Heiße Arbeit lügt nicht. Keyserlings sublimes Verhältnis zum Krieg (III)

Neben allem, was Keyserlings Kriegserzählungen konstituiert oder zu konstituieren scheint, ist eines klar: Selbstverständlich bleibt Keyserling sich auch in seinen Kriegserzählungen treu. Konstitutiv in Der Erbwein ist nicht etwa der Kampf, sondern das Warten auf ihn. Und während dieses Wartens stellen sich Erinnerungen an die Heimat ein. Es geht auch um einen Ehebruch, der nach bester Gesellschaftsstückmanier am Ende mehr zufällig aufgelöst wird. Dann aber wird es erst wirklich ernst: „«Heiße Arbeit» – hatte der Hauptmann gesagt. Gut, das war es, was er brauchte. […] Heiße Arbeit, die wenigstens war Wirklichkeit“ (Keyserling 2018: 568).

Und dann ist auch schon Schluss.

Die Erzählung Pfingstrausch im Krieg wiederum spielt zwar auch während des Krieges, aber in der Heimat, fernab der Schlachten. In Die Feuertaufe fungiert der Krieg nur als Ort der Rahmenhandlung, die eigentliche Erzählung spielt im Frieden auf einer Jagdgesellschaft.

Das Vergessen ferner spielt, wie Im stillen Winkel, abseits des Krieges in der Sommerfrische. Protagonistin Tilli flieht, weil sie den Krieg nicht mehr erträgt, der freilich woanders stattfindet: „Tante, so kann ich nicht weiterleben, ich kann es nicht. Um einen her immer nur dieses Entsetzliche und Grausame, man hört nur vom Sterben und Leiden, und alle Menschen sind traurig und man wartet immer auf neue Schrecklichkeiten, nein, das kann ich nicht ertragen“ (ebd.: 585).

In der Sommerfrische befindet sich auch ein Pilot auf Urlaub, in den Tilli sich – natürlich – verliebt. Und selbstverständlich kommt der Tag der Trennung. Doch auch hier tritt es wieder auf, dieses Wort von der Arbeit: „[E]s ist mein letzter Morgen hier; heute Nachmittag geht es wieder an die Arbeit“ (ebd.: 591). Und genauso geht es auch in der ersten Kriegserzählung Schützengrabenträume zu. Die Handlung vollzieht sich nicht im Krieg, sondern in einer „Herrschaftsgeschichte“ (ebd.: 508), die der Ich-Erzähler einem Untergebenen erzählt und die die Motivik von Seine Liebeserfahrung wiederaufnimmt. Spannend wird es auch hier erst kurz vor Schluss: „«Arbeit gibt es», sage ich. «Wir wollen denen da drüben eins draufgeben.»“ (ebd.: 511).

Und wieder breitet sich der Mantel des Schweigens über den Ansatz von Action. In den Kriegserzählungen tauchen zwar Schützengräben auf, all die Gerätschaften wie Waffen, Telegraphenmasten, Granaten etc., all das, was bei Jünger und Köppen Stammmobiliar ist, glänzt bei Keyserling durch Abwesenheit. Stattdessen wird der Krieg nur immer wieder als Arbeit bezeichnet. Was hat es damit auf sich? Ein Euphemismus?

Karl Marx schreibt in seinen erst 1932 posthum veröffentlichten ökonomisch-philosophischen Manuskripten von 1844: „Die Arbeit produziert nicht nur Waren; sie produziert sich selbst und den Arbeiter als eine Ware“ (2018: 178).

Und wenig später: „Der Gegenstand, den die Arbeit produziert, ihr Produkt, tritt ihr als ein fremdes Wesen, als eine von dem Produzenten unabhängige Macht gegenüber. Das Produkt der Arbeit ist die Arbeit, die sich in einem Gegenstand fixiert, sachlich gemacht hat, es ist die Vergegenständlichung der Arbeit“ (ebd.).

Das Kriegshandwerk produziert nicht. Am Ende steht eben keine in einem positiven Gegenstand sich fixiert habende Arbeit, sondern vielmehr die Negation davon. Selbstverständlich ließen sich auch Leichenberge als Produkte auffassen, aber das ist vielleicht nebensächlich.

Wichtiger erscheint, dass der Krieg als Ort bei Keyserling genauso abwesend ist, wie die Maschinenhallen von AEG, Borsig und Siemens und dennoch wird das, was an diesen Orten geschieht, mit der gleichen Bezeichnung bedacht wie das, was in jenem geschieht.

Der Keyserling’sche Krieg hat, wie die Marx’sche Arbeit, eine solche Selbstreferenzialität, Autopoiesis erreicht, dass der Einzelne restlos untergeht, bzw. aufgeht, wie Keyserling in Bezug auf den Krieg nahelegt. Der Unterschied liegt vor allem darin, dass Keyserling die Selbstentäußerung als etwas geradezu Erstrebenswertes ansieht. Bei Marx allerdings setzt sich ein fortschreitender, weil dialektischer Prozess in Gang, der als Entfremdung schon ein ziemlicher Gemeinplatz geworden ist.

Dennoch: – und dabei sei an Oskar erinnert: Der Krieg entfremdet bis in die Sprache hinein – Dass durch das entfremdete Verhältnis des Arbeiters oder Soldatens „zugleich das Verhältnis zur sinnlichen Außenwelt, zu den Naturgegenständen als einer fremden, ihm feindlich gegenüberstehenden Welt“ (ebd: 182) affiziert wird, scheint ein Gedanke zu sein, der einer eingehenden Untersuchung, die den Rahmen dieses Essays hoffnungslos sprengen würde, wohl wert wäre: Wie viel schlechtes Gewissen steckt – sublimiert und verschoben natürlich – wirklich in den Texten des Leisure-Class-Zöglings Keyserling? Das wäre die entsprechende Frage.

Und: Wie könnte Marx eigentlich dabei helfen, es herauszufinden?

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