Zwischen Dichtung und Content Creation. Heinrich Heines „Die Harzreise“ als Reiseblog?

Nein, nein, dies ist nicht der Versuch, Heines Harzreise als Reiseblog neu zu verfassen. Hier geht’s darum, welche Ähnlichkeiten, Widersprüche und – vielleicht – Erkenntnisse sich aus einem Vergleich ergeben, der so offensichtlich ist, dass ich nicht der erste bin, der ihn zieht. Credits gehen raus an die Ideengeberin. Name leider unbekannt. Nennen wir sie, passend zum Thema, Ilse.

Heines Harzreise (1826): die erste moderne Reisebschreibung Deutschlands

Heines Harzreise (die es selbstverständlich kostenlos zum Download gibt) ist nicht die erste Reisebeschreibung der Welt. 1826 erschienen, könnte man sie sogar als späte Reisebeschreibung bezeichnen. Das ist aber eigentlich egal, denn was sie auf jeden Fall ist, ist die erste wirklich moderne deutschsprachige Reisebeschreibung (die ich kenne).

Wer sich jemals Goethes Italienische Reise zugemutet hat, wird schon bei den ersten paar Zeilen der Harzreise merken, dass hier ein radikal anderer Ton weht. Trotzdem ist auch nicht so, dass die Harzreise heutigen Reiseblogs unbedingt ähnlich ist. Sie funktioniert natürlich anders – nur wie?

Damit will ich mich in diesem Text auseinandersetzen, der vielleicht ein bißchen länger wird. Dafür ist er aber klar gegliedert. Man muss ihn nicht am Stück lesen, man muss nicht alles lesen – aber so richtig schaden tut’s auch nicht.

1. Heinrich Heine zwischen Autor und Content Creator

Der romantische Autorenkult und seine Nachwirkungen

Den Anfang macht die Frage nach dem Autor. Wer sich mit Fragen von Autorenschaft theoretischer auseinandersetzen will – hier gibt es den entsprechenden Text. Als (post-)romantischer Autor hat Heine eine ziemlich deutliche Stimme: Es ist wichtig, die dichterische Subjektivität hören zu lassen, es ist romantisch. Der Autor von heute, also der mehr oder weniger zum Genie stilisierte Künstler, entsteht zwar kurz vor der Romantik – im Sturm und Drang nämlich – in der Romantik aber erreicht der Kult um den Autor einen echten Höhepunkt.

Im Vergleich zu damals sind heutige Fan-Bases eher klein. (Wobei es durchaus sein kann, dass wir wieder in ziemlich romantischen Zeiten leben. Das ist nicht unbedingt gut. Man kann sogar sagen: romantische Zeiten sind eher schlechte Zeiten. Aber das ist ein anderes Thema, für einen anderen Artikel.)

Der Punkt ist folgender: Während der Kult um den Autor ab den 70er-Jahren massiv abgenommen hat, erleben wir heute, dass sich der Kult ein bißchen verschiebt. Er ist wieder da, aber er richtet sich weniger auf Literaten im engeren Sinne.

Keine Aufmerksamkeit ohne Social Media

Meine Behauptung: Was früher der Autor war, wird heute zunehmend vom Content Creator/Influencer übernommen. Das klingt für Absolventen des Deutschen Literaturinstituts sicher despektierlich, so ist es aber nicht gemeint. Tatsache ist, dass klassische Autoren heute eher von Fachleuten wahrgenommen werden. Stars sind in der Literaturszene äußerst selten. Und wenn, dann sind sie meist auf Social Media aktiv.

Zu Recht: denn die kollektive Aufmerksamkeit wandert zunehmend genau dorthin. Was früher vielleicht mal das Feuilleton der FAZ war (wobei das auch ein Mythos alter, etablierter Säcke sein dürfte), ist heute der Thread. Was das heißt, ist irgendwie auch klar: Kultur wird diverser, irgendwie wird aber auch beliebiger. Man kann das mögen. Ich für meinen Teil tue das. Meist.

Heine der Influencer avant la lettre

In diesem Sinne kann Heinrich Heine sicherlich als Vorläufer heutiger Content Creators betrachtet werden. Er hat eine starke persönliche Brand, die er sich vor allem auch über Rage Bait aufbaut. Schon die Harzreise geht mit einem so veritablen wie nachvollziehbaren Göttingen Rant los.

