Die schreckliche Wahrheit von Goethes „Erlkönig“

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?

Den Gedichtanfang kennen wohl die meisten. Aber wie das so ist mit Texten, die die meisten kennen: Oft fragt keiner mehr danach, was das eigentlich bedeuten soll. Und dabei hat Goethes Der Erlkönig einige ziemlich abgefuckte Interpretationen hervorrufen können, die –imho– sogar ziemlich plausibel sind. Hier kommen drei mögliche Lesarten.

1. Lesart: Der Erlkönig als Fiebertraum

Man kann das Ganze einfach abtun und davon ausgehen, dass der Junge im Arm seines Vaters schlicht und ergreifend Fieber hat. Hohes Fieber. So hoch, dass er Halluzinationen bekommt und stirbt. Diese Interpretation könnte man als eine Art Minimaldeutung bezeichnen. Sie kommt mit minimalem Aufwand aus. Ist aber auch minimal erhellend.

2. Lesart: Sturm und Drang gegen Aufklärung

Der Erlkönig entstand 1782 und fällt damit immer noch die Sturm-und-Drang-Phase Goethes, auch wenn Werther und Götz von Berlichingen zu der Zeit schon ein knappes Jahrzehnt passé sind und Goethe drauf und dran ist, zum von Goethe zu werden. Dennoch: Selbst als arrivierter Kotzbrocken vermochte es der große Weimeraner, sich seine Aversion gegenüber der Aufklärung zu bewahren. So wäre es durchaus möglich, den Bad Dad als rettungslos rationalistischen Aufklärer zu verstehen, der gegen das mythisch-magische Reale seines Sohnes einfach nicht ankommt.

Der Vater versucht alles zu entzaubern, zu demysthifizieren, womit der Sohn aufwartet. Das Resultat? Nun, vielleicht ist das Kind in seinen Armen tot und dafür liegt dann da ein vorzeitiger Erwachsener? Einer, der nie wieder alte Weiden für junge Töchter halten wird. Womöglich. Aber irgendwie auch nicht so schrecklich spannend. Denn irgendwie erklärt das nicht, warum dieses Gedicht trotz seiner unzweifelhaften Abgegriffenheit immer noch anzusprechen vermag. Und das mag wohl tatsächlich an der sinistren Wahrheit liegen, die sich in ihm ausspricht.

3. Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt

Goethes Erlkönig ist ein Gedicht über sexuellen Kindesmissbrauch. Ob das eine steile These ist, sollen andere entscheiden. Für mich jedenfalls ist es pretty obvious. Bevor ich dazu irgendwelche Literatur anführe, gehe ich kurz auf einige formale und grundsätzliche Aspekte des Gedichtes ein.

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm.
xXxxXxXxX (9)  
                         
xXxXxxXxX (9)                          
xXxXxXxxX (9)                          
xXxXxxXxX (9)
Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? –
Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron’ und Schweif? –
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. –
xXxXxxXxxX (10)
                   
xXxXxXxxX (9)                           
xXxXxxXxX (9)
                         
xXxXxXxX (8)        K                      
„Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel’ ich mit dir;
Manch’ bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch gülden Gewand.“ –
xXxXxXxX (8)          K               
xXxXxXxxX (9)                
xXxXxxXxX (9)

xxXxXxXxxX (10)
Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht? –
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
In dürren Blättern säuselt der Wind. –
xXxxXxxXxxX (11)
                
xXxXxxXxxX (10)
                       
xXxXxXxxX (9)
xXxXxXxxX (9)
„Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.“ –
xXxXxxXxX (9)
                           
xxXxXxxXxX (10)

xxXxXxxXxxX (11)

 xXxxXxxXxxX (11)
Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düstern Ort? –
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh’ es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau. –
xXxxXxxXxxX (11)

XxxXxxXxxX (10)
xXxXxXxxX (9)

xXxxXxXxxX (10)
„Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt.“ –
Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan! –
xXxxxXxxXxxX (12)

xXxxXxxXxxX (11)

xXxxXxxXxxX (11)

XxxXxxXxX (9)                          
Dem Vater grauset’s; er reitet geschwind,
Er hält in Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
In seinen Armen das Kind war tot. 
xXxXxxXxxX (10)

xXxXxxXxxX (11)
xXxXxXxX (8)
xXxXxxXxX (9)                         

Der Erlkönig hat acht Strophen zu je vier Versen, die ein unregelmäßiges Metrum ergeben. Das ergibt sich im Übrigen schon daraus, dass mit Ausnahme der ersten Strophe die Verse eine unregelmäßige Silbenzahl aufweisen. In der Tabelle seht ihr nicht nur das Versmaß, dahinter steht ausserdem die Silbenanzahl. Denn auch aus dieser kann man etwas herauslesen.

