Oder auch: Grundkurs Intertextualität. Was ist Intertextualität? Die Frage ist gut und gar nicht so einfach zu beantworten. Das heißt: schon; weil es mehrere Antworten gibt und man sich eine aussuchen kann. Das macht’s dann schon eher leicht.
Weil ich, wie die meisten, grauenerregend faul bin, werde ich also (wie der kundige Leser sicherlich schon erraten hat) nicht so sehr auf Frau Kristeva eingehen, die die ganze Sache zwar irgendwie erfunden, aber gleichzeitig auch verdammt kompliziert gemacht hat.
Am Phänomen Intertextualität kommt man heute nicht mehr vorbei. Der erste Beitrag dieses Blogs etwa befasste sich schon (mehr oder weniger implizit) mit Intertextualität.
Intertextualität geht von der Annahme aus, dass jeder Text nur die Transformation eines anderen Textes ist. Dieser andere Text ist aber selbst wieder nur eine Transformation, vielleicht auch die Transformation einer Transformation und immer so weiter. Aber gibt es einen Urtext, einen ersten Text, eine Art Gott-Text?
Es mag sein, dass es so etwas gibt, genauso wie es sein mag, dass es einen persönlichen Gott gibt, einen unbewegten Beweger wie bei Aristoteles. Aber so sehr das auch der Fall sein mag – wissen tun wir es eben nicht und können es auch auf keinen Fall wissen. Warum? Na, weil wir im Text sind.
Wiedermal möchte oder muss ich hier auf auf die grundsätzliche, strukturalistische Unterscheidung zwischen Signifikant und Signifikat hinweisen. Gleich zu Anfang seiner Grammatologie verweist Jaques Derrida auf eine Vorstellung der Sprache (oder des Textes, das ist nicht wirklich zu unterscheiden – zumindest nicht von mir; vielleicht aber hier), in der sie „gehalten und eingesäumt vom unendlichen Signifikat, das über die Sprache hinauszugehen schien“ erfasst wurde. Tatsächlich aber verhält es anders. Das heißt: vielleicht auch nicht!
Ob es sich anders verhält, wissen wir leider nicht, können wir nicht wissen. Dieses unendliche Signifikat, das was über die Sprache hinausgeht, was über den Text hinausgeht, das könnte eben Gott sein oder das Ding an sich – einen Zugriff darauf haben wir nicht. Wir sind vielmehr im Spiel der Signifikanten, wo alles auf ein anderes verweist und keines je zur Ruhe kommt.
Das heißt, dass es einen Urtext nur als erkenntnistheoretische Krücke gibt, als Annahme, so wie das Cogito-Argument von Descartes nur eine Annahme ist, die letztlich auf grammatischen Überzeugungen beruht, was wiederum auf die Sprache verweist, auf den Urtext, den es nicht gibt und so weiter.
Intertextualität nun ist die praktische Seite des Poststrukturalismus, Intertextualität ist das, womit man tatsächlich noch Wissenschaft betreiben kann. Michail Bachtin zum Beispiel (der vielleicht gar kein Poststrukturalist war) gilt als einer der Erfinder oder Auf-Finder des Phänomens der Intertextualität und das teilweise auf eine verblüffend praktische Art und Weise.
Bachtin sagt etwa, dass eine Sprache sich aus mehreren verschiedenen Sprachen zusammensetzt. Ein Beispiel: das Deutsche ist, wenn überhaupt, nur in der Schrift einheitlich. Die gesprochene Sprache zerfällt einerseits in verschiedene Dia- und Regiolekte, was man als horizontale Auffächerung bezeichnen könnte. Von Flensburg bis Sonthofen, von Görlitz bis Aachen entfalten sich die unterschiedlichsten Zungenschläge. Dabei habe ich natürlich die Schweiz, Österreich, Pennsylvania und so weiter irgnoriert. Nun ist das Deutsche sich selbst aber auch ungleich, weil es, vertikal, in Soziolekte zerfällt. In Blankenese wird ein anderes Deutsch gesprochen als am Mümmelsmannberg, auf der Friedrichstraße ein anderes als auf der Allee der Kosmonauten. Aber selbst da ist kein Ende erreicht, denn nicht nur wird im ersten Stock der Oberbilker Allee 31 ein anderes gesprochen als im Dachgeschoss, selbst auf der linken Seite des Ersten ein anderes als Rechts, im Kinderzimmer der linken Wohnung ein anderes als im Elternschlafzimmer.