Heine ist nicht Everybody’s Darling. Er legt sich mit Leuten an – und das macht er gut, so gut, dass er es irgendwann für besser hält Deutschland zu verlassen und nach Paris zu gehen. Er ist damit noch kein Digital Nomad und natürlich sind die Aufmerksamkeitszyklen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhhunderts noch etwas beruhigter. Parallelen aber sind da.

Vor allem haben wirkt hier wie dort die Logik der Selbstvermarktung. Heinrich Heine war freier Schriftsteller, immer mal wieder auf Hilfe seines Onkels Salomon angewiesen und – obwohl Besteller-Autor – nicht so wirklich vermögend. Es reichte irgendwie und später konnte er sogar eine Pension ergattern, die meiste Zeit aber musste er arbeiten, um zu leben. Das heißt: er musste schreiben, publizieren und gelesen werden. Heine brauchte Aufmerksamkeit, eine Stimme und ein Profil.

2. Reiseprosa heute – zwischen persönlicher Stimme und Marktlogik

Und genau das ist natürlich auch wahr für die Content Creators von heute – es gilt für Dichter und Blogger, Maler und Influencer. Egal, in welchen Ratgeber man schaut, welchen Kollegen man rezipiert, so gut wie jeder sagt: es geht darum, kontinuierlich zu produzieren. Die genaue Frequenz schwankt, nur regelmäßig muss es halt sein. Es geht darum, sich im Gespräch zu halten. Genau das, was Heine aus dem publizistischen Hotspot des frühen 19. Jahrhunderts, Paris, macht: im Gespräch bleiben. Doch soweit ist er zur Zeit der Harzreise noch gar nicht.

Die Harzreise in der Tradition der Reiseliteratur

Dennoch passt die Harzreise auch zu heutigem Reisecontent. Aber auch überrascht eigentlich nur so halb, schließlich gehören Reiseberichte zu den ältesten Genres der Literaturgeschichte. Die Odyssee ist zwar fiktiv, doch sie ist eben auch eine Reisebeschreibung. Der älteste reale Reisebericht ist der Periplus aus dem 4. Jhd. vor Christus.

Es gibt Reiseberichte von Herodot, Petrarca, Goethe Junior und Senior, von Hemingway, Koeppen und Kracht. Reiseberichte sind genuin Literatur, sie sind der Sinn von Literatur – oder wenigstens ein Sinn von Literatur. Odyssee und Ilias, Reisebericht und Heldenepos stehen so nah beieinander, dass die höchste Form von Literatur, meine Meinung, immer noch in solchen Stoffen wie Robinson Crusoe, Moby Dick oder Odysseus zu finden ist.

Aber hier geht es um noch etwas anderes. Wenn ich all diese großen Namen droppe hat das natürlich nichts damit zu tun, dass ich hier den Gebildeten raushängen lassen will – was in AI-Zeiten eh nicht mehr läuft. Es geht um etwas anderes.

Reiseberichte sind zwar Geschichten über Orte und von Orten, doch eigentlich geht es gar nicht primär um den abgebildeten Ort, sondern vielmehr um den abbildenden Autoren. Ich interessiere mich tendenziell weniger für Indochina, merkwürdigerweise kaum für Paris, dafür für Osteuropa und Skandinavien (Klischee olé).

Komisch daran: ich kenne wenig lesenswerte Reiseberichte über Schweden oder Serbien, dafür sehr gute über Südostasien und Frankreich. – Und das gilt für gute Reiseblogs genauso wie für gute klassische Reiseberichte. (BTW: Über Empfehlungen in den Kommentaren freue ich mich.)

Was macht Reisetexte aus?

Als Kriterium würde ich folgendes vorschlagen: Einen guten Reiseblog liest man auch, wenn man das Land niemals bereisen will. Einen schlechten nur, wenn man Tipps braucht. Nichtsdestotrotz: Man liest ihn.

Viele Reiseblogs leben dabei, wie Heines Harzreise, von Authentizität. Die mag oftmals konstruiert sein und in aller Regel bemerkenswert kantenlos vor sich hin säuseln, sie bleibt doch die klare Stimme des Blogs.