Was die Silbenanzahl über „Der Erlkönin“ verrät

Wenn man sich Goethe als den Klassizisten vergegenwärtigt, der er zum Zeitpunkt des Erlkönigs (fast) schon ist, dann ist die romantische Schlamperei, die Goethe im Erlkönig vom Stapel lässt, geradezu unkeusch. Wen’s interessiert, der kann ja mal in die Römischen Elegien reinschauen. Hier gibt’s eine nette Analyse der ersten Elegie. Das Interessante aber ist, dass Goethe schon im Erlkönig selbst demonstriert, dass der Silbenanzahlsalat nicht blanker Unfähigkeit geschuldet. Die erste Strophe zeigt, dass er’s kann. Alle vier Verse weisen neun Silben auf. Oder anders ausgedrückt: Hier ist die Welt bzw. der Vers noch in Ordnung.

Anders sieht es in den Strophen Zwei und Drei aus. Die sind nicht nur spiegelbildlich aufgebaut, die weisen auch Abweichungen von der Neunsilbigkeit auf. Aber: Die Abweichungen sind isoliert, nämlich am Anfang und am Ende. Und: Die Abweichungen sind geringfügig. Was das Ende von Strophe Zwei und der Anfang von Strophe Drei darüber hinaus Erschütterndes verraten, verrate ich weiter unten.

Aber man sieht, worauf das hinausläuft. Die Abweichungen von der Neunsilbigkeit werden höher, Chaos kommt auf. Und doch: Wenigstens zwei Verse in jeder Strophe haben die identische Silbenzahl. Das ist am Ende nicht mehr Fall. Die letzte Strophe ist die einzige Strophe, in der jeder Vers mit einer anderen Silbenanzahl ankommt. Die Ordnung ist zusammengebrochen. Das Kind ist tot, das System kollabiert.

Aber noch etwas fällt auf an der letzten Strophe bzw. an den letzten beiden Versen. Würde es nicht eigentlich Sinn machen, den letzten Vers als den kürzesten zu entwerfen? Es entsteht ja eine Leerstelle, das Kind stirbt, sein kurzes Leben ausgehaucht – würde hier nicht Kürze Würze sein?

Nein. Denn dass ausgerechnet der vorletzte Vers die kürzestmögliche Silbenanzahl aufweist, hebt die überzählige Silbe des letzten Verses brutalstmöglich hervor. Und ausgeprochen lautet diese Silbe ausgesprochen fatalistisch: tot. Klar auch eine Aposiopese – also das Weglassen des Adjektivs tot hätte hier Wirkung gehabt. So aber ist sie nachgerade erschüttert. Nicht nur ist „Das Kind war tot“ einer der traurigsten Sätze, die überhaupt gebildet werden können, sondern durch die Überzähligkeit halt das tot nochmal so richtig schön nach.

Als Pointe ließe sich auch noch feststellen, dass der letzte Vers silbenquantisch mit der Ordnung der ersten Strophe korrespondiert. Ist das Leben Chaos, so ist der Tot (als an- oder kontraorganisches) Ordnung. Man könnte stalinesk von der Bereinigung eines Problems sprechen. Muss man aber nicht.

Erlkönig: Ein Albtraum in Versen?

Aber diese Formalia sind an keine bestimmte Lesart gebunden. Im Prinzip lassen sie sich für alle drei hier vertreten Interpretationen nutzen. Eindeutiger wird es, wenn man sich bei der Psychoanalyse bedient. So hat das Luise Reddemann gemacht, die darüber hinaus den großen Vorteil hat, Psychoanalytische Psychotherapeutin zu sein. Darüber hinaus hat sie eine bestimmte Form der Traumatherapie entwickelt. Mit dem Portfolio kann man schon einer gewissen Expertise auf dem Gebiet der Träume ausgehen. Und spätestens seit Freud ist klar, dass Dichten, Träumen und Phantasieren schon sehr, sehr nah beieinanderliegen.

