Textwandel.org ist natürlich schwer serviceorientiert. Und bildungskleinbürgerlich vielleicht auch. Ein bißchen. Das macht aber nichts, weil Du davon profitieren kannst. Heute steht nämlich mal ein wirklich wertvolles Learning an. Wir diven ein in die Tiefen der Rhetorik. – Und die AfD wird auch gebasht.
Wir tun das nicht, indem wir fragen: Was ist ein Asyndeton? Was ein Malapropismus? Und was zur Hölle ist eigentlich ein Homöoteleuton? – Nein, wir schauen uns die Prinzipien dahinter an. Bildung ist nicht Bulimielernen, Bildung ist nachhaltiger Umbau der eigenen kognitiven Verschaltung: die rote Pille quasi. Also die echte, nicht die, die die Nazis dafür halten.
Was ist Rhetorik? Oder: Was ist ein Trikolon?
Ich fange hinten an – und zwar buchstäblich. Denn Kolon, das ist der Darm, der Dickdarm, um genau zu sein. Das Trikolon ist nun aber nicht die heilige Dreizottigkeit aus Dünn-, Dick- und Enddarm, sondern ein rhetorisches Mittel, das aus drei Elementen besteht.
Also doch: Rhetorische Mittel? Nach der Einleitung??? – Naja, irgendwie ja und irgendwie nein. Das Trikolon ist deswegen wichtig, weil Rhetorik sich als Trikolon auffassen lässt. Das heißt: Rhetorik ist eine Dreiheit, sie hat drei Elemente – aber nur eine Funktion. Das teilt sie im übrigen mit dem Darm.
Wieso nutzt man Rhetorik? Oder: die Funktion geschliffener Rede.
Rhetorik ist nicht gleichbedeutend mit Überreden. Überreden ist entweder Gewalt oder Betrug. Das macht Rhetorik nicht mit, denn sie will überzeugen. Mit Betrug lassen sich Menschen vielleicht einwickeln, früher oder später bemerken sie den Scam und machen sich aus dem Staub.
Das Gleiche ist’s bei der Gewalt. Sicher, mit Angst und Schrecken kann man den einen oder anderen hinter sich versammeln, die Manosphere funktioniert schließlich über Angst. – Aber auch hier gilt: bei der ersten Gelegenheit war’s das mit der Gefolgschaft, keiner wollte es im Nachhinein, alles nur ein großes Missverständnis. Wir Deutschen kennen das gut.
Wer überzeugt, der bekommt keine Minions, sondern Nibelungen. Wer überredet, der bekommt im besten Fall Kunden auf Zeit. Stammkunden werden daraus aber nur im Falle masochistischer Neigungen.
Was macht man eigentlich, wenn man rhetorisch spricht?
Doch was macht einer, der rhetorisch spricht? Nutzt er die ominösen Stilmittel? Ja, sicher, das macht er auch. Aber das tun wir eigentlich immer. Jeder Satz der geäußert wird, lässt sich mit dem einen oder anderen Stilmittel beschreiben. – Der eben war zum Beispiel hyperbolisch. Und der danach elliptisch. Und dieser hier eröffnet einen Parallelismus. Und der setzt einen Punkt und wird so: metaphorisch. Man entkommt den Stilmitteln nicht. Das wusste vor allem Nietzsche, der unsere ganze Sprache als Metaphorisch begriff.
Aber wenn man der Rhetorik eh nicht entkommen kann, was gibt es dann über sie zu lernen? Nun, dreierlei, ein klassisches Trikolon: Pathos, Ethos, Logos. Auf diesen drei Elementen fußt Rhetorik seit Aristoteles, der sich den ganzen Bums ausgedacht hat. Und eigentlich ist es ziemlich sinnlos, zwischen Rhetorik und Rede überhaupt zu unterscheiden. Denn Rhetorik heißt nichts anderes als Rede oder Redetechnik. Jede Rede ist rhetorisch – und jede echte Rede hat die drei Elemente Pathos, Ethos und Logos in sich.
Pathos
Katharina von Schlieffen bringt es auf den Punkt: „Logos zielt auf den Kopf, Pathos auf das Herz und Ethos auf die soziale Haut eines Auditoriums.“ Wobei: gerade der letzte Punkt ist eigentlich ein bißchen unklar, aber zu dem kommen wir auch noch. Zu Beginn das Pathos also, was nicht Pathetik meint. Pathetik ist, was einer macht, wenn er von „schwarzen Meteoren, himmelan stürmend im Gewande der Nacht“ spricht. Oder so. Pathetik ist immer auch ein bißchen pathetic – unangenehm wird es, schmalzig und klebrig.
