Canceln kann man vieles – und mit Recht. Ein guter Grund, jemanden zu canceln, kann etwa darin bestehen, dass dieser jemand keine Triggerwarnung formuliert hat. – Dieser Blogartikel ist eine einzige Triggerwarnung. Gewarnt wird vor „Die Geschichte des Auges“ von Georges Bataille. Also los.
Wegen „Die Geschichte des Auges“ ging Bataille in Therapie
Es heißt, „Die Geschichte des Auges“ habe dafür gesorgt, dass Georges Bataille sich in Therapie begeben habe. Doch dies eher indirekt. Angeblich hatte Bataille den Text einigen Freunden vorgelesen. Unter diesen befand sich auch ein Arzt, der angesichts des Bataille’schen Lebenswandels in Kombination mit dessen Autorschaft, zur Konsultation eines Psychoanalytikers riet. – Und so richtig falsch wirkt das vielleicht nicht.
Okay. Georges Bataille ist ein Kultautor. Er gilt als eine Art Philosoph des Abseitigen, verbindet Psychoanalyse mit Dichtung, steht für das, was das angebliche bürgerliche Lager vor lauter spießiger Verstocktheit zu ignorieren trachtet. Ja, wer Bataille verstörend findet, der ist vielleicht einfach verklemmt. Vielleicht ist „Die Geschichte des Auges“ aber auch wirklich ein Text, der ganz schön verstörend ist. Und jetzt nicht unbedingt Michel-Houellebeque-verstörend, sondern eher so William-Borroughs-verstörend, Pasolini-Salo-verstören, A-Serbian-Movie-verstörend. Also wirklich verstörend.
Dabei geht es eigentlich noch ziemlich dezent los. Zwei mehr oder weniger entfernte Verwandte treffen sich, verlieben sich, erfreuen sich geschlechtlich aneinander. Aber es dauert nicht lange, dann nimmt das Ganze eine ziemlich abseitige Entwicklung. Nötigunge (und weit Schlimmeres), Blut ohne Ende, ganz viel Natursekt, Augäpfel, die im Anus verschwinden, rohe Stierhoden, die gegessen werden, ein missbrauchter und ermordeter Priester.
Ist „Die Geschichte des Auges“ Pornographie?
Alles das kann man mit gutem Gewissen abstoßend finden. Man kann das auch für einen blanken Porno halten, der nichts weiter will, als Leser*innen zur einerseits manuellen andererseits spirituellen Teilnahme einzuladen. Sprich: ein Buch, das zur Selbstbefriedigung dienen soll. Aber ich glaube, das wird dem Ganzen nur halb oder vielleicht auch gar nicht gerecht.
Ich glaube nicht, dass hier eine Sexualität gezeigt wird, die sich unbedingt als nachahmenswert begreifen will. Ich glaube, hier soll Sexualität als solche gezeigt werden – und zwar so, wie sie ist, nicht, wie sie sein soll. Ich glaube zwar nicht, dass Sexualität notwendig so ist, wie sie bei Bataille erscheint, doch genau so, wie sie in „Die Geschichte des Auges“ erscheint, kann sie eben sein. Namentlich dann, wenn ihr Kontext eine Gesellschaft ist, die für sie nur Verachtung, Peinlichkeit und Unterdrückung übrig hat.
Man muss „Die Geschichte des Auges“ auch dann noch nicht gut finden. Doch mir erscheint das Ganze so off, so sehr drüber, dass es eigentlich schon um etwas anderes gehen muss. So wird das Auge des vergewaltigten Priesters in Simones Vulva geschoben und blickt den Erzähler von dort her an, zum Auge einer Dritten geworden. – Das klingt jetzt erst mal ganz schön krass. Zu dem Zeitpunkt sind Lesende aber schon derartig durch mit dem Text und zwar durch den Text, sind bereits an so übles Zeug gewöhnt, dass das kleine Phänomen gar nicht mehr als mimetisches in den Blick gerät, sondern viel eher zum Symbol wird. Ja, zum krassen, verstörenden, perversen Symbol – aber doch zum Symbol. Und ich glaube, dass genau das auch der Punkt dieses Textes ist. – Und offen gestanden: das eine oder andere Mal musste ich auch lachen. Zumindest so ab Seite 60 oder 70.
Hier sollen keine Creeps gelockt werden
Es geht in diesem Text weniger darum, sabbernde Creeps anzuziehen, die sich an dem Text aufgeilen. Die sind auf 4chan ohnehin wesentlich besser aufgehoben. Überhaupt ist „Die Geschichte des Auges“ meiner Meinung kaum mehr als Porno zu verstehen – jedenfalls dann nicht, wenn Porno die explizite und pseudo-dokumentarische Darstellung von Sex ist. Denn „Die Geschichte des Auges“ ist weder dokumentarisch noch pseudo-dokumentarisch. Der Text folgt einer Traumlogik, ist ein surrealer Text.
