Es gibt Fragen, auf die kann es zugleich eine, viele und gar keine Antworten geben. Ich denke, die nach dem Text ist so eine. Darüber hinaus ist auch aber auch gar keine so schrecklich neue Frage – und für viele wird’s auch eine sehr langweilige Frage sein, oder?
: Oder eben nicht, weil die BEantwortung dieser Frage, d.h. der Weg durch die Frage konkret umgesetzt das Ende aller langen Weile bedeutet. Dies ist ein Versprechen – das ich nicht halten kann, das aber Du mit Leben füllen kannst.
Die Abschaffung also der Langweile, sie gelingt (wie sonst?) durch den Text, durch das Konstituieren des Texts. Leben wir (gemeinsam oder gegeneinander) in einem Zeitalter der Langeweile? Vielleicht, doch ich glaube nicht – denn wir haben: den Text. Den wir, btw, immer schon hatten, selbst vor der Schrift, selbst vor der Sprache.
Ist das hier ein Ratgeber? Nein, denn Ratgeber sind in Bausch und Bogen verlogen, behaupten eine Sicherheit, wo keine ist, eine Vergleichbarkeit, wo keine ist, eine Wahrheit, wo keine ist.
Im Mittelalter gab es Philosophen (oder Theologen eher), die die Welt als Buch oder: als Werk (vgl. Barthes) betrachteten. Alles, was man sah, ließ sich entziffern, ließ sich dechiffrieren, verwies zwangsläufig auf seinen Ursprung: das transzendentale Signifikat oder, wie man es auch nennt: den Schöpfer, d.i. der Autor, den man (hierzulande) Gott nennt.
Wie die Genieästhetik des 18./19. Jahrhunderts den Dichter auffasste, so fasste das Mittelalter Gott auf: Gott saß an seinem selbstgezimmerten Schreibtisch und schrieb das Buch, das wir wiederum Welt nennen. Dieser Gedanke hatte die gleichen Konsequenzen wie die Auffassung eines Buches als Werk. Ein Werk ist nur etwas Abgeleitetes: Schöpfergottdichter ist das transzendentale Signifikat, das Werk (die Welt) bloß Signifikant.
Die Unterscheidung Signifikat/Signifikant stammt aus der Linguisitk bzw. der Zeichentheorie. Getroffen wurde dieser Unterschied von Ferdinand de Saussure, dem „Vater des Strukturalismus“. Dabei ist das Signifikat das Bezeichnete und der Signifikant das Bezeichnende. Reichlich abstrakt? Okay.
Unter dem Bezeichneten kann man sich zunächst eine Art Konzept vorstellen (wie soll man sich eigentlich ein Konzept vorstellen?) – das Bezeichnete ist das, was einer im Kopf hat wenn er dessen Namen ausspricht. Da sind wir aber auch schon beim Singifikanten, dem Bezeichnenden, denn hierunter verbirgt sich (in der gesprochenen Sprache zumindest) das Lautbild, also die Folge an Lauten, die man ausstößt um den Namen zu realisieren.
Beispiel: Das Zeichen „Baum“ beinhaltet auf der Seite des Signifikats einen Prototypen. Wenn ein Deutscher das Wort „Baum“ ausspricht, dann hat er mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eine Eiche, eine Buche oder eine Linde „im Kopf“, eine Schwedin wahrscheinlich eine Fichte oder Kiefer, ein Russe natürlich eine Birke und eine Kalifonierin einen Mammutbaum. Das sind Prototypen – das, was wir aufgrund unserer Erfahrungen als typischen, d.h. häufigen, baumigen Baum empfinden.
Auf der Seite des Signifikanten, der Outputseite, sprechen wir etwas aus: „Baum“, „Träd“, „Derevo“, „Tree“. Einerseits unterscheiden sich die Konzepte, andererseits die Lautbilder. Zwar sind Träd und Tree sich irgendwie ähnlich und verwandt, aber beides eben nur irgendwie.
Allerdings ist es nun so (das kann, glaube ich, als Exkurs gelten), dass nicht jeder Russe an Birken denkt (das hat uns Nemeckijs Olga Grjasnowa beigebracht) und nicht jeder Deutsche denkt an Laubbäume. Jemand aus Neubrandenburg mag an eine Kiefer denken, jemand aus Goslar an Fichten, jemand aus Wesel an Pappeln. Aber geht es nicht sogar noch weiter – bis auf die individuelle Ebene? Ja.
