihr Mann, ein ehemaliger Besamer (!), sich nun voll und ganz der Straußenzucht verschrieben hat, spricht selbstverständlich Bände. Kopf im Sand: das ist auch, was die Diskussionen im Lehrerzimmer hervorrufen wollen. Hier treffen die Bildungsbürger aus Ost und West aufeinander – und sind analog anstrengend.
Und dann, ja dann lernt man sogar noch was. Auch in diesem Sinne also: ein Bildungsroman. Gute Lektüre!
Hm. Interessant. Sollte ich mal wieder ein neuzeitliches Buch lesen? Aber all diese hässlich eingebundenen TBs der Gegenwart schrecken mich eben doch sehr wirksam -aus ästhetischen Gründen- ab. Buchschmuck scheint so tot wie Böll, Grass und das weltweite Auto-Design. Die hier beschriebene Bio-Lehrerin erinnert mich an meine Bio-Klassenlehrerin von Klasse 5-8. Eine Hexe. Aber die war Bio-Che.
Im Buch die ist Bio-Sport. Und die Art lässt sie als Bio-Lehrerin mit Nebenfach Sport erscheinen. Gabs das? Sportlehrerstudenten wurden doch stets derart gedrillt, dass sie zu eher unterkomplexen Feldwebelfiguren wurden, wenn sie es nicht schon vorher -vom Vater her- waren. Und diese biologistischen Vergleiche da – die zeugen von einer Intelligenz, die ich bei Sportlehrern nie erlebt habe. (Ich habe laaaaange Schuldienst hinter mir).
Und dieses „mal wieder“ Klassenlehrer spielen, schreckt mich mehr ab, als das „spielen“ in diesem Kontext. Gibt es Schulen, an denen man mehrjährig vom Klassenlehrersein verschont wird? Noch dazu im Osten? Ist das ein Buch das „Bescheid weiß“ oder so ein Blendwerk, in dem letztlich die Klischees obsiegen?
Fragen über Fragen… Aber die „Giraffe“ ist gebongt.
Wenn ich mal wieder in einem Buchladen stehe, der kein Antiquariat ist, dann fällt mir in Zukunft bestimmt die Frage ein: „Haben Sie dieses Buch über diese Lehrerin – irgendwas mit Giraffe?“ mal guggng, ob die Buchhändlerin sich auskennt. :-)
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Lustig. Ich habe jüngst für meine Mutter ein passendes Buch zum Geburtstag gesucht und es, wie ich meine, im Hals der Giraffe gefunden. Meine Erfahrung mit diversen Buchhändlern in Niedersachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt: Fehlanzeige. Der Buchhandel hat schon ordentlich nachgelassen in den letzten Jahren. Die Thaliafizierung ist kaum aufzuhalten.
Auf der anderen Seite: dadurch haben zweifelhafte Gestalten wie Du und ich eine astreine Daseinsberechtigung.
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