Kinderkreuzzug 2026. Über schwedische Kindersoldaten, Brecht und einen toten Hund.

Bertolt Brechts Ballade Kinderkreuzzug 1939 erzählt die Geschichte eines neuen Kinderkreuzzugs. Fünfundfünzig Kinder aus Polen tun sich zusammen – was sollen sie auch machen? – und suchen nach einem Ort, wo trotz des Krieges noch zu leben wäre.

Dabei treffen sich auch einen Hund. Gefangen zum Schlachten haben sie ihn: mitgenommen als Esser. Es wurde nichts draus, sie brachten es nicht übers Herz.

Am Ende finden Bauern eben jenen Hund mit einer Nachricht um den Hals: Wir wissen den Weg nicht mehr. / Der Hund führt euch her. / Schießt nicht auf ihn / nur er weiß den Fleck.

Der Hund war erfroren.

Neue Publikation zur übelsten Ecke, die das Internet momentan anzubieten hat

Auf den ersten Blick hat die Ballade dieser letzten Anständigen im kriegsversehrten Europa nur wenig zu tun mit jenen Horrormeldungen, die jüngst durch eine Publikation der CEMAS ergänzt wurde: Jugendliche Akzelerationsisten und radikale Nihilisten machen das Land, die Länder, die Welt unsicher mit random Gewalttaten.

Ein neuer Nihilismus, geboren auf Telegram, Discord und Roblox: 764 – No Lifes Matter – M.Y.K. – O9A: ein veritabler neuer Kinderkreuzzug bahnt sich an.

In diesem Artikel werden zwei Akzelerationismus-Fälle aus Schweden geschildert: Zwei Jungs, 14 Jahre, mindestens vier Opfer und ziemlich viel Wut – digital und analog. 

Was das mit Brecht zu tun hat, schauen wir uns danach an. – Was hier stattfindet: Literaturanalyse trifft True Crime. Oder anders ausgedrückt: True Crime kommt endlich nach Hause.

Die blaue Funktionsjacke von Hässelby-Strand

Als es gegen 18 Uhr anfing, zu regnen, fiel die Temperatur. Es sind nun gute zehn Grad an diesem Septemberabend in Hässelby-Strand. Gegen 19 Uhr macht sich der Alte auf den Weg. Prüfend blickt er in den Himmel. Er nickt. Die blaue Funktionsjacke wird angezogen. Er macht sich auf den Weg.

Der alte Mann mit seinem Rollator an einem nachregnerischen Abend in Hässelby, einem nördlichen Vorort von Stockholm. Viel Platte, trotzdem grün. Es ist kühl, doch die Luft fühlt sich gereinigt an: „Efter regn kommer solsken.“ Und vielleicht seufzt er auch ein bisschen vor sich hin.

– Szenenwechsel. Ein Handyvideo. Was wir erkennen ist die blaue Funktionsjacke. Der, der filmt, haut mit einem Gegenstand auf diese Jacke. Der Alte wimmert, stolpert weg. Der Filmende-Stechende rennt weg, man sieht: es war ein Messer. Er hat nicht auf die Jacke, er hat in den Menschen gehauen, gestochen.

Als ich das Video zuerst gesehen habe, hatte ich den Ton aus. Da ging es noch. Mit Ton wurde es schlimm. Den Mann zu hören, seine Stimme, sein huihuihuihuihui – es ist ein gutes Gefühl, dass er sich von dem Angriff erholt hat. Er ist wohlauf.

Was ist passiert? Ein vierzehnjähriger Junge tritt von hinten an den Mann auf seiner Abendpromenande heran. Er hat ein Messer in der Hand. Nichts martialisches: eine Klinge von höchstens sieben Zentimetern. Er sticht drei Mal in den Körper des 80-Jährigen. Dann rennt er weg. Die Kamera folgt ihm. Nach ein paar Metern brüllt er etwas.

Es ist ein verstörendes Video. Und dieses Video ist nur eine Google-Anfrage entfernt. – Aber: warum gibt es dieses Video überhaupt?