Dabei ist Pathos an sich nicht verkehrt. Pathos ist die Domäne der meisten Stilmittel. Pathos will wirken, indem es die Sinne reizt, zum Beispiel durch sprachliche Schönheit. Oder durch Nüchternheit und Sachlichkeit. Oder auch, wie Julia Klöckner und ich es gern halten: durch Wiederholungen.
„Sie haben zugehört, als Veteranen Geschichten aus dem Einsatzalltag erzählten:
– wie es ist, wenn jeder Schritt ein Risiko bedeutet,
– wie es einen Menschen verändert, wenn der Kamerad verwundet wird,
– wie es schmerzt, Kinder sterben zu sehen –
oder – wie Afghanistan einen nicht mehr loslässt, auch Jahre nach der Rückkehr.“
Schön ist es nicht, aber vielleicht wirkungsvoll. Wenigstens für CDU-Wähler und solche, die es werden wollen. Bei mir bleibt eher der Eindruck, dass das mit dem Veteranentag doch nicht so eine gute Idee war, wenn Julia Klöckner dort auftritt und sich so knapp an der Pathetik vorbei des Pathos bedient.
Klar ist, die ewige Wiederkehr des Gleichen namens PTBS wird hier rhetorisch nachgebildet. Die Funktion ist dabei keine Retraumatisierung – und ich verkneife mir den entsprechenden Witz, der sich angesichts unserer geliebten Bundestagspräsidentin anbieten würde. Die Funktion besteht darin, die Gäste Anteil nehmen zu lassen an dem, was „einen nicht mehr loslässt, auch Jahre nach der Rückkehr.“ Das ist Pathos, wie es sein sollte. Gefühle wecken, aufrütteln.
Logos
Nach Aristoteles sind Logos, Ethos und Pathos Überzeugungsmittel. Logos ist dabei das Überzeugungsmittel, „das beweist oder zu beweisen scheint“. Der gute alte Aristoteles ist dabei natürlich sehr smart. Beweisen und scheinbar beweisen sind zwei Dinge, die im Resultat ziemlich gleich, im Weg dahin aber ziemlich unterschiedlich sind. Richtiges Beweisen ist Sache der Logik. Wer Beweise will, der bastele sich einen Syllogismus.
In der Rhetorik reicht es meistens, dass etwas scheinbar bewiesen wird. Es ist nicht so wichtig, ob etwas wirklich begründet wird, der Anschein einer Begründung genügt. Das heißt nicht, dass die Behauptungen innerhalb einer Rede geradezu falsch sein müssen. Auf keinen Fall aber dürfen sie falsch wirken.
Laut Aristoteles geht das in der Rhetorik durch Beispiel und Enthymen. Ein Beispiel ist eine Art Beweis, in dem eine allgemeine Regel mithilfe eines erzählten Einzelfalls erläutert wird. Ein Beispiel senkt den Abstraktionsgrad und verdeutlicht einen Sachverhalt. Genau dadurch erweckt das Beispiel den Eindruck, als Beweis zu wirken.
Natürlich erklärt ein Beispiel eigentlich nichts, zumindest keine kausalen Zusammenhänge. Ein Beispiel ist eine Ableitung aus einer allgemeinen Regel und erweckt den Anschein, die Regel zu beweisen, tatsächlich aber beißt sich die Katze hier ziemlich beispiellos in den Schwanz, denn das, was zu beweisen wäre, wird damit nicht bewiesen. Bewiesen wird lediglich, dass, wenn die Grundannahme stimmt, auch das Beispiel stimmt.
Und ganz ähnlich verhält es sich mit dem Enthymen. Ein Enthymen ist eine Argumentationsform, bei der a) Grundannahmen stillschweigend vorausgesetzt werden und b) ein Satz als Stütze für einen anderen dient.
„Unser wichtigster Vorschlag, mein wichtigster Vorschlag ist, jetzt endlich Grenzkontrollen dauerhaft durchzuführen und Zurückweisungen zu ermöglichen. Meine Damen und Herren, dieser Vorschlag ist, nachdem die gesamte europäische Einwanderungs- und Asylpolitik dysfunktional geworden ist – und sie ist dysfunktional -, ein Vorschlag, der schon nach einfachem europäischen Recht zulässig ist. Ich stelle Ihnen mal die Frage: Was machen Dänemark, Schweden, Finnland, Italien, die Niederlande, viele andere Länder in der Europäischen Union denn anders, als ich es hier vorschlage? – Diese Länder sind in derselben Europäischen Union wie wir.“
Dieses Redefragment von Friedrich Merz ist ein tolles Beispiel für eine enthymatische Argumentation – und für das Stilmittel des Whataboutisms am Ende. Zurückweisungen an europäischen Binnengrenzen sind laut Europäischem Gerichtshof illegal. Das weiß Friedrich Merz womöglich, ignoriert es aber gekonnt und behauptet, nach einfachem europäischen Recht sei das, was nicht möglich ist, möglich. Man könnte sagen, er hat von Trump gelernt.