Und genauso (daher diese ermüdenden Beispiele, die mehr als eines waren und doch nur eines) verhält es sich mit dem Lautbild. Zwei Menschen, auch desselben Kulturraums, werden das Wort „Baum“ niemals exakt gleich aussprechen. Selbst eineiige Zwillinge sprechen die gleichen Wörter nicht gleich aus. Selbst ich sage „Baum“ niemals auf die gleiche Weise wie ich es je getan habe und es jemals tun werde. Es bestehen Differenzen.
Differenzen sind es aber auch, die Bedeutung überhaupt erst herstellen. Die Differenz zwischen Deiner und meiner Stimme macht Deine, macht meine Stimme aus. Die Differenz, die das Wort „Baum“ gegenüber „Saum“, „kaum“, „Raum“ usw. unterhält, macht das Wort „Baum“ erst aus. Die Bedeutung liegt nicht im Wort selbst, denn anderenfalls könnte „Baum“ nicht gleichzeitig „Träd“ oder „Derevo“ heißen.
Der Unterschied macht die Bedeutung
Das gilt aber nicht nur für triviale Dinge wie Bäume (wenn Bäume trivial sind), sondern auch für Individuen. Was Dich zu Dir macht und mich zu mir, ist dass ich nicht Du bin und Du nicht ich bist. Aber auch, dass ich alle anderen Menschen nicht bin und alle Gegenstände um mich herum nicht bin.
Was bin ich dann? Was bist Du? In einem anderen Beitrag werde ich dieses Thema wieder aufnehmen, zunächst nur so viel: da ich für mich derjenige bin, der wahrnimmt, denkt und fühlt, kann die Beziehung zwischen Signifikat und Signifikant auch auf mich und meine Umwelt übertragen werden. Ich bin das Signifikat und meine Umwelt (m)ein Signifikant. Man kann den Unterschied aber auch noch näher an mich (und entsprechend an Dich) heranrücken lassen. Meine Kognition, mein Denken, meine Seele etc. ist das Signifikat, mein Ich – mein Körper jedoch ist mein Signifikant, meine Ausdrucksseite.
Im Zeitalter der Selbstoptimierung verläuft die Grenze sogar im Kopf (:metaphorisch): das Signfikat wäre dann ein gewisser Punkt innerhalb der Kognition, mein Signifikant wäre das, was mein Erleben steuert: meine Denkmuster, meine kognitivien Schemata, meine Überzeugungen.
Man sieht, dass je nach Blickwinkel ein Signifikat immer zu einem Signifikanten werden kann. Waren Körper und Geist zunächst noch zusammen Signifikat im Gegensatz zur Umwelt, so wurde mein Körper zum Signifikant, später sogar die Strukturen meines Geistes, ja mein Geist selbst. Wo ist das Signifikat?
Dieses Problem habe selbstverständlich nicht ich entdeckt und es war wahrscheinlich nicht mal der, dessen Namen ich nun als den des Entdeckers dieser Problematik nennen werde: Jaques Derrida.
Derrida war (vielleicht) nicht der erste, aber er war derjenige, der es bis zur letzten Konsequenz durchdacht hat. Vielleicht.
Wenn ein Signifikat immer zum Signifikanten werden kann und wenn man gleichzeitig kein erstes oder letztes Signifikat finden kann, weder den makrostrukturellen Gott noch die mikrostrukturelle Seele, dann könnte es doch durchaus sein, dass es das Signifikat gar nicht gibt (beziehungsweise, leicht langweiliger: dass wir alle nicht in der Lage sind, es zu entdecken).
Jedes verweist auf ein Anderes. Mit anderen Worten: jede Ursache ist immer eine Folge. Es gibt keine letzte (erste) Ursache, das heißt: wir wissen nichts und können auch nichts wissen von einer letzten ersten Ursache. Nur der Dogmatismus kann das behaupten, bricht die Diskussion ab und stottert: g-g-gott.
: Was aber hat das mit dem Text zu tun?
Wir Menschen sind vieles, auch schlimmes, vor allem aber sind wir Sinnstifter. Deswegen haben wir uns ja sowas wie Gott ausgedacht! Wir suchen ständig nach Ursachen (und das beruhigt uns sogar: wenn wir eine Erklärung dafür haben, warum unsere Schwiegermutter so unglaublich zum Kotzen ist, dann ist sie auf einmal nicht mehr gar so sehr zum Kotzen – verrückt, oder?) und wenn wir keine Ursachen finden, dann nennen wir die Ursache halt Zufall.