Ich möchte niemandem zu nahe treten, daher verzichte ich auf Zitate, aber die meisten Reiseblogs sind doch eher, naja, langweilig. In der Regel geht es vor allem um’s Essen, dann um den Verfassenden selbst, in bestimmten Ländern dann noch um Verkehr (Vietnam) oder Smog (Indien) oder beides (Manila), schließlich vielleicht noch um Straßenhunde, um total besondere Natur und die vielen netten Locals – und Tipps für’s Reisen mit Kindern.

Authentizität in der Harzreise

Es sind nicht alle so, aber es sind bemerkenswert viele so – oder wenigstens so ähnlich. Positive Beispiele gern in die Kommentare. Das Ding ist, dass es in Heines Harzreise eigentlich auch nicht um viel mehr geht. Es geht bemerkenswert häufig um Essen, Sightseeing, Kontakt zu Locals. Distinkte Trails und Tierquälerei werden auch erwähnt, der Verkehr eher nicht, Smog kommt nur in negativer Form vor.

Vor allem aber geht es um Heine selbst: Wir erlesen uns Heine, wie er denkt, wie er liebt und wie er träumt. Wir erfahren, was er von Deutschland und seinen Mitdeutschen hält, wie er Frauen bzw. Mädchen sieht. Ob das alles authentisch ist, sei dahingestellt, doch es kommt als persönliche Stimme daher.

Die persönliche Stimme ist hier das, was Heine genauso im Gespräch hält wie jeden anderen Blogger auch. Es braucht immer noch eine Wendung, einen neuen, aufregenden Gedanken, irgendwas, was kein anderer gemacht hat. Das Ziel, das Heine und seine heutigen Gesellen verfolgen, ist dasselbe: Engagement. Nur, dass Engagement früher eher sowas hieß wie Bücher kaufen, die heutige Währung ist Aufmerksamkeit, die sich in Affiliate Links umwandeln lässt. Ist nicht unbedingt subtiler, dafür vermittelter. 

3. Heine, der alte Schmachtbolzen. Oder: Leserbindung leicht gemacht

Consumer Engagement über Brand Love?

Doch wie erreicht Heine Engagement? Im Prinzip macht er das so, wie jeder anständige Content-Creator: er schleimt. Anders ausgedrückt: er evoziert Brand Love. Und Heine macht das klug, so wie es jeder anständige Creator klug macht. Seinem Publikum zu sagen was es hören will, ist das eine. Dem Publikum zu sagen, was es hören will, ohne dass es das mitbekommt, das ist die große Kunst.

Dazu muss man wissen, wer die Zielgruppe, die Target Audience, der Harzreise ist. Kleine Signale verteilt Heine über den Text: Varnhagen van Ense, Chamisso, von Hohenhausen werden genannt – es ist ein progressiver Kreis, der angesprochen werden soll, die urbane, kulturelle Elite der Zeit. Natürlich wird auch Goethe Referenz erwiesen – und ein Rezensionsexemplar bekommen die genannten von Heine auch noch.

Doch es sollen nicht nur drei, vier Menschen angesprochen werden, sondern Menschen mit einer ähnlichen Überzeugung. Die Genannten sind Meinungsmultiplikatoren, doch Heine wendet sich insgesamt an ein liberales Publikum. Und das macht er auch ziemlich deutlich: Es gebühre sich, „das Herz auf der linken Seite, auf der liberalen“ zu haben.

Liberal und national? Heine???

Doch woher dann diese ständigen Verweise auf’s deutsche Wesen? Warum die positive Lesart von Arndts „Gott, der Eisen wachsen ließ“? – Damals war Nationalismus noch en vogue, weshalb es alle paar Seiten zu Lobpreisungen des deutschen Wesens kommt.

Natürlich steht das in Kontrast zum späteren Heine, wie er im Wintermärchen auftritt. Ich denke, dass Heine aber durchaus ein Patriot geblieben ist. Ein gebrochener und ambiger sicherlich, doch ein Patriot. In der Harzreise aber begegnet ein Heine, der sich als Lutheraner bezeichnet und sich als Preuße darstellt: „Wir im Preußischen sind viel klüger“. Doch natürlich ist das kein Bier-Patriotismus und Chauvinismus. Der Satz geht weiter: „Und bei unserem Eifer zur Bekehrung jener Leute, die sich so gut aufs Rechnen verstehen, hüten wir uns wohl, das Einmaleins hinter dem Katechismus abdrucken zu lassen.“ Heines Patriotismus ist frech.

