Du waltest hoch am Tag' und es blühet dein
Gesetz, du hälst die Waage, Saturnus Sohn!
Und teilst die Los' und ruhest froh im
Ruhm der unsterblichen Herrscherkünste.
Doch in den Abgrund, sagen die Sänger sich,
Habst du den heil'gen Vater, den eignen, einst
Verwiesen und es jammre drunten,
Da, wo die Wilden vor dir mit Recht sind,
Schuldlos der Gott der goldenen Zeit schon längst:
Einst mühelos, und größer, wie du, wenn schon
Er kein Gebot aussprach und ihn der
Sterblichen keiner mit Namen nannte.
Herab denn! oder schäme des Danks dich nicht!
Und willst du bleiben, diene dem Älteren,
Und gönn' es ihm, daß ihn vor Allen,
Göttern und Menschen, der Sänger nenne!
Denn, wie aus dem Gewölke dein Blitz, so kömmt
Von ihm, was dein ist, siehe! so zeugt von ihm,
Was du gebeutst, und aus Saturnus
Frieden ist jegliche Macht erwachsen.
Und hab' ich erst am Herzen Lebendiges
Gefühlt und dämmert, was du gestaltetest,
Und war in ihrer Wiege mir in
Wonne die wechselnde Zeit entschlummert:
Dann kenn' ich dich, Kronion! dann hör' ich dich,
Den weisen Meister, welcher, wie wir, ein Sohn
Der Zeit, Gesetze gibt und, was die
Heilige Dämmerung birgt, verkündet.
Tja, Hölderlin. Offen gestanden war ich immer so’n bißchen hilflos, wenn es an Hölderlin ging. Heidegger, Benjamin, Adorno, kurz: die Ganzgroßen sagen oder lassen durchblicken: „Hölderlin, muss man kennen, muss man lieben, muss man ehren.“ Und ich armer, kleiner Epigone las‘ dann diese Gedichte und, wie man so sagt, sie sagten mir einfach nichts.
Und das blieb auch so, bis vor ca. 5 Minuten. Jetzt habe ich für diesen Text das obige Gedicht Zeichen für Zeichen abgetippt, dabei Silbe für Silbe paradebil mir vorgeraunt und siehe! mir ward ein Versmaß. Plötzlich hörte sich der ganze Driss sogar ziemlich geil an, es gab einen spezifischen Sound, eine Kongruenz zwischen Inhalt und Form, kurz: Das Gedicht fing an zu sprechen.
Für alle, denen es so ergeht wie es mir bis vor ca. 10 Minuten erging: Macht euch die Mühe und schreibt Gedichte ab. Sie nachzeichnen, nachsprechen, so tat man das, laut Fr. Kittler, auch im Mittelalter – und das sollte uns postmodernen Analphabeten doch ganz gut anstehen, oder?
Versmaß, Form, so Zeugs
Also, wie ist das Versmaß? Ich benutze die vereinfache Notation, die keine Ambivalenzen kennt und schreibe nur eine Strophe, da sich das Versmaß nicht ändert.
x X x X x X x x X x X x X x X x X x x X x X x X x X x X x X x X x x X x x X x X x
Kleine aber wichtige Anmerkung: In sämtlichen Versen 1 und 2 jeder Strophe findet sich unmittelbar nach der dritten Hebung eine Zäsur. Diese Zäsur trennt durchaus auch Wörter inmitten durch, wenn man es aber richtig liest, dann hört man, wie die Zäsur den ganzen Vers gliedert. Klar, das ist keine Alltagssprache, das ist eine Ode, das ist was anderes.
Ein paar Klicks und man hat es raus: das ist das Schema der sog. Alkäische Strophe. Cool ist, dass diese Strophen durch die Binnenzäsuren so ungemein dynamisch werden (eigentlich ein Paradox). Der Vers steigt bis zur Zäsur und fällt dann ab. Dadurch bekommen die Verse 1 und 2 fast eine Mehrstimmigkeit oder wenigstens ein Echo.