Man kann das eben auch so sagen: alle angedeuteten Sprecher haben Teil am Text, transformieren diesen jedoch in ihrem jeh aktualisierten Sprachverhalten.
Das ist, so grundsätzlich, Intertextualität. Aber es gibt auch die Ebene des Spiels, die Ebene, weswegen dieser Text eigentlich geschrieben wird, denn nachdem jener Text gründlich in die Hose ging, soll hier und jetzt der Versuch unternommen werden, ihm noch etwas abzugewinnen. Wie kann das gelingen? Indem man von ihm absieht!
Das obige Foto hat den Lindnertext mit vier Texten Kafkas in Beziehung gesetzt. Dahinter verbirgt sich letzten Endes ein Begriff von Intertextualität, wie er in Deutsch-LKs und Einführungsseminaren hin und wieder zu finden. Johanna Bossinade dazu:
„Der Streitpunkt ist, inwieweit, wenn überhaupt, die Transformation vom Prinzip der Äquivalenz gelenkt wird. Wo die Äquivalenz bejaht wird, wird der Vergleich verschiedener Motive am Leitfaden eines übergeordneten Werts für möglich erachtet.“
Lindnerhand in Bauernland
Den Lindnertext selbst werde ich hier nicht nochmals reproduzieren. Schlimm genug, dass er gespreaded wurde, noch schlimmer (und doch notwendig, aus Gründen der Psychohygiene), dass er noch mehr Aufmerksamkeit bekommt. Im Einzelnen werde ich ihn auch weiter zitieren müssen, das liegt im Wesen der Sache. Aber was ist die Sache? Zur Sache also.
Ich ordne den Lindnertext auf einer vertikalen und einer horizontalen Achse an. Die Vertikale setzt ihn Beziehung zu zwei Extremen, die gewissermaßen Seiten der Persona Lindner verkörpern sollen. Die Horizontale setzt ihn in einen zeitlichen Verlauf, wobei der linke Text vor dem Lindnertext stattfindet und der rechte die Bilanz darstellt, die einer weit nach dem Jahr 2025 ziehen wird.
Lindners Persona fängt so an, wie ich bin (und wie wir wohl alle sein sollen): faul und ablenkbar. Ein bißchen erinnert das an den herrlichen Sticker „Heute schlaf ich aus… Und morgen geh ich auch nicht zur Arbeit.“ Oder, in den Worten Kafkas:
„Wie wäre es, wenn ich noch ein wenig weiterschliefe und alle Narrheiten vergäße“, dachte er, aber das war gänzlich undurchführbar, denn er war es gewöhnt, auf der rechten Seite zu schlafen, konnte sich aber in seinem gegenwärtigen Zustand nicht in diese Lage bringen. Mit welcher Kraft er sich auch auf die rechte Seite warf, immer wieder schaukelte er in die Rückenlage zurück. Er versuchte es wohl hundertmal, schloß die Augen, um die zappelnden Beine nicht sehen zu müssen, und ließ erst ab, als er in der Seite einen noch nie gefühlten, leichten, dumpfen Schmerz zu fühlen begann.
„Ach Gott“, dachte er, „was für einen anstrengenden Beruf habe ich gewählt! Tag aus, Tag ein auf der Reise. Die geschäftlichen Aufregungen sind viel größer, als im eigentlichen Geschäft zu Hause, und außerdem ist mir noch diese Plage des Reisens auferlegt, die Sorgen um die Zuganschlüsse, das unregelmäßige schlechte Essen, ein immer wechselnder, nie andauernder, nie herzlich werdender menschlicher Verkehr.