Was sagt die Fachfrau?

Zunächst einmal ist klar, dass Der Erlkönig kein mimetisches Gedicht über Kindesmissbrauch ist, schließlich handelt es sich nicht um A Serbian Movie. Aber tatsächlich ist das auf eine doppelbödige Art und Weise auch wieder mimetisch, denn, so Reddemann, Opfer sexualisierter Gewalt erleben ihr Trauma in der Regel nicht „photographisch“ wieder. Vielmehr werde, etwa im Traum, „die emotionale Wirklichkeit“ wiedergegeben. Der Erlkönig könnte der Traum eines missbrauchten Kindes sein. Alptraumhaft jedenfalls ist die Ballade.

„Nacht und Wind“ könnten Projektionen des inneren Chaos des Kindes sein. Der Vater aber durcheilt diese Nacht, wird nicht von ihr affiziert. Im Resultat aber ist „das Kind einsam mit seiner Angst“, wie Reddemann schreibt. Und Grund hat es: „Willst, feiner Knabe, du mit mir gehen?“ – Das könnte ein Anerbieten an den grazilen, zarten, wohlmodellierten Knaben sein. Und das mit der Knaben-Liebe ist Goethe nicht unbedingt fremd. Erinnert sei an seine Hymne Ganymedes. Und die endet:

In eurem Schoße
Aufwärts!
Umfangend umfangen!
Aufwärts an deinen Busen,
Alliebender Vater!

Das kann natürlich auch alles total verklärend gemeint sein. Was da im Schoße aufwärts fährt, was da umfängt, was da am Busen des Vaters aufwärts strebt… Wer weiß. Wen kümmert’s? Im Erlkönig jedenfalls ist das weniger subtil: „Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt; Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt.“ Das hat auch schon die Abendzeitung aus München als ziemlich unverblümt erkannt.

Der Erlkönig als „symbolhaft verkleideter Täter“

Doch die Psychoanalytikerin kann dann doch noch mit dem einen oder anderen Surplus aufwarten: „Wie in Alpträumen von Opfern sexualisierter Gewalt, die eine Psychotherapie aufsuchen, könnte der Täter symbolhaft verkleidet sein, so dass wir vor einem Rätsel stehen, um wen es sich da handelt, und selbst der Träumer könnte vor einem Rätsel stehen. Ist ihm dies wirklich widerfahren, ist es ein schlechter Traum?“

Und weiter: „Bildet sich hier auch ab, dass die Täter ihren Opfern oft sagen, du bildest dir das ein, so dass sie die Opfer glauben machen, alles sei nur ein ‚böser Traum‘?“ – Und sind die Rationalisierungen des Vaters nicht auch nur die Phrasen des Gaslightings: Das war ja gar nicht so, das hast du falsch verstanden, glotz nicht so romantisch.

Der Vater-Erlkönig im Metrum

Und ja, aus Sicht der Traumatherapie wäre es anscheinend kein Novum, wenn Vater und Erlkönig Qualitäten ein und derselben Person signifizierten: „Hier der ‚gute‘ beruhigende Vater, dort der ‚böse‘ Vater, der das Kind verführt und ausbeutet.“ Und tatsächlich holt uns hier das Formale wieder ein.

Goethes Der Erlkönig ist ein, das wurde bereits konstatiert, silbisch unordentliches Gedicht. Noch heftiger aber wird es, wenn man sich das Metrum anschaut. Es gibt keine zwei Verse, die aufeinander folgen und das dabei gleich betont werden. Oder?

Es gibt exakt eine Ausnahme und die besteht in ausgerechnet jenem Verspaar, das den Auschlag für eine sexualisierte Lesart gibt: „’Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt.‘ –Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an!“Ein Doppelvers, der für doppelte Aufmerksamkeit sorgen muss. Sorgen soll? Jedenfalls legt diese Verdoppelung nahe, dass hier auch eine Verdoppelung des Signifizierten vorliegen könnte.