Interessant ist dennoch, dass Merz zwischen den Vorschlag und die Behauptung, dieser sei möglich, den Passus von der Dysfunktionalität einschaltet. Ablenkung? Naja, wohl kaum. Eher geht es darum, dass er sagen will: Die Grundlage, auf der die alte Rechtsprechung erfolgte ist passé, heute ist das System dysfunktional.
Und überhaupt: andere machen es doch auch. Ganz abgesehen davon, dass das schon immer schon ein schlechtes Argument war („aber Mama, alle haben Cola zum Frühstück geraucht“), ist es auch ein Enthymen. Die Prämisse, die Merz hier verschluckt, ist: Was andere machen, das ist okay. – Nicht unbedingt das, was eine selbsternannte Führungspersönlichkeit sagen sollte, aber hey, solange Donnie unser Knie tätschelt und wir das Paschaproblem im Stadtbild… Ach Friedrich, womit haben wir dich nur verdient?
Ethos
Und Ethos? Ethos wiederum ist laut Schlieffen das, was an die „soziale Haut des Publikums“ appelliert. Das ist natürlich ziemlich schwammig, lässt sich aber relativ gut erklären. Ethos meint soviel wie Sitte oder auch Anstand. In der Rhetorik meint Ethos die Art und Weise, in der Redner*innen sich präsentieren. Dieses „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, das Luther nie gesagt hat, ist ein gutes Beispiel für Ethos. Oder wäre es zumindest.
Da wir jetzt schon Julia Klöckner und Friedrich Merz hatten, fehlt eigentlich nur noch die AfD in dieser Klimax des Grauens. Voilà: Björn Höcke:
„Weil wir Patrioten dasselbe Leiden in den Knochen haben und weil wir derselben Sache dienen, möchte ich es hier nochmal in aller Öffentlichkeit und aller Deutlichkeit aussprechen: Ich persönlich, liebe Freunde, ich persönlich bin stolz auf das, was ihr in Dresden erreicht habt. Ihr Sachsen, ihr Dresdner, seid für uns Thüringer und für uns Erfurter das große, unerreichte Vorbild!“
Es wäre lustig, wenn’s nicht so ernst wäre. Wahl-Ossi Höcke präsentiert sich hier als Thüringer – und merkt gar nicht, dass ihn das zu einem Würstchen macht. Der Punkt ist aber, dass er hier so tief im Arsch der jungen Alternative Sachsen steckt, dass man gar nicht mehr von irgendwelchen Häuten, sozialer oder welcher Natur auch immer, sprechen kann. Höcke versucht, sich selbst als Patrioten und strammen Ossi aufzuspielen, indem er die Patrioten und strammen Ossis dafür lobt, dass sie Patrioten und stramme Ossis sind. Oder Nazis und Faschisten – aber das ist ein anderes Thema.
Wenn ich das so betrachte, als hätte es keine Relevanz für die Politik der Bundesrepublik, nüchtern nämlich, dann würde ich sagen, Höcke geht wie folgt vor. Er kreiert eine In-Group (zuvor sprach er über linke „Wirrköpfe“ und die „staatsgefährdende Politik der Altparteien“ – setzte also eine Out-Group). Diese In-Group wird gebildet von den Patrioten, denen das gleiche Leid in den Knochen stecken würde.
Höcke macht den Verständnisvollen, Mitfühlenden und Mitbetroffenen – und aus dieser Position der eigenen Erhöhung durch Überhöhung der anderen Gruppenmitglieder formuliert er dann diesen Satz, der rechten Sachsen runtergeht wie die gute Butter von Sachsenmilch (natürlich eine Marke der Theo Müller Unternehmensgruppe): „Ihr Sachsen seid das unerreichte Vorbild.“
Auch das ist Ethos, ja, auch Arschkriechen ist Ethos. Bei der AfD ist das anscheinend gute Sitte. – Und da wären wir dann wieder beim Darm und der Frage, was der eigentlich mit Rhetorik zu tun hat. Antwort: meist nicht viel. Bei der AfD aber wird der Darm zum Programm: Wurstförmige Säcke voller Scheiße, aus denen meist dann doch nur heiße Luft herauskommt.