Jüngst erschien ein interessanter Artikel im Spiegel. Überschrift: „Was der Name ‚Epic Fury‘ über Trumps Sicht auf den Krieg verrät.“ Da wir das aber sowieso wissen – und der Artikel hinter der Paywall ist –, kannst Du auch einfach hier bleiben. Und im Zweifelfall lernst Du auf textwandel.org eh ein bisschen mehr.
Auch der aktuelle Militärschlag der USA knüpft an eine Tradition an. Zumindest, was die Benennung anbelangt. Ansonsten ist der neueste Angriffskrieg sogar für US-Amerikanische Verhältnisse bedenklich: sogar Bush Jr. gab sich rudimentär Mühe, Kriegsgründe (und -ziele) aus dem Hut zu zaubern. Selbst das braucht es heute nicht mehr. Dafür gibt’s markige Namen: „Epic Fury“, „Midnight Hammer“ (Angriff auf das Iranische Atomprogramm) und „Absolute Resolve“ (Maduro-Entführung). Das sind die Namen, die sich die Trump-Führung mittlerweile ausdenkt.
In der ersten Amtszeit – man denke etwa an den Luftangriff gegen Syrien – gab es noch keine Namen. Vielleicht ein Zeichen dafür, dass Trump nach der „Schmach von Oslo“ tatsächlich nicht mehr glaubt, an den Frieden gebunden zu sein. Aber das ist nicht Thema dieses Artikels.
Thema ist, wie die Logik hinter den Operationsbezeichnungen in Kriegen, Krisen, Aggressionen beschaffen ist. Es ist, angesichts der Tatsache, dass auf dieser Welt so viele Kriege wie seit 1945 nicht mehr toben, ein wenig zynisch, auf so eine Nebensächlichkeit abzuzielen. Andererseits glaube ich, dass ein wenig therapeutischer Zynismus noch nicht gleichbedeutend mit Kriegsgeilheit ist. Und überhaupt: therapeutischer Zynismus ist doch die Kernkompetenz von textwandel.org.
Die Kunst, Kriege zu benennen: „The Art of Naming Operations“
Es gibt und gab verdammt viel Krieg auf dieser Welt und deswegen gibt und gab es viele Namen für Operationen, Aktionen oder ganze Kriege. Gregory C. Sieminski, ein Angehöriger der US-Streitkräfte, hat 1995 einen Artikel namens „The Art of Naming Operations“ publiziert, der bemerkenswert bekannt dafür ist, wie unbekannt sein Verfasser ist.
Darin findet sich eine Anekdote: Kurz nachdem Bush Senior die Invasion von Panama (Deckname Blue Spoon) befohlen habe, hätten zwei hochrangige Generale miteinander telefoniert. Der eine sagt: „Do you want our grandchildren to say you were in Blue Spoon?“ Und der andere sieht ein: das geht natürlich nicht. Ende vom Lied: die Invasion von Panama wurde „Just Cause“ genannt.
Laut Sieminski haben Operationsnamen ein klares Ziel: „shaping percetions about the acitivites“. Es gehe um Public Relations. Bush Junior hat das mit „Iraqi Freedom“ 2003 durchaus gut versucht, auch wenn die Realität anders aussah. Ein klassisches Beispiel aus der US-Geschichte ist die Operation „Uphold Democracy“ in Haiti.
Ray Hiebert schrieb: „The effective use of words and media today . . . is just as important as the effective use of bullets and bombs. In the end, it is no longer enough just to be strong. Now it is necessary to communicate. To win a war today government not only has to win on the battlefield, it must also win the minds of its public.“
Allerdings ist diese Wende zur PR eine relativ späte Entwicklung. Ursprünglich trugen Operationen schlicht und ergreifend Codenamen. Und das ist auch heute noch gängig – außerhalb der USA und Israel. Doch so richtig arbiträr waren die Codenamen dann auch nicht. Catchy sollten sie von Anfang an sein, allein schon, damit sie im Gedächtnis der Verantwortlichen haften bleiben. Ein Unternehmen 37-DL zu nennen und die Folgeoperation 67-AI kann zu Verwirrung führen. Heißt die erste Operation Bluthund und die zweite Schweißnaht, funktioniert Kommunikation einfach besser – auch, weil der Begriff, selbst wenn er nichts mit der Sache zu tun hat, Assoziationen freisetzt.
