Gäbe es eine Cancel Culture, so könnte ich mich mit dieser Rezension nur in die Nesseln setzen. Ein weißer Mann, der Native Son zu kritisieren sich anschickt? Schlechte Idee. Oder?
Natürlich nicht. Vielleicht ist die Diskussion angebracht, wenn es um die Übersetzung geht. Hier wird aber nicht übersetzt. Es wird entsetzt. Und das mache nicht ich, sondern das Buch selbst.
Native Son: Ein sehr unangenehmer Text
Schon das erste Wort von Richard Wrights Native Son ist unangenehm. Und zwar wirklich, denn der Text setzt mit dem Schrillen eines Weckers ein. In medias res at it’s best, Zitat: Brrrrrrriiiiiiiiiiiiiiiiiiinng!
Der Literaturkritiker Arnold Rampersad will diesen Romananfang als „urgent call in 1940 to America to awaken from its self-induced slumber“ verstanden wissen. Der Wecker des Anfangs als Metapher für das Buch insgesamt: Das ist mehr als bloß eine gefällige Interpretation.
Native Son – kein Uncle Tom
Denn tatsächlich: Native Son ist ein Roman, der versucht, durch den Schock zu kurieren. Und zwar gegen die Tradition! – Uncle Tom’s Cabin von Beecher-Stowe, der traditionsstiftende Text, funktioniert anders. Uncle Tom wurde von seiner Autorin Harriet Beecher-Stowe zwar als gut gemeinter Charakter angelegt. Mittlerweile wird Toms Verhalten von vielen aber als problematisch angesehen. Der Name Uncle Tom wird und wurde mitunter als Beleidigung benutzt. So etwa von Malcolm X gegenüber Martin Luther King. Einige sprechen sogar vom Uncle-Tom-Syndrome und meinen damit ein unterwürfiges Verhalten schwarzer gegenüber weißen Menschen.
Bigger Thomas, der Protagonist von Native Son, ist nicht unterwürfig. Jedenfalls nicht in der Art Uncle Toms. Er ist verschüchtert, ängstlich gegenüber Weißen, das ja. Aber gleichzeitig ist er nicht nett, nicht fürsorglich. Vor allem aber lädt er nicht zur Identifikation ein.
Ein unangenehmer Protagonist
Native Son steht durchaus in einer naturalistischen Tradition. Schon der onomatopoetische Anfang (Brrrrriiiiiiing) lässt diese Idee aufkommen. Ferner der immer wieder aufkommende Dialekt, der hohe Anteil szenischer Schreibweisen, der Fokus, der auf dem Herkunftsmilieu des Protagonisten liegt. Und ja: Wie in einem echt naturalistischen Hauptmann-Stück ist von Anfang an klar: Irgendetwas wird passieren. „I feel like something awful’s going to happen to me“, sagt Bigger. Und ja: Genau das wird geschehen.

Gus: „You think to much“
Bigger: „What in hell can a man do?“
G.: „Get drunk and sleep it off.“
B.: „I can’t. I’m broke.“
Hier soll nichts gespoilt werden. Dennoch so viel: Bigger ist ein wirklich schrecklicher Kerl. Mitleid will nicht so richtig aufkommen. Verständnis? – Vielleicht. Allerdings wird er im Verlauf des Romans nachvollziehbar(er).
Um dahin zu gelangen, müssen Lesende aber eine ganze Menge mit ihm durchmachen. Und es nicht leicht, bei allem dabei zu sein. Es ist nicht leicht, ihm dabei zuzusehen. Vor allem aber ist es nicht leicht, ihm dabei zuzuhören. seine Selbstgerechtigkeit, seine Menschenverachtung – das ist harter Stoff. Aber warum eigentlich? Und warum sollte man sich das antun?
Eine unangenehme Wahrheit
Biggers Verteidiger Boris Max, nennt Biggers Verbrechen „an act of creation“. Das erscheint – gelinde gesagt – zunächst mal überinterpretiert. Tatsächlich aber ist etwas dran.
Für Bigger ist im Chicago der späten Dreißiger nur ein Platz vorgesehen: Er ist der boy. Von fast allen Weißen wird er so genannt. Schüchtern darf er sein, mehr nicht. Bigger bleibt akzeptabel solange er ausschließlich Yessir und Yessum sagt. Was darüber geht, das ist von übel. Seine Verbrechen machen ihn auf eine paradoxe Weise überhaupt erst zur Person. Erst jetzt ist er überhaupt jemand. Und daran ist nicht nur er schuld.
Und jetzt? Was kann uns Native Son noch sagen?
Seitdem Native Son erschienen ist, sind über 80 Jahre vergangen. Viel hat sich geändert. Vieles nicht. Dass der Roman seine Längen hat, steht außer Frage. Aber er wühlt auf. Beeindruckende Bilder kommen auf, die Sprache ist klar, scheut aber auch den Ausflug ins Melancholische nicht. Die klare Stärke aber sind die Dialoge. Es ist wirklich unangenehm, dieses Buch zu lesen. Auch (und gerade) wenn man von sich glaubt, kein Rassist zu sein.
Mary: „Say, Jan, do you know many Negroes? I want to meet some.“
Jan: „I don’t know any very well.“
M.: „They have so much emotion! What a people! If we could ever get them going… (…) And their songs–the spirituals! Aren’t they marvelous? Say, Bigger, can you sing?“
Bigger: „I can’t sing.“
M.: „Aw, Bigger. (sings) Swing low, sweet chariot. Coming fer to carry me home…“
Insbesondere Mary und Jan sind Figuren, die nicht nur zur Fremdscham animieren. Ihr Verhalten ist grausam auf eine Art, die wir vielleicht auch an uns selbst erkennen können. Viele der Stereotype mögen heute eher in gesellschaftlichen Nischen vorkommen (*hüstel: 4chan). Aber das, worum es in Native Son wirklich geht, ist immer noch aktuell. Es geht nicht nur US-Amerikaner etwas an. Ja, Native Son ist wahrscheinlich noch nicht mal ein Roman nur über schwarze und weiße Menschen. Er bedeutet mehr.
Der Roman appelliert nicht an eine abstrakte Gerechtigkeit und eine Utopie hat er auch nicht zu bieten. Vielmehr appelliert er an Lesende, sich je selbst zu hinterfragen. Und das ist anstrengend. Das ist unangenehm. Und es hilft. Dicke Leseempfehlung, die nicht ohne Triggerwarnung ausgesprochen werden darf.