Wir können aus dieser unserer Art und Weise die Welt wahr- oder falschzunehmen nicht raus – und das sollten wir auch gar nicht versuchen, das müssen wir glücklicherweise auch gar nicht versuchen und das können wir ärgerlicherweise auch gar nicht versuchen.
Derrida schlägt nun folgendes vor: Wir Menschen sind ja nicht nur Sinnstifter, sondern auch sprachliche Wesen, wir denken in Sprache. Nicht unbedingt immer in einer bestimmten Sprache, sondern der Struktur nach. Unser Denken ist nicht an Vokabeln gebunden, aber an eine Syntax. Unser Denken besteht aus Subjekten, Objekten, Prädikationen, Konjunktionen, es ist nicht an bestimmte Lautfolgen oder Namen gebunden, es können auch Bilder sein, in denen wir denken, doch selbst diese Bilder sind syntaktisch verknüpft, sind eingebunden in eine sprachliche Struktur, die unser Denken ist.
Der Psychoanalytiker Jaques Lacan behauptet sogar, dass das Unterbewusstsein wie eine Sprache strukturiert sei, ja sogar dass das Unterbewusstsein erst durch den frühkindlichen Spracherwerb, den „Eintritt in die Sprache“ entsteht. Da ist etwas dran, denn was immer auch denkbar ist, ist sprachlich, ist sprachlich strukturiert und die Gesamtheit dessen, was überhaupt denkbar ist, das ist das, was Derrida die Schrift nennt.
Die Schrift – das ist nicht zu verwechseln mit der Keilschrift, der Alphabetschrift oder irgendeiner anderen konkreten, kontextualisierten, lediglich aktualisierten Schrift. Die Schrift ist die Urschrift, das, was schon vor jedem Sprech- und Denkakt da ist. Geschriebene Schrift, also aktualisierte Schrift ist nichts als Teilhaben an der Urschrift und diese Urschrift nun ist auch Basis des Textbegriffs Derridas.
: Was ist: Der Text?
Der Text ist (so wenigstens scheint es mir) die Urschrift. Aber auf gewisse Weise ist der Text auch auf einer Ebene knapp unterhalb der Urschrift. Der Text ist weniger abstrakt (aber immer noch abstrakt). Der Text ist fast schon individuell (und radikal kollektiv), der Text ist das, was aus der Verkettung der einzelnen Signifikanten im je eigenen Denken entsteht, der Text ist unser jeweiliges Denksystem, die Gesamtheit dessen, was wir erfahren, erleben und überhaupt denken können.
Der Text ist eine Transformation anderer Texte, ist unser je Eigenes, aber er weist weit über uns hinaus, denn selbst „wir“, also das, was wir alle als unsere je gegebene Subjektivität verstehen, ist ein Element des Textes, das wiederum auf andere Elemente des Textes verweist, welche wiederum und so weiter in einer unabschließbaren Bewegungen in einem nie zu beendendem Spiel.
: Und warum genau sollte jetzt dieser, vielleicht sogar esoterische, Textbegriff das Ende aller Langeweile sein?
Im Prinzip plädiere ich für eine Haltung wie sie jene Denker des Mittelalters hatten, die ich zu Anfang kurz erwähnt habe. Nur, dass wir heute in der privilegierten Lage sind, nicht alles auf’s transzendentale Signifikat beziehen zu müssen. Die Welt ist Text: „Ein Text-Äußeres gibt es nicht.“(Derrida, Grammatologie, Suhrkamp: S. 272) und das bedeutet, dass alles (und nichts) Bedeutung hat. Wir können alles mit allem in Beziehung setzen und eine Existenz führen, die durch und durch bedeutend ist. Langeweile, das ist Abwesenheit von Sinn, sie ist sinnlose Zeit (und eigenes Versagen: immer). Beginnen wir alle also damit, diese sinnentleerte Zeit aufzuladen, sie zu interpretieren, sie zu spielen, sie zu kommunizieren.
Eine Welt als Text ist eine Welt als Buch. Sie ist eine Welt, die ein Kunstwerk ist, dessen Künstler und Publikum immer nur Du bist.