Den Anfang hat der deutsche Generalstab gegen Ende des 1. Weltkriegs gemacht. Und weil da vor allem an Clausewitz und Moltke orientierte Preußen saßen, die den krieg als Kunst und weniger als Handwerk sahen, haben sie sich für Namen entschieden, „that were not only memorable but also inspiring“. „Erzengel“, „St. Georg“, „Roland“ und „Achilles“: Mythologie, Dichtung, Religion: das volle Programm also. Die US-Amerikaner hatten reine Codenamen zu dieser Zeit: „Indigo“, „Gray“ oder „Black“.
Zwischen Codename und thematischer Benennung
Tatsächlich waren Briten und US-Amerikaner sogar dezidiert darauf aus, dass die Namen keine Rückschlüsse auf Art oder Ziel der Operation zulassen würden. Zumindest theoretisch und meist. Denn es gab natürlich den späteren Literaturnobelpreisträger Winston Churchill, der zumindest für bestimmte Operationen Namen wählte, die ein gewisses Air verbreiteten.
Würdevolle Namen sollten es sein, gerade bei wichtigen und gefährlichen Operationen. Churchill glaubte an einen Kompromiss: „After all, the world is wide, and intelligent thought will readily supply an unlimited number of well- sounding names which do not suggest the character of the operation or disparage it in any way and do not enable some widow or mother to say that her son was killed in an operation called Bunnyhug or Ballyhoo.“
Tatsächlich war Churchill einflussreich auf dem Gebiet der Operationsbenennung, sowohl für die Briten als auch für die Amerikaner. Inspirieren ließ er sich vom Kriegsgegner. So verhinderte Churchill, dass der Bombenangriff auf die rumänischen Ölfelder „Soapsuds“ genannt wurde. Stattdessen wurde es „Tidal Wave“. – Wobei „Gezeitenwelle“ dann doch noch ein wenig besser klingt.
Zwischen „Nordwind“ und „Doppelschlag“: Die deutsche Namenspraxis im zweiten Weltkrieg
Dennoch war es im zweiten Weltkrieg immer noch so, dass die meisten Operationsnamen random vergeben wurden. Das war bei den Alliierten so, bei den Japanern auch, die die meisten Operationen einfach nummerierten – und bei den Deutschen war es nicht anders. Zumindest meist. Einige Operationen bzw. im deutschen Jargon: Unternehmen, wurden ziemlich bewusst benannt. So etwa der Russlandfeldzug, der als „Unternehmen Barbarossa“ buchstäblich in die Geschichte eingehen sollte.
Barbarossa, also Friedrich der 1., war ein ziemlich kriegerischer Deutscher Kaiser: viel Aggression richtete sich dabei nach Osten. So unterwarf er Bolesław von Polen und damit einen slawischen Herrscher, rüstete sich zum Kreuzzug gen Jerusalem, und dann wird er auch noch mythologisch überhöht. Es heißt schließlich, Barbarossa schlafe im Kyffhäuser und warte darauf bis heute darauf, dass Deutschland vereint oder stärker oder besser oder was auch immer werde. So oder so: Das „Unternehmen Barbarossa“, das dem selbsternannten „Volk ohne Raum“ genau diesen Lebensraum schaffen sollte, war also bewusst mythologisch unterfüttert.
„Verflucht ist die Deutsch“: Eine Sprache auf Abwegen?
Deutsche Operationsnamen mögen in vielen Fällen zufällig gewesen sein. Dennoch scheint es mir – und ich sage das als bekennender Fan der deutschen Sprache –, als ob meine Muttersprache besonders geeignet für martialische Operationsnamen ist. Vielleicht ist Deutsch eine schlichtweg martialische Sprache? Eine Sprache auf Abwegen? Doch nicht so hindurchgegangen, wie Celan meinte? Ist Deutsch immer noch verflucht? Vielleicht.
Natürlich sind Alpenveilchen, Edelweiß und Wiesengrund nicht gerade blutrünstig und in erster Linie zufällig zugewiesene Decknamen. Dennoch verbreiten selbst diese floralen Begriffe eine bestimmte Wirkung. Das „Unternehmen Edelweiß“ weckt halt schon Erwartungen – und zwar stärkere als „Blue Spoon“.
