Hungerkünstler gab es wirklich. Und tatsächlich ist/war es so, wie der Erzähler in Kafkas Erzählung es verlauten lässt: „In den letzten Jahrzehnten ist das Interesse an Hungerkünstlern sehr zurückgegangen.“ Warum nur?
Die Hungerkunst gab es wirklich und, im Fall David Blaines, gibt es sie sogar immer noch. Uneinigkeit herrscht darüber, ob es die Hungerkunst als Hungerkunst schon vor dem 19. Jahrhundert gegeben habe und ferner darüber, was genau unter die Hungerkunst falle. Das aber braucht hier nicht weiter zu interessieren. In Bezug auf die Erzählung von Kafka ist es wichtiger darüber nachzudenken, was Hungerkunst eigentlich ist, was sie meint – und dabei ist man direkt vor der Frage, was überhaupt Kunst ist.
Also, was ist Kunst? Ich würde vorschlagen, dass sämtliche essentialistischen Beantwortungsvorschläge direkt steckengelassen werden. Es gibt nichts, was Kunst direkt ausmacht, es gibt kein Wesen von Kunst. Warum? Weil es so etwas wie das-Wesen-von schlichtweg nicht gibt. Oder, falls es das doch geben sollte, so sind wir Menschen nicht in der Lage es einzusehen, was wiederum mit dem Diktum „Es gibt kein Wesen“ zusammenfällt, da auch Existenz immer gebunden ist an einen, der Existenz zuspricht. Ihr wisst schon, wenn im Wald im Baum umfällt und keiner hört’s – dann macht er auch kein Geräusch.
Kunst ist also nicht Kunst, soweit in Ordnung. Gut konstruktivistisch könnte man sagen, dass Kunst ein spezifischer Rezeptionsmodus ist. Ich denke, damit kann man schon irgendwie leben. Gleichzeitig ist es von einer solcher Einstellung hin zu Alles-ist-Kunst (was auch irgendwie stimmt) kein sehr weiter Weg. Das macht erstmal nichts aus, ist aber deswegen nervig, weil solche Positionen rasch im Solipsismus landen, der selbst nicht mehr fruchtbar ist – wenngleich er das Beste ist, was man an Wahrheit so erlangen kann.
Bla.
Mein Vorschlag: Kunst ist 1.) das symbolische Objekt eines spezifischen Rezeptionsmodus‘ und 2.) ein interpersonales Objekt. Man könnte also durchaus sagen, dass Kunst ein symbolisch verfasstes Kommunikationsmedium ist. Mein Vorschlag ist also gar nicht der meinige, sondern der Luhmanns. Okay.
Das heißt also auch, dass einem Kunstwerk nicht unbedingt Materialität zukommt. Auch ein Happening ist ein Kunstwerk und auch die Abwesenheit von etwas kann ein Kunstwerk sein und in Der Hungerkünstler ist es die Unterlassung einer Tätigkeit, die ein Kunstwerk ist: Das nicht-Essen, das Hungern.
Der Hungerkünstler
Der Hungerkünstler wurde immer mal wieder als Inbegriff des Künstlers gesehen. Wobei Der Künstler ebenso wie Die Frau oder Der Russe eine ideologische Konstruktion ist. Welche Ziele mit dieser Konstruktion verfolgt werden (worden sind) ist erstmal egal, wichtig ist, dass es Den Künstler nicht mit großgeschriebenen Artikel nicht gibt (dass es Menschen gibt, die das, was man Kunst nennt, produzieren: geschenkt).
Dennoch: der Hungerkünstler wurde immer wieder gelesen als Inbegriff Des Künstlers, die Erzählung Ein Hungerkünstler als Satire auf die klassische Künstlernovelle. Eine Interpretation, die auch recht stichhaltig ist und dementsprechend nicht viel Widerspruch verdient. Oder?
Nun, ich denke nicht, dass die Erzählung erschöpfend ausgedeutet ist, wenn der Hungerkünstler bloß als Klischee Des Künstlers (der selbst natürlich Klischee ist) gelesen wird. Der Hungerkünstler zitiert Den Künstler, keine Frage, aber der Hungerkünstler zitiert auch Jesus Christus im Moment der Kreuzabnahme – wobei J.C. ja auch als Der Künstler gelesen werden kann usws. Es nimmt kein Ende, soviel sei verraten.
Dennoch: nur Parodie? Aber nein. Hier findet sich eine 1A-Zeitdiagnose, die nicht irgendeine Stellung Des Künstlers in einer profanen Welt *Gähn*
Vielmehr wird Kunst selbst thematisiert. Auch durch die kluge Wahl einer Kunst, die kein Objekt hervorbringt – und das etwa 50 Jahre bevor das Happening die ästhetischen Weihen empfangen hat. Spannend ist eben auch das, was um das Neg-Werk herum passiert.
Der Hungerkünstler hungert im Käfig. Dieser Käfig findet sich nun letzten Endes an zwei Orten. Einmal als Zentrum der Aufmerksamkeit und Architektur in einem Amphitheater und dann später am Durchgang zu den Tieren. Zentrum der Aufmerksamkeit und Nebenbei, dabei selbst unverändert, da es immer noch ein Käfig ist, dessen Besonderheit nur in seiner Allgemeinheit besteht. Er ist Funktion, weil er ein- und ausschließt, mehr nicht.
Nun ist aber die Kunst, oder das Neg-Werk, von diesem Drumherum abhängig. Im Amphitheatier sind es die biblischen 40 Tage, die gehungert wird. Das Neg-Werk hat eine Form oder Komposition. Das Neg-Werk ist also hier noch mehr als bloßes Unterlassen der Nahrungsaufnahme. Dafür gibt es dann auch Applaus etc. Später dann, wenn der Käfig im bloßen Transfer steht, ja am, nicht im Transfer, ist das Hungern zu einer Kunst ohne Beschränkung, das heißt: ohne Form geworden. Das Neg-Werk hat keine Form, hat kein Medium mehr und vergeht. Es ist nicht mal mehr ein Neg-Werk, es ist nichts, uninteressant, leerer Signifikant, der dem Vergessen anheimfällt. Klar, die Prozesse sind kybernetisch: Der Transfer verstärkt die Tendenz abfallender Aufmerksamkeit so wie diese die Verselbstständingung des Neg-Werks verstärkt, welche wiederum den Transfercharakter verstärkt. Denn was ist das Ziel des unbeschränkten, formlosen Hungerns? Der Tod vielleicht, aber der ist bekanntlich nicht viel. Das Neg-Werk verneint sich selbst durch seine Uferlosigkeit.
Der Künstler, diese Erfindung des 19. Jahrhunderts und seiner Genieästhetik, ist nur nebenbei Thema dieser kurzen, großartigen Erzählung. Das Thema ist der Untergang des 19. Jahrhunderts im 20. Das Thema ist das Ende der Kunst – zumindest der emphatischen Kunst. Das Thema ist – um sich einer Literaturwissenschaftlichen Terminologie zu bedienen – das Ende des Werks und der Anfang des Texts. Mit Dem Künstler fällt auch Die Kunst. Das Aufschreibesystem 1900 hat schon längst begonnen.