Was ist ein Opportunist?

Die Zusammenstellung der drei ersten Romane von Christian Kracht zu einer Trilogie mag innerhalb der Forschung umstritten sein, weit weniger kontrovers jedoch scheint die Beobachtung, dass es sich bei allen drei autodiegetischen Erzählinstanzen um Opportunisten handelt. Spannend dabei ist aber, dass ihr opportunistisches Verhalten mit durchaus wechselndem Erfolg durchgeführt wird. Spannend dabei sind vor allem die Enden des Romans: Ausdruck einer konsequenzialistischen Ethik?

Faserland: Ein Opportunist auf Deutschlandtour

Unklar bleibt, was mit dem Erzähler von Faserland zu mitten des Zürichsees geschieht. Wählt er den Freitod? Und wenn ja, ist dies ein opportunistisches Verhalten? Das einzige nämlich, dass noch möglich bleibt, angesichts der über den gesamten Roman hinweg heraufbeschworenen Katastrophe. Ein Opportunist freilich ist er bereits zu Lebzeiten, schließlich wählt er, statt Rollos Freitod zu verhindern, lieber dessen Porsche.

Auch Christian Kracht liebt den großen Bruder

Der zweite Roman 1979 wiederum zeigt einen Opportunisten, der sich soweit mit dem ihm jeweils Vorgesetzten identifiziert, dass er selbst nur noch Lust daraus beziehen kann, zu folgen, egal zu welchen Konsequenzen. Ähnlich wie bei Orwells 1984, an dessen Ende Winston endlich zur Überzeugung gefoltert wurde, er liebe den großen Bruder, steht am Ende des Romans 1979 ein Erzähler, der vollauf mit dem ihm aufoktroyierten Schicksal identisch geworden ist. Die Frage ist nur: Kann in diesem Falle überhaupt noch von Opportunismus gesprochen werden?

Oh Danny Boy, the pipes, the pipes are calling…

Der dritte Roman Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten, zeigt einen Außenseiter, der zunächst kaum als Opportunist verstanden werden dürfte. Sicher hat er, als Afrikaner innerhalb einer europäischen Mehrgesellschaft, mit Vorbehalten zu kämpfen und bestimmte Taktiken durchzuführen, die ihn überhaupt erst in die Möglichkeit versetzen, die Machtposition, die er hat, auch zu behalten. Doch kann er wirklich als Opportunist gelten? – Selbstverständlich kann er das – und zwar vor allem gegen Ende des Romans, wenn er die Möglichkeit ergreift und all das durchzustreichen trachtet, dessen er sich zuvor noch hat bedienen wollen.

Alle drei Romane zeigen Opportunisten, die es Leser*innen nicht leicht machen. Im Gegensatz zu solchen eher stereotypen Figuren wie Diedrich Hessling oder Peter Pettrigrew, zeigen sie einen Opportunismus, der moralisch nicht eindeutig verwerflich ist. Sie erlauben dabei unangenehme Rückschlüsse auf den Menschen innerhalb der postmodernen Gesellschaft, ja sie erzwingen sie. Die Opportunisten in Krachts ersten drei Romanen taugen nicht als Sündenböcke, vielmehr sind sie Figuren, die den Opportunismus in uns allen aufzeigen.

Und nun?

Es wäre die Frage zu stellen, wer ein Opportunist ist, wenn nicht genau der urbane, angestellte, Social Media nutzende Mensch des 21. Jahrhunderts. Sind wir nicht alle irgendwie Opportunisten? Die Frage bleibt allerdings, ob dies eine so ganz schlechte Sache ist oder ob der verlogene Teil nicht eher darin liegt, den Opportunisten zu brandmarken und ob wir nicht mit dem Opportunismus-Vorwurf genau das tun, was wir sollen und somit zu Opportunisten höherer Ordnung werden. Aber was weiß ich schon.

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