Noch viel intensiver wirken natürlich die Unternehmen, deren Namen nicht zufällig sind: „Doppelschlag“, „Lachsfang“ oder „Nordseetour“. Auch „Operation Walküre“ ist ein fancy Name – und steht eigentlich für Pläne, wie ein etwaiger Aufstand niederzuschlagen sei und nicht für das Hitlerattentat des 20. Juli 1944. Man muss kein Jünger-Jünger sein, um hier ganz kurz mal anerkennend zu nicken.
Weitere Nazi-Kreationen: „Eisenhammer“, „Drachenhöhle“, „Frühlingserwachen“. Auf der Favoritenliste ganz oben: „Trappenjagd“, „Nordwind“ und natürlich „Unternehmen Hackfleisch“. Das sind propagandistisch gute Titel für kriegerische Aktionen. Manche, wie „Unternehmen Hackfleisch“, sind nicht unbedingt intendiert, sondern fangen primär mit dem richtigem Buchstaben an. Funktionieren tun sie trotzdem.
Woher kommen die besten Namen für Operationen?
Es ist nicht ganz einfach zu sagen, welche Operationsnamen die besten sind. Ich würde sagen: Solche, die bestimmte Assoziationen hervorrufen. Vor allem Stärke, Entschiedenheit, ein klares Ziel. Martialische Namen passen natürlich, was ja schon das Wort verrät. Ein Klassiker ist und bleibt „Desert Storm“ – auch wenn „Desert Storm“ streng genommen keine Operation, sondern der ganze Krieg war. Eine Operation darin war „Desert Sabre“.
Auf seinem Gebiet gut gewählt ist auch „Rolling Thunder“, für das Luftbombardement Nordvietnams. Mit „Killer“ und „Ripper“ haben es die US-amerikaner allerdings wieder übertrieben, das klingt nur nach Genozid, nicht nach Haager Landkriegsordnung.
Ein Händchen für Operationsnamen hat Pakistan. „Swift Retort“, „Dshingiz Khan“, „Desert Hawk“. Das sind solide, sprechende Titel für Operationen. Das entsprechende Bild nistet sich stante pede im Kopf ein. Ebenfalls kreativ war Rhodesien, das heutige Simbabwe. Hier hießen die Operationen „Overload“, „Hurricane“ oder „Dingo“.
„Hochzeit in den Bergen“, Armenien, ist ein geradezu poetischer Operationsname. Die EU wiederum nennt ihr Engagement am Horn von Afrika „Atalante“. Passend: Atalante ist vor allem für’s schnelle Weglaufen bekannt.
Was ist ein guter Name für eine Militäroperation?
Aber was machen wir jetzt mit den jüngsten Operationsnamen „Midnight Hammer“ und „Epic Fury“? Sind das gute Operationsnamen? Ich denke nicht. Sie gehen in die richtige Richtung, nämlich in Richtung „Desert Storm“, „Paukenenschlag“ und „Spitfire“ (Australien). Doch eigentlich gehen sie weit darüber hinaus.
Epic Fury, das ist tiefste, pathetischste Gaming-Sprache. „Midnight Hammer“ klingt wie Pornos hießen, als sie noch Titel hatten. Die Absicht ist schon klar, aber sie ist so klar, dass es schon pubertär wirkt. Kurz: Die Namen sind kitschig. Das trifft zwar auch auf „Rolling Thunder“, „Overload“ oder „Eisenhammer“ zu. Nur der Eisenhammer, den gibt es halt wirklich, der Midnight Hammer muss eigens erfunden werden.
Die Operationsnamen von Trump und Co. wollen zu viel. Auch „Operation Löwengebrüll“ ist gräßlich, das, was der untalentierte Schulhofschläger sich ausdenkt. Eigentlich sind diese Namen sogar ziemlich peinlich, um genau zu sein.
Die Assoziation mache ich schon mit, wenngleich wirklich nur mit viel gutem Willen – und der ist hier ziemlich fehl am Platz. Das erwünschte Branding vergeht im Aufgeblasenen und Leeren. Was fehlt, ist die Fähigkeit, sich zu beschränken. – Aber hey: Immerhin passen die Namen zu denen, die sie benutzen.