„Mein Vater, mein Vater“, diese Anrede zieht sich als Leitmotiv durch den Text und sie erscheint unproblematisch. Was aber ist mit diesem „jetzt fasst er mich an?“ Wer ist dieser er? Ist es die direkte Anrede über die 3. Person Singular, so wie in: „Mein Vater, könne er mir bitte die Tasse Tee reichen?“. Heißt der Sohnessatz hier vielmehr, erschrocken: „Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst Du mich an?“ Ist diese ohne Zweifel zentrale Stelle das verklausulierte, das verdrängte Wissen? Ist hier Erkenntnis am Werke?

Ich frage mich, woher wusste Goethe das alles so genau – und habe darauf bis jetzt keine Antwort gefunden.

Luise Reddemann

Reddemann zeigt sich verwundert ob der geradezu archetypischen Beschreibung Goethes, „unnachahmlich genau“ werde die seelische Wirklichkeit eines Missbrauchsopfers dargestellt. – Übrigens ist Goethe Senior in just dem Jahr, in dem Der Erlkönig entstand, gestorben. Es wäre absolut unwissenschaftlich nahezulegen, es handele sich um Johann Wolfgangs Trauma, das sich im verdoppelten Vater ausgesprochen hätte. Es wäre überintepretiert zu konstatieren, der Doppelvers sei ein gar nicht so stummer Schrei Goethe’schen Unbewussten gewesen. – Doch warum sollte es eigentlich nicht so sein? Ja, woher wusste Goethe es so verdammt gut?

6 Kommentare zu „Die schreckliche Wahrheit von Goethes „Erlkönig“

  1. Diese Deutung erscheint uns heute doch ziemlich offensichtlich – welcher Natur das Interesse des Erlkönigs an dem Knaben ist, kann keinem Zweifel unterliegen. Dem heutigen Leser ist ja auch klar, dass im „Heidenröslein“ („Sah ein Knab ein Röslein stehn“) eine Vergewaltigung erzählt wird. Herausragend in Ihrem Beitrag die sorgfältige metrische Analyse. Danke!

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    1. Na, bezweifelt werden kann das schon, schließlich handelt es sich um Literatur, die nur in ihren schlechtesten Ausführungen eindeutig ist. Auch, dass dem „heutigen Leser“ das Heideröslein ausschließlich als Vergewaltigung erscheint, dürfte, falls es überhaupt zutrifft, eher gegen den postulierten „heutigen Leser“ – der im Übrigen zum überwältigenden Teil weiblich ist – als gegen das „Heidenröslein“ sprechen. Aber was auch immer: Danke für den Kommentar 😊

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  2. Dass in jenen Tagen der sexuelle Mißbrauch, wie brutal und schlimm auch immer ausgeführt, eigentlich keiner war, denn dem reichen und mächtigen Manne war fast alles zugestanden, gehört mit dazu. Wir landen wieder bei den Elegien, „doch lieber sind mir die Mädchen.“ Goethe entblößt, nach heutiger Lesart als Täter entlarvt.
    Es ist diese Interpretation, die auf den Vater oder eine andere nahestehende Person verweist, erlaubt. Allerdings nicht im kriminalstischen Sinne. Hätte Goethe (und mit ihm andere) alles getan oder erlebt, was er eindrucksvoll beschrieb, hätte er wohl kaum sein langes Leben gehabt, wäre er wohl kaum Dichter geworden, sondern Insasse einer Anstalt, eines Gefängnisses.

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  3. Hm. Is‘ wirklich interessant hier. – Diese Geschichte vom Erlkönig als Missbrauchs-Ode stammt vermutlich ursächlich aus der selben Quelle, wo auch ich sie herhabe: Ein PM-Heft der späten 90er Jahre. Damals hab ich Bauklötzer gestaunt, als ich das las, weil mir DER Verdacht nie zuvor gekommen war. Aber dann fiel mir so dies und das aus der Goethe-Biografie ein und es verdichtete sich doch zu allerhand Schmuddel. Ich glaub ich schreib da demnächst selber mal was. – Aber danke für’s Anstubsen.

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    1. Tatsächlich bin ich ein kleiner Fan des Erlkönigs und hatte da so ein Erweckungserlebnis, als ich irgendwann, ein paar Bier waren wohl im Spiel, den Erlkönig singend nach Hause gegangen oder -torkelt bin. Die Quelle kannte ich nicht, das nennt man dann wohl kongenial.😅
      Und ja, Goethe ist ein Schmuddelautor erster Sorte.

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