Es ist kein professionelles Video. Es ist auch kein Snuff-Content, viel zu verwackelt. Eigentlich erkennt man nichts. Man muss schon wissen, was passiert. Das ist gut für mich, weil ich mir den Scheiß angeschaut habe. Für die Zielgruppe ist das allerdings eher schlecht.

Warum passiert das?

Denn es gibt natürlich eine Zielgruppe für solche Videos. Es gibt sogar mehrere. Die primäre Zielgruppe, eigentlich die Peer-Group, ist als 764 bekannt. Eine Online-Community, die Homegrown-Terrorists auf ein neues Niveau gehoben hat.

Die jugendlichen Täter verüben Brandanschläge, malen Graffiti oder stechen wahllos auf Menschen ein. Für die Akzelerationisten unter ihnen steht fest: öffentliche Gewalt bringt die öffentliche Ordnung ins Wanken. Eine neue Ordnung soll entstehen. Einige von ihnen sind Rassisten, andere nicht. Einige sind rechtsextrem, andere sind apolitisch oder wenigens a-parteiisch. Was sie aber nicht sein wollen: apathisch.

Die Mitglieder begreifen sich als Avantgarde. Ideologien gibt es – und sie sind wichtig –, doch häufig rücken sie in den Hintergrund.

Was ist die 764-Bewegung?

Doch auch wenn alles unglaublich ambivalent ist: es gibt diese Communities, die untereinander vernetzt sind. 764 ist eine davon.

Ihre Wurzeln reichen bis in die 1970er zurück. Damals gründete sich der O9A in Großbritannien, der Order of Nine Angles. Der O9A ist eine mehr oder wenige lose Grupping von Nazi-Satanisten. 764 knüpft an die Nazi-Satanisten vom Bund der neun Winkel an.

Vor zehn Jahren hätten Naivlinge wie ich Nazi-Satanisten für eine South-Park-Erfindung gehalten – und nicht einmal die originellste. Doch es gibt sie. Und sie sind aktiv, auf Telegram, Discord oder Roblox. Natürlich auch auf Instagram, WhatsApp und, klar, auf X.

764 ist eigentlich eine Subkultur. Neben ihr gibt es viele andere. Teilweise überschneiden sie sich. Etwa No Lives Matter (NLM) oder das eher der Osteuropa aktive Маньяки культ убийства / Manjaki Kult Ubiystva – MKY: Der manische Mörderkult.

In all diesen Gruppen gibt es blanke Sadisten, die Kinder in den Selbstmord treiben, sie sexueller Gewalt unterwerfen oder sie eben zu Terroristen ausbilden.

Hässelby war kein Einzelfall

Den Ermittlern in Hässelby war sehr schnell klar, dass das Vorort-Verbrechen kein Einzelfall ist. Der Täter wurde schnell mit einem anderen Verbrechen in Verbindung gebracht. Bereits am 18. Juli 2024 war eine 55-jährige Frau in nämlicher Weise angegriffen worden. Angeklagt wurde er aber nur für die eine: Vor Gericht leugnete er die Tat.

Vorab: der Junge war zum Tatzeitpunkt 14 und damit in Schweden noch nicht strafmündig. Er kam für seine Tat nicht ins Gefängnis. Allerdings wurde er dazu verurteilt, dem Opfer Schadenersatz zu zahlen.

Doch das Verbrechen hat ihm auch etwas auf die Habenseite geworfen: Der Junge gab an, nach und vor allem durch die Tat im internen Ranking seiner Community aufgestiegen zu sein. Auch die Cemas-Studie stützt das: in den Communities regiert ein Punktesystem. Wer Gewalttaten vollbringt oder Zerstörung anrichtet, gewinnt Punkte.

Töten im Lifestream: Ein Januar in Westschweden

Ein Vierteljahr später wird in Borås in Westschweden, ca. 100 Kilometer von Göteborg entfernt, eine 30-jährige Frau abgestochen. Auch dieser Täter war 14, auch er filmte die Tat. Der große Unterschied: er ging live auf Discord, 30 Leute schauten zu.

