Wenn du solche Freunde hast…

An Kafkas Das Urteil ist und bleibt vieles rätselhaft. Wie verschließt man in spielerischer Langsamkeit einen Brief? Warum verkoppelt Kafka den geradezu unendlichen Verkehr eigentlich mit einem Samenerguss und nicht mit dem diesem – manchmal – vorgängigem Verkehr? Und warum folgt Georg dem Urteil des senilen Vaters eigentlich?

Neben diesen Fragen ist es vor allem die nach dem Freund, die mich interessiert. Wer ist dieser Freund, der sich vor allem dadurch auszeichnet, dass er abwesend ist?

Eingeführt wird der Freund als „sich im Ausland befindende[r] Jugendfreund“. Später heißt es, dass „dieser Freund, mit seinem Fortkommen zu Hause unzufrieden, vor Jahren schon nach Rußland sich förmlich geflüchtet hatte“ (43). Die Korrespondenz zwischen Georg und Freund wird unregelmäßiger und aus irgendeinem Grund scheut Georg sich, dem Freund zu eröffnen, dass er sich verlobt hat. Vielleicht nur, weil es dem Freund so ungemein dreckig da drüben in Russland geht:

Nun betrieb er ein Geschäft in Petersburg, das anfangs sich sehr gut angelassen hatte, seit langem aber schon zu stocken schien […]. So arbeitete er sich in der Fremde nutzlos ab, der fremdartige Vollbart verdeckte nur schlecht das […] Gesicht, dessen gelbe Hautfarbe auf eine sich entwickelnde Krankheit hinzudeuten schien.

(43 f.)

Aber es gibt Hoffnung, denn immerhin wird er, falls seine Krankheit tatsächlich etwas ernstes sein sollte, niemandem damit zur Last fallen:

Wie er erzählte, hatte er keine rechte Verbindung mit der dortigen Kolonie seiner Landsleute, aber auch fast keinen gesellschaftlichen Verkehr mit einheimischen Familien und richtete sich so für ein endgültiges Junggesellentum ein.

(44)

Glück im Unglück könnte man sagen. Andererseits hat der Freund in Georg aber ein echtes Juwel von Buddy. Einen, auf den man sich so richtig verlassen kann:

Was sollte man einem solchen Manne schreiben, der sich offenbar verrannt hatte, den man bedauern, dem man aber nicht helfen konnte.

(44)

Wobei das fehlende Fragezeichen am Ende dieses Satzes eine deutliche Antwort auf die – rhetorische – Frage gibt. Aber in Gregors Kopf (vorausgesetzt: intern fokalisierter, heterodiegetischer Erzähler) werden dann doch ein paar Fragen durchgespielt. Das heißt: 1. gestellt, 2. widerlegt.

Sollte man ihm vielleicht raten, wieder nach Hause zu kommen [?]

– Das bedeutete aber nicht anderes, als daß man ihm gleichzeitig sagte […], daß seine bisherigen Versuche mißlungen seien, daß er endlich von ihnen ablassen solle, daß er zurückkehren und sich als ein für immer Zurückgekehrter von allen mit großen Augen anstaunen lassen müsse […] und daß er ein altes Kind sei [.]

Und war es dann noch sicher, daß alle die Plage, die man ihm antun müßte, einen Zweck hätte?

– Vielleicht gelang es nicht einmal, ihn überhaupt nach Hause zu bringen […] und so bliebe er dann trotz allem in seiner Fremde, verbittert […] und den Freunden dann noch ein Stück mehr entfremdet.

(44 f.)

Ja, und jetzt stelle man sich folgendes vor:

Folgte er aber wirklich dem Rat und würde hier – natürlich nicht mit Absicht, aber durch die Tatsachen – niedergedrückt, fände sich nicht in seinen Freunden und nicht ohne sie zurecht, litte an Beschämung, hätte jetzt wirklich keine Heimat und keine Freunde mehr…

(45)

Und die Antwort erfolgt auch am Ende dieser Selbstberuhigung durch (diesmal sogar zwei) rhetorische Fragen:

[W]ar es da nicht viel besser für ihn, er blieb in der Fremde, so wie er war? Konnte man denn bei solchen Umständen daran denken, daß er es hier tatsächlich vorwärts bringen würde?

(45)

Der mitfühlende, um seinen alten Jugendfreund ernsthaft besorgte Georg hat also allen Grund, ihn, den Freund, genau dort zu belassen, wo er ist: zwei, drei Länder weiter, hinter einem Vollbart versteckt und hoffentlich todkrank. Das größte Problem nämlich, das Georg gegenüber den Freund zu haben scheint ist, dass Georg leider erfolgreich ist, im Geschäft und im sexuellen Bereich, der ja – so sehen es wenigsten Karl Marx & Wilhelm Reich – gar nicht so recht vom ersteren zu trennen ist. Georg ist also angekommen in der bürgerlichen Sphäre und dafür musste er noch nichtmal in die Fremde ziehen. Alles, was Georg tun musste, war nicht darüber verzweifeln, dass seine Mutter starb.