„Der Brocken ist ein Deutscher“

Damit schließt Heine an eine Art aufgeklärten Patriotismus an. Kein Nationalismus, sondern eher Heimatverbundenheit. Und die Heimat hat auch ihre Schattenseiten. Der Nationalcharaker, den zu ergründen sich Heine die Mühe macht, sei voller „Vorzüge und Nachteile“. Exemplifiziert wird dieser Charakter im Brocken: „Der Brocken ist ein Deutscher.“ Er habe „so etwas Deutschruhiges, Verständiges, Tolerantes“. Toleranz wäre jetzt zwar nichts, was ich als besonders deutsch empfinden würde – aber genau darin liegt vielleicht der Unterschied.

Für Heine ist Toleranz etwas deutsches und womöglich ist es eben der Mangel an Toleranz, der ihn dazu führen wird, Deutschland zu verlassen. Doch zurück zum Brocken. Von dem heißt es: „Durch seinen Kahlkopf, den er zuweilen mit einer weißen Nebelkappe bedeckt, giebt er sich zwar den Anstrich von Philiströsität; aber, wie bei manchen andern großen Deutschen, geschieht es aus purer Ironie. Es ist sogar notorisch, daß der Brocken seine burschikosen, phantastischen Zeiten hat, z. B. die erste Mainacht. Dann wirft er seine Nebelkappe jubelnd in die Lüfte, und wird, eben so gut wie wir Übrigen, recht echtdeutsch romantisch verrückt.“

Nationalgefühl als Leserbindung

Heine zeichnet ein sehr schmeichelhaftes Bild vom Deutschsein. Es nähert sich dem Klischee. Genau das aber zahlt wieder auf die Leserbindung ein, da sowohl die romantisch-verrückten als auch die philiströsen Deutschen irgendwie integriert werden können. Jeder kann sich angesprochen fühlen. – Das Heine nebenbei ziemlich selbstironisch unterwegs ist, vereinfacht die Sache noch. Er nimmt die Rolle des Schelmen ein, der durchweg sympathisch bleibt. Man muss ihn schon mögen, den Frechdachs. In der Harzreise begegnet ein Heine, der von Heine selbst literarisch konstruiert ist: Hier haben wir ein Everybody’s Darling – oder almost Everybody’s.

4. Content-Mix: zwischen Traum und Wirklichkeit

Ein Leser ist auch nur ein Algorithmus

Doch Schmachtbolzen Heine hat natürlich noch weitere Möglichkeiten, sich die Awareness seiner Target Audience zu sichern. Das Mittel der Wahl als Content-Mix. – Ob Reel, Story oder klassischer Beitrag, es tut dem Algorithmus gut, ihn mal links, mal rechtsherum zu kneten. Stillstand ist der Tod, das Ewiggleiche zieht irgendwann nicht mehr. Das erfahren alle Content Creators. Und das weiß auch Heine, der seinen Medienmix durchaus gekonnt einsetzt.

Die Harzreise ist zunächst einmal linear strukturiert. Die Strecke mag ein wenig erratisch sein und würde so heute wohl von keinem mehr gemacht werden. Aber darum geht es nicht. Es ist eine räumliche Struktur, selbst wenn sie über Nörten verläuft, ist ja nicht ihre Schuld.

Ein dialogischer Text, ein romantisch-ironischer Text

Dann: Heine streut verschiedene Textsorten ein, mal abgesetzt, mal integriert. Da sind zunächst einmal die sechs Gedichte. Daneben stehen Traumerzählungen, mehr oder weniger ausformulierte Märchen, ja auch die eine oder andere sachliche Information findet sich im Text, gleichzeitig viel Reflektion, Literaturtheorie und überhaupt Anekdotisches. Als eigene Textgattung könnte man auch die Witze zählen, die immer wieder auftrauchen. Es ist ein vielseitiger Text.

Eingebettet ist das Ganze dann auch noch post-hoc in eine Rahmenhandlung, bei der man erfährt, dass Heine retrospektiv von Hamburg aus erzählt. Es wird also keine Unmittelbarkeit simuliert, sondern vielmehr impliziert, der Text habe so etwas wie eine Komposition. Er weist sich selbst als Kunstwerk aus: romantische Ironie.

