Beitrag 1: Der Tod des Autors?

Zu Beginn, gewissermaßen als Aufwärmübung, ein absoluter Klassiker der Literaturtheorie: Roland BarthesDer Tod des Autors.

Die meisten von uns kommen erst im Deutschunterricht so richtig mit dem, was man klassischerweise Literatur nennt, in Berührung. Und da ist es denn meist so (wobei das natürlich auch noch vom Lehrenden abhängt), dass Literatur nicht nur gelesen, sondern auch interpretiert wird. Die Interpretationen aber sollen meistens irgendetwas mit der Biographie des Autors zu tun haben.

Bei der Lyrik ist das hin und wieder anders, weil da selbst die langsamsten Deutschlehrer:innen nach über hundert Jahren auf das sogenannte lyrische Ich aufmerksam gemacht worden sind. Dennoch wird auch diese Instanz immer wieder mit biographischem Ballast (und Bombast) beschwert. Celan zum Beispiel scheint immer nur Holocaustlyrik gemacht zu haben, was auch immer Holocaustlyrik letzten Endes sein soll. Das gleiche gilt für Nelly Sachs. Goethe hingegen ist in der glücklichen Lage, Träger wechselnder Etiketten (oder Stigmatisierungen) zu sein, ganz nach Alter, in dem oder Phase, in der er ein bestimmtes Gedicht verfasste: mal ist er Stürmer und Dränger, mal stenger Klassizist, mal sonstwas. Und der wahrscheinlich gar nicht mal so liebe Bertolt Brecht ist einfach immer der Kommunist und Exilant, der er sicherlich auch war. Schön und gut, man hat ein Etikett und kann Einzigartigkeiten verbuchen. Aber hilft das wirklich, ein Gedicht zu verstehen?

Genauso schlimm oder vielleicht sogar noch schlimmer ist es bei der Prosa. Zwar haben auch hier Lehrer inzwischen eingesehen, dass der Erzähler nicht mit dem Schriftsteller identisch ist, dennoch ist es auffällig, dass gerade im Schulbetrieb Kafka immer nur über seinen Vater geschrieben, Proust und Thomas Mann ihre Homosexualität chiffriert, Poe seine Charakterneurosen gehätschelt hat.

Was, wenn da jemand einschritte und sagte: Schwachsinn!? Und genau hier kommt der gute, alte Roland Barthes ins Spiel.

Was ist ein Stück Literatur? Ein Text. Aber was ist ein Text? Das Wort „Text“ kommt nicht zufällig aus dem gleichen Wortursprung wie „Textilie“. Ein Text ist ein Gewebe, ein Ge- oder Verwobenes.

Ein Text besteht aus einer Vielzahl Verflechtungen, die horizontal und vertikal aufeinander treffen. Sprachwissenschaftlich spricht man hier auch von syntagmatischen (horizontalen) und paradigmatischen (vertikalen) Beziehungen. Etwas weniger abstrakt: ein Text besteht aus einer konkreten Reihe an Wörtern – das ist die syntagmatische Beziehung. Diese Wörter stehen mit anderen, irgendwie sinnverwandten Wörtern (auch und gerade den Gegenteilen) in Verbindung – das ist die paradigmatische Beziehung.

Ein einfacher Satz: Ich liebe dich. Syntagmatisch ist hier die Reihenfolge der Wörter ich, liebe und dich. Aber auch die Wörter und Sätze, die vor und hinter dem Satz stehen, befinden sich in syntagmatischer Beziehung zu ihm. Schließlich ergibt sich die Bedeutung eines Satzes immer auch aus dem Kontext, in dem er erscheint. Die Satzfolge: Du bist ein Unmensch. Ich liebe dich. Auch wenn du es nicht verdient hast., heißt etwas ganz anderes als: Du bist ein Glücksfall. Ich liebe dich. Ich hab‘ dich gar nicht verdient. Im ersten Fall ist die Liebesbekundung eine Bekundung des Obwohl, im zweiten eine des Weil.

Gleichzeitig steht der Satz Ich liebe dich. paradigmatisch in Beziehung zu Sätzen wie: Ich hasse dich., Du liebst mich., Ich liebe mich. und so weiter. Hier wird nur ein Wort ausgetauscht und die Bedeutung wird zu einer völlig anderen. Dennoch sind die nicht realisierten Sätze gewissermaßen virtuell im Satz Ich liebe dich. vorhanden. Wie kommt das?

