Gerade an der gegenüberliegenden Wand hing eine Photographie Gregors aus seiner Militärzeit, die ihn als Leutnant darstellte, wie er, die Hand am Degen, sorglos lächelnd, Respekt für seine Haltung und Uniform verlangte.
Die Verwandlung
Warum ist dieses Bild überhaupt von Bedeutung? Gregor entkriecht oder entkrabbelt seinem Zimmer und findet sich diesem Gegenbild ausgesetzt, es zeigt ihn, wie er war als er noch jemand war. Aber wer?
Oder müsste es heißen: was?
Es ist ja Gregor – es ist ja mein armer Sohn, sagt die Mutter – es ist Gregor, aber Gregor dargestellt als Leutnant, Gregor verkleidet, Gregor versignifikantet, wenn man so will. Über oder vor Gregor schiebt sich der Leutnant, der wiederum sich aus zweierlei zusammenzusetzen scheint.
Da wäre a) die Uniform. Ich war – wie man sich bestimmt denken kann – nicht beim Militär. Nicht, weil ich nicht wollte wohlgemerkt. Das war zwar auch ein Grund, vor allem aber wollte das Militär mich nicht: T5, sowas wie Sie brauchen wir hier nicht, sagte der Stabsarzt. Oder sagte er das nicht? Ist egal. Jedenfalls denkt so’n Zivilarsch wie ich: die Uniform macht den Leutnant. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass das auf einer oberflächlichen Ebene sogar so ist. Carl Zuckmayer sah das im Übrigen auch so – und der hat gedient! Also, Gregor wird zum Leutnant, weil die Uniform ihn dazu macht. Das ist das Eine.
Die andere Sache, – also b), um im Modus zu bleiben – die Gregor auf- und den Leutnant einlöst, ist die Haltung. Haltung ist ein spannendes Wort, Haltung hört sich, oft genug wiederholt, nach ’nem richtigen Heidegger-Wort an: die Haltung zur Wesung der Hortung des Seins etc… Aber ganz abgesehen von Sankt Martin gibt auch das Wörterbuch der Grimms 10 unterschiedliche Bedeutungen an. Dabei sind uns heute, würde ich sagen, vor allem drei geläufig. Die eine, gut militärisch, ist die Körperhaltung: „Nehmen Sie Haltung an, Gefreiter!“, sagt man glaube ich so. Die andere, höchstens militaristisch, ist die Einstellung, die einer hat. „Er hat eine stramm konservative Haltung.“ Drittens – und hier schließt sich der Kontakt zwischen dem Gregor des Fotos und dem Krabbelgregor gegenüber – Haltung wie in Boden-Haltung, die Art und Weise, wie ein Tier gehalten wird.
Natürlich ist es in erster Linie die Körperhaltung, das Strammstehen, „die Hand am Degen“ etc., worauf hier rekurriert wird. Sie macht den Leutnant, ja. Aber es ist genauso die Ideologie, die den Leutnant macht, die Einstellung, die Haltung, die er nicht einnimmt, sondern die ihn einnimmt, die ihn festhält. Es ist – und deswegen ist er in der Lage, „sorglos zu lächeln“ – die Suspendierung eigenen Gewissens, die ihn in der Uniform des Leutnants zu einem wunderbaren Gefolgsmann werden lässt. Und genau das, dass Gregor Teil des Gefolges, Teil des Rudels oder Teil des Geleges ist – wie die Uniform ausdrückt, die Einförmigkeit, die er anhat und ist – dass Gregors Haltung eine offensichtlich artgerechte, jedenfalls der Art Leutnant gegenüber gerechte ist, zaubert ihm das Lächeln ins Gesicht. Es ist genau diese dreifache Haltung, für die Gregor Respekt verlangt und verlangen kann. Und es ist genau diese Haltung, die Gregor verschwinden lässt, indem er „als Leutnant“ dargestellt wird.
Auf dem Bild ist mithin nicht Gregor zu sehen, denn der krabbelt, in einer Uniform aus Chitin, wild in seinem Zimmer rum und wird gegen Ende eines jeden Kapitels von seinem Vater misshandelt. Gregor ist irgendwo unter Lächeln, Uniform, Haltung und Degen verschwunden und zurückkommen konnte er nur, indem er sich in ein ungeheures Ungeziefer verwandelt. Ist das schon Proto-Punk?
Wer mehr wissen will, schaue hier.