Die Verse 3 und 4 wiederum erscheinen wie Ausformulierungen der Verse 1 oder 2. Hier ist das Versende von 3 das Äquivalent zur Binnenzäsur und die zwei daktylischen Maße in Vers 4 sind das Äquivalent zum Anapäst in Vers 1 oder 2.
Überhaupt: Vers 1 und 2 sind grundsätzlich jambisch. Klar, ein Anapäst ist jeweils vorhanden, aber ein Anapäst ist wie ein Jambus mit Auftakt. Vers 3 oszilliert hingegen zwischen jambischer und trochäischer Verfasstheit. Er beginnt und er endet mit einer unbetonten Silbe, während Vers 4 daktylisch-trochäisch ist. Die ganze Strophe nimmt also das Verhältnis von Ruf und Echo aus den Versen 1 und 2 in ihrer Gesamtheit nochmal auf. Formal ist das absolut großartig, keine Frage.
Aber was ist es, das mir und euch da erzählt wird? Worum geht’s? Dazu erstmal ein
Kleiner Exkurs in die griechische Mythologie
Aber wirklich nur ein kleiner. Also, zunächst sind Saturn und Jupiter natürlich keine griechischen, sondern römische Götter, aber da die Römer eher mit Krieg als Mythenschöpfung beschäftigt waren, haben sie ihre Göttern ja ihren griechischen Lehrersklaven geklaut. Jupiter ist also Zeus, Saturn ist Kronos. Soviel dazu.
Am Anfang war das Chaos. Aus diesem entstand:
Gaia, die Urmutter oder Erde. Aber auch Eros war schon da. Ohne dass es zwischen den beiden zum eigentlichen Verkehr gekommen wäre zeugten Gaia und Eros den Uranos, der der erste Mann war – zumindest eine Zeit lang.
Gaia und ihr Sohn Uranos zeugten Kinder, die Uranos allesamt so richtig scheiße fand und sie deswegen in den Tartaros, die tiefste Hölle, warf, wo sie noch heute leben. Als dann Gaia schon wieder schwanger war (und zwar mit den Titanen) erzählte sie Uranos nichts davon und versteckte die ungeliebten kleinen Riesengötter. Das war Uranos‘ Urteil, denn einer der Söhne, Kronos/Saturn dachte sich, dass es doch eine Superidee wäre seinen eigenen Vater zu kastrieren, damit er selbst an dessen Stelle rücken könne. Und genau so war es dann auch, Saturn-Kronos tat sich mit seiner Mutter zusammen Gaia zusammen und der Alte wurde kastriert.
Jetzt war Saturn-Kronos der Chef der Welt und das berühmte goldene Zeitalter brach an. Das ist der Zeitraum vor der Zivilisation, vor dem Sündenfall, der Naturzustand, den Rousseau nicht restituieren will, weil er weiß, dass das nicht funktioniert, den er aber ziemlich geil findet.
Natürlich fand auch Kronos-Saturn seine Kinder ziemlich kacke und dachte sich: Mensch, jetzt hab ich meinem Alten die Eier abgeschnitten, jetzt kann ich auch meine Kinder essen – und tat’s. Wiedermal war es aber das Weib, das sein Verhängnis wurde (zum Glück). Seine Frau, die gute Rhea, die selbstverständlich auch seine Schwester war, versteckte den einen Sohn, Zeus-Jupiter, der das Schicksal der Welt verändern sollte.
Gemeinsam wurde Kronos-Saturn also besoffen gemacht, von Jupiter-Zeus gefesselt und auf die Inseln der Seligen, die Elysischen Gefilde abgeschoben, wo er wohl noch heute weilt und wo das goldene Zeitalter immernoch herrscht. Schön.
Aussage des Gedichts. Ein Angebot
Natürlich verschraubt Hölderlin hier mehrere Varianten des Mythos‘. Bei Hölderlin ist Jupiter im Tartaros, also da, wo Saturn seinen Alten hingeschickt hat. Aber das ist ziemlich egal, weil es um etwas andere geht. Der Sohn vertreibt gut-ödipal den eigenen Vater. Das tut er nicht um die eigene Mutter zu ehelichen, sondern die eigene Schwester. Zusätzlich dient es ihm dazu, die Macht zu erlangen.