Dass ich darauf nochmal hinweise, hat seinen Grund: Feindseligen Augen könnte der Text durchaus erratisch vorkommen und der eine oder andere Rezensent sah den Text auch so, empfand ihn undiszipliniert und geschwätzig an. Das muss man nicht teilen, da es durchaus intratextuelle  Verweise gibt, die einen Zusammenhang stiften. Hinzu kommt: die räumliche Linearität der Wanderung erschafft eine Minimalstruktur. Ja, es lässt sich sogar ein Spannungsbogen erkennen: der Höhepunkt der Handlung und des Niveaus über Normalnull liegt klar auf dem Brocken. Der Berg wird im Vorfeld immer wieder angeteasert, nach seiner Besteigung fällt die Handlung spürbar ab. Man könnte sogar sagen: am Ende steht eine Art Versöhnung.

Ein Fragment als höchste Kunstform

Dennoch insistiert Heine darauf, dass es sich bei Harzreise um ein Fragment handelt. Bedenkt man allerdings, dass das Fragment nach Schlegel die höchste Kunstform ist, wird das Fragmentarische klar wieder eingeholt. In sich vollendet, doch für das Unendliche offen: progressiv universalpoetisch quasi.

– Was die Sache erheblich vereinfacht: Heine unterscheidet zwischen Werk und Gesamtwerk. „Mögen die einzelnen Werke immerhin Fragmente bleiben, wenn sie nur in ihrer Vereinigung ein Ganzes bilden. Durch solche Vereinigung mag hier und da das Mangelhafte ergänzt, das Schroffe ausgeglichen und das Allzuherbe gemildert werden.“

Die Harzreise ist ein dezidiert romantischer Text, auch wenn Ironie hier nicht nur im Schlegel’schen Sinn verarbeitet wird. Dass der hohe Anspruch an Perfektion und Komposition, wie er klassizistischen Ideologien vorschwebt, nicht erfüllt wird, wird von Heine selbst als Tugend verkauft. Das kann man so gelten lassen – muss man aber nicht.

Wenigstens ist es eine gute Verkaufstaktik, die gewogene Käufer, naja, eben nicht überzeugen, sondern bestätigen wird. Hater bleiben Hater – Heine wusste das; kluge Content Creators seit dem Drachenlord wissen das auch.

5. „Ich gehe nur dahin, wo keine Touris“ sind. Hipster Heine und die Suche nach Authentizität

Zwei Arten von Authentizität

Heine und sein Führer: Was nur wenige wissen, Heine hat seine Reise nicht alleine gemacht, auch wenn er es impliziert und an keiner Stelle einen Führer erwähnt. Doch er hatte einen. Ob das etwas an der Einschätzung ändert, sei dahingestellt.

Was sich aber durch den Text zieht, und was ihn zu einem nahen Verwandten heutigen Reisebloggings macht, ist nicht nur die persönliche Authentizität, die angestrebt wird, sondern auch die erwünschte Authentizität des Erlebnisses. 

Um die ist es in der Harzreise genauso prekär bestellt wie beim heutigen Blogging. Der Harz war damals, was Georgien heute ist: längst kein Geheimtipp mehr. Es gab eine touristische Infrastruktur und die nutzt Heine. Das fängt mit dem Führer an, geht mit der Bergwerksbesichtigung weiter und endet beim Brockenwirt.

Ob das Essen auf dem „Gipfel“ damals besser war als heute, lässt sich natürlich nicht entscheiden. – Um auch mal ein wenig einzudippen in die Thematik: Egal, wie es damals war, heute ist es schrecklich. Auch die selbsternannt legendäre Erbsensuppe lebt zu 90 Prozent vom Wohlwollen des Konsumenten.

