Wer wir sind: Literaturfans. Aber was heißt das?
Literatur ist (auch) ein gesellschaftliches Phänomen. Sie wird von Mitgliedern der Gesellschaft (Autor:innen, Lektor:innen) mithilfe Mitglieder der Gesellschaft (Drucker:innen, Binder:innen) für Mitglieder der Gesellschaft (Leser:innen, Angeber:innen) produziert.
Prinzipiell kann jeder Mensch zum Lesenden werden und tatsächlich werden heute mehr Texte geschrieben und gelesen als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit. Es können so viele Menschen lesen wie nie – und das weltweit. Dennoch sagen uns Deutschlehrer:innen, Sprachschützer:innen, Verteidiger:innen des Abendlades und andere, dass die Zahl der Literaturfans stetig sinkt. Auch der Buchhandel beklagt solche Entwicklungen. Aber woran liegt das?
Auf diese Frage gibt es keine einfache Antwort, vielleicht gibt es sogar gar keine Antwort. Sicher ist aber auch, dass es für schwindendes Interesse an Literatur keinen rechten Grund gibt.
Denn auch wenn Literatur oftmals so erscheint, sie ist keine Veranstaltung, die im Elfenbeinturm (oder dem jeweiligen Stadttheater) stattfindet, sie ist keine Veranstaltung, die nur sogenannte Gebildete ausüben. Auch haben alte, weiße Männer kein Monopol auf sie (aber das sowieso nicht, sind die meisten Leser:innen und Textproduzent:innen schließlich Leserinnen und Textproduzentinnen).
Vor allem aber ist Literatur kein Rätsel, sie ist nichts schwieriges (auch wenn sie das sein kann, wenn sie es möchte).
Weil aber Literatur eine gesellschaftliche Veranstaltung ist, ist sie etwas, was alle angeht und was alle machen (oder machen können). Sie besteht eben nicht in einem bestimmten Gedicht, einem bestimmten Roman und erst recht nicht in einer bestimmten Theorie. Literatur ist Text, aber Text ist alles.
Wir nehmen alles über die Sprache wahr, wir denken in und mit Sprache. So gesehen kann ein Youtube-Video genauso literarisch sein wie ein Fußballspiel, Sex kann so prosaisch sein wie das Kochen einer Mahlzeit poetisch.
Ziel dieses Blogs ist es, ins Gespräch zu kommen. Mit euch, mit allen. Mit Menschen, die Gedichte lesen und lieben, mit Menschen, die das nicht tun, mit Menschen, die sich noch nicht entschieden haben, ob sie tun oder nicht und mit solchen, die sich niemals entscheiden werden. Denn Literatur ist Menschsein. Literaturfans sind Fans des Menschseins.
Wir hoffen, dass sich über die Zeit eine wechselseitige Befruchtung ergibt, dass scheinbar Literaturferne mit Literaturnahen ins Gespräch kommen und dieses Gespräch, auch das ist dann: Literatur.
Textwandel ist sicherlich nicht der erste Blog, der sich dieses Themas annimmt, das ist schon klar und er wird auch nicht der letzte sein, der das tut.
So ist es denn auch wichtig, dass wir hier nicht auftreten und wirken, als hätte die Welt nur auf uns gewartet, auf dass wir die Literatur, die Kultur, das Abendland oder welche merk- oder vergessenswürdige Illusion auch immer aus irgendeiner angeblich desaströsen Lage retten. Literatur braucht keine Retter, kann auch nicht gerettet werden, da sie nicht in einer schlimmen Lage ist. Dass heute eventuell weniger Menschen Romane und vor allem Gedichte lesen, ist keine Krise des Geistes, ist kein Anzeichen der Degeneration, kein Vermodern aller Kultur, sondern einfach nur Kultur, wie sie nun mal ist: fluide und evolutionär.
Also: kommen wir ins Gespräch, kommen wir in den Text, kommen wir in die Literatur. Dieser Blog möchte teilhaben an einer Literatur, die sich nicht feige hinter hohen Hürden versteckt (auf dass man ihre Blöße nicht erkenne).
Literatur soll keine Veranstaltung der Klugscheißer, Wannabes und Halbgebildeten werden. Das heißt: bleiben. Literatur ist so viel mehr als eine gesellschaftliche Veranstaltung, die bestimmte Mitglieder der Gesellschaft mithilfe bestimmer Mitglieder der Gesellschaft für bestimmte Mitglieder der Gesellschaft produzieren. Literatur ist aktiver Vollzug des Menschseins.
Also, immer schon menschlich bleiben. Es geht los.