In einem Co-Text – der sich mit der Sonne als Anus beschäftigt – schreibt Bataille, dass jedes Ding auf Erden bloß die Parodie eines anderen Dings sei. Die Sonne ist ein Anus, indem der Anus die Parodie der Sonne ist. Genauso ist Sex die Parodie des Verbrechens. Alles hängt irgendwie miteinander zusammen, ist über eine Signifikantenkette miteinander verwoben: Aggression und Zärtlichkeit, Hass und Liebe, Mord und Sex. – Dass Bataille der Psychoanalyse zum Stichwortgeber wird, liegt auch an einem solchen Denken. Die Verbindung von Eros und Thanatos ist für Bataille Common Sense.
Porno-Parodie?
Dieses Element der Parodie findet sich auch in „Die Geschichte des Auges“. Das Auge, das in der Vulva Simones verschwindet bzw. nicht verschwindet, sondern daraus hervorguckt ist vielleicht der Punkt, wo das Ganze kippt. Wo der letzte Anschein des pornografischen verschwindet, in dem der Blick voll auf den Lesenden gerichtet wird. Was vorher voyeuristisches Vergnügen gewesen sein mag, wird zur Selbstbespiegelung. Der Text lädt weniger zur Masturbation als vielmehr zur Reflexion ein. Allenfalls ist „Die Geschichte des Auges“ eine Porno-Parodie.
Beantwortung der Frage: Soll man canceln?
Vor diesem Hintergrund: Soll man Bataille canceln? – Ich denke nicht. Doch Kritik ist angebracht. Dass wir hier ein Werk haben, das verstörend ist, sollte nicht ignoriert werden. Und sicher sollte der Text keine Schullektüre werden.
Aber: Es ist ein guter und ekelhafter Text. Er stößt ab, lädt aber auch ein. Es ist ein widersprüchlicher Text. Gleichzeitig aber auch: nie langweilig, nie wirklich schlecht – dafür aber auch wirklich nicht für jede*n geeignet. Der Text kann ziemlich vieles und ziemlich übles triggern. Das muss man wissen, bevor man ihn liest. Doch wenn man das weiß und ihn trotzdem liest, dann lohnt sich das auch.
Den Text – in der englischen Übersetzung – gibt es hier. Wer jetzt immer noch Lust hat: Bitte sehr. Lasst mir gerne einen Kommentar da.
Bin ich irgendwo unterwegs ausgestiegen? Also, verschwindet der Augapfel jetzt im Anus oder in der Vulva? Oder werden beide genutzt, da auch Priester meist zwei Augen haben?
Vielleicht muß man beim Namen anfangen. Herr Bataille heißt Herr Gefecht oder Herr Schlacht. Wer so heißt, muß kämpferisch, kompromisslos schreiben, sonst müßte er zu anderen Mitteln (wie zahllose Politiker, Militärs und Freizeitmörder) greifen, und da ist es doch besser, er bliebt bei den an sich harmlosen Worten. Und Schlacht, das kommt im Deutschen von Hinschlachten, Gemetzel, Schlachtung – Schlachtplatte. Guten Appetit. Offenbar sind wir hier schon beim Inhalt angelangt.
VIelleicht wäre dies eines der Bücher, die man tatsächlich mit einem – den Büchereien verbotenen, ich tu mir mit manchen Gerichtsbeschlüssen wirklich schwer – Warnhinweis versehen sollte. Etwa „nicht vor der Pubertät lesen!“
Aber canceln? Das, was den Büchereien also noch erlaubt wäre? Nein, das finde ich nicht so gut. Ganz allgemein. Beschmieren, ja, jedes Buch mit seinem Inhalt beschmieren würde vielleicht den Warnhinweis ersetzen. Doch ich mag schon das Wort nicht. Canceln! Es gäbe andere Wörter gleicher Bedeutung, die nicht ganz so an Krebsgeschwüre – Cancer – erinnern, die man tunlichst herausschneiden sollte. Und hier gäbe es Schlimmeres. Das Buch scheint mir doch ein allenfalls gutartiges Geschwulst zu sein. Ohne, dass ich das gleich vorrangig unanständig verstanden wissen will.
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In der Vulva, die Bataille natürlich als Vagina bezeichnet. Und von dort aus schaut der Augapfel als verwandelter zurück. Er wird zum Auge einer gemeinsamen Freundin, die sich das Leben genommen hat. Heavy Shit alles und durchaus passend zu Bataille. Also zum Namen. Wobei: zu ihm natürlich auch.
Ich muss allerdings gestehen, dass ich noch sehr am Anfang meiner Bataille-Experience stehe und mit jedem Text ein wenig überzeugter von ihm werde. Abkanzeln? Kann man machen. Canceln? Muss nicht sein. Dass hier der Cancer nicht weit ist, stimmt natürlich – spannend wäre die Frage, ob canceln das Krebsgeschwür im zu Cancelnden verortet oder selbst das Krebsgeschwür ist. – Wobei das sicher stark davon abhängt, wen man fragt.
Jedenfalls finde ich es sehr schön, dass du die „Geschichte des Auges“ als gutartige Geschwulst bezeichnest. Wildes Fleisch würde vielleicht auch passen, wobei damit die Wirkmächtigeit des Textes damit vielleicht etwas übertrieben würde. So richtig gewuchert hat Bataille anscheinend eher mit theoretischen Texten. – Also ja, gutartige Geschwulst, scheint mir zu passen. 😅
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