Wir sind hier mitten in der Frage, was überhaupt unter Bedeutung zu verstehen ist. Grundsätzlich kann man sagen, dass Bedeutung ein Unterschied ist, eine Differenz. Wenn ich also sage: Ich liebe dich., dann hat dieser Satz nicht Bedeutung, weil ich sage, dass ich dich liebe – das ist lediglich das, was gesagt wird, die bloße Nachricht, das nackte Denotat. Dass dieser Satz aber überhaupt ein Denotat hat, dass sich hier eine Bedeutung versteckt, verdankt sich der Tatsache, dass genau dieser Satz in diesem Kontext geäußert wurde. Kurz gesagt: Ich liebe dich. hat nur Bedeutung, weil nicht Ich hasse dich. gesagt wurde.

Alles erklärt sich erst und ausschließlich aus dem, was es nicht ist. Ich bin ich, weil ich nicht du bin. Aber ich bin auch ich, weil ich nicht dieses Laptop, diese Kaffeetasse, dieses gerade vorbeifahrende Auto bin.

Das Thema Bedeutung ist zweifelsohne ein extrem großes Thema, eines, das das Menschsein an sich betrifft und sogar noch darüber hinausgeht. Sicherlich auch eines, über das sich noch der eine oder andere Blogbeitrag verfassen lässt. Es ist, wenn man erstmal in der Materie drin ist, auch ein extrem spannendes Thema, aber auch sehr komplex und schwer verständlich. Semiotiker sind (mit Ausnahme Umberto Ecos und Roland Barthes) in aller Regel keine sehr galanten Schreiber.

Zurück also zu Roland Barthes und seiner Ermordung des Autors. Im normalen (oder eher: schlechten) Deutschunterricht wird die Bedeutung eines Textes, seine Aussage, nicht so umfassend untersucht. Vielmehr wird versucht, sie an den Autor und seine Biographie zu koppeln. Die Verwandlung von Franz Kafka erklärt sich so aus der Person Franz Kafka, seinem Ödipuskomplex, seiner Biographie.

Nun ist es aber so, dass die Person Franz Kafkas gar nicht mal so schrecklich spannend ist und seine Biographie ist es erst recht nicht. Übrigens fand Franz Kafka selbst Die Verwandlung eher scheiße. Ich hingegen finde, dass Die Verwandlung eines der großartigsten Stücke Literatur ist, das je geschrieben (und von mir gelesen) wurde. Aber nicht wegen irgendwelcher Ödipuskomplexe oder prekären Arbeitsverhältnisse. Ich finde es, weil sie mich anspricht. Warum sie das tut, ist gar nicht so klar und vielleicht auch nicht sehr wichtig. Oder aber: es ist das einzige, was wirklich wichtig an der ganzen Angelegenheit ist.

Aber zurück zum Tod des Autors. Warum muss der arme Mensch sterben?

Dazu muss zunächst die Frage geklärt werden, was ein Autor überhaupt ist. Der Autor in dem Sinne, den wir heute verwenden, ist ein Produkt der sogenannten Genieästhetik des 18. und 19. Jahrhunderts. Der Autor hat dabei zwei zentrale Merkmale. 1.) Er ist der (alleinige) Urheber eines Werks und 2.) das Werk ist durch und durch bewusst geschaffen worden. Ein Autor hat also die volle Kontrolle über das, was er schreibt, er ist eine Art Schöpfer, eine Art Gott.

Nicht zufällig, dass Autor und Autorität zueinander gehören. Nach diesem Denken ist der Autor die letztgültige Autorität, wenn es um das Werk geht. Wer wissen möchte, worum es in einem Werk geht, muss also den Autor konsultieren.

Nun ist dabei aber etwas extrem interessant. Diese Stärkung der Urheberschaft ist in einer Zeit aufgekommen, in der der Buchdruck bereits weit entwickelt und die Gesellschaft zu einem recht hohen Anteil alphabetisiert war. Autoren hatten die Möglichkeit zu einem geringen Materialpreis eine große Menge Leute zu erreichen. Damit konnten sie aber auch Einfluss gewinnen, eine gesellschaftliche Rolle spielen. Die rechtlich gesicherte Urheberschaft, das Urheberrecht oder Copyright, war einerseits ein Schutz des Autors in ökonomischer Hinsicht, da er allein (oder sein Verlag) das Geld für sein Werk bekommen durfte, es machte ihn aber auch gegenüber der Obrigkeit verantwortlich. Das Recht ging also einher mit einer Pflicht: der Pflicht zur Staatstreue.

