Die Langeweile der Mütter. Performativer Existenzialismus am Wickeltisch.

Seien wir ehrlich: allein mit einem Baby kann es ziemlich langweilig werden. Babys sprechen nicht, sie gehen nicht, sie liegen, jauchzen und bekunden Unmut. Mütter berichten von lähmender Langeweile, tödlicher Öde und anschließender Selbstzerfleischung. Sprechen sie über Langeweile, dann wird ihnen mehr oder weniger implizit vorgeworfen, sie würden versagen, es sei ihr Fehler. Doch Langeweile in der Elternzeit ist kein Versagen. Sie legt vielmehr offen, was ein zentrales Problem unserer Zeit ist. – Kleiner Spoiler: die Mütter sind es nicht.

Die Langeweile in der Elternzeit: Silke Ohlmeier und ein Tabu

Warum erlebt man Langweile? Die Soziologin Silke Ohlmeier meint: Besonders dazu geeignet, Langeweile zu produzieren sind Situationen, die normativ aufgeladen sind. Langeweile hat viel mit Erwartungen zu tun.

Ein Paradebeispiel für eine solche Situation ist Elternschaft, insbesondere Mutterschaft. Im Land des Mutterkreuzes ist die heimische Dyade aus Mutter und Kind nie reine Privatsache. Erwartet wird, dass Mutterschaft als erfüllend erlebt wird. Langeweile am Wickeltisch ist ein Tabu: wer sie formuliert, wird stigmatisiert.

Genau daraus erwächst aber eine Einsamkeit, die die Problematik noch verschärft. Einsamkeit und Langeweile gehören zusammen: eingesperrt mit dem Kind, das nicht sprechen kann, sind Mütter allein – und werden dennoch bewertet, normiert und politisiert: „Motherhood is not a private enterpreise. It is endlessly and exhaustively public“, schreibt Donath.

Woran liegt die Langeweile bei der Mutterschaft?

Trieft die Langeweile aus den langweiligen Tätigkeiten selbst? Windelwechseln, unproduktives Warten während der Schlafzeiten, Essen kaufen, kochen, abräumen. Es scheint, als würde die Langeweile aus diesen Tätigkeiten sickern. Tatsächlich aber, so Ohlmeier, sind es weniger die Tätigkeiten, als vielmehr der Umstand, dass diese eher der Freizeit zugerechnet werden.

Fürsorgearbeit wird – von vielen – nicht als „echte Arbeit“ gesehen. Sie ist nicht nur unbezahlt, sie erlangt auch keine Aufmerksamkeit, hat kein Prestige. Schon der Begriff Erziehungsurlaub verrät, dass Fürsorgearbeit als Hobby angesehen wird. Allerdings ein Hobby, das notwendig und deswegen moralisch aufgeladen ist.

Auf und Abwertung von Müttern – die Shizophrenie einer Gesellschaft, die nicht weiß was sie will und nicht will, was sie weiß

Und nochmal wird das Mutterkreuz bemüht. Hier steht es auch als Symbol dafür, was nicht stimmt mit den Vorstellungen, die durch Internet, Zweiraumwohnungen und Reihenhäuser geistern: „The mother is portrayed as naturally self-sacrificing, endlessly patient, and devoted to the care of others in ways that almost demand that she forgets she has her own personality and needs“ (Donath).

Langeweile im Kinderzimmer ist vor allem deswegen ein Tabu: Im Material, das Ohlmeier und Kollegen auswerten, hat genau ein Mann einen Beitrag geleistet: „Kann man als Mutter im ersten Jahr überhaupt Langeweile haben?“ Und das trifft es auf den Kopf, denn da wird genau das angesprochen, was das Problem ist: das Bild von Mutterschaft.

Mutterschaft und Langeweile schließen sich aus in dieser Ideologie, eben weil erwartet wird, dass die Mutter komplett auf das Kind bezogen ist. Sie soll aufgehen im Kind, in der Tätigkeit – und eigentlich soll sie damit verschwinden. Mutter werden, so impliziert die Ideologie, ist eine Art Tod. Wer Mutter wird, gibt Leben und gibt damit Leben ab.