Bei Hölderlin ist Jupiter auf dem Höhepunkt seiner Macht und Herrscher, der Gesetze gibt. Er sitzt auf dem Olymp, schleudert dann und wann Blitze herab und scheint sich recht wohl zu fühlen. Der Sänger aber weiß, dass Jupiter seine Macht nur auf Kosten seines Vaters erlangt hat. Der Titel des Gedichts zeigt es schon an: Natur und Kunst oder Saturn und Jupiter. Saturn-Kronos ist dem Ursprung näher, ist der Natur näher als Jupiter. Jupiter verleugnet also seinen Ursprung – die Kunst, oder Künstlichkeit, so sagt das Gedicht, verleugnet ihren Ursprung. Nur der Sänger, der Dichter, weiß um die Herkunft.
In der zweiten Strophe heißt es: „Die Sänger sagen sich“. Die Sänger-Dichter wissen bescheid, trauen sich jedoch nicht, dieses Wissen auszubreiten. Sie sind keine Lästermäuler, sondern wenden sich direkt an Jupiter, damit der endlich das Tabu, das um seine Herkunft von ihm errichtet worden ist, bräche.
Hölderlin (oder das debile lyrische Ich) wirft noch etwas zusammen: Chronos und Kronos. Der erste ist die Zeit, der zweite der Ur-Ödipus. Dadurch, dass Hölderlin das tut (und das ist in der mythischen Literatur durchaus angebracht und oft geschehen) macht er Saturn, also Kronos-Chronos, zum Ursprung der Zeit. Hier tut sich en passant eine ganze Metaphysik auf. Saturn (Chronos-Kronos) ist mit der Zeit gleichzeitig (ha!) das Werden und Vergehen, das mit der Urmutter (denn auch Gaia, Rhea und Hera werden oft und gerne zusammengeschmissen) Zeus-Jupiter, den Gesetzgeber gezeugt hat. Der Gesetzgeber ist aber so berauscht an seiner Macht, dass er ignoriert, dass er auch ein zeitliches Element hat, das heißt, dass er sterblich ist.
Das setzt ihn den Menschen gleich, das macht ihn aber nicht etwa Kleiner. Das lyrische Ich verspricht Jupiter sogar unbegrenzte Ehrfurcht, wenn er, Jupiter, sich zu seinem Erbe bekennt, sich also nicht selbst als Grund setzt, sondern sich als Folge begreift. Folge von dem, was die „heilige Dämmerung birgt“. Und was ist das? Das Leben, das Sein, irgendwie sowas.
Ganz profan steckt darin aber auch der Anspruch an alle Menschen, an jeden einzeln, dass er seine sog. Wurzeln nicht vergessen soll. Das ist im 21. Jahrhundert vielleicht nicht mehr so die allerpopulärste Aufforderung, aber was soll’s. Is‘ ja nur ’ne Lesart.
Ich denke aber ohnehin, dass man die letzte Strophe auch so fassen kann (und sollte), dass das eigene Erbe des Jupiter ja gar nicht sein privates Erbe ist. Der Sänger („wir“) und alle Menschen teilen dieses Erbe mit ihm. So könnte man also folgern, das Gedicht fordere dazu auf, das gemeinsame Erbe aller Menschen (und Götter) zu achten, ja es überhaupt erst als gemeinsame Grundlage, als „Wiege der wechselnden Zeit“ zu erkennen. Vielleicht sagt uns das Gedicht also, dass wir alle aus unseren Einsamkeiten und privaten Erben/Genealogien kommend, auf einer gemeinsamen Grundlage stehen und diese gemeinsame Grundlage ist die Erde in ihrer Zeitlichkeit.
Das Gedicht lässt sich also Lesen als Aufforderung, unseren Planeten zu schützen. Kein Planet B – vielleicht wusste das schon Hölderlin.

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