Das Geschäft, das Georg sich in der Folge unter den Nagel reißen konnte, war das seines Vaters, der den Verlust seines assoziierten Sexualobjekts – Marx & Reich – nicht so gut vertragen konnte. Woraus speiste sich die Macht des Vaters? Eine wohl eher vulgärfreudsche Interpretation könnte wie folgt aussehen:

Die bürgerliche Kleinfamilie konstituiert sich durch Sexualtabu für alle, die nicht Vater resp. Mutter sind, wobei allerdings anzufügen ist, dass der Mutter auch keine eigenständige Sexualität zugestanden wird. Die Mutter wird hier konzeptualisiert als eine Art Acker, auf dam der Tropfen des Vaters ausgesäht wird, auf dass sie resp. er, der Acker, trage. Oder auch anders: Der Vater bezieht seine Macht als Subjekt über das Andere, das er sich untertan gemacht hat. Das Andere ist die Frau, das Weibliche oder einfach die Mutter. Allerdings hat die Mutter die Unverschämtheit aufgebracht zu sterben, wodurch die Macht des Vaters in radikale Mitleidenschaft gezogen wurde. Dadurch allerdings schwinden auch die – männlichen – Kompetenzen des Vaters: er wird schlecht im Geschäft, kann nicht mehr mit Macht auf dem Markt agieren, wird von seinem eigenen Sohn übertroffen.

Vielleicht ließe sich sagen, dass Georg den Vater, der ja im Geschäft nur noch so tut, als würde er wirklich etwas tun, vernächlässigt:

Georg staunte darüber, wie dunkel das Zimmer des Vaters selbst an diesem sonnigen Vormittag war. Einen solchen Schatten warf also die hohe Mauer, die sich jenseits des schmalen Hofes erhob.

(50)

Das Exil des Vaters: der Ort an den man das verschiebt, das es hinter sich hat.

Und tatsächlich: der Vater kann nicht mehr, das Lesen fällt ihm schwer, der Appetit ist weg… Man kann sagen, der Drive ist durch, der Wille zur Macht erloschen, der Selbsterhaltungstrieb bröckelt usw.

Aber da ist doch noch etwas, auf das der Vater bauen könnte:

„Ah, Georg!“ sagte der Vater und ging ihm gleich entgegen. Sein schwerer Schlafrock öffnete sich im Gehen, die Enden umflatterten ihn – „,ein Vater ist noch immer ein Riese“, dachte sich Georg.

(50)

Richtig, wer die Psychoanalyse für ungeeignet hält, Kafka in den hermeneutischen Griff zu bekommen, der wird das Riesenhafte des Vaters auf dessen Körpergesamtgröße beziehen. Ich denke allerdings bei einem sich öffenenden Schafrock, dessen Enden flattern, eher an eine gewisse Körperteilgröße.

Zumal der Vater in tutto wohl gar nicht so groß sein kann, wenigstens nicht riesig aus der Sicht von Georg:

Auf seinen Armen trug er den Vater ins Bett. Ein schreckliches Gefühl hatte er, als er während der paar Schritte zum Bett hin merkte, daß an seiner Brust der Vater mit seiner Uhrkette spiele. Er konnte ihn nicht gleich ins Bett legen, so fest hielt er sich an dieser Uhrkette.

(55)

Der Vater ist tragbar, sozusagen, und dabei, der Rock ist natürlich wieder zu, drehen sich die Rollen um. Das heißt, die Rollen sind ja eigentlich schon verkehrt, der Vater, seiner Macht entledigt, ist schon Unmündiger. Dieses Verhältnis, das die Macht auf der Seite Georgs, die Ohnmacht auf der Seite des Vaters verortet, wird in der Szene, in der Georg den Vater trägt, noch verschärft. Der Vater intantilisiert sich. Vergreist verkindlicht er zusehends, spielt wie ein Baby an der Kette – fehlt nur, dass er an Gregors Zeigefinger saugte…

Im Anschluss muss Georg den Vater zudecken – ein Hinweis auf das baldige unter-die-Erde-Bringen? Oh ja! Nachdem der Vater zwei Mal fragt, ob er gut zugedeckt sei, springt er auf:

„Nein!“ rief der Vater, daß die Antwort an die Frage stieß,warf die Decke zurück mit einer Kraft, daß sie einen Augenblick im Fluge sich ganz entfaltete, und stand aufrecht im Bett.

(56)

Und vielleicht ist die Frage hier nicht wer, sondern eher was da aufrecht im Bett steht. Es ist der väterliche Phallus (vielleicht), der sich zu echter Riesengröße erhoben hat und dem Sohn durch seine schiere, ragende Existenz mit Kastration droht.

„Aber den Vater muß glücklicherweise niemand lehren, den Sohn zu durchschaueb. Wie du jetzt geglaubt hast, du hättest ihn untergekriegt, so untergekriegt, daß du dich mit deinem Hintern auf ihn setzen kannst und er rührt sich nicht, da hat sich mein Herr Sohn zum Heiraten entschlossen.

(56)

Gregor, der sich dadurch, dass er sich mit seinem Hintern auf seinen untergekriegten, also vielleicht keinen hoch mehr kriegenden: Vater gesetzt hat, versucht in ödipaler Ablenkung seine Verlobte in aller Ruhe beschlafen zu können, doch Vater und Freund wissen dies zu verhindern. Der Vater sagt:

Aber der Freund ist nun doch nicht verraten!“ rief der Vater, und sein hin- und herbewegter Zeigefinger bekräftigte es. „Ich war sein Vetreter hier am Ort.“

(57)

Vater und Phallus und Freund halten Georg von der Weiblichkeit ab, die als Verführung, als Ablenkung, als das Unwahre aufgefasst wird. Warum ist die Verlobte verrat am Freund? Warum sagt die Verlobte:

Wenn du solche Freunde hast, Georg, hättest du dich überhaupt nicht verloben sollen.

(48)

Eine Idee hätte ich…

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