„Mit ungläubiger Ehrfurcht lauschten wir den langsamen Takten des Walzwerks der Front“ (Jünger 2013: 7). Dies ist einer der ersten Sätze aus Ernst Jüngers Autofiktion In Stahlgewittern von 1920. Im Gegensatz zu jenen Intellektuellen wie etwa Thomas Mann, die sich zu Beginn des Krieges nicht entblödeten, den Krieg als große Reinigung zu feiern (vgl. Anz 1995: 236), stand, hockte und lag Ernst Jünger in jenen Schützengräben, die andernorts nur besungen wurden. Schon der Begriff des Walzwerks rückt die Verhältnisse dabei klar: Der Krieg ist kein heroischer Kampf Mann gegen Mann – oder was immer man sich dazu zusammenfantasierte.
Der Krieg, spätestens in den Materialschlachten Frankreichs und Belgiens wurde das deutlich, war und ist eine Arbeit. Vielleicht ein Geschäft, auf jeden Fall aber ein Handwerk. Dass ein hochdekorierter Soldat und Wegbereiter der Neuen Rechten das so auffasst, mag dabei gar nicht so schrecklich überraschen. Dass Eduard von Keyserling einer solchen Auffassung des Kriegshandwerkes verdächtigt werden könnte, hingegen schon.
Keyserling war kein Soldat. Und auch wenn Klaus Modicks fiktionale Biografie (vgl. 2018: 224), in der Keyserling als Feigling, der sich einem Duell entzieht, porträtiert wurde, nur eine eben solche war – das von Modick entworfene Bild passt ziemlich gut zu jenem vorgeblich „letzten Impressionisten“ (vgl. Markewitz 2010), dem Dichter der Dekadenz aus dem stillen Winkel, dem baltischen Fontane, dem so sanften wie erblindeten Meister der Konversation.
Und tatsächlich, die meisten Kriegserzählungen Keyserlings sehen ab von Gewalt, Schrapnellexplosionen, Panzerkreuzen und Stahlgewittern. So zeigt sich etwa die letzte Erzählung Keyserlingk, die gleichzeitig auch die letzte Kriegserzählung des Autors ist, Im stillen Winkel von 1918, als eine Erzählung über den Krieg, die außerhalb des Krieges stattfindet. Der Krieg zeichnet sich dadurch aus, dass er woanders passiert.
Der Vater des Protagonisten muss in den Krieg, bleibt im Krieg – und das ist dem Protagonisten womöglich gar nicht so unliebe. Auch, weil er durch dieses Opfer, das eigentlich gar keines ist, im Ansehen der Dorfjugend dramatisch steigt. Allerdings sinkt der Wert seiner Aktie mit verstreichender Zeit, man gewöhnt sich. Womöglich sind viele Väter gefallen, das Angebot übersteigt die Nachfrage an toten Vätern. Worauf es nun ankommt, ist das eigene Opfer.
Nachdem der Junge also im Garten Krieg nur gespielt hat, macht er ernst, es zieht ihn an die Front. Diese Front ist nun allerdings kein konkreter Schauplatz eines feindlichen Treffens unter Leuchtmunition: Der Junge stirbt nicht im Kugelhagel, sondern am Schreck. Er stirbt wenn man so will, am gedachten Krieg. Dass es sich dabei um eine Parabel auf den sehr reellen, sehr tödlich Krieg handelt, ist ausgemachte Sache, darf hier allerdings kaum verwundern. Und interessiert höchstens nebenbei.
Andere Kriegserzählungen Keyserlings zeigen ebenfalls einen Krieg, der abwesend ist. Der Krieg wird aus dem Hinterland geschildert. Niemals ist er da. Was allerdings nicht heißt, dass er nicht präsent sei. Tatsächlich ist der Erste Weltkrieg im Werk Keyserlings äußerst präsent. Neben den zwei längeren Erzählungen Im stillen Winkel und Nicky stehen noch sechs weitere Kurzgeschichten, die den Krieg zum Thema haben oder ihn wenigstens als Szenerie verwenden. Daneben stehen Aufsätze, die in verschiedenen Zeitschriften erschienen sind. Keyserling hat den Krieg also nicht nur fiktional ausschlachten können, er hat sich öffentlich zu ihm geäußert. Bei Thomé heißt es zwar, man solle „die Verlautbarungen eines blinden und gelähmten Mannes nicht auf die ideologiekritische Goldwaage legen“ (1993: 592). Aber vielleicht sollte man diese tendenziell ableistischen Verlautbarungen ebenfalls auf besser nicht auf irgendwelche Waagen legen. Andererseits kann man an dieser Stelle aber auch einfach Alm-Lequeux zustimmen, der den immensen Einfluss, den der Krieg auf Keyserlings Schaffen hatte, als einer der ersten tiefergehend untersucht hat (vgl. 1996).
Die Frage ist also: Wie konzeptualisiert Eduard von Keyserling, der blinde, gelähmte, einer aussterbenden Klasse angehörige Mann, den Krieg? Und genau das erfahrt ihr hinter diesem Link.
Ein Kommentar zu “Heiße Arbeit lügt nicht. Keyserlings sublimes Verhältnis zum Krieg (I)”