Unser ist das Los der Epigonen,
Die im weiten Zwischenreiche wohnen;
Seht, wie ihr noch einen Tropfen presset
Aus den alten Schalen der Zitronen!
Geistiges ist mäßig noch vorhanden,
Auch des Lebens Süße wird noch lohnen;
Wasser flutet uns in breiten Strömen,
Brauchen es am wenigsten zu schonen:
Braut den Trank für lange Winternächte,
Bis uns blühen neue Lenzeskronen!
Und der Dichtung Fahrzeug mag entrinnen
Dem Bereich der grausen Lästrygonen.
Gottfried Keller, 1847
Eine der schönsten Konsequenzen des Todes des Menschen ist die daraus entstehene Scheißegaligkeit der sog. Persönlichkeit des sog. Autors. Ohne auch nur das geringste Interesse an Friedrich Keller, unternehme ich im Folgenden eine knappe formale Analyse des Gedichts und werde am Ende noch ein paar Wörtchen über den Inhalt verlieren.
Sicherlich seid ihr nicht freiwillig hier: Keller und Lyrik, das ist nicht unbedingt eine Verbindung, die man abgespeichert haben muss. Mit Grund. Das Gedicht ist weder ästhetisch noch semantisch sehr interessant. Das ist es vielleicht gar nicht so verkehrt, wenn einer einen für’s Team nimmt und diese in Verse gegossene Langeweile analysiert. Genug gekotzt? Genug gekotzt.
Metrum, Reimschema und Gedöns
Das Metrum ist einheitlich und kommt ohne Beugungen oder Elisionen aus. Es handelt sich um einen fünfhebigen Trochäus, der allerdings jeweils ab der Versmitte eine Tendenz zum Daktylischen aufweist. Das kann man aber auch ignorieren, solange man das Gedicht nicht allzu streng trochäisch liest, was dem Sound aber ohnehin abträglich wäre.
Eine kleine Beobachtung zum Trochäus. In der deutschen Sprache sind die meisten Wörter, bei denen es sich nicht um Derivate oder Komposita handelt, trochäisch betont: Sprache, Hausmann, Grützwurst. Das Metrum der Wahl, Dichter’s Choice also, ist aber meistens der Jambus.
Jambische Gedichte sind strukturell näher an der Alltagssprache, die Sätze, die man so äußert sind meist im Jambus: Die Sätze, die man so äußert, sind meist im Jambus. Trochäische Verse sind also allein augrund der Abweichung von der Normalsprache etwas Besonderes, vielleicht etwas, das man poetisch nennen könnte. Kellers Gedicht in fixem Trochäus zeugt also von einer gewissen formalen Strenge. Darauf komme ich noch zu Sprechen.
Das Reimschema ist recht interessant, da es an die Ghasel erinnert, wenngleich eine Ghasel typischerweise vierhebig ist. Mit den Begriffen des Deutsch GKs: aus einem Paarreim entwickelt sich eine Alternanz zwischen gereimten und ungereimten Versausklängen. Die Kadenzen sind klingend (weiblich), das heißt einerseits, dass die Verse mit einer Senkung enden. Das heißt aber andererseits auch, dass die gereimten Versenden sich auf zwei Silben reimen.
Dieses Reimschema ist deswegen interessant, weil der recht starre metrische Aufbau durch die nicht gereimten Versenden ein wenig aufgelockert wird. Ausserdem ist der Ghasel konstitutiv, dass sie auf eine Entwicklung hinweist. Aus einer Einheit, dem initiativen Paarreim, entwickelt sich eine Dialogizität aus Reim und Nicht-Reim. Dadurch gewinnen Gedichte dieser Machart eine gewisse Dynamik. Ich denke, das kann man diesem Gedicht hier durchaus attestieren.
Zum Thema Gedöns: Ist hier noch etwas zu sagen? Was ist mit dem Stil? Der ist ziemlich 19. Jahrhundert und nicht sonderlich spannend. Das Dativ-E wird natürlich realisiert, okay. Die Syntax ist auf Emphase ausgelegt: „Unser ist das Los“ oder „Braut den Trank für lange Winternächte, bis uns blühen neue Lenzeskronen!“ Beim ersten Beispiel wird das Pronomen vorgezogen, sodass die Beziehung der Possessivität deutlicher wird, also dass die implizite Leserschaft voll und ganz epigonal sei. Im zweiten Beispiel ist die Syntax was man so erhaben nennt. Nüchterner wäre natürlich „Bis und neues Lenzeskronen blühen“, was allerdings a) zur Folge hätte, dass das Reimschema zusammenbricht und b) dass das wunderbar kitschig-pathetische Wort Lenzeskronen, das eigentlich so gar keinen Inhalt hat, nicht so recht zur Wirkung käme.
Insgesamt ein Gedicht, das formal gar nicht mal so schrecklich viel her macht. Aber wie steht es um den Inhalt?
Das Los der Epigonen? Inhalt.
Worum also geht’s? Epigonen sind Nachgeborene. Darunter sind aber nicht Leute zu verstehen, die einfach nach irgendwelchen Anderen geboren worden sind, sondern Menschen, die in einem bestimmten kulturellen Gebiet praktizieren, das von Vorgängern bereits erschöpfend bearbeitet worden ist. Epigonalität geht einher mit einer gewissen Resignation: „Es wurde alles schonmal erzählt.“ Das ist eine typische epigonale Aussage.