Des Deutschen liebstes Hobby? – Deutschen-Bashing

Doch Heine tut auch gar nicht so, als würde er zu den Erstbesteigern zählen. Was er aber macht – und das ist ein Reflex, der sich heute noch in deutschen Reisenden findet (besonders in mir), ist die ostentative Absetzgeste gegenüber dem, was Heine noch „philiströs“ nennt, was wir heutigen einfach als „deutsch“ bezeichnen – was wiederum ziemlich bezeichnend ist. Es ist Deutschen-Bashing und damit das, was Deutsche halt so machen, wenn sie besonders wenig deutsch sein wollen und eben dadurch zu echten Deutschen werden. Was soll man machen, ein Deutscher hat schließlich die Dialektik erfunden.

Der Philister, Bürokrat und Verwaltungsheini, personifiziert im Namen „Johannes Hagel“ ist das große Feindbild Heines. Er beugt sich über das Gästebuch und labt sich an der eigenen Individualität gegenüber den „Abgeschmacktheiten“ des Buches: „Wo besonders hervorglänzen die Herren Acciseeinnehmer mit ihren verschimmelten Hochgefühlen, die Komptoirjünglinge mit ihren pathetischen Seelenergüssen, die altdeutschen Revolutionsdilettanten mit ihren Turngemeinplätzen, die Berliner Schullehrer mit ihren verunglückten Entzückungsphrasen u. s. w. Herr Johannes Hagel will sich auch mal als Schriftsteller zeigen. Hier wird des Sonnenaufgangs majestätische Pracht beschrieben; dort wird geklagt über schlechtes Wetter, über getäuschte Erwartungen, über den Nebel, der alle Aussicht versperrt. »Benebelt heraufgekommen und benebelt hinuntergegangen!« ist ein stehender Witz, der hier von Hunderten nachgerissen wird.“

Heine – der erste Blogger der Literaturgeschichte? Oder: Prinzessin Ilse wartet noch auf Antwort

Nein, Heine ist nicht der erste Reiseblogger. Im Grunde ist er überhaupt kein Blogger. Denn auch wenn es der Fall ist, dass es Überschneidungen zwischen Machart und Anspruch der beiden Textsorten geben mag, Heines Harzreise ist viel zu undiszipliniert, um noch als klassischer Reisebericht zu funktionieren. Es gibt diese Passagen, doch dabei wird soviel Wahrheit und Dichtung durcheinandergeworfen, dass die Authentizität, die der Autor auf sich versammelt, auf Kosten der Handlung geht. Und umgekehrt.

Man glaubt es ihm bald nicht mehr, was ihm geschieht, zu komponiert wirkt das Ganze, auch ein wenig zu klischeeträchtig. Sollen die Träume etwa wirklich so abgelaufen sein? Und sein kleiner Anfall von Was-auch-immer-das-mit-der-Bergmannsnichte-ist : ist das real so geschehen? Ich hoffe nicht, Heinrich.

Außerdem nimmt der eigentliche Reisecontent konsekutiv ab. Ein Peek erreicht dieser in Klausthal, danach geht es reisetechnisch eher bergab. Gleichzeitig wird der Text natürlich besser und gerade die blödsinnige Sauferei beim Brockenwirt kommt mir bald als echtes Highlight vor. Was dabei echt ist, was nicht … wen kümmerts? Die Primärfunktion eines Reiseblogs braucht’s im Harz nicht. Erst recht nicht heute, wo eh keine Bäume mehr stehen. Im Harz verliert man sich nicht. Man braucht keine Hilfe von Heinrich.

Bei heutigen Reiseblogs ist es in der Regel anders. Ihre primäre Funktion liegt meist darin, Tipps zu versammeln: Kann ich mit Kind nach Darfur reisen? Ist es okay, auf der großen Mauer blankzuziehen? Sollte ich in die USA reisen, solange Trump an der Macht ist?

Nein, nein und nein – und damit hat auch Textwandel.org ein wenig Service ins www gesendet und verbleibt mit folgendem Fazit: Die Harzreise und Reiseblogs sind beide Reisebeschreibungen, doch bei der Harzreise ist es egal, ob da irgendwas stimmt oder nicht, beim Blog aber soll dem Gesagten etwas in der Welt entsprechen.

Oder, mit einer etwas altmodischen Unterscheidung: Das eine ist Kunst, das andere Info. Und so darf Heine eben schließen mit einer Aussicht auf Ilse, die sich nie erfüllen wird und schreiben von Dingen, über die er nicht schreibt. Das ist okay, denn er ist Dichter, kein Blogger, nicht hilf-, sondern lehrreich.

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