Das Ideal ist verlogen – und wird verlängert

Das Mutter-Ideal ist verlogen, weil wir gleichzeitig eine Ideologie fahren, in der Erwerbsarbeit über Fürsorgearbeit gestellt wird. Die Mutter wird idealisiert, gleichzeitig wird sie aber auch ein bisschen verachtet, schließlich ist sie ja „nur Hausfrau und Mutter“, macht keine echte Arbeit – und jammert dann auch noch rum, dass das nicht erfüllend ist.

Hausarbeit ist von zentralen Anerkennungsprozessen ausgeschlossen und Anerkennung ist im Spätkapitalismus an Erwerbsarbeit gekoppelt. Ohlmeier und Kollegen haben entdeckt, welche Bewältigungsstrategien primär verfochten werden: Aktionismus, Ablenkung, Verdrängung.

Das ist nicht die Schuld der einzelnen Betroffenen, vielmehr teilt sich hier eine protestantische Leistungsethik mit, die das Tätigsein als Selbstzweck setzt. Auf die verspürte Langeweile folgen blindwütige Tätigkeiten, die die Langeweile nur verstärken. Ein kapitalistischer Teufelskreis. Denn das eigentliche Problem wird nicht angegangen. Es wird symptomatische Therapie betrieben, die die Krankheit verlängert.

Das Potenzial der Langeweile

Und doch, schreiben Ohlmeier und Kollegen, hat die Langeweile „ein interessantes demaskierendes Potenzial“. Schließlich kann sie „als eine Art augenöffnendes Phänomen verstanden werden, durch das die gescheiterten Versprechungen der Diskurse sichtbar werden.“

Ohlmeier und Kollegen betreten mit dieser Schlussfolgerung nur bedingt Neuland. Schon Adorno begriff Langeweile als „Ausdruck von Deformationen, welche die gesellschaftliche Gesamtverfassung den Menschen widerfahren läβt.“ Und als Ausdruck ist die Langeweile immer auch Indikator, Hinweis auf etwas, auf Strukturen und Diskurse.

Noch einen Schritt weiter als Adorno ist Heidegger gegangen. Auch er bestimmt die Langeweile als Zeichen für etwas, nur dass er in der Langeweile statt der gesellschaftlichen Gesamtverfassung die existenzielle Gesamtverfassung offengelegt sieht.

Heideggers Trinität der Langeweile

Heidegger unterscheidet drei Arten von Langeweile:

  1. Das Gelangweiltwerden von etwas
  2. Das Sichlangweilen bei etwas
  3. Die tiefe Langeweile als das „es ist einem langweilig“

1. Das Gelangweiltwerden von etwas

Das Gelangweiltwerden von etwas ist dabei noch relativ einfach. Ein Buch, ein Blogartikel oder das Wechseln einer Windel kann langweilig sein. Woran das genau liegt, ist nicht immer zu sagen. Ein Buch mag, so drückt es Heidegger aus, uns einfach nichts angehen, es lässt uns leer. Und auch eine redundante Tätigkeit wie das Wechseln der Windel, kann uns leer lassen.

Weitere Kandidaten sind Abwaschen oder Staubsaugen, Tätigkeiten also, bei denen wir uns – womöglich – soweit unterfordert fühlen, dass wir nicht in den Flow kommen. Diese Art der Langeweile, die von Ohlmeier als situative Langeweile bezeichnet wird, zeichnet sich dadurch aus, dass sie von einem Objekt herstammt und dass sie in vielen Fällen bekämpft werden kann: man kann einfach etwas anderes machen.

2. Das Sichlangweilen bei etwas

Das Gelangweiltwerden von etwas ist noch relativ unproblematisch und greift nicht an unsere Substanz. Die zweite Art der Langeweile ist hingegen schon etwas bedrohlicher. Hier ist es „ fast so, wie wenn die Langeweile von uns aus käme und sich selbst fortspinnt, ohne noch der Verursachung durch und des Gebundenseins an das Langweilige zu bedürfen“. Die Langeweile dehnt sich über die Gegenstände aus und wird tiefer.

