Peter Schlemihl, der ewige Jude und wir.

Wer ist Peter Schlemihl? – Gute Frage. Das heißt: ob sie wirklich gut ist, sei dahingestellt. Klar ist: sie funktioniert. Grundsätzlich ist ein Schlemihl ein Unglücksvogel, einer, dem irgendwie so gar nichts gelingen will. Grundsätzlich heißt: das ist, was im Jiddischen als Schlemihl gilt.

Merkwürdig ist, dass der Schlemihl in der deutschen Sprache zu einem Schlitzohr und Schlawiner geworden ist und damit zu einem, dem irgendwie alles gelingt, wenn auch unorthodox.

Und genau damit sind wir schon voll im Thema: Wie kommt es, dass eine relativ gut umrissene literarische Figur zum Paten für zwei sich so ziemlich ausschließende Bedeutungen geworden ist? Und: hat das Ganze etwas mit Antisemitismus zu tun? – Spoiler: Na, was glaubst du denn?

Wer ist Peter Schlemihl?

Klar ist, dass Peter Schlemihl der Protagonist eines Kunstmärchens von Adalbert von Chamisso ist. Dieser Peter Schlemihl trifft im Garten einer Villa auf einen zwielichtigen Mann, der ihm seinen Schatten abkauft. Natürlich handelt es sich bei dem Mann um den Teufel.

Schlemihl greift zu, denn einen Schatten, den kann man schon mal loswerden. Man braucht ihn kaum, er verrät einen nur und Kühlung verschafft er einem auch nicht. Also: fott damit, wie man im Rheinland sagt, gib mir dein Geld.

Und ja: Schlemihl wird erfolgreich, reich, sogar berühmt, doch die Leute meiden ihn. Was sie stört ist, dass er keinen Schatten wirft, dass er keine Dunkelheit auf Gottes sonnige Erde wirft, dass irgendwas nicht stimmt mit ihm. Ein Happy End gibt es nicht. Schlemihl vereinsamt. Hat aber Siebenmeilenstiefel.

Ist Schlemihl assimilierter Jude?

Manch eine•r hat das Märchen als Chiffre für‘s assimilierte Judentum gelesen. Tatsächlich ist der Name Peter Schlemihl gut als Amalgam aus Christentum (Peter) und Judentum (Schlemihl) zu verstehen. Gestützt wird das ganze durch die unterschiedlichen Funktionen von Vor- und Nachnamen.

Ein Nachname zeigt, wenigstens theoretisch, das Erbe oder die Her- bis Abkunft einer Person an. Das funktioniert nicht immer. Die wenigstens Wagners arbeiten bei VW, Müllers machen heutzutage Milch und gruselige Politik und was ein Below ohne „von“ sein soll, das wissen nur Menschen, die im Slavischen bewandert sind.

Doch als im Mittelalter die Nachnamen so langsam eingeführt wurden, da hatten sie noch Bedeutung. Und vielleicht hat es mit dem Mittelalterfimmel der Romantiker zu tun, doch bei fiktionalen Figuren funktioniert das häufig auch. Nehmen wir also einfach mal an, der Name ist von Chamisso mit Bedacht gewählt worden. Was hieße das?

Was „Peter Schlemihl“ über Peter Schlemihl verrät

Der Nach- oder Familienname Schlemihl weist seinen fiktiven Träger als Erbe der ostjüdischen Tradition aus. Der Vorname Peter hingegen verweist auf einen christlichen Traditionsstrang, allerdings einen, der individualisiert ist. Der Familienname verweist auf das Kollektiv, der Vorname auf das Individuum.

Peter Schlemihl ist also grundsätzlich Erbe der ostjüdischen Tradition. Aber: der Eigenname verweist auf den Sonderfall eines christianisierten Erben. Mit anderen Worten: Ja, der Name Peter Schlemihl lässt an einen assimilierten Juden denken.

Assimilation war Anfang des 19. Jahrhunderts mit einem so impliziten wie nicht gehaltenen Versprechen verbunden: Integration, faire Bedingungen, Aufstieg. Auch Harry Heine glaubte – kurz – an dieses Versprechen, ließ sich taufen, wurde zum Heinrich.

Peter Schlemihl repräsentiert diesen Assimilierten einerseits im Namen. Andererseits lässt sich auch auf die Handlungsebene als Prozess der Assimilation lesen. Denn der Verkauf des Schattens ist nichts anderes als die Metapher für den Verkauf des Eigenen, das einer nicht unmittelbar ist, das aber dennoch notwendig zu ihm dazugehört. Also seiner Tradition.

Der Schatten der Tradition

Was Schlemihl an den Mystery Man verkauft ist der Schatten der Tradition. Das heißt: Peter Schlemihl beraubt sich seiner eigenen Tradition, seiner Herkunft und wird damit zum Substanzlosen. So hybrid sein Name an sich schon ist, so hybrid wird er gänzlich ohne seinen Schatten. Er verliert den Kontakt zum Erdboden und wird damit, was sein Name im Jiddischen bedeutet: ein Unglücksrabe.

Ist das schon Antisemitismus? Darüber lässt sich sicher streiten. Ich glaube, dass Chamissos Schlemihl keine antisemitische Figur ist, aber das kann ein Irrtum sein. Die Kommentarspalte ist frei.

Und doch ist Schlemihl in die Begriffsarbeit des Antisemitismus eingegangen. Der Antisemitismus ist wendig und einfallsreich: natürlich findet er einen Weg, auch diesen Schlemihl zu diffamieren.

Das Antisemitische kommt durch eine eigenartige Überblendung ins Spiel. Schlemihl hat schließlich zwei Bedeutungen und darunter ist auch die, die eigentlich dem Schattenkäufer zukäme: Schlitzohr, Schlawiner, Mauscheler.

Aus Peter Schlemihl, dem ziemlich sympathischen Helden des Märchens, wird durch die antisemitischen Begriffsverschiebung wird ein Zerrbild, ein habgieriger Mauscheler, ein Kosmopolit und damit ein Mensch, der der identitätsfaschistischen Lesart zutiefst verdächtig ist.

Antisemitismus: ein Lesefehler

Peter Schlemihl, der Schattenverkäufer, wird mit den Eigenschaften, die dem Teufel im Märchen zukommen, überblendet. Aus dem Opfer wird der Täter, aus dem Unglückraben wird in tiefster Mitleidslosigkeit der Schuldige.

Dabei könnte es fast tröstlich sein, dass der Antisemitismus hier als Lesefehler erscheint. Doch der Konjunktiv zeigt es an: tröstlich ist daran nichts. – Immerhin: wenn Menschenfeindlichkeit ein Missverständnis ist, dann besteht vielleicht Hoffnung. Vielleicht.

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