Gottfried Keller (über den ich also doch eins, zwei Worte verliere) hat seine Erzählung Romeo und Julia auf dem Dorfe denn auch mit folgenden Worten eingeleitet:
Diese Geschichte zu erzählen würde eine müßige Nachahmung sein, wenn sie nicht auf einem wirklichen Vorfall beruhte, zum Beweise, wie tief im Menschenleben jede jener Fabeln wurzelt, auf welche die großen alten Werke gebaut sind. Die Zahl solcher Fabeln ist mäßig; aber stets treten sie in neuem Gewande wieder in die Erscheinung und zwingen alsdann die Hand, sie festzuhalten.
Keller, R. & J. auf dem Dorfe
Dieses Zitat ist aber nicht nur ein Beispiel für die grundsätzlich historisch dominierte Bewusstheit der Epigonen, sondern gleichzeitig eine Art und Weise mit dem als Problem empfundenen Status der Epigonalität umzugehen. Konkret: Wenn alles schonmal irgendwo da war, dann hat auch Shakespeare abgekupfert und war ein Epigone. Soweit so richtig, denn irgendwo ist halt jeder Epigone. Und weil das so ist, ist Epigonalität beileibe kein Grund, mit der Literatur aufzuhören.
Hier ist nämlich der große Punkt, wenn es um Epigonen geht. Warum produzieren sie noch? Wenn alles schon gesagt, gemalt, geschrieben und getanzt wurde, warum dann dieser Reihe noch etwas hinzufügen? Nach Ulysses einen Roman zu schreiben ist halt auch ein bewusstes Absehen von Ulysses. Nach Cages‘ Silence noch Musik zu komponieren ist langweilig, nach Ad Reinhardt noch Bilder zu malen naiv. Kann man so sehen. Keller aber sieht das nicht so. Ich im Übrigen auch nicht. Meistens.
Im Gedicht nun, um das es hier gehen soll, ist der Malus der Epigonalität übrigens auch massiv gemildert. Denn Epigonen sind immer auch Progonen, haben also ihrerseits Nachfolger und genau auf diese baut die Stimme des Gedichts, das, meinetwegen, lyrische Ich.
Wenn es vom Zwischenreiche die Rede ist, so ist klar, dass die Nachnachgeborenen, die Progonen, von Epigonen, also von Publikum und Stimme des Gedichts, mit Hoffnungen überfrachtet werden. Das Gedicht ist also gar nicht so schrecklich resignativ, wie man meinen könnte, die Hoffnung ist da.
Die beiden Pole, zwischen denen sich das Zwischenreich aufspannt, sind klar: Vorwelt mit Klassizismus und Nachwelt mit unbekannten ästhetischen Möglichkeiten. Der Klassizismus ist deshalb Referenzpunkt dieses Gedichtes, da der fünfhebige Trochäus (ich habe ja gesagt, dass ich darauf wieder zu Sprechen komme) Klassik durch und durch ist. Die formale Strenge verweist auf das große Vorbild: Goetheschiller und in der Verlängerung natürlich, wie immer im Westen, Griechenland.
Auf Griechenland deutet nicht nur das Wort Epigone selbst hin, das ja immerhin griechisch ist. Sondern auch das finale Bild, der „Bereich der Lästrygonen“. Die Laistrygonen sind ein primitives Riesengeschlecht aus der Odyssee, das das Boot des Odysseus, hier das „Fahrzeug der Dichtung“, zu versenken trachtet. Der Rekurs auf die Antike ist aber nicht einfach nur repetetiv. Und das ist das Besondere des hier dargestellten Epigonentums. Und das gelingt auf eine sogar recht nette Weise. Und das geht so:
Dadurch, dass die Laistrygonen mit Ä geschrieben werden, verändert sich die Lautung nicht, denn das Altgriechische Ai wird Ä ausgesprochen (Aisthetik ist da ein klassisches Beispiel). Vom Laut ist das richtig, nur schriftlich ändert sich was und durch diese Veränderung wird eine Assoziation geweckt, nämlich die zum Lästern. Die Lästrygonen hier sind also zwar primitiv, aber nur bedingt Riesen. Lästrygonen sind die ewigen Schwarzmaler, Miesmacher, die die Dichtung durch ihre Geätze und Gejammer zu zerstören trachten.
In dem Gedicht wird also durchaus auch ein zeitkritisches Ziel verfolgt – wobei Schwarzmaler selbstverständlich überzeitliche Wesen sind, die sich in jeder Kultur zu jeder Zeit finden lassen. Dennoch sollte hier klar gestellt werden (und ihr solltet es auf jeden Fall in euren Interpretationen dieses ungebrochen beschissenen Gedichts notieren), dass durch eine Liäson von A und I zu Ä ein komplett neues Bedeutungsspektrum eröffnet wird, das diachrone und synchrone Achse, also die Achse der Historie und die der Gleichzeitigkeit, miteinander vermittelt. Das ist schon smart, muss man zugeben und gar nicht so schrecklich epigonal wie man meinen könnte.
Ein Kommentar zu “Unser ist das Los der Epigonen”