Dieser Fall hat deutlich mehr Aufmerksamkeit erregt in Schweden. Das Opfer war nicht alt, es hatte nicht überlebt, es war der zweite durchdrehende Jugendliche: die perfekte Story aus Journalistensicht.

Auch hier ist der Täter unter 15, also nicht strafmündig. Auch er wird zu einer höheren Geldzahlung an das Opfer verurteilt. Über die genaue Höhe ist nichts bekannt.

Aber hat nicht nur diese Frau angegriffen. Am gleichen Abend, nur wenig zuvor, hat er eine Frau MItte 50 angegriffen. Beide Frauen hatten ihren Hund Gassi geführt. Die Katastrophe ereignete sich aus heiterem Himmel.

Beide Kinder gaben an, unschuldig zu sein. Man habe sie manipuliert.

Was ist da los?

Die Online-Communities, in denen beide Täter sich tummelten, sind toxisch durch und durch. Mittlerweile gibt es relativ tiefgehende Studien, die erlauben, sich ein Bild von der Sache zu machen.

Diese Sache Satanisten-Kult zu nennen, wäre Bild-Niveau. Vielmehr ist es eine gar nicht so fest umrissene Online-Subkultur, die dahintersteckt. Nicht jeder Täter ist „Anhänger“ oder „Mitglied“ von NLM oder 764 – so einfach ist es nicht. Vielmehr konstituiert sich die Subkultur über mehrere Plattformen, Gesprächskanäle und Nationen.

Stecken russische Agenten dahinter?

Es gibt Leute, die sich sicher sind, dass dahinter russische Agenten stecken. Tatsächlich sind die beiden schwedischen Fälle auch überhaupt keine Einzelfälle. Sie sind nicht nur aufeinander bezogen.

„Soll ichs wie Slayer machen?“, fragte das Borås-Kind. Slayer ist der Hässelby-Stecher. Die Fälle hängen miteinander zusammen und mit vielen weiteren Fällen, die jetzt gerade geschehen. Auch in Deutschland und Österreich.

Es ist möglich, dass dies Teil der russischen Kriegsführung ist. Viele sind jedoch eher der Meinung, dass Russland hier trittbrettfährt. Die Kultur hinter dem Kult war schon lange da. Und: Sie ist divers und nicht auf einen Nenner zu bringen. Einige sind Nazis, andere radikale Hedonisten. Wieder andere sind bloß verzweifelt.

Ein historisches Vorbild: der Kinderkreuzzug 1212

Aber warum ist das ein Kinderkreuzzug? Schauen wir uns das Original an: Es ist nicht so ganz heraus, was man mit dem echten Kinderkreuzzug von 1212 machen soll. Hat er stattgefunden? Handelte es sich dabei gar nicht um Kinder, sondern um Tagelöhner? So richtig weiß das keiner.

Die Story geht aber folgendermaßen: Im Jahre 1212 steckte die Kreuzfahrerbewegung gerade in einer veritablen Krise. Die Araber um Saladin hatten Jerusalem zurückerobert und dabei das „wahre Kreuz Christi“ erbeutet. Diese „wahre“ Kreuz soll nicht als Metapher verstanden werden. Man glaubte, es handele sich um DAS Kreuz.

Von dieser Gemengelage war die okzidentale Bevölkerung zu weiten Teilen erregt. Sie hatten sich Hoffnungen gemacht auf die materiellen und ideellen Schätze des Orients, jetzt waren sie auf sich selbst und ihre schlechte Laune zurückgeworfen. Was macht man da? – Man halluziniert eigene Größe. Megalomanie als Ehrenrettung.

Und genau hier formiert sich der angebliche Kinderkreuzzug. Es heißt: ein begeisterter Hirtenjunge sei in die Stadt Cloyes am Loir gekommen und habe von einer Vision berichtet. Bis zu 30.000 Menschen, Kinder vor allem, seien ihm gefolgt. Monate später waren einige von ihnen immer noch im Pulk unterwegs. Bis ins heilige Land kam aber niemand von ihnen.

