„Wir treiben uns Stahlplatten in die Schultergelenke“ – so beginnt Mascha Unterlehbergs Debütroman „Wenn wir lächeln“. Und irgendwie ist dieser erste Satz symptomatisch für diesen Roman. Der zeigt zwar deutlich weniger graphic violence als befürchtet. Doch das heißt nicht, dass er nicht gewaltvoll wäre. Aber: es ist eine poetische, eine immanente Gewalttätigkeit.
Dieser allererste Satz steht für ein Lebensgefühl in den Nullerjahren, in denen die Welt für die einen noch irgendwie unbeschwert, für die anderen die Hölle gewesen sein muss. – Gut, das ist etwas plakativ. Doch in den großen Bahnen sollte es ziemlich stimmen: Männer waren damals noch unhinterfragt Männer, Frauen waren damals ungefragt Frauen. Britney Spears wurde noch ohne Reue missbraucht, Sean Combs für seinen Namenswechsel von Puff Daddy zu P.Diddy gefeiert. Es waren einfache Zeiten – es waren schwere Zeiten.
„Wenn wir lächeln“ – Ein Coming-of-Age-Roman?
So rätselhaft wie diese Zeit, so rätselhaft ist auch dieser Roman, der einen zweiten Blick, eine zweite Lektüre verdient hat. Mascha Unterlehberg erzählt die Geschichte zweier Mädchen, die kurz davor sind, junge Frauen zu werden. Eine Coming-of-Age-Story? Sicher. Ein Young-Adult-Roman? Joa. Ein spannender Text über Verbrechen, abweichendes Verhalten und Gewalt? Oh, ja!
Denn „Wenn wir lächeln“ ist zwar kein Krimi im engen Sinne, im Zentrum aber stehen gleich mehrere Verbrechen. Das prominenteste ist sicherlich jenes, das vornehmlich Männer Frauen seit Jahrtausenden antun. Überhaupt: Die Männer kommen in diesem Text nicht gut weg – und leider sind sie nicht einmal sonderlich überzeichnet.
Da ist etwa dieser Lammbock-Moment. Nachdem die Protagonistin Jara diesen überstanden hat, wird sie (immerhin nur halb) vorwurfsvoll gefragt, ob sie sich immer so wenig bewege. „Hat sich fast so angefühlt, als hätte ich dich vergewaltigt.“ Kapitelende. – Eingeordnet wird hier nichts, jedenfalls nicht direkt. Die Sätze stehen einfach da und lassen Leser*innen ziemlich alleine.
Das ist verstörend und hart, ist aber auch die Methode dieses Romans. In einem Interview sprach Mascha Unterlehberg von der Wut, die in ihre Texte fließe. Gut für den Roman: die Wut kommt nicht eins zu eins wieder. Und zwar gerade dadurch, dass nicht eingeordnet, nicht moralisiert wird. „Wenn wir lächeln“ wirkt nicht wütend, eher auf eine authentische Weise traurig. Trauernd, vielleicht eher. Ein Text, der so still ist wie seine Protagonistin. Wenigstens nach außen.
Es ist alles okay, es ist nichts passiert. Ich hab mich da wieder in was reingesteigert. Du bist immer so dramatisch, Jara.
Jara regt sich nicht auf, Widerworte bleiben aus. Die Schuld gibt sie sich im Zweifelsfall selbst. Dass es auch anders ginge, lernt sie erst durch ihre Freundin Anto. Jara ist aber auch nicht das, was zwischen 2000 und 2010 als typisches Mädchen durchgegangen wäre. Manche würden sie „Pick Me Girl“ nennen. Sie ist Fußballerin, hängt eher mit Jungs rum, mit Mädchen scheint sie ihre Probleme zu haben. Aber gerecht wird ihr das nicht.
Doch das spielt sowieso keine Rolle. Denn überhaupt geht das eben nur, bis man so 15 ist, spätestens. Oder, wie ihr Trainer Vlado sagt: „Nach der C-Jugend ist das sowieso vorbei.“ Danach kommt die große Trennung. Die einen werden zu Männern gemacht, die anderen zu Frauen. Genau in diesem Moment lernen sich Jara und Anto kennen. Die Freundschaft zwischen den beiden ist hoffnungsvoll, stellenweise wirkt es sogar, als könnte mehr als „nur“ Freundschaft entstehen. Doch am Ende kommt es, wie es wohl kommen muss.
Warum „Wenn wir lächeln“ mehr als eine Lektüre verdient
„Wenn wir lächeln“ ist ein Roman, das wurde bereits gesagt, der eine zweite Lektüre verdient. Der Text arbeitet mit sehr kurzen, eher assoziativ aneinandergereihten Szenen. Es ergibt eine stringente Handlung, die wird aber nicht linear erzählt. Auch wird radikal intern fokalisiert erzählt, also aus der Perspektive Jaras. Was sie nicht mitbekommt, bekommen wir auch nicht mit. Was sie missversteht, missverstehen wir mit.