Einerseits ist Er, der Protagonist jenes Textes, die menschliche Negativfolie, die auch an Chr. Lindner nagt: Auch er will ja lieber das Bücherregal abstauen, weiterschlafen, durch den Newsfeed scrollen. Lindner teilt also dieses menschliche Grundbedürfnis nach Augen-Ohren-Schnauze-zu. Schließlich ist das Bücherregal abzustauben ein ausschließlich homöostatischer Vorgang, einer, der keinerlei Mehrwert produziert. Und auch das bloße Scrollen durch den Newsfeed ist ja kein Teilnehmen an der Welt, es ist zur bloßen Beschäftigung ohne Inhalt geworden. Lindner möchte noch nicht einmal Nachrichten konsumieren, will nicht informiert bleiben, was zwar hauptsächlich passiv, aber doch mit Auswirkungen auf die Zukunft wäre – nein!, er scrollt nur durch den Newsfeed, macht also noch weniger als gar nichts, vollzieht eine reine, kreisförmige Bewegung.
Selbstverständlich haben Lindnertext und Kafka auch teil am Anarchotext. Weil’s so schön ist:

Aber Lindner legt die Passivität natürlich ab und auch Er rafft sich auch. Oder versucht es zumindest. Übrigens, dieses Auf der rechten Seite schlafen kann durchaus auch als Hinweis auf jene Wunschehe zwischen CDU und FDP gelesen werden. Von 72 Jahren BRD war die FDP immerhin 12 Jahre in einer Koalition mit der SPD. Insgesamt war die FDP stolze 45 Jahre an einer Bundesregierung beteiligt, davon 33, also weit mehr als Doppelte, in einer Koalition mit der CDU. Man kann sagen, dass auch die FDP gewöhnt ist, auf der rechten Seite zu schlafen.
Nun aber weht nicht nur ein frischer Wind durch Deutschlands Eichen und Lindner, sondern auch die jüngsten Wahlumfragen (zumindest bei Erscheinen dieses Texts) sehen Gregor Lindner nicht im friedlichen Schlummer bei den Graurechten, sondern eher im aufregenden Techtelmechtel mit Grün und Rot. Wobei: die SPD könnte natürlich auch wieder SPD-Sachen machen und in eine Große Koalition innerhalb einer Ménage à trois streben. Was natürlich sehr schade wäe, auch weil dann dieser ärgerliche Hamburger Bürokrat mit ihm Bett läge – ruhig auf der rechten Seite schlafen ist anders.
Eine Dreierkoalition auf Bundesebene kann durchaus wahrgenommen werden als dumpfer, nie gefühlter Schmerz. Schließlich wäre die FDP dann so ziemlich Junior-Juniorpartner.
Der zweite Absatz plädiert für mehr Mitleid mit unseren Volksvertretern, wobei die Betonung auf Vertreter liegen muss. Auch sie sind ja Handlungsreisende, sind ebenso Opfer der Fahrpläne, des schlechten, teuren Essens und der nicht herzlich werdende Verkehr, den hat schon Benjamin von Stuckrad-Barre am Beispiel Roland Kochs eindrucksvoll geschildert. Es ist diese Künstlichkeit, die alles, was der Volksvertreter macht, begleitet. Angefangen bei seiner ziemlich unmenschlichen Körpersprache (die natürlich im Inbegriff einer technischen Haltung, der Raute, gipfelt), von der man unbedingt glauben kann, dass auch er sie fühlt – darauf verweist der Unwille die zappelnden Beine zu sehen. Schließlich sind Politiker auch Menschen und werden wohl, es sei denn, es handelt sich doch um Shapeshifter, das Gestelzte ihres Auftrittes mitbekommen. Warum haben Populisten Erfolg? Ach ja…
Aber mit diesem ersten Textvergleich zwischen Kafka und Lindner soll erstmal Schluss sein. Zu meiner Verteidigung sei gesagt, dass ich Nebenwirkung der Zweitimpfung habe. Übrigens recht seltene (Yes!).Wer sich tatsächlich bis hierher durchgekämpft hat – Danke! Wenn Ihr eine Meinung zu dem Thema habt oder eine Berichtigung bzw. neue Seite der Medaille loswerden wollt – die Kommentarfunktion freut sich!

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