Und wtf hat das zu tun mit: Brecht?

Und Brecht? Nun, der nutzt zunächst mal die Figur dahinter. Kinder tun sich angesichts eines Krieges der Erwachsenen, der sehr schlecht läuft, zusammen und versuchen, etwas an ihrer Lage zu ändern.

Die Frage stellt sich: wer ist eigentlich Agent und wer Patient? Man könnte glauben, in Brechts Ballade seien es ja immerhin die Kinder selbst, die sich in den Krieg trieben. Auf der anderen Seiten, im Falle der toxischen Online-Community, seien es aber Erwachsene, die Kinder ausnutzen.

Das stimmt. Und doch ist es, glaubt man der Cemas Studie, nicht die ganze Wahrheit. Es sind in diesen Szenen eben auch Kinder, die andere Kinder anstacheln. Sie verabreden sich in Chatrooms und über Messenger. Ihre Nachrichtennetzwerke sind eng. Nach draußen dringt wenig. Es ist wie mit dem Hund in der Ballade.

Ein Hund als Hilfeschrei

Denn die eine Nachricht, die, die allen anderen Nachrichten zugrundeliegt, kommt nicht an. Der Hund ist ein Hilferuf. Und vielleicht sind die Taten der heutigen Kreuzzügler, so verstörend und abstoßend sie sind, irgendwo auch Hilfeschreie.

Um Mitleid, naja, darum geht es wohl kaum, doch dass Kinder ein so kaputtes Weltbild haben, das von der Idee lebt, durch eine freidrehende Gewaltspirale eine neue Welt zu erschaffen, ist vielleicht nicht nur Ursache, sondern auch Symptom.

Das Weltbild kommt aus einer zerstörten Welt. Es beruht auf ihr. Einige kleben sich als Reaktion auf die Straße, wollen Autos stoppen, andere zünden die Autos gleich an. Die Lust an der Zerstörung ist sowas wie die invertierte Anständigkeit der Brecht’schen Kinder.

Ist da noch etwas zu retten? Denn ihr Hilferuf, wenn er einer ist, ist erfroren, keine Not, ihn noch zu ersticken. 764-Kinder sind verloren.

Oder doch nicht?

Tatsächlich gibt es eine weitere Parallele zum Kinderkreuzzug 1212. Es sind wenige, begeisterte, die voranschreiten. Andere folgen, warum auch immer. Das war 1212 so, das ist 2026 immer noch so. Im Endeffekt landen die, die 2026 übrigbleiben, aber wie ihre Vorgänger 1212 auf dem Sklavenmarkt. Nur diesmal ist es nicht der arabische Sklavenmarkt, sondern der globale Sklavenmarkt der Postmoderne: das Internet.

Aus hoffnungsvollen Subjekten werden Kindersoldaten. Sie werden ausgenutzt, nutzen sich allerdings auch kräftig gegenseitig aus. So oder so: Kindersoldaten sind unter uns. Es ist eine informelle Truppe. Und: Eine Truppe bloß, kein stehendes Heer.

Aber vielleicht ist genau das die gute Nachricht: schwer zu detektieren, sind sie vielleicht doch noch irgendwie zu erreichen. Auch, wenn ihre Nachricht längst erfroren ist. Und auch, wenn es nicht alle sind, die noch ansprechbar sind. Egal: Jeder einzelne, ist es wert, dort rausgeholt zu werden. Für uns alle.


Kommentare

2 Antworten zu „Kinderkreuzzug 2026. Über schwedische Kindersoldaten, Brecht und einen toten Hund.“

  1. Das einzig überraschende Moment ist das abnehmende Alter und die Kaltblütigkeit der Täter männlichen Geschlechts. Das Abendland versinkt ein Stück weiter in seinem Morast.😟

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  2. Konnte nicht aufhören, deine Geschichte zu lesen. Habe drei Söhne in dem Alter.

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