Schon hier wird der Geltungsanspruch eines Autors de facto beschnitten. Abgesehen von Autoren, die zu 100% staatstreu waren (und davon gab es, waren ja alles Menschen, wohl nicht sehr viele), mussten Autoren also eine Art innerer Zensur vornehmen, wenn sie publizieren wollten. Man könnte davon ausgehen, dass die Werke der Autoren als Rätsel oder Chiffren fungierten, die kluge Leser auslegen könnten. Ein Autor zensiert sich, verpackt seine wahren Gedanken in fiktive und rhetorische Äusserungen und der smarte Rezipient versteht es, weil er klüger ist als die Zensoren oder weil er hundert, zweihundert Jahre später lebt, wenn die Zensoren bereits tot sind. Ein schöner Gedanke. Wobei – eigentlich nicht.

Denn so verkäme Literatur zu einer unglaublich langweiligen Sache. Einmal entziffert, hätte uns ein Text nichts mehr zu sagen. Genau das aber ist das Problem, wenn man es mit der Instanz eines Autors zu tun hat. Nach Barthes ist der Autor der verzweifelte Versuch ein festes Signifikat einzuführen, von dem her sich das Werk restfrei ableiten ließe. Das Werk selbst kommt dabei aber viel zu kurz, es wäre nichts ohne seinen Autor. Aber was wäre der Autor ohne sein Werk? Vieles womöglich, aber jedenfalls kein Autor.

Dass es so etwas wie einen Autor aber nach Barthes überhaupt nicht geben kann, hängt mit BarthesTextbegriff zusammen. Oben wurde bereits angerissen, was ein Text sei. Ein Text besteht aus Wörtern, die mit anderen Wörtern, eben und gerade auch solchen, die nicht in ihm vorkommen, in Beziehung stehen. Texte verweisen auf andere Texte, Texte sind Zitate. In diesem Moment, in dem ich das hier schreibe, zitiere ich andere Texte. Das gleiche gilt für meine Gedanken, die überhaupt nicht meine sind, sondern sich zusammensetzen aus fremden Gedanken, Nicht-Gedanken und Gefühlen, Stimmungen, Bedürfnissen. Niemand kann etwas vom ersten Anfang an denken, kein Text ist ein Nullpunkt. Wir sind immer schon in der Sprache, wir sind immer schon im Text und zwar im großen Text, der die Welt ist.

Der Autor ist daher eine Kunstfigur, die dazu dienen soll, einen Text abzuschließen. Übrigens habe ich mir Mühe gegeben Text und Werk hier nicht als Synonyme zu verwenden. Ein Werk ist, wie der Autor, ein künstlicher Begriff, ein Versuch etwas abzuschließen.

Ein Text hingegen ist ein Gewebe aus einer unübersehbaren Menge an Zitaten aus sich fremdesten Kulturen, Traditionen und Sprachen. Ganze Texte, ihre Sätze, die Wörter, selbst die Segmente der Wörter stehen zu ganz fremden Gegenständen in paradigmatischen und syntagmatischen Beziehungen und es ist eben nicht der Autor, der all diese Verflechtungen, Strebungen und Richtungen bündelt, denn der ist in dem Moment, in dem der konkrete Text verfasst und in der Welt ist, nicht mehr wichtig, ist (so gesehen) gestorben.

Sehr lebendig hingegen sind wir, die wir diesen einen Text lesen. Die Person des Lesers ist der Brennpunkt, in dem die verschiedenen Weisungen, Pfade, Spuren und Strebungen konzentriert und realisiert werden. Barthes beendet seinen Text mit dem Satz: „Die Geburt des Lesers muß mit dem Tod des ‚Autors‘ bezahlt werden.“ Das wurde von einigen Menschen, zum Beispiel der im Vergleich zu Barthes recht unbedeutenden dänischen Literaturwissenschaflerin Pil Dahlerup, als Aufstand der Unproduktiven bezeichnet. Nach dieser Lesart würden erbärmliche Literaturkritiker den großen Künstlern, den übermenschlichen Dichtern, den Erfolg neiden und durch miese, kleinliche Moves ein Stück vom Kuchen abhaben wollen.

Ich persönlich denke, dass hinter dieser Anschuldigung eher der Versuch steckt, die Dichterpersönlichkeit mythisch zu überhöhen. Interessant ist, dass es oftmals die gleichen Theoretiker:innen sind, die das schwindende Interesse an Literatur in unserer Zeit beklagen. Ob da vielleicht ein ursächlicher Zusammenhang zwischen ihrem Elfenbeinturm und der Abwendung eines potenziellen Publikums liegt? Ob vielleicht ihre Konstruktion lebensferner Halbgötter mit Schreibfeder Schüler:innen abstößt? Ob vielleicht sie die Wiedergeburt des Autors mit dem Tod der Literatur erkaufen?

Fragen über Fragen, auf die ich leider nur eine Antwort habe: ja. Oder doch nicht?

Literatur: Barthes, Roland: Das Rauschen der Sprache. Kritische Essays IV. Frankfurt am Main: 2012

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