Oft ist die zweite Art Langeweile kaum spürbar. Sie ergreift uns häufig erst im Nachhinein. Heideggers Beispiel ist eine Zusammenkunft, ein netter Abend, das, was man früher eine Gesellschaft nannte, etwas, worüber man am Ende sagt, man solle es unbedingt wieder oder öfter machen – und es dann eben nicht tut, weil es so gottlos langweilig war.

3. Die tiefe Langeweile

Heidegger geht hier vom Zeitvertreib aus. Denn eine unverbindliche, herzlich egale und letztlich nur eine Störung darstellende Beschäftigung, ist ein Zeitvertreib. Zuletzt aber ist diese zweite Form der Langeweile auch nur ein Hinweis auf die eigentliche Form der Langeweile, die „tiefe Langeweile, die in den Abgründen des Daseins wie ein schwebender Nebel hin- und herzieht“.

Heidegger versteht „eigentliche Langeweile“ als Moment, in denen das „Ganze des Seienden“ sich offenbart. Diese Langeweile ist damit auch eine Art Hellsichtigkeit. Sie „rückt alle Dinge, Menschen und einen selbst mit ihnen in eine merkwürdige Gleichgültigkeit zusammen.“ Sie zeigt, wie das Leben ohne jemanden, der es betrachtet (Dasein), ist: unverborgen, aber auch gräßlich desinteressiert.

Was Ohlmeier und Heidegger verbindet

Diese existenzielle Form der Langeweile ist vielleicht das, was Ohlmeiers Mütter in der Situation fernab der Erwerbsarbeit und damit auch fernab der Moderne erleben: das Zurückgeworfensein auf die schiere Existenz. Sie werden damit an einen metaphysischen Ort geworfen, der nicht nach ihnen fragt, der aber – vielleicht – als Ausgangspunkt dienen kann, das eigene Leben – und jenes halbfremde, halbeigene, das man begleitet – auf ein neues Fundament zu stellen. Dieses Fundament ist langweilig, im wahrsten Sinne, und doch echt.

Natürlich hilft das keiner existenziell gelangweilten Mutter in Elternzeit. Aber es steckt doch ein gewisses Potenzial in dieser Analyse: Was Heidegger kritisiert, ist das große „man“ – „man soll seine Mutterschaft als erfüllend erleben“, „man darf sich am Wickeltisch nicht langweilen“ – dieses „man“ meint Heidegger. Es ist nun genau dieses man, das die Langeweile am Wickeltisch hervorruft und damit etwas über sich selbst verrät.

Langeweile deckt auf, was wirklich falsch ist

Niemand ist gelangweilt davon, sich um eine andere Person zu kümmern, vielmehr bricht Langeweile auf, weil unser gesellschaftlich deformiertes Leben uns das Kümmern systematisch austreibt. Dass Fürsorgearbeit langweilig ist, verrät mehr über Arbeit als übers Kümmern. Worunter wir am Wickeltisch leiden ist nicht das Wickeln, nicht die Elternschaft, sondern der Zugriff des man, der bis ins Schlafzimmer reicht.

Vielleicht ist die Langeweile ein schlechtes Gewissen sich selbst gegenüber: die Erfahrung, dass es ein richtiges Leben im Falschen einfach nicht geben kann, dass wir nichts an unserer Dyade ändern müssen, sondern an den Zuständen, die uns die Dyade versauen.

Und jetzt? – Eine Art Fazit

Die Erfahrung von Langeweile ist nicht gut, sie ist nicht erfüllend, sie legt sogar schonungslos offen, wie wenig erfüllend unser Leben im Spätkapitalismus ist. Das ist die Aporie unserer Zeit. Langeweile, schreibt Adorno, müsste nicht sein. Sie zu tabuisieren verlagert die Schuld auf die, die unter ihr leiden – und sorgt bloß dafür, dass der langweilende Laden weiter läuft. Und läuft. Und läuft.

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