„Mini Horror“ von Barbi Marković. Oder: Bernhard ist nicht totzukriegen

Barbi Markovićs Mini Horror macht zwar auf klein, ist aber groß. Deswegen widme ich diesem tollen Stück Literatur auch einen zweiten Artikel. Hier geht es um gefühlte und tatsächliche Konvergenzen zwischen Barbi Marković und Thomas Bernhard.

Bernhards ätherischer Grobianismus

Ich finde, Marković funktioniert so ähnlich wie Bernhard. Was keine sonderlich steile These ist, schließlich ist sie ja vor allem dadurch bekannt geworden, dass sie eine literarische Verschmelzung mit ihm eingegangen ist. In Ausgehen hat Marković Bernhards Gehen gewissermaßen verwurstet, man könnte auch sagen geremixed oder nachgedichtet. Wie man es auch nennt, im Endeffekt hat Marković damit (ob sie das nun wollte oder nicht) ein Erbe Bernhards angetreten und das macht sie gewohnt charmant. In fact: Erst Marković hat mir gezeigt, wie unglaublich lustig Bernhard ist.

Das, glaube ich, ist wichtig in diesem Zusammenhang, weil es eine sehr praktische Implikation hat. Thomas Bernhard ist ein theatralischer Schriftsteller, was auch heißt, dass er am besten laut zu lesen ist. Bernhards Texte sind bis ins letzte Komma hinein durchkomponiert. Man kann sie als Partitur lesen. Was gar nicht so schrecklich verwundert, schließlich ist Bernhard auch Musiker.

Da neben all dem feinsinnigen, ästhetisch-sprachphilosophischen Bombast bei Bernhard aber immer auch ein ziemlich grobporiger Grantler am Werk zu sein scheint, ergibt sich ein Sound, der vom Duktus an den sächsischen Pastorensohn Friedrich Nietzsche erinnert. Der wird nochmal wichtig. – Bis hier aber: Ätherischer Grobianismus wäre, wenn man es bräuchte, ein passendes Etikett für Bernhards Texte.

Barbi und Bernhard: die Theatralen

Barbi Marković schreibt nicht wie Thomas Bernhard. Grobianisch ist sie zwar auch, doch sie schreibt weniger anstrengend – und womöglich ist sie auch weniger anstrengend als er. Gleichwohl ist die Sprache, in der sie schreibt, ebenfalls musikalisch. Das zeigt sich bereits in den ersten Sätzen von Mini Horror:

„Mini und Miki wollen nett sein, aber nichts ist einfach. Die Welt ist schrecklich, alles muss sterben. Die beiden müssen ziemlich viel erleiden, und genau dafür lieben wir sie.“

Der erste Absatz ist dreigliedrig, parataktisch, austariert. Es gibt keine Schnörkel, kein Ornament. Die Sprache ist reduziert auf ihre Essenz. Wo Bernhard wie Bach klingt, klingt Marković wie Minimal.

Doch natürlich liegen Äonen zwischen ihnen. Auch ideologisch. Wo Bernhard am Imperfekten leidet, feiert es Marković. Sie ist, und das macht sie halt auch sympathischer: lakonisch, nachsichtig, weniger hasserfüllt. Man geht kaum zu weit, wenn man Marković nachsagt, sie hat den Bernhard’schen Ekel – ein Überbleibsel der klassischen Moderne – überwunden. In diesem Sinne würde ich sie postmodern nennen. Sie hat die Heiterkeit des Gescheiterten entdeckt. Vor allem aber die Schönheit, die im ständigen auf-die-Fresse-Fallen des menschlichen Daseins steckt.

Theatrale Konvergenzen. Oder: eine Bande namens Nietzsche

Aber eine große Gemeinsamkeit haben die beiden Schriftsteller, die sie von einer ganzen Menge heutiger und vergangener Prosa abheben. Beide schreiben Texte, die danach verlangen, vorgelesen zu werden. Und das macht sie zu musikalischen Schriftstellern.

In Jenseits von Gut und Böse beklagte sich Nietzsche darüber, wie weit der typische deutsche Schreibstil sich vom musikalischen Erbe aller Sprache entfernt habe. „Der Deutsche liest nicht laut, nicht für’s Ohr, sondern bloss mit den Augen: er hat seine Ohren dabei in’s Schubfach gelegt.“

Ganz anders hingegen der „antike Mensch“, denn „der las, wenn er las sich selbst etwas vor, und zwar mit lauter Stimme; man wunderte sich, wenn Jemand leise las und fragte sich insgeheim nach Gründen. “ – Und genau hier kommen wir wieder zum Thema zurück, denn Marković funktioniert so ähnlich wie Bernhard: Man muss beide laut lesen und muss das R nach Herzenslust rollen, andernfalls entfaltet sich die Komik nicht. Und die Schönheit schweigt auch.

Warum Bernhard und Marković unbedingt lesbar sind

In beiden findet sich eine intrinsische Musikalität, die sich dann erst entfaltet, wenn man die Stimme beim Lesen einsetzt. Sie sind nicht dafür gemacht, feingeistig still mit dem Auge aufgenommen zu werden. Was ich mit diesem Artikel zum Ausdruck bringen will, ist einfach. Thomas Bernhard und Barbi Marković schaffen in Prosa, was eher der Lyrik vorbehalten ist: eine Sprachkunst, die den Bogen zurück zum Gesang schlägt, zu dem, was der Ursprung von Sprache sein könnte.

Das tun sie nicht durch den intellektuellen Bombast, der sich bei Bernhard ziemlich deutlich, bei Marković eher subtil findet, sondern durch eine Sprache des wohltemperierten Sogs. Und das, finde ich, drückt in kompliziert aus, was eigentlich ziemlich einfach ist: beide sind unbedingt lesbar. Unabhängig davon, ob man ihnen folgen kann, unabhängig davon, ob man alles versteht. – Denn man versteht selbst dann genug, wenn man nichts versteht.

Also, lest sie zur Not euren Kindern vor, was auch immer daraus wird. Schaden kann es nicht. Nützen vielleicht auch nicht. Doch Sprache auf der Höhe ihrer Möglichkeiten zu performen ist doch irgendwie Sinn und Zweck in sich. In diesem Sinne: In zehn Jahren den Literaturnobelpreis bitte an Marković. – Hier habt ihr’s zuerst gelesen.

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