Und all das findet sich in einer Sprache präsentiert, an die man sich vielleicht über ein, zwei Seiten gewöhnen muss, dann aber hat sie einen. Es ist eine poetische Sprache, in der nichts verkitscht wird. Mascha Unterlehbergs „Wenn wir lächeln“ ist ein Text, der von einer rauen Zärtlichkeit zeugt. Dicke Lese- und Teilempfehlung.
Klingt interessant. Auch die Feststellung, dass es da noch Männer und Frauen unhinterfragt, gab. Und spätestens mit 15 eine Scheidung in die einen und die anderen erfolgt. – Ist das nicht ca. 15 Jahre zu spät? Ist das nicht immer schon das große Thema gewesen, das „wer bin ich“ und das „was bin ich,“ verbunden mit dem „werde ich dem Erwarteten, Verlangten irgendwie gerecht?“
Ich denke, schon. Was aber mit dem beschriebenen Buch nichts zu haben muß.
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Vielen Dank. 🙏😊 es ist aber auch ein spannender Text, der schon eher eigene Wege geht. Die Genderfrage steht hier aber irgendwie eher im Hintergrund. Es ist kein Thesenroman — was auch an der Erzählerin liegt, die massiv unzuverlässig ist . Das macht das ganze so reizvoll. Man kann tatsächlich mit diesen von dir aufgeworfenen Fragen an den Roman rangehen, er funktioniert aber auch ohne das.
Wo ich mir allerdings nicht sicher,
bin: ob das die gleichen Fragen sind, die schon immer gestellt wurden. Das gnothi seauton ist vielleicht nicht unbedingt mit der (post-)modernen Selbsterkenntnis zu übersetzen. Und dass wir überhaupt jemand sind, ist vielleicht auch eher eine Angelegenheit der Moderne. Aber who am I to decide 😂 — wobei: da ist die Frage ja wieder. Also ja, vielleicht sind es immer die gleichen Fragen — und damit Kernkompetenz von Literatur.
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Kernkompetenz von Menschwerdung, Menschsein. Ich denke dabei durchaus auch an jene, die man bis vor kurzer Zeit noch als Wilde abqualifizierte. Indianerknaben (indigene finde ich immer schwierig, das sind sie doch überall, oder?), die in die Einsamkeit hinauszogen, um ihren Namen zu finden. Oder hiesige Handwerker auf der Walz, die alles andere als nur berufliche Erfahrungen machen müssen! Es ist ja nicht immer ein bewußter Weg dorthin, zum Erwachsensein, begleitet von Reflexionen.
Und gewiß, bezogen auf den Roman muß man den erst mal lesen – es waren also eher allgemein gemeinte Anmerkungen! Immerhin, das ist ein Buchtipp, das klingt wirklich interessant.
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Wobei ich es irgendwie auch begrüße, dass der Weg nicht nur bewusst ist. 😊 ja, die Menschwerdung ist schon eine Sache — die Menschenbleibe aber erst Recht. Ein Unabschließbares. Doch so hat jeder seine Aufgabe, bei der Aufgeben nicht gilt. Oder gilt es doch?
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Zum Abschluß eine Frage, die nach Antwort verlangt. Wenn ich mich so umsehe, dann gibt es wohl die Möglichkeit, einfach aufzuhören, aufzugeben. Mitten in der Ich – Werdung, Menschwerdung, Bewußtwerdung (ganz nach Kant, selbst verschuldete Unmündigkeit usw.) aufzuhören. Und der Verbleib? In vorgefertigten Strukturen…
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Tja, eine schöne und verdammt offene Frage. Was meinst Du? — Ich glaube, dass man niemandem so wirklich einen Vorwurf machen kann, wenn er oder sie sich in vorgefertigte Strukturen fügt. Ungern möchte ich mit Natur oder solchen Konzepten argumentieren, aber Anpassung ist als Taktik schon ziemlich legit. Was meinst Du?
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Unbedingt. Der Mensch ist das Gesellschaftswesen, Zoon politicon, und muß sich einfügen. In seine Gruppe, ob diese freilich wieder gesamtgesellschaftsverträglich ist steht auf anderem Blatt. Wir sind darauf angewiesen, ein Miteinander herzustellen, können (unter natürlichen Umständen gar nicht) nicht allein überleben. Robinson läßt grüßen, der wie jeder Arbeitnehmer auf Freitag wartete.
Die andere Seite ist die Überanpassung. Gäbe es keine Querulanten, gäbe es keine Ideen, keine Veränderung. Wenn freilich revoltierende Querulanten ihrerseits eine Überanpassung und unnatürliche Vereinheitlichung unter irgendwelchen abartigen Abzeichen fordern sollte man sie ausschließen. Aus der Gesellschaft.
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„Robinson, der auf Freitag“ wartete 😂 gefällt mir sehr gut. Wenn man das noch weiterführt: Robinson, der sich zunächst auch vor Freitag fürchtet („was mache ich nur mit all der Freizeit?“); Robinson, der Freitag zu unterwerfen trachtet („ich, Master R. unterwerfe das WE der totalen Planung“).
So oder so: Jepp, wir sind schon ein soziales Ding auf – meist – zwei Beinen. Und auf denen stehen wir zwischen zwei Stühlen.
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